A. Griffante: Children, Poverty and Nationalism in Lithuania

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Titel
Children, Poverty and Nationalism in Lithuania, 1900–1940.


Autor(en)
Griffante, Andrea
Erschienen
Anzahl Seiten
VII, 148 S.
Preis
€ 54,49
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Henschel, Abteilung für Osteuropäische Geschichte, Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Kindheit matters. Und zwar doppelt. Ihre Historisierung liefert nicht nur Wissen über die Lebensumstände einer bestimmten Sozialgruppe, nämlich Kindern. Sie kann darüber hinaus ein Prisma auf übergeordnete Prozesse der Formierung, Ordnung und Transformation von Gesellschaften insbesondere in der Moderne eröffnen. Wie politische Regime, gesellschaftliche Organisationen, wissenschaftliche Expert/innen und andere Akteure die Merkmale von Kindheit verhandelten, wie sie Kinder behandelten und wie Kinder handelten, lässt Rückschlüsse auf fundamentale Ordnungsvorstellungen, etablierte Machtverhältnisse und vielgestaltige Regierungsinstrumente zu. Stand bis in die frühen 2000er-Jahre vor allem die „westliche“ Kindheit im Fokus[1], trat in den Arbeiten von Tara Zahra oder Machteld Venken[2], auf die sich Andrea Griffante in seiner Einleitung ausdrücklich beruft, Ost(-mittel-)europa in den Vordergrund und damit eine Region, die im 20. Jahrhundert mehrere gewaltige und gewalttätige Umwälzungen erlebte, denen Kinder unmittelbar ausgesetzt waren. Doch trafen die Ereignisse und Folgen nicht alle Kinder in gleichem Maße, sondern mit besonderer Härte arme, verwaiste und verlassene Kinder. Hier sahen sich gesellschaftliche Akteure wie wohltätige Organisationen, die Kirchen und der Staat in der Pflicht, einzugreifen, wenn die Familie als primäre Sorgeinstanz nicht funktionierte oder bewusst ersetzt werden sollte. In diesem Sinne geht es Griffante um eine Perspektive auf die „interconnections among children, poverty, assistance, and acculturation“ (S. 2) in Litauen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

In der Einleitung perspektiviert Griffante Kinder als Objekte verschiedener politischer Strategien zur Herstellung eines litauischen Nationalstaates mittels der Bekämpfung von Armut und der Erziehung loyaler, arbeitsfähiger Bürger. Diesem Ansinnen einer kleinen, nur in einigen urbanen Zentren aktiven litauischen Elite standen jedoch nicht nur geopolitische Hindernisse wie die imperiale Überformung im Zarenreich, die Kriegsmisere ab 1914, die sich daran anschließenden Grenz- und Bevölkerungsverschiebungen und die Fragilität des Staates in den 1920er- und 1930er-Jahren entgegen. Zusätzlich hebt der Autor vor allem innere Charakteristika der Region hervor, wie ethnonationale Konkurrenzen zwischen Polen und Litauern, Mehrsprachigkeit, nationale Indifferenz, religiöse Spaltungen und vereinzelte lokale Gemeinschaften.

In den vier inhaltlichen Kapiteln des relativ schmalen Bandes befasst sich Griffante mit den Bedingungen und Herausforderungen des litauischen nation oder auch citizen building-Projektes durch sozialfürsorgerische Akteure und Maßnahmen. Er arbeitet chronologisch die politischen und wissenschaftlichen Diskurse und Praktiken heraus, die mit Bezug auf verwaiste oder verlassene Kinder auf die Bekämpfung von Armut und Herstellung einer nationalen Gesellschaft abzielten. Armut versteht er dabei nicht nur als sozio-ökonomische Kategorie, sondern als Cluster von „devianten“ Einstellungen und Verhaltensweisen, die durch sozialpolitische Eingriffe beseitigt oder verhindert werden sollten. Um diese Top-Down-Perspektive aufzubrechen, wie bereits an anderer Stelle demonstriert[3], sollen Kindern auch als Subjekte und Akteure sichtbar werden, die Versuche nationaler und sozialer Akkulturation quasi eigensinnig unterliefen. Dieses Vorhaben wird allerdings nicht überzeugend umgesetzt. Das schmälert aber nur bedingt den Wert von Griffantes Studie, der es durchaus gelingt, die Sorge um und für Kinder in einem scheinbar peripheren Raum in ihren transnationalen Verflechtungen darzustellen. Der Autor wirft ein innovatives Licht auf Nationsbildung und Modernisierung in Nordosteuropa und versucht, schlaglichtartig die herausgearbeiteten Charakteristika und Dynamiken mit anderen, vor allem westeuropäischen Gesellschaften abzugleichen.

