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Titel
Red Meat Republic. A Hoof-To-Table History of How Beef Changed America


Autor(en)
Specht, Joshua
Reihe
Histories of Economic Life
Erschienen
Anzahl Seiten
XV, 339 S.
Preis
€ 26,50
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Laura-Elena Keck, Institut für Kulturwissenschaften, Universität Leipzig

Historische Studien zur Geschichte von Fleischindustrie und -konsum in der Moderne haben Konjunktur, wie eine Reihe jüngst erschienener Publikationen zeigt.[1] Joshua Specht leistet mit Red Meat Republic einen sehr lesenswerten Beitrag dazu. Er untersucht, wie sich in den USA des späten 19. Jahrhunderts innerhalb weniger Dekaden ein „cattle-beef-complex“ (S. 4) herausbildete, der in entscheidenden Punkten bis heute stabil ist: Es handelt sich um ein stark standardisiertes und zentralisiertes System, das von wenigen großen Unternehmen der Fleischverarbeitungsindustrie dominiert wird und darauf ausgerichtet ist, den Konsument/innen möglichst viel Fleisch zu niedrigen Preisen zu bieten. Neu ist dieses Thema nicht – wichtige Eckpunkte, wie die Rolle neuer Transportmittel oder der berühmten „Union Stock Yards“ in Chicago für den nationalen und globalen Fleischmarkt, sind bereits vielfach untersucht worden. Spechts Verdienst liegt vor allem darin, dass er die Herausbildung der modernen Fleischindustrie nicht als zwangsläufige, beinahe alternativlose Folge technischer Innovationen und ökonomischer Strukturen darstellt, sondern die sozialen Konflikte, politischen Entscheidungen und Mikropraktiken betont, die an vielen unterschiedlichen Orten in kleinerem oder größerem Rahmen die Weichen für ein Nahrungsmittelsystem stellten, das auch eine andere Form hätte annehmen können. Er taucht dazu tief in die Logik konkreter lokaler Systeme und Orte ein, um sie dann wieder gekonnt mit makroökonomischen Strukturen zu verbinden. Dementsprechend breit ist auch seine Quellenauswahl: Neben klassischen wirtschaftshistorischen Quellen wertet Specht auch Cowboylieder, Rezeptsammlungen oder Tagebücher aus und verbindet dabei wirtschafts- mit sozial- und kulturhistorischen Perspektiven.

Den Anspruch, eine „hoof-to-table“-Geschichte der US-amerikanischen Fleischindustrie zu schreiben, setzt der Autor in fünf Kapiteln konsequent um: Seine Darstellung beginnt kurz nach dem amerikanischen Bürgerkrieg an der umkämpften Frontier im Westen des Kontinents und endet rund 40 Jahre später mit einem Fleischprotest in New York City. Diese räumliche Bewegung entspricht dem Weg von Millionen von Rindern, die auf den Weideflächen der Great Plains aufgezogen und von dort – häufig mit einem Zwischenstopp zum Mästen im Corn Belt des Mittleren Westens – nach Chicago transportiert wurden, wo die Tiere geschlachtet wurden, um schließlich als Steak oder Konservenfleisch auf den Tellern von Konsument/innen in den urbanen Ballungszentren oder US-amerikanischen Soldaten zu landen. Was am Ende des Untersuchungszeitraums als fest etabliertes, von räumlichen und staatlichen Strukturen gestütztes und quasi unhintergehbares System erschien, war tatsächlich das Produkt einer schnellen, radikalen und tiefgreifenden Transformation: „In 1860, most cattle lived, died, and were consumed within a few hundred miles‘ radius. By 1906, an animal could be born in Texas, slaughtered in Chicago, and eaten in New York.“ (S. 1–2) Specht sieht darin nicht nur eine Modernisierung des Nahrungsmittelsystems durch neue technische Möglichkeiten, sondern auch einen Prozess, der maßgeblich zur Modernisierung der USA als Ganzes beitrug: Die Fleischindustrie veränderte Landschaften, Städte, Institutionen und die Verteilung von politischem Einfluss. Technische Innovationen ermöglichten diesen Modernisierungsprozess – angetrieben und geformt wurde er aber durch eine Vielzahl von Partikularinteressen und sozialen Konflikten, die Specht in jedem Kapitel entfaltet und analysiert.

