L. Peiffer u.a.: Jüdische Fußballvereine

Cover
Titel
Jüdische Fußballvereine im nationalsozialistischen Deutschland. Eine Spurensuche


Autor(en)
Peiffer, Lorenz; Wahlig, Henry
Erschienen
Göttingen 2015: Verlag Die Werkstatt
Anzahl Seiten
573 S.
Preis
€ 44,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Markwart Herzog, Schwabenakademie Irsee

Nach der „Machtergreifung“ der NSDAP versuchten die Sportverbände, die Gunst der neuen Machthaber zu gewinnen, um ihre Organisationen vor Zerschlagung zu bewahren. Sie beschlossen „Arierparagrafen“, auf deren Grundlage „Nichtarier“ aus den Mitgliederlisten gestrichen wurden. Teilweise flankierten sie diese Praxis mit der erinnerungspolitischen „damnatio memoriae“, der Tilgung der Namen, Erfolge und Funktionen jüdischer Athleten und Funktionäre aus dem Gedächtnis des Sports. Diese Maßnahmen entfalteten eine so nachhaltige Wirkung, dass noch im Jahr 2000 ein Buch über die „politische Geschichte“ des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) die Bedeutung jüdischer Sportpioniere im Gründungsgeschehen des nationalen Fußballverbandes verschwieg[1], obwohl die internationale Fachliteratur dieses Thema bereits damals aufgegriffen hatte.[2] Nicht zuletzt durch Nils Havemanns Werk über den DFB im „Dritten Reich“ inspiriert, sind in der Zwischenzeit zahlreiche Studien über die Geschichte von Fußballclubs in der NS-Zeit erschienen, die sich jeweils auch intensiv mit Verdiensten und Schicksal jüdischer Sportler befassen.

Ganz anders verhält es sich mit jenen jüdischen Turn- und Sportvereinen, die großenteils ab 1933 gegründet wurden, um den aus den bürgerlichen Vereinen ausgeschlossenen Juden bis 1938 sportliche Betätigung zu ermöglichen. Ein erstes umfassendes Werk über diese Thematik hatte Hajo Bernett bereits 1978 publiziert.[3] Aber Fußball war in den Veröffentlichungen des Nestors der Historiografie des Sports in der NS-Zeit allenfalls eine Marginalie. Deshalb verdient das hier anzuzeigende, von Lorenz Peiffer und Henry Wahlig (bis 2015 Universität Hannover, Lehrstuhl für Sportpädagogik) verfasste Handbuch besondere Beachtung. Es erfasst die jüdischen Fußballclubs, die bis 1938 in den Grenzen des Deutschen Reichs einschließlich Ostpreußen, Pommern und Schlesien aktiv waren. „Eine Spurensuche“, so der Untertitel, die sich zum Ziel setzt, die Fußballaktivitäten jüdischer Turn- und Sportvereine und deren organisatorische Selbstverwaltung „vor dem Vergessen zu bewahren“ (S. 8). Schon der Nachweis eines einzigen Fußballspiels genügte (S. 423, 532), um einem jüdischen Verein einen eigenen Artikel zu widmen. Als Quellenbasis diente vor allem die Sportberichterstattung in zeitgenössischen jüdischen Periodika. Flankierend wurden die spärlich überlieferten Dokumente deutscher und ausländischer Archive herangezogen.

Die Darstellung folgt den traditionellen Formaten der deutschen Fußballfachliteratur: Statistische Angaben über Spielergebnisse, Torschützen, Meisterschaften und Tabellenstände, das Gründungsdatum, die namentlich bekannten Funktionäre und Spieler der jeweiligen Vereine sowie ausführliche Spielberichte sind jeweils eingebettet in Informationen über die Organisationsstrukturen und regional teils sehr unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen des jüdischen Fußballsports, der sich in zwei konkurrierende Bewegungen aufgespalten hatte: den Deutschen Makkabikreis und den Sportbund „Schild“ im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten. Zahlreiche Artikel werden mit Kurzbiografien von Spielern und Funktionären abgeschlossen.

Den beeindruckenden, mit zeitgenössischen Dokumenten und Fotografien bestens illustrierten, fast 540 Seiten füllenden Handbuchartikeln ist – nach einer „Vorbemerkung“ (S. 8–11) – eine 24 Seiten umfassende Einführung vorgeschaltet. Diese enttäuscht jedoch insofern, als sie keine Interpretation der immensen Datenfülle liefert. Dies ist vor allem darin begründet, dass es sich bei dieser Einführung um den überarbeiteten Abdruck eines früher publizierten Buchbeitrags handelt. Darüber hinaus weist sie zahlreiche Fehler auf und bewegt sich nicht auf dem aktuellen Stand der von der Allgemeingeschichte geleisteten sporthistorischen Forschung. Vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass die Autoren das Ziel verfolgten, dem „Umgang mit jüdischen Fußballern in der Erinnerungskultur des bundesdeutschen Sports nach 1945“ (S. 11) besondere Aufmerksamkeit zu schenken, ist schwer verständlich, warum sie die hierfür einschlägige Fachliteratur ebenso ausgeblendet haben wie die nicht deutschsprachige Literatur.[4]