Die Analyse folgt zwei Hauptthesen. Erstens, dass die Pluralität der Akteure im Fürsorgebereich und die Disparitäten in der Umsetzung der Programmatiken der relativen Schwäche des Zentralstaates geschuldet waren, die Litauen mit allen post-imperialen Nachfolgegesellschaften der Region geteilt habe. Zweitens, dass die ethnonationale Aufladung der Fürsorgepolitik, die insbesondere durch die litauisch-polnische Konkurrenz geschürt wurde, nach 1920 in komplexen Diskursen der richtigen Sorge, mütterlichen Verantwortlichkeit und adäquaten Erziehung und Bildung aufging. Die analytische Dichte und Überzeugungskraft der einzelnen Kapitel variieren. Vor allem das erste Kapitel, das die Zeit des Zarenreichs in den Blick nimmt, ist von knappen Verweisen auf Strafgesetzgebung oder die Übernahme des englischen Prinzips der deserving und undeserving poor und der Disziplinierung in workhouses geprägt. Diese lassen allerdings nicht erkennen, auf welchen Wegen diese Ideen in die Region gelangten und inwiefern sie tatsächlich in die Praxis umgesetzt wurden. Vielmehr wimmelt es von Verweisen auf unterschiedliche kirchliche oder nationale Assoziationen, bei denen man rasch den Überblick verliert. Dafür wird die gesellschaftliche Rolle der Familie komplett in den Hintergrund gerückt, so als ob Kinder ausschließlich und umfassend Objekte öffentlichen, staatlichen oder kirchlichen Zugriffs waren.

Das zweite Kapitel, das eine Radikalisierung des nation building-Projektes in den Jahren des Ersten Weltkrieges schildert, ist von größerer analytischer Schärfe geprägt, sicherlich auch weil nun wenige Jahre auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden können. Griffante zeigt, dass Bildung und Versorgung notleidender Kinder klar entlang ethnischer Grenzen zwischen Polen und Litauern organisiert waren und wie eng humanitäre Hilfe mit nationaler Erziehung und der Erwartung der Akkulturation verbunden wurde. Gleichzeitig fanden Hygiene, Arbeitsfähigkeit und geschlechterspezifische Ausbildung Eingang in die Sorgemaßnahmen, die Griffante als geteilte Prinzipien der Modernisierung einordnet. Damit seien langfristige Pfade vorbereitet worden, die das Bild der Nation, des Staatsbürgers, der Familie und der Mutter in den nächsten Jahrzehnten prägten.

