B. Klosterberg u.a. (Hrsg.): Die Hungarica Sammlung

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Titel
Die Hungarica Sammlung der Franckeschen Stiftungen zu Halle. Teile 2A–B. Handschriften


Herausgeber
Klosterberg, Brigitte; Monok, István
Reihe
Adattár XVI–XVIII. századi szellemi mozgalmaink történetéhez = Materialien zur Geschichte der Geistesströmungen des 16.–18. Jahrhunderts in Ungarn. 39/1–2
Anzahl Seiten
1158 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Juliane Brandt, München

Die beiden vorliegenden, gewichtigen Bände bilden den dritten Teil der Forschungsreihe „Die Hungarica-Sammlung der Franckeschen Stiftungen zu Halle“. Wie schon die beiden vorigen Bände zu „Porträts“ (Bearbeiter Attila Verók und György Rózsa, 2003) und „Historische Karten und Ansichten (Bearbeiter László Pászti und Attila Verók, 2009) erschien auch dieser wieder in einer anderen Reihe – was nicht zuletzt der Art der erfassten Materialien geschuldet ist. Die Quellensammlung des nun herausgegebenen Katalogs stammt aus vier ursprünglich selbständigen Archivbeständen – dem Hauptarchiv, dem Missionsarchiv, dem Schularchiv sowie dem Wirtschafts- und Verwaltungsarchiv –, die nach 1946 in das zentrale Archiv der Franckeschen Stiftungen eingegangen waren, sowie als fünftem Teil aus dem sogenannten Francke-Nachlass in der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin. Aus diesen wurden alle Handschriften erfasst, die als Sprach-, Orts-, Personen- oder Possessoren-Hungarica eingeordnet werden können, die also über Sprache, Ort der Abfassung, Verfasser oder erwähnte Personen oder aber durch Einträge einzelner Besitzer einen Ungarn-Bezug aufweisen. Die große Mehrzahl der so gefundenen anderthalbtausend Texte ist dabei deutschsprachig, daneben sind wenige hundert auf Latein und elf auf Französisch verfasst, sonstige Sprachen sind noch seltener. Zeitlich stammen die meisten Texte aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, doch gibt es auch mehr als 100 ältere Funde. Der Rückgang um die Jahrhundertmitte ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass die Hallenser Pietisten nach der Ausweisung der Salzburger Lutheraner 1731/32 ihre Strategie änderten und auf größere Projekte im Habsburgischen Gebiet zugunsten einer Unterstützung und auch geistlichen Betreuung der Verfolgten außerhalb der Habsburgischen Länder verzichteten.

Die Einleitung (I–XXIV) gibt auch einen Überblick über den technischen Verlauf dieser außerordentlich aufwendigen, über mehrere Projekte fortschreitenden Erschließung der ungarnbezüglichen Manuskripte – mehrheitlich Briefe, daneben Verzeichnisse, Berichte, Rechnungen und Memoranden. Ihre inhaltliche Auswertung lässt vier große thematische Schwerpunkte erkennen, zu denen die Texte neue Forschungsmöglichkeiten versprechen: Zum einen sind dies Dokumente aus der Tätigkeit des Johannes Permeier Austriacus sowie dem Wirken seiner englischen, deutschen und niederländischen Gesinnungsgenossen. Zwei Kodizes aus seinem Archiv sind über die Niederlande nach Halle gelangt. Sie betreffen unter anderem die Korrespondenz Permeiers mit Melchior Behringer um die Erstellung einer Übersetzung Arndts ins Tschechische und Ungarische und widerspiegeln „den theologischen Nonkonformismus des 17. Jahrhunderts und die Arndtsche Wende in der Frömmigkeitsliteratur wider, ohne welche die spätere pietistische Bewegung nicht zu verstehen ist“ (XV). Einen weiteren großen Block bilden Empfehlungsschreiben und Bittbriefe von Schülern und Studenten an den Schulen der Franckeschen Stiftungen und der Hallenser Universität. Sie sind als Dokumente der spezifischen pietistischen lutherischen Frömmigkeit der Zeit, ihrer geistigen Strömungen wie auch der personellen Kontakte der Betreffenden von Interesse und erhellen Entwicklungen im Karpatenraum vor allem im 18. Jahrhundert. Ein weiteres, hiervon nicht streng zu trennendes Themenfeld bildet das Informationssystem der Hallenser Pietisten. Die bekanntlich wenig hierarchisch aufgebaute Ideengemeinschaft funktionierte als breites Netzwerk, allerdings ist bislang wenig darüber bekannt, wie allgemein einzelne Informationen geteilt wurden, wieweit es innerhalb des Netzes weitere Zentren gab, wie spontan oder geplant es entstand, und vieles andere mehr. Diesbezüglich skizziert die Einleitung eine Reihe möglicher Forschungsansätze. Ein viertes zentrales Thema ist Wien, wo „die Fäden von Beziehungssystemen zwischen verschiedenen Schichten und Orientierungen […] zusammenliefen: zwischen der Reichspolitik, der höfischen Religionspolitik der Habsburger sowie den Anhängern der verschiedenen religiösen Bewegungen, kulturellen Strömungen und ethnischen Gruppierungen des Vielvölkerreiches“ und wo sie aufeinander wirkten (XVII). Die Kapellen der schwedischen und dänischen Gesandtschaft in Wien, die für die hallischen Pietisten hier Brücken nach Osteuropa bildeten, haben in den Wiener Archiven praktisch keine Spuren hinterlassen – sehr wohl dagegen im heutigen Archiv der Franckeschen Stiftungen und im Berliner Francke-Nachlass, wo die Briefwechsel der Gesandtschaftsprediger in großer Zahl vorliegen.