In der lückenhaften Kenntnis des Forschungsstandes gründet beispielsweise die pauschale Behauptung, Eintracht Frankfurt hätte nach der „Machtergreifung“ der NSDAP „zunächst auf die Einführung radikaler judenfeindlicher Bestimmungen“ (S. 20) verzichtet. Damit werden die Verfasser dem Charakter der Eintracht als Mehrspartenverein jedoch nicht gerecht, deren Abteilungen die teils radikalen „Arierparagrafen“ der entsprechenden Sportverbände bereits im Frühjahr 1933 übernahmen. Auch die Feststellung, der DFB habe 1939 in einem Sammelalbum über die deutschen Nationalspieler die jüdischen Internationalen auf ebenso „zynische“ (S. 32) Weise eliminiert wie in einem 1988 erschienenen Reprint, ist falsch. Laut Impressum und Editorial hatte nicht der DFB, sondern eine Fußballfachzeitschrift die Publikation von 1939 veröffentlicht, wobei der Reprint von 1988 von einem Sportbuchverlag herausgegeben wurde. Obendrein hätten die Autoren wissen müssen, dass der DFB im Jahr 1939 praktisch nicht mehr existierte, da er von der Reichssportführung so gut wie abgewickelt worden war.[5] Auch der Versuch, die der „Arierfrage“ geltende Politik des DFB als einen Fall von Rassenantisemitismus darzustellen, überzeugt insofern nicht, als die Verfasser nicht mehr als zwei und überdies „indirekte“ (S. 19) Quellenbelege anzuführen vermögen. In diesem Kontext hätte unbedingt der von Nils Havemann erarbeitete und in der Allgemeingeschichte bisher unbestrittene Befund vergleichend hinzugezogen werden müssen, demzufolge der DFB eine „konkurrenzantisemitische“ Richtung eingeschlagen hatte.[6] Und nicht zuletzt zeichnen die Verfasser vom Austritt des jüdischen Nationalspielers Julius Hirsch ein schiefes Bild (S. 20, 61), indem sie unterschlagen, dass der Karlsruher FV das diesbezügliche Gesuch Hirschs im Sommer 1933 abgelehnt und zumindest bis 1935 keinen „Arierparagrafen“ in die Satzung eingefügt hatte.

Ein gravierender terminologischer Mangel ist insofern zu beklagen, als die Verfasser an zahlreichen Stellen über „interkonfessionelle“ Spiele zwischen jüdischen und „christlichen“ Mannschaften (S. 136, 290, 292f., 556) schreiben und dabei übersehen, dass in diesen Begegnungen zwischen jüdischen Mannschaften und den im DFB organisierten Gegnern ab 1933 nicht Konfessions- oder Glaubens-, sondern Rassenunterschiede virulent waren. Darüber hinaus sind DFB-Vereine auf strikte konfessionelle Neutralität eingeschworen, was eine religiöse Tendenz kategorisch ausschließt.

Ein Gebot wissenschaftlicher Fairness wäre es überdies gewesen, in den Passagen über jüdische Funktionäre des FC Bayern München, des DSC Arminia Bielefeld oder des FC Schalke 04 (S. 120f., 308, 373) nicht – gleichsam in Hannoveraner Selbstbezügen – auf eigene Aufsätze, sondern auf die von Peiffer und Wahlig ausgewerteten Arbeiten anderer Autoren (Dietrich Schulze-Marmeling, Insa Schlumbohm sowie Stefan Goch und Norbert Silberbach) zu verweisen.

Ungeachtet der in der Einleitung sich ballenden Mängel befriedigt das Nachschlagewerk ein dringendes Desiderat der sporthistorischen und heimatkundlichen Forschung über die Geschichte des Fußballspiels im Nationalsozialismus. Gleichwohl leistet es – ebenso wenig wie Wahligs Dissertation[7] – eine überzeugende raum- oder religionssoziologische, kultur- oder politikhistorische Interpretation der Organisation des jüdischen Fußballsports im nationalsozialistischen Deutschland. Dennoch setzt das Handbuch durch die mit immensem Bienenfleiß erarbeitete Datenbasis einen ersten wichtigen Schritt in diese Richtung.

Anmerkungen:
[1] Arthur Heinrich, Der Deutsche Fußballbund. Eine politische Geschichte, Köln 2000.
[2] Heiner Gillmeister, English Editors of German Sporting Journals at the Turn of the Century, in: The Sports Historian. The Journal of the British Society of Sports History, Nr. 13 (May 1993), S. 38–65; ders., The First European Soccer Match. Walter Bensemann, a twenty-six-year-old German student, set the ball rolling …, in: ebd., 17 (November 1997), Nr. 2, S. 1–13; ebd., 18 (May 1998), Nr. 1, S. 152–158.
[3] Hajo Bernett, Der jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland, Schorndorf 1978.
[4] So fehlen etwa auch in Lorenz Peiffer, Sport im Nationalsozialismus: Zum aktuellen Stand der sporthistorischen Forschung. Eine kommentierte Bibliografie, 3., ergänzte und überarbeitete Auflage, Göttingen 2015, zahlreiche Grundlagenwerke zur Sportgeschichte im Nationalsozialismus und zur Memorialkultur des Fußballsports, die auf Englisch oder Französisch veröffentlicht wurden, darunter wichtige Titel etwa von Alfred Wahl, Hans Bonde, Simon Kuper, James Riordan, Pierre Perny oder Paul Dietschy.
[5] Nils Havemann, Fußball unterm Hakenkreuz. Der DFB zwischen Sport, Politik und Kommerz, Frankfurt am Main 2005, S. 206–213.
[6] Ebd., S. 160–165.
[7] Jörn Esch, Rezension zu: Henry Wahlig, Sport im Abseits. Die Geschichte der jüdischen Sportbewegung im nationalsozialistischen Deutschland, Göttingen 2015, in: H-Soz-Kult, 10.06.2015, <http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24266> (24.06.2016).

Redaktion
Veröffentlicht am
15.07.2016
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