In den ersten beiden Kapiteln, „War“ und „Range“, steht die Region der Great Plains im Zentrum, die sich seit den 1860er-Jahren zum Zentrum der extensiven Viehhaltung in den USA entwickelte. Sie steht auch für die Transformation eines Ökosystems, die von zahlreichen Konflikten begleitet wurde: Im Laufe der 1860er- und 1870er-Jahre wurden Bisonherden und nomadisch lebende Native Americans gewaltsam durch weiße Bisonjäger, Rancher und ihre Rinderherden verdrängt. Dieser Konflikt stellte die Grundlage für den „cattle boom“ (S. 43) der 1880er-Jahre dar, wurde aber im Gründungsmythos des „western ranching“ systematisch ausgeblendet. Dieser imaginierte stattdessen die „Open Range“, das freie, nicht umzäunte Weideland, als weitgehend unbewohnte Fläche, wie gemacht für die Aufzucht großer Rinderherden.

Nach der Zwangsansiedlung der Native Americans in Reservaten floss in der Hoffnung auf große Gewinnspannen Kapital von der Ostküste und aus dem Ausland in die Region, mit dem große Ranching-Konzerne gegründet wurden. Die Blase platzte bereits Ende der 1880er-Jahre; für einige Zeit sah es aber so aus, als könnten diese großen Unternehmen zu den entscheidenden Akteuren der Fleischindustrie werden. Hier zeigt sich Spechts Fähigkeit, Mikro- und Makrostrukturen zu verbinden, besonders deutlich: Er legt dar, wie die konkreten Praktiken des „western ranching“, die wiederum eng mit den Eigenheiten des Ökosystems verbunden waren, zugleich die Grundlage für potentiell hohe Gewinnmargen und finanzielle Desaster bilden konnten. Soziale Konflikte auf der „Range“ entstanden in den 1880er-Jahren vor allem zwischen den großen, finanzkräftigen Ranching-Konzernen und ihren kleineren, familiengeführten Konkurrenten. Letztere gingen nach dem Ende des „cattle booms“ als Sieger hervor und prägten fortan als „hardworking men out on the Plains, free of the dirtiness of wage labor or big business“ (S. 118) das Bild des „authentischen“ amerikanischen Ranchers. Im nationalen und globalen System der Fleischindustrie spielten die Viehzüchter aber fortan nur noch eine untergeordnete Rolle: Die fleischverarbeitende Industrie kontrollierte die Preise, während die Rancher einen Großteil der Risiken trugen.

Das zentrale Thema des dritten Kapitels, „Market“, ist Mobilität. Konflikte um die Einschleppung von Krankheiten durch Rinderherden auf der Durchreise und die Konkurrenz zwischen unterschiedlichen „Cattle Towns“ hatten laut Specht vor allem zwei Effekte: Sie wurden zum Auslöser für staatliche Regulierungsmaßnahmen auf nationaler Ebene und für die Standardisierung von Städten und Infrastrukturen. Mobilität war außerdem ein zentraler Faktor im Kampf um die Vorherrschaft in der Fleischindustrie: Während die Einkäufer der fleischverarbeitenden Industrie auf mehreren Märkten gleichzeitig agieren konnten, hatten die Rancher durch hohe Transport- und Unterhaltskosten ein Interesse daran, möglichst schnell zu verkaufen – ein Transfer in ein anderes Handelszentrum wurde für sie schnell zu einem unkalkulierbaren Risiko. Dadurch wurde die Position der vier führenden Fleischkonzerne, der sogenannten „Big Four“ aus Chicago, weiter gestärkt.

