D. Bednarz: East German Intellectuals and the Unification of Germany

Cover
Titel
East German Intellectuals and the Unification of Germany. An Ethnographic View


Autor(en)
Bednarz, Dan
Reihe
Palgrave Studies in Social Science History
Erschienen
Anzahl Seiten
XI, 269 S.
Preis
€ 54,99
Rezensiert für den Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie / Kulturanthropologie / Volkskunde" bei H-Soz-Kult von:
Raj Kollmorgen, Fakultät Sozialwissenschaften, Hochschule Zittau/Görlitz

Ein Buch, das sich mit ostdeutschen Intellektuellen im Prozess der deutschen Vereinigung aus „ethnographischer“ Perspektive beschäftigt, scheint aus der Zeit gefallen. Warum sollte und wie kann man sich heute mit diesem Thema in einer sozialwissenschaftlichen Studie befassen? Mehr als ein zeitgeschichtliches Interesse erscheint jedenfalls auf den ersten Blick kaum begründbar, denn wie ein westdeutscher Professor dem Autor der hier zu besprechenden Studie bereits im Spätherbst 1990 mitteilte: „There`s really nothing left to study … They (i.e. the „intelligentsia of the GDR“ – R.K.) are finished“ (S. 2). Demgegenüber beharrt Dan Bednarz, der als Assistant Professor am Bristol Community College (USA) arbeitet, auf der Relevanz des Gegenstandes auch aus sozialwissenschaftlichem Blickwinkel. Der ostdeutsche Fall kann beanspruchen, einen exemplarischen Prozess des „Zusammenbruchs kollektiver Identität in Zeiten schneller sozialer Desintegration und der Anpassung an ein neues System“ (S. 5 – meine Übers.) zu repräsentieren. Für die Intellektuellen in der DDR gilt die Erschütterungsbehauptung sogar doppelt, da nicht nur ihre „nationale Identität“ als DDR-Bürger 1989/90 rasant in Frage gestellt wurde, sondern auch ihre soziale bzw. kulturelle Identität als den sozialistischen „Traum“ mit formende und weltanschaulich tragende Gruppe (S. 4).

Bednarz, der sich im Kontext eines gänzlich anderen Forschungsthemas im Herbst 1990 in (West-)Berlin aufhielt, wurde diese soziale Problemkonstellation und ihre gesellschaftspolitische Brisanz durch zufällig initiierte Treffen mit Mitarbeiter/innen der Akademie der Wissenschaften der DDR im Kontext englischen Sprachunterrichts offenbart. Er entschied, den alten Forschungsgegenstand zunächst fallen zu lassen und die Gelegenheit einer ethnographischen Studie zu den Wahrnehmungen, Beurteilungen und Identitäten ostdeutscher Intellektueller im Vereinigungsumbruch zu ergreifen. Die vorliegende Monographie ist das Produkt dieser spontan in Angriff genommenen, sich dann aber in der Bearbeitung über viele Jahre erstreckenden Studie.

Empirisch umfasst sie zunächst 106 Einzelinterviews vor allem mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (darunter vielen Professor/innen) der Akademie der Wissenschaften der DDR (AdW), einigen Angehörigen der Humboldt-Universität zu Berlin sowie einzelnen anderen Akademikern (z.B. mit einem Journalisten) in der Zeit von Herbst 1990 bis Mitte 1991. Disziplinär umschließen die Interviewten eine breite Palette von Geistes- und Sozial-, aber auch Natur- und Technikwissenschaftlern. Im mit weitem Abstand umfangreichsten ersten Teil des Buches (S. 7-180) werden wesentliche Inhalte von 40 Interviews aus diesem Pool teils zitierend, teils paraphrasierend wiedergegeben und in kleinere Erzählungen zu den raum-zeitlichen und sozialen Kontexten der Treffen und Gespräche eingebettet. Diesen Part verfasste Bednarz Mitte der 1990er-Jahre, nachdem er Deutschland 1991 verlassen hatte.

2014 kehrte er für „Follow-up“-Interviews nach Deutschland zurück. Viele Interviewpartner waren nicht mehr zu erreichen; immerhin 24, d.h. gut ein Viertel, konnte er aber erneut befragen. Dazu kamen vier neue Gesprächspartner. Die Ergebnisse dieser insgesamt 28 Einzelinterviews werden in Part II (S. 181-216) präsentiert, wobei sie diesmal entlang relevanter Fragestellungen (wie Begriffsweise der Vereinigung als „Abwicklung der DDR“, Identitätsprobleme oder Erinnerungen an die DDR) zusammengefasst werden, teils unter Wiedergabe wörtlicher Interviewpassagen (generell zum Design und den Interviews: S. 4/5, 182, 211, 251-260).

