W. Hiemesch: Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück

Cover
Titel
Kinder im Konzentrationslager Ravensbrück. (Über-)Lebenserinnerungen


Autor(en)
Hiemesch, Wiebke
Reihe
Beiträge zur Historischen Bildungsforschung (50)
Erschienen
Köln u.a. 2017: Böhlau Verlag
Anzahl Seiten
454 S.
Preis
€ 60,00
Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Saskia Müller, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Forschungsstelle NS-Pädagogik

Kinder sind eine wenig erforschte Gruppe von NS-Verfolgten. Sie wurden in den Konzentrations- und Vernichtungslagern meist direkt ermordet. In der Erziehungswissenschaft fanden verfolgte Kinder entlang der gradlinig erzählten Geschichte von Kindheit nur unzureichende Erwähnung; ihre Kindheit galt als Bruch oder Ende des Konzepts „Kindheit“.[1] Wiebke Hiemesch erweitert mit ihrer Studie das Wissen über das KZ Ravensbrück um die spezifischen Erfahrungen der Kinder und Jugendlichen in diesem Lager. Sie zeigt, dass Verfolgung, Gewalt, Deportation und Ermordung Teil der Geschichte moderner Kindheit sind.

Hiemesch macht es sich zur Aufgabe, den Genozid in die Geschichte der Kinder im 20. Jahrhundert einzubetten. Die NS-Verbrechen fanden inmitten der Moderne statt. Mit Bezug auf Adornos und Horkheimers dialektische Verbindung von der Etablierung aufklärerischer Ideale und deren Zerstörung ist nach Hiemesch auch Kindheit nicht mehr einfach als bürgerlich-modernes Ideal einer zu schützenden Lebensphase zu betrachten: „Die Bedingungen, die zur Herausbildung eines Schon- und Schutzraumes für Kinder führten, sind dialektisch mit jenen verbunden, die einen industriell und bürokratisch durchgeführten Genozid unbekannten Ausmaßes erst ermöglichten.“ (S. 408) Damit stellt sie gleichzeitig die etablierten Theorien der Erziehungswissenschaft von Erziehung, Bildung und Sozialisation in Frage. Gegen den normativen Begriff der bürgerlich-modernen Kindheit setzt Hiemesch „Kindheit“ als deskriptiv-analytische Kategorie, die an der erinnerten Realität ansetzt. Da Kindheit also nicht außerhalb von Macht- und Gewaltverhältnissen stattfindet, untersucht die Autorin die Lebenswirklichkeiten von Menschen dieses bestimmten Alters. Die Vorstellung von moderner Kindheit und Familie ist dabei auch Teil der Lebenswirklichkeit der Überlebenden, indem sie als Vergleichsfolie für die unmenschlichen Zustände des Lagers dient.

Hiemesch ordnet in Kapitel 2 diese spezifische Gruppe der Kinder und Jugendlichen in den KZs in die gedächtnis- und erinnerungstheoretischen Diskurse über die Bedeutung von Zeitzeugenschaft ein. Die öffentliche Anerkennung der child survivors als Gruppe von Überlebenden in den 1980er- und 1990er-Jahren bewirkte, dass sie die kindliche Bewältigungsstrategie des überlebenssichernden Schweigens und Versteckens durchbrachen. Die Mitverantwortung der Zuhörenden für das Entstehen eines Zeugnisses benennt Hiemesch anhand von Konzepten der sekundären Zeugenschaft und der moralischen Gemeinschaft. Mit Bezug auf Saul Friedländers „integrierte Geschichte“[2] wird trotz der Quellenschwierigkeiten eine dezentrierte „Geschichte der Kinder“ entwickelt, die der Logik von Auslöschung und Entindividualisierung entgegenwirkt und zugleich durch eine plurale Geschichtsschreibung die Lücke in der kindheitshistorischen Systematisierung füllen will. Dabei beschreibt Hiemesch es zu Recht als explizite Aufgabe von Wissenschaft, Erinnerungen benachteiligter Gruppen aufzunehmen sowie deren Entstehung zu reflektieren.

