A. Junghanß u.a. (Hrsg.): Zeitmontagen

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Titel
Zeitmontagen. Formen und Funktionen gezielter Anachronismen


Herausgeber
Junghanß, Antje; Kaiser, Bernhard; Pausch, Dennis
Reihe
Palingensia 116
Erschienen
Stuttgart 2019: Franz Steiner Verlag
Anzahl Seiten
235 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander Free, Alte Geschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München

Johan Huizinga soll einst in einer Pariser Vorlesung bemerkt haben, dass der Historiker sich vor Anachronismen hüten solle. „Anachronismen vermeiden, heißt die Hälfte der Geschichtswissenschaft.“[1] In der Aussage des berühmten Kulturhistorikers wird die üblicherweise nach moralischen Kategorien gewählte negative Wertung von Inhalten mit falscher zeitlicher Einordnung oder unzeitgemäßer Bedeutung deutlich. Sie betrifft allerdings nicht allein die Geschichtswissenschaft, sondern sämtliche geisteswissenschaftliche Disziplinen, die sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen. Anachronismen – so der Tenor – werden gemeinhin als Fehler erachtet und sind durch den modernen Interpreten zu verurteilen. Jüngere Studien machen dagegen vor allem auf das Potential weiterführender Interpretationen aufmerksam, die sich durch eine wertfreie Beschäftigung mit zeitlichen Abweichungen ergeben können. Glenn W. Most urteilt in diesem Sinne ganz zurecht, dass der Anachronismus ein integraler Bestandteil der conditio humana sei.[2] Die Aufsätze des von Antje Junghanß, Bernhard Kaiser und Dennis Pausch herausgegebenen Sammelbandes schließen sich dieser letzteren Sichtweise an. Sie betrachten das Phänomen Anachronismus nicht als Fehler, sondern rücken „anhand konkreter Beispiele aus Kunst, Literatur und Gesellschaft die Möglichkeit seiner absichtsvollen Verwendung ins Zentrum der Betrachtung […]“ (S. 9).

Die Herausgeber/innen versammeln die Beiträge der 2016 in Dresden veranstalteten 7. kleinen Mommsen-Tagung, von der sich bis auf drei Referenten alle Vortragenden in der Publikation wiederfinden.[3] Eine thematische Gliederung nach vier Kategorien (Mittel der Zeitbestimmung, Legitimationsstrategien, Verfremdungseffekte und Anachronien als narrative Technik) ordnet die Beiträge, die mit dem Blick von Stefan Fraß auf Kleisthenes als Begründer der athenischen Demokratie, Ross Brendles’ Untersuchung der panathenäischen Preisamphoren und Irene Polinskayas Analyse des herodoteischen Aiginetenlogos das klassische Griechenland ebenso in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken wie die römische Kaiserzeit durch Anja Wolkenhauer zur Apocolocyntosis, Anke Walter zu Vergil, Philipp Geitner zu Ovid, Markus Kersten zur historischen Epik sowie Alfred Lindl zu Tacitus. Mit Christoph Schuberts Untersuchung von Pseudepigraphien in der christlichen Literatur und Karen Piepenbrinks Beschäftigung mit der Gesetzgebung Iustinians bildet die Spätantike daneben einen dritten Schwerpunkt des Bandes. Eine Sonderstellung nimmt dagegen der Beitrag von Rachel Bryant Davies zur Theateradaption von John Dibdins „Melodrama Mad! Or the Siege of Troy“ im London des 19. Jahrhunderts ein. Zwar beleuchtet der Aufsatz durchaus chronologische Verfremdungseffekte, die seine thematische Einordnung in den Band rechtfertigen, doch lässt er sich als Beitrag zur Antikerezeption dennoch inhaltlich nur sehr schwer mit den übrigen Studien in Einklang bringen.

Die Chance, durch den universalen Zuschnitt der Mommsen-Gesellschaft ein möglichst breit gefächertes Spektrum altertumswissenschaftlicher Disziplinen abzudecken, wird durch den Band nur teilweise eingelöst. So stammen immerhin sieben von elf Beiträgen aus dem Bereich der klassischen Philologie, während die Auseinandersetzung mit materiellen Zeugnissen in nur einem einzigen Aufsatz deutlich unterrepräsentiert ist.[4] Gerade da der Schwerpunkt des Bandes auf antiken Texten liegt, überrascht es allerdings, dass auf einen Stellenindex gänzlich verzichtet wurde. Überhaupt fehlen sämtliche Register, obgleich deren Erstellung durch den Umfang des Buches von 235 Seiten kein unmögliches Unterfangen dargestellt hätte.

Die Wahl der Herangehensweise an die Thematik über den Begriff der „Zeitmontage“, der ein absichtsvolles In- und Auseinandersetzen von Zeiten kennzeichnet (S. 10), ist gut gewählt. So rücken nämlich nicht alle Beiträge Anachronismen im engeren Sinne in den Mittelpunkt ihrer Darstellung. Jeder Aufsatz behandelt allerdings den absichtsvollen Umgang mit Zeit. Anja Wolkenhauer nimmt sich in dieser Hinsicht des Problems der Datierung der Apocolocyntosis an und spricht sich anhand der Analyse von Zeitangaben innerhalb der Schrift mit guten Gründen gegen den jüngsten Datierungsversuch von Niklas Holzberg ins 2. Jahrhundert aus.[5] Wie bei Karen Piepenbrink, die Legitimationsstrategien der iustinianischen Gesetzgebung anhand von Rückverweisen auf vergangene Gesetze beleuchtet, muss der Begriff des Anachronismus hier schon in einem sehr weiten Sinne verstanden werden.