Part III widmet sich dann „Theoretischen Perspektiven“ (S. 217-248). Hier werden drei Interpretationsansätze vorgestellt und zum Material in Beziehung gesetzt. Es handelt sich dabei um Albert Hirschmans Modell „Exit, Voice, and Loyalty“, Pierre Bourdieus Feld- und Habitus-Theorie sowie Erving Goffmans Stigma-Ansatz.

Abgerundet wird die Studie durch einen kurzen Epilog (S. 249-250) und zwei Anhänge, wobei der erste „Methodologische Anmerkungen“ enthält (S. 251-260) und der zweite nachweist, was aus den 40 Interviewten des ersten Teil geworden ist, wobei dies für die meisten nicht zu ermitteln war (S. 261-262).

Wie lässt sich der Ertrag der Studie zusammenfassen und bewerten? Einerseits verweigern sich die problemzentrierten, teils narrativ angelegten vierzig Interviews aus der unmittelbaren Umbruch- und Vereinigungszeit einem inhaltlichen Resümee. Auch Bednarz selbst strebt das nicht wirklich an, obgleich es ein kleines „Summary“ gibt (S. 171-173). Das ist eine der Stärken des Buches: die „emische“, d.h. die aus der Perspektive der Subjekte vorgenommene vielgestaltige und detailreiche Beschreibung und Interpretation des (insbesondere professionsorientierten) Vereinigungsgeschehens (S. 254). Andererseits verzichtet Bednarz für die zweite Welle der Interviews (2014) auf eine ähnlich ausführliche Präsentation und bietet uns stattdessen eine gegliederte, fragenorientierte Zusammenfassung an.

Eingedenk dessen könnte für die zweite Welle der Interviews und mit einem Rückblick auf die erste in einer Art heroischen Verdichtung formuliert werden, dass die überwältigende Mehrheit der 1990/91 befragten Intellektuellen von sich behauptete, die Dysfunktionalitäten und Krisenerscheinungen der DDR und das „Scheitern des real-existierenden Sozialismus“ bereits vor einiger Zeit erkannt zu haben. Der „Kapitalismus“ habe sich als das bessere System erwiesen; allerdings basiere es auf „Ausbeutung“ und einer „Zwei-Drittel-Gesellschaft“. Viele wünschten sich noch 1990 einen “dritten Weg“, mussten aber registrieren, dass dieses Ziel von der Bevölkerungsmehrheit nicht geteilt wird. Die Angehörigen der AdW mussten hinsichtlich ihrer eigenen Lebenslage ab Sommer 1990 zur Kenntnis nehmen, dass – einem Vorschlag des Wissenschaftsrates folgend – die Akademie „abgewickelt“ werden würde, wobei positiv evaluierten Wissenschaftler/innen und Forschergruppen eine Überführung in das bundesdeutsche System außeruniversitärer Forschung in Aussicht gestellt wurde. Bereits diese Ankündigung, mehr aber noch die Umsetzung dieser Entscheidung (1990/91) hatte massive Erschütterungen und Verunsicherungen des professionellen Selbstverständnisses zur Folge. Die Forscher/innen aus der DDR nahmen in den Evaluierungen der Akademie-Institute durch westdeutsche Wissenschaftler/innen ein strukturelles Machtgefälle zwischen West und Ost wahr, das vielfach interessengeleitet sowie strategisch eingesetzt wurde und sich nicht nur im Einzelfall als ostentative Missachtung der DDR-Forscher/innen durch ihre westdeutschen Kolleginnen und Kollegen ausdrückte. Die meisten erfuhren sich in dieser dramatischen Zeit als beruflich, damit auch ökonomisch und sozial hochgradig verunsicherte Gruppe, konfrontiert mit „anomischen“ Zuständen und deren psychischen Belastungsfolgen. Die Forscher/innen sahen sich nachgerade in einem beruflichen und biographischen Limbo gefangen (vor allem: S. 171-173). Die von vielen, wenn auch nicht von allen im Umbruch der Jahre 1989/90 gehegten Erwartungen an eine von politischer Gängelei befreite wissenschaftliche Forschung, die nun mit der anstehenden Vereinigung in Kooperation mit westdeutschen Kollegen unter auch materiell verbesserten Bedingungen nicht nur fortgesetzt, sondern erneuert und ausgebaut werden würde, wurden brachial enttäuscht. Diese Enttäuschung wurde von vielen auch noch im Jahr 2014 artikuliert. Nicht nur die Akademie der Wissenschaften wurde insofern „abgewickelt“, sondern – so schätzten es die allermeisten Interviewten ein – die DDR(-Gesellschaft) insgesamt. Auch die Begriffe einer „Übernahme“ oder einer „inneren Kolonialisierung“ erschienen fast allen zutreffend. Die progressiven Errungenschaften und sozialen Identitäten in der DDR wurden im öffentlichen Raum der Bundesrepublik erschüttert, abgewertet und verdrängt. Dennoch blieb für fast alle Befragten die Orientierung an den zu DDR-Zeiten gewachsenen Werten, Normen und Einstellungen wichtig (zuweilen in „ostalgischer“ Form) – bei gleichzeitiger Akzeptanz der neuen sozialen Ordnung und ihrer Normen.