Das KZ Ravensbrück war hauptsächlich ein Lager für Frauen mit der vorrangigen Funktion, die Inhaftierten zur Arbeit zu zwingen, wurde aber ab 1944 zu einer systematischen Tötungsstätte mit einer Gaskammer umfunktioniert. Hier waren verhältnismäßig viele Kinder interniert, von denen die meisten in Folge der unmenschlichen Bedingungen (Verhungern, Verwahrlosung, Krankheit unter anderem) sowie durch systematische Mordaktionen starben. Für die Studie werden fünf Interviews mit ehemaligen Kindern und Jugendlichen, die – antisemitisch oder politisch verfolgt – ins KZ Ravensbrück deportiert wurden, ausgewertet. Eines ist selbst erhoben, vier weitere videographierte Interviews stammen aus der Gedenkstätte. In einem weiteren Schritt werden Zeichnungen als Selbstdokumentation von Kindern hinzugezogen und um weitere Quellen ergänzt. Die Auswertung erfolgt auf zwei Ebenen. Um der Inkommensurabilität der Überlebenserinnerungen gerecht zu werden, werden die fünf Interviews ausführlich ausgewertet und schließlich mit weiteren Quellen ergänzt und anhand der von Hiemesch in Kapitel 3 entwickelten Analysekategorien Kind, Kindheit und Kindsein interpretiert.

Kinder, so arbeitet Hiemesch in Kapitel 6 und 7 heraus, waren in besonderem Ausmaß bedroht. Entscheidend war nicht die Kategorie Kind oder erwachsen, sondern arbeitsfähig oder nicht arbeitsfähig. Im Sinne der Vernichtungsideologie hatten die meisten Kinder als nicht auszubeutende Arbeitskraft keinen Wert. Als physisch Schwächste konnten sie auch innerhalb der eigenen Gefangenengruppe gefährdet sein, in die das Machtprinzip der SS sich aufgrund des Nahrungsmangels eingeschrieben hatte. Die Familien wurden durch die Selektion systematisch auseinander gerissen. Die älteren Jungen wurden von ihren Müttern getrennt und als Zwangsarbeiter im Männerlager untergebracht. Die fast vollständige Unmöglichkeit der Eltern ihre Kinder zu schützen und das Wegfallen der bisherigen Sorgestruktur zerstörten die Grenzen zwischen Erwachsenen und Kindern und zwangen die Kinder, Verantwortung für sich und ihre Eltern zu übernehmen.

Deutlich geht aus den analysierten Erinnerungen hervor, wie die allgegenwärtige Gewalt das gesamte Erleben der Kinder prägte und jegliche bekannte Lebenswelt durch die entwürdigenden und existenziell bedrohlichen Lebensumstände zerstört wurde. Der Genozid konstituierte die Realität dieser Kinder im 20. Jahrhundert: „Der Tagesablauf war dominiert von Hunger, Krankheit, Gewalt und Tod und strukturiert durch kleinste Mahlzeiten, stundenlange Appelle und zermürbende Zwangsarbeitskommandos für die Arbeitenden sowie Warten auf die Rückkehr der Mütter für die nicht arbeitenden Kinder. Gleichzeitig wurde er willkürlich durch Gewaltübergriffe gebrochen, sodass kein Tag dem anderen glich. ‚Alltag‘ [...] hieß, den Moment zu überleben, sich vor der SS zu verstecken, den Überfällen zu entgehen und nicht aufzufallen.“ (S. 253f.) Insbesondere die kleinen Kinder kannten keine andere Welt als das Lager. Hiemesch zitiert dazu aus den Erinnerungen der Widerstandskämpferin Charlotte Müller, die das KZ Ravensbrück überlebte: „Nach ihrer Vorstellung mußte es überall so zugehen wie im Lager […]. In ihren Köpfen existierten nur zwei Sorten Menschen – prügelnde SS und Häftlinge.“ (S. 381)