Hervorragend arbeitet indes Philipp Geitner die ästhetische Qualität von Anachronismen an einem Beispiel aus Ovids Metamorphosen heraus. Anhand der Darstellung Athens in der Erzählung von den Töchtern des Kekrops (Ov. met. 2,708–832) kann Geitner die Verflechtung mehrerer Zeitebenen aufzeigen. So blickt der Gott Merkur auf ein Athen, das sich durch den Hügel Munychia, das berühmte Lyceum und einen panathenäischen Festzug auf die Akropolis charakterisiert. Der Text evoziert auf diese Weise das Bild der Blüte Athens im 5. und 4. Jahrhundert v.Chr., obgleich der beschriebene Mythos lange vor der ruhmvollen Phase der Polis spielt. Die Beschreibung Athens erweist sich damit als deutlich anachronistisch. Geitner gelingt es allerdings schlüssig, diese Zeitvermischung als poetische Technik herauszuarbeiten, die die Beschreibung in Beziehung zur Gegenwart des Rezipienten setzt und dabei fakultativ zusätzliche Lesarten zulässt.

Geitners Interpretation bildet zudem zusammen mit den Beiträgen von Anke Walter zu Vergils Aeneis und Markus Kersten zur historischen Epik eine gelungene Einheit an Untersuchungen zum lateinischen Epos. Walter erweitert in einer detaillierten Analyse die Bedeutung einer Äußerung des Aeneas über den ersten Jahrestag seit dem Tod seines Vaters (Verg. Aen. 5,42f.) um neue Facetten. So hatte zwar bereits Servius bemerkt, dass der Dichter an dieser Stelle einen anachronistischen Vorverweis auf das Fest der Parentalia gebe, doch arbeitet Walter zudem die Kenntnis des iulianischen Kalenders als Voraussetzung für diese Deutung heraus. Da Aeneas offenbar dieser Zeitordnung folge, werde der Einfluss des fatums, das die Entwicklung Roms bereits vorherbestimmt habe, deutlich unter Beweis gestellt. Kersten wiederum sieht im historischen Epos eine den dort handelnden Figuren unbekannte Reflexionsebene angelegt, die es dem Rezipienten erlaube, Handlungen an bereits vorhandenen Referenztexten anderer Epen zu beurteilen. Sowohl Walter als auch Kersten bestätigen damit wie Geitner den bewussten Einsatz von Anachronismen zur poetischen Ausgestaltung im römischen Epos.

Eine bewusste Brechung der Chronologie zeigt schließlich Lindl in einer systematischen Klassifizierung von Pro- und Analepsen in den Annales des Tacitus auf. Der römische Historiograph verweist dadurch geschickt auf notwendige Hintergründe, die im Rahmen des chronologischen Fortlaufs der Erzählung zum Verständnis notwendig sind. Er nutzt zudem die Rück- und Vorverweise als Mittel der Spannungssteigerung, aber auch der Auflockerung des Inhaltes, um die Unterhaltung des Lesers zu gewährleisten.

Insgesamt erfüllt der Band sein anvisiertes Ziel, sich als Annäherung an die Thematik und Anregung zu weiterführender Reflexion über Anachronismen und Zeitmontagen zu verstehen (S. 17). Dass eine weitergehende Auseinandersetzung notwendig erscheint, zeigen bereits die Herausgeber/innen auf den ersten zwei Seiten des Buches. Hier widerlegen sie die außerhalb der Altertumswissenschaften bisweilen vertretene Ansicht, in der Antike habe es kein Bewusstsein für die Chronologie von Ereignissen gegeben (vgl. S. 7f.).[6] Um einer solchen Annahme in der Breite entgegenzuwirken, bedarf es weiterer Beschäftigung mit der Thematik.

Anmerkungen:
[1] Zitiert nach Carlos Spoerhase, Zwischen den Zeiten. Anachronismen und Präsentismus in der Methodologie der historischen Wissenschaften, in: Scientia Poetica 8 (2004), S. 170.
[2] Glenn W. Most, Anachronisms, in: Scientia Poetica 8 (2004), S. 295–297. Siehe weiterführend zu Anachronismen neben Anm. 1 nur Achim Landwehr, Über den Anachronismus, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 61 (2013), S. 5–29 oder Jacques Rancière, Der Begriff des Anachronismus und die Wahrheit des Historikers, in: Eva Kernbauer (Hrsg.), Kunstgeschichtlichkeit, Historizität und Anachronie in der Gegenwartskunst, Paderborn 2015, S. 33–50.
[3] Ein Bericht zur 7. kleinen Mommsen-Tagung lässt sich unter https://www.mommsen-gesellschaft.de/component/content/article/2-nicht-kategorisiert/40-kleine-mommsen-tagung-2016-in-dresden?Itemid=101 (09.03.2020) einsehen.
[4] Der online-Bericht zur Tagung verweist allerdings auf die geringe Resonanz auf den call for papers aus der klassischen Archäologie. Dennoch scheint durch die geringe Beachtung materieller Zeugnisse eine Chance vertan.
[5] Niklas Holzberg, Racheakt und „negativer Fürstenspiegel“ oder literarische Maskerade? Neuansatz zu einer Interpretation der Apocolocyntosis, in: Gymnasium 123 (2016), S. 321–339.
[6] Siehe nur T. M. Buck, Vergangenheit als Gegenwart. Zum Präsentismus im Geschichtsdenken des Mittelalters, in: Saeculum 52 (2001), S. 225–236.