(Berufs-)Biographisch zeigte sich 2014, dass es nur etwa einem Drittel, vor allem jüngeren Forscherinnen und Forschern gelungen war, sich im akademischen Betrieb zu halten oder sogar Karriere zu machen (siehe S. 187). Der weitaus größte Teil ging bereits 1991 und in den Folgejahren in den Ruhe- bzw. Vorruhestand; eine größere Gruppe wechselte entweder in die kommerzielle Forschung oder verließ den Sektor in Gänze (ibid., vor allem S. 181-211).

Zweifelsohne hat Dan Bednarz mit diesen hier nur sehr grob und selektiv resümierten Befunden einen relevanten Beitrag zur Geschichte der deutschen Vereinigung aus der Perspektive handelnder Subjekte, speziell: inferiorer Intellektueller der DDR aus dem Wissenschaftssektor, geleistet. Darin sind ihm eindrückliche (Selbst-)Beschreibungen von gesellschaftlichen Umbruch-, identitären Verunsicherungs- sowie institutionalisierten Ent- und Bemächtigungsprozessen gelungen, die über den Einzelfall hinaus analytischen Wert für das Verständnis disruptiver sozialer Wandlungsprozesse in modernen Gesellschaften besitzen. Das unterstreichen auch die theoretisch-konzeptuellen Schlussüberlegungen mit Referenzen auf A.O. Hirschman, P. Bourdieu sowie E. Goffman.

Zugleich offenbaren sich entlang dieser Beiträge und Relevanzen auch erhebliche Schwächen der Studie. Zunächst (1) ist für den/die deutsche/n Leser/in darauf hinzuweisen, dass es sich trotz des Untertitels („An Ethnographic View“) nicht um eine im sozialwissenschaftlichen Sinne Ethnographie handelt. Wie beschrieben, führte der Autor in zwei Wellen problemzentrierte Interviews durch, die bestenfalls durch punktuelle ethnographische Eindrücke ergänzt wurden. Echte Feldforschung und damit längerfristige teilnehmende Beobachtungen in den alltäglichen Handlungsfeldern der untersuchten Subjekte fand demgegenüber nicht statt. Wir haben es mit einer einzelinterview-basierten Studie qualitativer Sozialforschung zu tun. Allerdings handelt es sich nicht um eine Anmaßung des Autors. Vielmehr spiegelt sich darin eine fachsprachliche Differenz zwischen dem europäischen und anglo-amerikanischen Wissenschaftsraum. In Letzterem wird – in einem weiten Verständnis – unter ethnographischer Forschung nämlich jede Art „emischer“ qualitativer Sozialforschung begriffen. Auf gegenständlicher Ebene ist freilich zu kritisieren, dass der Haupttitel eine Befassung mit ostdeutschen Intellektuellen verspricht, der Text sich aber – wie ausgeführt – bis auf wenige Einzelfälle auf Wissenschaftler/innen der AdW und Humboldt-Universität zu Berlin beschränkt. Da es sich hier offenkundig nur um einen (sehr) kleinen Ausschnitt aus dem Feld der Intellektuellen – etwa im Sinne von György Konrád und Iván Szelényi[2] – und selbst aus dem der Wissenschaft handelt, die große Mehrheit zudem im Jahr 1990 zwischen 45 und 65 alt war und die untersuchte Gruppe politisch sowie kulturell relativ homogen ist (radikale Oppositionelle waren schlicht nicht vertreten), hätte dem Buch mindestens im Untertitel eine eingrenzende Klarstellung gutgetan.

(2) Nur bedingt nachvollziehbar – nämlich mit Verweis auf den erheblich größeren Aufwand – ist der Bruch zwischen der Aufarbeitung und Darstellung der Interviews in den Jahren 1990/91 und denen, die 2014 geführt wurden. Die zweite Welle der Interviews wird erheblich und hoch selektiv zusammengefasst, so dass die an sich gegebenen Potenziale einer Langzeitbeobachtung nicht realisiert werden konnten. Das bleibt schade. Tatsächlich wäre gerade ein systematischer Vergleich der (Selbst-)Wahrnehmungen, (Selbst-)Beurteilungen und Bewertungen des Prozesses und der Resultate der deutschen Einheit anhand der 24 Personen, die zweimal befragt werden konnten, eine echte Bereicherung der Vereinigungsforschung gewesen.