Um die gewaltvolle Umgebung kognitiv begreifen zu können, wurde das Lager von den Kindern in spielerische Aktivitäten aufgenommen. Die Zeichnungen, denen sich Hiemesch in Kapitel 7.3.3 nähert, ermöglichen der Autorin als einzige zeitnahe Quellen einen weiteren Zugang. Sie dokumentieren die Personen in der Gefangenschaft und die erlebte Gewalt, aber zeigen auch Motive aus der individuellen Vergangenheit der Kinder. Hier wurde beispielsweise der Zwang zur Bewegungslosigkeit, der Verlust von Zeit und Individualität in Motiven von Bewegung und Zeitlichkeit ausgedrückt. Diese Bewältigungsstrategie der Kinder, die nicht zu begreifenden unmenschlichen Lebensbedingungen im Lager zu verarbeiten, analysiert Hiemesch „als Anstrengungen der Kinder zu verstehen, zwischen sich und ihrer Umwelt einen für sie irgendwie ‚sinnerzeugenden‘ Bezug herzustellen. Sie sind nicht eine der Lagerrealität enthobene Tätigkeit, sondern müssen vielmehr als Ausdruck eines Systems von Entrechtung und Gewalt begriffen werden, in das die Kinder unvermittelt und in menschenverachtender Weise gezwungen wurden.“ (S. 407)

Dieser allgegenwärtigen Gewalt und der permanenten bedrohlichen Atmosphäre wurden punktuell Schutzmomente entgegengesetzt, wie Hiemesch herausstellt. Freundschaften, Kindergruppen sowie Gemeinschaften von Müttern dienten als solidarisches und überlebenssicherndes Netzwerk. Unter dem minimalen emotionalen und körperlichen Schutz durch vor allem erwachsene Häftlinge konnten Kinder Ressourcen erkämpfen. So sollte mit illegalem Schulunterricht Persönlichkeitsbildung ermöglicht und gleichzeitig daran festgehalten werden, dass es ein Leben nach dem Lager gibt. Die in den Überlebenserinnerungen geschilderte Handlungsfähigkeit deutet Hiemesch gleichzeitig als Bewältigungsstrategie gegenüber der erlittenen Gewalt.

Wiebke Hiemesch widmet sich mit dieser herausragenden Studie einem vernachlässigten Thema der Erziehungswissenschaft. Auch aufgrund eigener Verstrickung der Disziplin in die Verbrechen an diesen Kindern wurde die Auseinandersetzung versäumt.[3] Die verfolgten Kinder weiterhin aus der Geschichte der Kinder auszuschließen, würde ihre Auslöschung fortsetzen, wie sich im Anschluss an die Lektüre feststellen lässt. Es ist das besondere Verdienst Hiemeschs, zu zeigen, wer die Kinder im KZ Ravensbrück waren, die an ihnen verübten Verbrechen zu dokumentieren und ihre Kindheiten in die Geschichte der Kinder im 20. Jahrhundert zu integrieren. Das Buch ist insofern auch als Anstoß zu verstehen, weitere Forschung zu Kindheiten in Konzentrations- und Vernichtungslagern sowie Ghettos zu betreiben. Insbesondere hervorzuheben ist der Ansatz der Autorin, von der unmenschlichen Lebenswirklichkeit dieser Kinder auszugehen und damit das normative Bild von bürgerlich-moderner Kindheit in Frage zu stellen. Ihr selbstreflexives Vorgehen im Dilemma zwischen wissenschaftlicher Beschreibung einerseits und der Grenzen der Sprache und des Verstehens angesichts der singulären Verbrechen andererseits zeichnet die Studie besonders aus.

Anmerkungen:
[1] Als Ausnahmen unter den erziehungswissenschaftlichen Studien nennt Hiemesch die Arbeiten von Dörte Weyell, Kindheitserinnerungen jüdischer Deportierter. Strukturen der Erlebnisverarbeitung in qualitativer Analyse, Berlin 2011; sowie Krysztof Ruchniewicz / Jürgen Zinnecker (Hrsg.), Zwischen Zwangsarbeit, Holocaust und Vertreibung. Polnische, jüdische und deutsche Kindheiten im besetzten Polen, Weinheim 2007.
[2] Saul Friedländer / Orna Kenan, Das Dritte Reich und die Juden. 1933–1945. Gekürzte Fassung, Bonn 2010.
[3] Siehe zu diesem Aspekt etwa Wolfgang Keim, Die Eliminierung ‚rassisch‘ unerwünschter Kinder im ‚Jahrhundert des Kindes‘ – Rückfragen an die deutsche Pädagogik, in: Jahrbuch für Pädagogik. Das Jahrhundert des Kindes?, Frankfurt am Main 1999, S. 55-82.

Redaktion
Veröffentlicht am
23.09.2019
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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). http://www.fachportal-paedagogik.de/hbo/