C. Bruns u.a. (Hrsg.): Wissen – Transfer – Differenz

Cover
Titel
Wissen – Transfer – Differenz. Transnationale und interdiskursive Verflechtungen von Rassismus ab 1700


Herausgeber
Bruns, Claudia; Hampf, Michaela
Erschienen
Göttingen 2018: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
336 S.
Preis
€ 34,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Sina Arnold, Zentrum für Antisemitismusforschung, Technische Universität Berlin

Die zeitgenössische und historische Rassismusforschung ist weiterhin häufig von einem „methodologischen Nationalismus“[1] geprägt, einer nationalstaatlichen Begrenzung bei der Betrachtung von Vorurteilsformationen und Differenzkategorien. Das ist bedauerlich, bräuchte es doch gerade in Zeiten transnationalisierter, postmigrantischer Gesellschaften einen analytischen Blick, der die historische Genese rassistischer Ideologien vergleichend betrachtet. Vor diesem Hintergrund ist der vorliegende Sammelband begrüßenswert, denn er beleuchtet transnationale Verhältnisse, unter denen sich Rassismen seit 1700 entwickelt haben. Das Buch setzt also in einem Zeitraum an, in dem der „Rasse“-Begriff bereits zur Erklärung menschlicher Unterschiede herangezogen wurde. Regionale Schwerpunkte sind dabei Deutschland und die amerikanischen Kontinente, aber auch andere Länder und Regionen werden einbezogen.

Die Herausgeberinnen Claudia Bruns und Michaela Hampf ordnen das Buch in die vom Perspektivwechsel der Postcolonial Studies informierte Globalgeschichte ein, welche seit den 1990er-Jahren zunehmend globalisierte Prozesse und das Wechselverhältnis europäischer und außereuropäischer Regionen untersucht. Indem der Band „nationalstaatliche Verengungen zu überwinden sucht“ (S. 9), soll er dabei auch zu einer „veränderten Geschichtsschreibung des Rassismus anregen“ (S. 10). Entsprechend führen die Herausgeberinnen in ihrer lesenswerten Einleitung in zentrale Konzepte einer solchen Geschichtsschreibung ein – etwa Vergleich, Kulturtransfer oder das Transnationale. Sie skizzieren überdies die historische Genese der Begriffe „Rasse“ und „Rassismus“ und geben einen Überblick zu Verbindungslinien und Interferenzen zwischen „Rasse“ und Geschlecht, gefasst unter dem Begriff der Intersektionalitäten.

Im Sammelband werden in der Folge drei Dimensionen von Verflechtungs- und Transferprozessen betrachtet: erstens eine räumlich-geografische, die sich auf einen Kontextwechsel von Aussagen oder Dingen bezieht; zweitens eine interdiskursive, die Analogien, Übersetzungen und Überschneidungen zwischen unterschiedlichen Rassismen bzw. „Rasse“-Diskursen aufzeigt; und drittens eine intersektionale, die Rassismus verwoben mit anderen Differenzkategorien, insbesondere Geschlecht, analysiert. Nicht jedes Fallbeispiel behandelt alle Aspekte, soll aber dazu anregen, „die drei bisher weitgehend getrennt verhandelten Dimensionen der Transferforschung systematischer als bisher zu berücksichtigen“ (S. 58). Dazu greifen die Autorinnen und Autoren auf ganz unterschiedliche Quellen zurück, darunter Karikaturen, Druckgrafiken und Gemälde, Kolonialromane, Reiseliteratur oder Medienberichte. Auch den Bezug zur unmittelbaren Gegenwart stellen einige Beiträge direkt oder indirekt her.

Die drei Abschnitte des Buches befassen sich in jeweils drei bis fünf Aufsätzen mit unterschiedlichen Schwerpunkten historischer Transfers. In der ersten Sektion werden Kolonialrassismen im „circu-atlantischen“ Raum diskutiert, etwa die wechselseitigen (Bild-)Beziehungen zwischen den USA und Südamerika (Stefan Rinke) oder der Topos der dying race, das heißt des „Aussterbens“ indigener und weißer Bevölkerungen in so unterschiedlichen Ländern wie Australien, den USA und Deutschland (Norbert Finzsch). In dem Beitrag von Gabriele Dietze wird der intersektionale Anspruch des Bandes eingelöst: Sie betrachtet das Zusammenspiel von Rassismus und Sexismus in den Präsidentschaftswahlkämpfen von Barack Obama und Hillary Clinton.

Die zweite Sektion beleuchtet die Ursprünge europäischer Konstruktionen von Sklaverei und Schwarzsein in den kolonialrassistischen Diskursen aus den Kolonien sowie den USA. Marie Biloa Onana analysiert etwa Sichtweisen auf die haitianische Revolution aus Frankreich, Deutschland und Haiti. Die veränderte Sichtweise deutscher Reiseschriftsteller auf die Position von Schwarzen in den USA im ausgehenden 19. Jahrhundert vor dem Hintergrund deutschnationaler kolonialer Bestrebungen ist das Thema des Textes von Heike Paul. Die Autorin arbeitet einen Paradigmenwechsel um 1870 heraus: Wurden Schwarze zuvor als Amerikaner beschrieben und die Sklaverei oftmals kritisiert, kam es zu einer „Afrikanisierung“ der schwarzen Bevölkerung, die – zustimmend – als koloniale Objekte beschrieben und deren Emanzipationsbestrebungen als nationales Problem ausgemacht wurden. Die veränderten Berichte zeigen, wie der zunehmende deutsche Nationalismus und seine imperialen und kolonialen Ausprägungen, das Einüben der kolonialen Rolle und damit einhergehende Gewalt- und Unterwerfungsphantasien projektiv gegenüber Schwarzen in den USA exerziert wurden. Die ideologische Agenda des deutschen Kolonialismus wurde, so Paul, damit nach Nordamerika transferiert.