Bevor diese jedoch zur Entfaltung kamen, erforderten die Kriegsfolgen einen Fokus auf Linderung akuter Not, hervorgerufen durch das massive displacement von Kindern und Familien in den weiterhin umkämpften Gebieten. Wie das dritte Kapitel zeigt, verfolgten nicht nur litauische und polnische Organisationen politische und nationale Ziele, sondern ebenso ausländische Hilfsorganisationen wie das American Red Cross (ARC) oder die American Relief Association (ARA): „ARC and ARA interventions served the new foreign political agenda of the USA by fighting political radicalism and fostering peace in Europe“ (S. 75). Griffante arbeitet hier vorbildhaft transnationale Verflechtungen und Konkurrenzen, vielschichtige Programmatiken und Praktiken heraus, die Vorstellungen von einem gradlinigen Weg in den litauischen Nationalstaat widersprechen. Daran hatten zwar staatliche wie nichtstaatliche Akteure größtes Interesse, aber durch die unterschiedlichen Zielsetzungen sowie religiöse, weltanschauliche und nationalpolitische Gegensätze lief die Hilfsarbeit nicht selten ins Leere, da Ressourcen nicht effizient mobilisiert und genutzt werden konnten. Gleichzeitig hebt Griffante hervor, wie Modernisierung und Verwissenschaftlichung den Grundstein für eine nationale und demokratische, dezidiert antikommunistische Wohlfahrtspolitik legten.

Diese galt es nach dem Rückzug der internationalen Helfer zu konsolidieren. In Kapitel 4 verknüpft Griffante die konkreten Fürsorgepolitiken mit etablierten Diskursen von körperlicher und geistiger Gesundheit sowie moralischer und sozialer Normalität, die sich im Kampf gegen „defectiveness“ (S. 101) verdichteten. Diese vage wie omnipräsente Zuschreibung von Andersartigkeit an arme, vernachlässigte oder verlassene Kinder legitimierte vielfältige Interventionen in kindliches und familiäres Leben: Segregation und Umerziehung in Heimeinrichtungen, systematische Platzierung von Kindern in Pflegefamilien und Disziplinierung und Kontrolle von Müttern, die in steigendem Maße von eugenischem Denken durchzogen waren, reißt Griffante jedoch oft nur an. Weitere Forschungen und differenzierte Darstellungen wären hier wünschenswert.

Trotz ärgerlicher Verkürzungen und Lücken, die nicht überzeugend gerechtfertigt werden – warum beispielsweise werden jüdische Wohlfahrts- und Bildungsorganisationen ausgeklammert? – ist Andrea Griffantes Buch all jenen zu empfehlen, die eine Einführung in kindheits- und armutsbezogene Diskurse und Praktiken moderner Wohlfahrtspolitik und Wissenschaften in einem bisher wenig erforschten Raum der europäischen Geschichte suchen. Der politische und soziale Kontext ist denkbar knappgehalten, sodass die Ereignisgeschichte besser vorher oder parallel nachgeschlagen werden sollte. Doch gelingt der Nachweis, dass im „kleinen“ Litauen – ebenso wie in anderen scheinbar marginalen Regionen Europas und der Welt – große Fragen der Moderne verhandelt wurden und dass die Kindheitsgeschichte ein vorzüglicher Weg der Analyse und Beantwortung dieser Fragen ist.

Anmerkungen:
[1] Tara Zahra, The Lost Children. Reconstructing Europe's Families after World War II, Cambridge, Mass. 2011; Machteld Venken (Hrsg.), Borderland Studies Meets Child Studies. A European Encounter, Frankfurt am Main 2017.
[2] Das zeigt sich auch in aktuellen Einführungswerken, die die „moderne“ und „globale“ Kindheit in den Blick nehmen wollen und doch meist nur die „westliche“ Kindheit erfassen: Colin Heywood, Childhood in Modern Europe, Cambridge 2018; James Alan Marten, The History of Childhood. A Very Short Introduction, New York 2018. Eine stärkere Einbeziehung Osteuropas und globaler Perspektiven findet sich bei Martina Winkler, Kindheitsgeschichte. Eine Einführung, Göttingen 2017.
[3] Siehe beispielsweise: Nick Baron (Hrsg.), Displaced Children in Russia and Eastern Europe, 1915–1953. Ideologies, Identities, Experiences, Leiden 2016. Ebenso, aber methodisch hochproblematisch: Iveta Silova / Nelli Piattoeva / Zsuzsa Millei (Hrsg.), Childhood and Schooling in (Post)Socialist Societies. Memories of Everyday Life, Cham 2018.

Redaktion
Veröffentlicht am
15.01.2021
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