Der Katalog der Schriften, der Teilband A füllt, ist chronologisch aufgebaut. Neben den formellen Grunddaten (Signatur, Verfasserschaft, Datierung, Gattung usw.) gibt er zu jedem Fund eine kurze Inhaltsangabe (keine Regesten), dies auch, wenn eine solche in der Online-Datenbank des hallischen Archivs nicht vorliegt. Zwei Listen führen im Text erwähnte, identifizierbaren Personen- und Ortsnamen auf, erstere strukturiert durch Einordnung als Verfasser, Adressat, Betroffene, sonstige Personen, Urheber, Kopist, Unterzeichner, Mediator/Übersender, Possessor/Vorbesitzer. Es folgen Hinweise auf die relevante Fachliteratur, in der die Handschrift bereits zitiert ist, sowie gegebenenfalls auf Abdrucke. Hierzu wurden auch Zeitschriftenbeiträge und Internetpublikationen außerhalb der großen Reihen zum Pietismus gesichtet. Dabei konnte für „ungefähr die Hälfte der beschriebenen Titel eine in verschiedenen Organen bereits erschienene Edition nachgewiesen werden“ (XXI). Allein dies ist eine Kärrnerarbeit, die kaum genug gewürdigt werden kann und die eine unschätzbare Bereicherung sowohl für die Pietismusforschung wie auch für die Erschließung transnationaler Netzwerke unter Einbeziehung des Königreichs Ungarn und des Karpatenbeckens bieten wird.

Ein weiteres Faszinosum, das den Band und insbesondere Teil B auch für die Forschung außerhalb des Themenbereichs von Pietismus und Religionsgeschichte wertvoll macht, sind die Biogramme. Ergänzt um Literaturverzeichnis, Bestandsübersicht und weitere Recherchequellen, umfassende Orts- und Personenregister sowie ein Sprachenregister füllen sie knapp 300 Seiten von Teilband B. Damit bieten die Bearbeiter hier ein biografisches Lexikon mit wesentlichen Grundinformationen (zwei bis drei Stichwortartikel pro Seite) und zudem mit meist zahlreichen Verweisen auf andere Erwähnungen und auf alte wie neueste biografische Lexika zu Personen, die mit dem Franckeschen Netzwerk in Verbindung standen. Und was faktisch ein weiterer Vorzug für die ungarnbezügliche Forschung außerhalb Ungarns ist – sie bieten das in deutscher Sprache. Diesbezüglich ist die bereits erfolgte Onlinestellung zwei Jahre nach Erscheinen der Bände (siehe oben) nur zu begrüßen. Die anschließenden Register ermöglichen auch die Erschließung von Querverbindungen. Sie enthalten neben der Standardform des Namens auch belegte andere Schreibungen – zum Beispiel für den in Siebenbürgen und in Ungarn tätigen Ludwig Carres auch Theophil Christian Karrasz / Chares / Karesz oder für den in der deutschsprachigen Forschung erst spät entdeckten und bibliografisch ebenfalls nur ungarisch belegten Johannes Sartoris Szabó / János Szabó – und sind dergestalt zuverlässig nutzbar. Die Biogramme enthalten damit Informationen über die sonst gewöhnlich zu Rate gezogenen älteren deutschen Fachnachschlagewerke, z.B. das Album Academiae Wittenbergiensis, das Allgemeine Gelehrtenlexikon usw., und auch über den Stand des Szinnyeischen Literaturlexikons hinaus – und da sie die Hintergrundinformationen zu einer Handschriftenerschließung liefern, erfassen sie auch manche Personen, die nie etwas in Druck gaben und so nach der Logik mancher anderen Lexika nicht identifizierbar sind. Als wichtige neuere Informationsquelle erweist sich übrigens MAMÜL, das Magyar Művelődéstörténeti Lexikon (Ungarisches Kulturgeschichtliches Lexikon) von 2003–12, das ebenfalls bereits über die Ungarische Nationalbibliothek elektronisch zugänglich ist und das bei einer Nutzung der Biogramme trotz seiner Sprachlichkeit gegebenenfalls eine weitere Datenerschließung angezeigt sein lassen darf.

Insgesamt ist das vorliegende Werk also ein außerordentlich gehaltvolles. Der Überblick über die ungarnbezüglichen Handschriften der Franckeschen Stiftungen zu Halle bietet auch wesentliche inhaltliche Informationen, präsentiert mögliche Abdrucke und wissenschaftliche Bezugnahmen auf die Einzelstücke, personelle Verknüpfungen und lokale Bezüge. Das Buch wird durch ein deutschsprachiges biografisches Lexikon mit Literaturverweisen auf aktuellem Stand und umfassende Orts- und Personenregister ergänzt.

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Veröffentlicht am
20.08.2018
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