Besonders hervorzuheben ist die dritte Sektion, die das Verhältnis von Kolonialrassismus und Antisemitismus beleuchtet. Innovativ ist sie vor allem angesichts der immer noch bestehenden Sphärentrennung zwischen Kolonial- und NS-Geschichte, zwischen Antisemitismus- und Rassismusforschung. Was sich in der Praxis nicht selten als Opfer- und Erinnerungskonkurrenz marginalisierter Gruppen ausdrückt, findet seine Entsprechung also in der akademischen Arbeitsteilung, verdeutlicht durch unterschiedliche Theorietraditionen und analytische Begrifflichkeiten. Vor dem Hintergrund dieser Debatten hätte die Verwendung des Begriffes „antisemitischer Rassismus“ einleitend durchaus kritischer kommentiert werden können, reduziert er den Antisemitismus doch bewusst auf jene Elemente, die Analogien zu (anderen Formen von) Rassismus aufweisen, und blendet damit zentrale Aspekte zumindest des modernen Antisemitismus aus – etwa seine verschwörungstheoretischen, weltbildhaften Elemente. Dennoch zeigen die anschließenden Beiträge, welche Wechselwirkungen und Gemeinsamkeiten in unterschiedlichen historischen Phasen zwischen der Abwertung von Juden und Jüdinnen mit der von anderen Gruppen tatsächlich existierten.

Der religionswissenschaftliche Beitrag von Ulrike Brunotte befasst sich etwa mit der erstaunlichen Tatsache, dass einige der europäischen Siedler und Siedlerinnen bei der Eroberung der Amerikas von der Vorstellung geleitet waren, die dortige indigene Bevölkerung habe ursprünglich aus Juden und Jüdinnen, Nachfahren der „Verlorenen zehn Stämme Israels“, bestanden. Am Beispiel der Puritaner und Puritanerinnen im 17. Jahrhundert kann sie aufzeigen, wie ein angelsächsischer, religiös fundierter Millenarismus ein paternalistisches Verhältnis zu den Native Americans begründete, mit dem Ziel der Konversion zum Christentum. Ein anfänglicher Philosemitismus konnte dabei schnell in Antijudaismus umschlagen. Die zahlreichen vermeintlichen Ähnlichkeiten zwischen Juden und „Indianern“ – unter anderem Reinheitsgebote, Beschneidung, Sprachähnlichkeiten oder die Überzeugung von der Unsterblichkeit der Seele – erschienen einigen zeitgenössischen Autoren offensichtlich. In der Beschreibung der Indigenen vermischten sich Bilder des „‚barbarischen Wilden’ und des von Gott abgefallenen und gegen Jesus verstockten Juden“ (S. 244).

Drei Jahrhunderte später kann Malgorzata Anna Maksymiak anhand von Reportagen der jüdischen Journalistin Gabriele Tergit aus dem Exil in Palästina zwischen 1933 und 1938 aufzeigen, wie der Kolonialismus für manche deutschen Zionisten und Zionistinnen Ausdruck und „fester Bestandteil“ (S. 298) ihres westeuropäischen Selbstverständnisses war und sich nicht nur gegen Araber und Araberinnen in Palästina, sondern auch gegen die „Ostjuden“ richtete. Mehr als eine soziokulturelle oder geografische Kategorie wurde der „Ostjude“ Synonym für abweichendes sexuelles Verhalten, das Proletariat und die „Masse“, für geistige und körperliche Pathologie. Im Diskurs über den sozialistischen Arbeiterzionismus der „Ostjuden“ wurde nicht nur ein bestimmtes Repertoire an antisemitischen, sondern auch koloniale Stereotype reproduziert.

Der Anspruch des Sammelbandes, gleichzeitig transnational und intersektional zu analysieren, dabei mehrere Regionen und viele Jahrhunderte abzudecken, ist hoch gesetzt. Wie die Herausgeberinnen anfangs jedoch selbst einräumen, geht es bei den dargestellten Forschungen zur Verflechtungsgeschichte verschiedener Rassismen weniger um einen systematisch-vergleichenden Zugang, sondern um Einzelfallanalysen die „auf die Theoriebildung zurückwirken“ können (S. 58). Es ist zu hoffen, dass die deutsche Rassismus- und Antisemitismusforschung dieses Angebot aufnehmen.

Anmerkung:
[1] Ulrich Beck / Edgar Grande, Varieties of second modernity: the cosmopolitan turn in social and political theory and research, in: The British Journal of Sociology 61 (2010), S. 409–443.