In den letzten beiden Kapiteln, „Slaughterhouse“ und „Table“, widmet sich Specht der fleischverarbeitenden Industrie und dem Konsumsektor. Beide Bereiche waren eng miteinander verwoben, auch was die damit verbundenen sozialen Konflikte anging: Die dominante Position der fleischverarbeitenden Industrie stellte nicht nur für die Rancher ein Problem dar, sondern auch für lokale Schlachter, die durch Absprachen und eine aggressive Preispolitik zunehmend in die Position reiner Verkäufer und damit in die Abhängigkeit von den „Big Four“ gedrängt wurden. Die Arbeiter/innen in den zentralisierten Schlachthäusern wiederum litten unter extrem harten und gefährlichen Arbeitsbedingungen. Indem sich die fleischverarbeitende Industrie auf die Seite der Konsument/innen stellte und deren Forderungen nach billigem Fleisch unterstützte, gelang ihr ein wichtiger Schachzug: Der Staat unterstützte die Ausweitung des Fleischkonsums, die – trotz Vorbehalten der wohlhabenden Schichten gegen den steigenden Fleischkonsum der „Unterschicht“ – als Zeichen für wirtschaftlichen Fortschritt, Zivilisation und Gerechtigkeit galt; die Konflikte, die dieser Entwicklung zugrunde lagen, wurden ausgeblendet.

Dieser kurze Abriss zeigt, aus wie vielen, miteinander verflochtenen Perspektiven der Autor sein Thema beleuchtet. Notgedrungen werden dabei einige Themen etwas verkürzt dargestellt – am deutlichsten wird dies in dem Abschnitt zum Konsumsektor. Während in den anderen Kapiteln in bemerkenswerter Genauigkeit gezeigt wird, wie Fleischindustrie, Staat und Gesellschaft sich innerhalb weniger Jahrzehnte radikal veränderten und gegenseitig modernisierten, scheint die Konsumgesellschaft in Spechts Darstellung bereits voll ausgebildet zu sein – lediglich die Menge und die schichtspezifische Verteilung des Fleischkonsums verändern sich. Dass die moderne Konsumgesellschaft – und damit auch ein Selbstverständnis als Konsument/in – um 1900 erst im Entstehen begriffen war, wird nicht näher erläutert; ebenso wenig wie die Bedeutung neuer Gesundheitskonzepte und Körperverhältnisse oder der aufkommende Vegetarismus. Der Versuch, ein Gegengewicht zu der Zwangsläufigkeit technologisch-ökonomischer Erklärungsmuster zu bieten, gelingt hingegen, auch wenn nicht immer klar wird, wie ein alternativer Ausgang der beschriebenen Konflikte möglich gewesen wäre. Wenn Specht etwa (sehr überzeugend) zeigt, warum der Kollaps des „cattle booms“ nicht durch äußere Faktoren verursacht wurde, sondern aus den Praktiken des „western ranching“ selbst erwuchs, läuft er Gefahr, einer neuen Art des deterministischen Narrativs Vorschub zu leisten.

Das Verdienst des Buches als Ganzes schmälern diese kleineren Kritikpunkte allerdings nicht. Specht erweitert die Geschichte der Fleischindustrie in den USA mit seinem Fokus auf soziale Konflikte und Mikropraktiken um eine wichtige Dimension und schärft den Blick für die Naht- und Bruchstellen, an denen sich die heutige Form der Fleischindustrie herausgebildet hat. Das ist nicht nur aus einer historischen Perspektive anregend und wichtig, sondern eröffnet auch zahlreiche Möglichkeiten, Alternativen zum aktuellen Nahrungsmittelsystem zu denken und – wie es der Autor in seinem Schlusssatz vorschlägt – zu fragen, wie ein gerechteres System aussehen könnte.

Anmerkung:
[1] Vgl. Wilson J. Warren, Meat Makes People Powerful. A Global History of the Modern Era, Iowa City 2018; Francesco Buscemi, From Body Fuel to Universal Poison. Cultural History of Meat, 1900 – the Present, Cham 2018; Lukasz Nieradzik, Der Wiener Schlachthof St. Marx. Transformation einer Arbeitswelt zwischen 1851 und 1914, Wien 2017.

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23.01.2020
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