(3) Auch wenn die ausführlichen deskriptiven Materialpräsentationen des Buches durch theoretisch-konzeptuelle Überlegungen in Part III ergänzt werden, bleibt dieser Abschnitt – im Verhältnis zu den anderen Teilen – nicht nur knapp bemessen und eher einführend. Das entscheidende Manko ist die Abtrennung von den empirischen Fällen. Nur punktuell wird unter Nutzung des Materials eine Interpretation und Wertung vorgenommen, die aber durchgehend übergreifenden Charakter besitzt. Weder werden Einzelfälle analytisch (teil-)rekonstruiert noch werden Typisierungen (von Verläufen, Orientierungen, Handlungsstrategien usw.) vorgenommen. Auch diesbezüglich werden mithin Erkenntnispotenziale verschenkt.

(4) Schließlich ist ein Defizit in der Kenntnisnahme und Verarbeitung der vorliegenden deutschen wie internationalen Forschung zum Thema zu konstatieren. Sowohl zum Schicksal ostdeutscher Wissenschaftler/innen nach 1990, zu Intellektuellen in verschiedenen sozialen Feldern oder den fragilen Zugehörigkeits- und Identifikationsprozessen in den neuen Ländern gibt es mittlerweile eine breite Forschungsliteratur – im Übrigen auch im konzeptuellen Kontext der von Bednarz thematisierten theoretischen Ansätze.[3]

Ärgerlich sind die vielen deutschen Orthographie- und Grammatikfehler im Band; ein deutschsprachiges Lektorat hat es offenbar nicht gegeben.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Studie von Dan Bednarz namentlich für die englischsprachige und weiter: mit dem deutschen Fall gar nicht oder nur wenig vertraute Leserschaft sicher einen guten, zugleich ungewöhnlichen und in weiten Teilen spannenden Einblick in die dramatischen Ab- und Umbrüche der Arbeits-und Lebenswelten etablierter DDR-Wissenschaftler/innen zwischen 1990 und 2014 bietet. In rekonstruktiv-analytischer Hinsicht überzeugt die Arbeit aber nur bedingt, weil es ihr an sozialgeschichtlicher Kontextualisierung, interpretativer Durchdringungstiefe und theoretisch-konzeptueller Rückbindung mangelt.

In der Arbeit wird aber erkennbar, dass die Zeugnisse der Interviewten den bis heute hegemonialen Bildern und Diskursen zur Vereinigung der beiden deutschen Wissenschaftslandschaften und Wissenschaftlergemeinschaften widersprechen. Die konfliktreiche Komplexität dieser Vergangenheit bedarf – wie die Studie nachdrücklich demonstriert - weiterer Aufklärung.

Anmerkungen:
[1] Eine erste und nur wenig veränderte Fassung dieser Rezension erschien in der Zeitschrift Berliner Debatte Initial, 28. Jg., Heft 3, S. 149-152. Wir danken der Redaktion für die Erlaubnis des Wiederveröffentlichung.
[2] György Konrád / Iván Szelényi, Die Intelligenz auf dem Weg zur Klassenmacht, Frankfurt am Main 1978.
[3] Exemplarisch sei auf folgende Studien mit direktem Bezug zum Thema Intellektuelle und/oder Wissenschaft verwiesen: Renate Mayntz, Aufbruch und Reform von oben. Ostdeutsche Universitäten im Transformationsprozeß, Frankfurt am Main 1994; Renate Mayntz (unter Mitarbeit von Hans-Georg Wolf), Deutsche Forschung im Einigungsprozeß. Die Transformation der Akademie der Wissenschaften der DDR 1989 bis 1992, Frankfurt am Main 1994; Wolfgang Bialas, Vom unfreien Schweben zum freien Fall. Ostdeutsche Intellektuelle im gesellschaftlichen Umbruch, Frankfurt am Main 1996; Peer Pasternack, Demokratische Erneuerung. Eine universitätsgeschichtliche Untersuchung des ostdeutschen Hochschulumbaus 1989 - 1995. Mit zwei Fallstudien: Universität Leipzig und Humboldt-Universität zu Berlin, Weinheim 1999; Stefan Bollinger/ Ulrich van der Heyden (Hrsg.), Deutsche Einheit und Elitenwechsel in Ostdeutschland, Berlin 2002; Erika M. Hoerning, Akademiker und Professionen - Die DDR-Intelligenz nach der Wende, Berlin 2007.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.12.2017
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Diese Rezension entstand in Kooperation mit dem Rezensionsdienst "Europäische Ethnologie/Kulturanthropologie/Volkskunde" (Redaktionelle Betreuung: Prof. Dr. Beate Binder) http://www.euroethno.hu-berlin.de/forschung/publikationen/rezensionen/