S. Roebert: Die Königin im Zentrum der Macht

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Titel
Die Königin im Zentrum der Macht. Reginale Herrschaft in der Krone Aragón am Beispiel Eleonores von Sizilien (1349–1375)


Autor(en)
Roebert, Sebastian
Reihe
Europa im Mittelalter 34
Erschienen
Berlin 2020: de Gruyter
Anzahl Seiten
XVI, 830 Seiten
Preis
€ 109,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Frank Engel, Papsturkunden des frühen und hohen Mittelalters, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen

Die Herrschaftsausübung von Königinnen hat in den vergangenen Jahrzehnten in engem, wenn auch nicht ausschließlichem Zusammenhang mit dem Aufschwung der Frauen- und Geschlechtergeschichte viel Aufmerksamkeit der mediävistischen Forschung erfahren. Das gilt auch für die Iberische Halbinsel.[1] Die Bedeutsamkeit des Themas hatte freilich bereits Heinrich Finke (1855–1938) erkannt: Auf ihn und seinen Schülerkreis bzw. dessen Fortsetzer gehen eine Reihe von Arbeiten über die aragonesischen Königinnen zurück. Sebastian Roeberts an den Universitäten Leipzig und Barcelona entstandene, 2017 verteidigte Dissertation[2] kann also für sich beanspruchen, gleichermaßen an höchst aktuelle internationale Forschungstendenzen wie an ältere Traditionsstränge der deutschsprachigen Mediävistik anzuknüpfen. Mit seiner Monographie über Königin Eleonore von Sizilien, die Gemahlin und Statthalterin Peters IV. von Aragón, hat er einem ausgesprochenen Desiderat abgeholfen[3], muss doch das 14. Jahrhundert in der Geschichte Aragóns ganz allgemein als schlecht erforscht gelten.[4] Fazit ihrer mehr als ein Vierteljahrhundert währenden Herrschaftsteilhabe: Diese sei ein Beispiel „einer gelungenen Integration in die institutionellen und personellen Netzwerke des Zielreiches, d. h. in das die Heirat erfolgte“ (S. 543).

Roebert, dessen bisherige wissenschaftliche Arbeit ihn zugleich als Hilfs- bzw. Grundwissenschaftler und insbesondere Diplomatiker ausweist[5], schöpft aus einer Fülle zumeist unpublizierter Quellen, insbesondere aus der Kanzleiüberlieferung des Arxiu de la Corona d’Aragó. Hierbei legt er ein besonderes Augenmerk auf die „Kontextualisierung der Quellen“ (S. 4). Herausgearbeitet werden sollen „die sozial bedeutungstragenden Elemente der Kanzleiquellen [...], um den Grad der Involvierung der verschiedenen Personen, [...] insbesondere von Königin Eleonore, abschätzen zu können.“ (S. 5) Zweifellos ist es sehr zu begrüßen, dass Roebert die formalen und inhaltlichen Merkmale der königlichen Register, etwa die iussiones, ausführlich erörtert – dem ist der gesamte Hauptabschnitt 5 der Arbeit (S. 67–109) gewidmet. Auch seine terminologische Sorgfalt verdient Anerkennung (vgl. etwa S. 7f. zum Begriff des „Originals“ in Abgrenzung von „Mundum“). Etwas überspitzt dürfte allerdings die Einschätzung sein, die aragonesische Kanzlei sei keine „Einrichtung“ gewesen, „die Schriftgut produziert, bei dem einzig der Inhalt zählt. Vielmehr repräsentiert dies ebenfalls das soziale Handeln der Beteiligten [...].“ (S. 5) Gibt es überhaupt Institutionen, in deren Schriftgutproduktion das soziale Handeln völlig irrelevant wäre?

Die Darstellung ist nach thematischen Gesichtspunkten und durchaus plausibel gegliedert. Trotz gelegentlicher Redundanzen (vgl. z. B. den Beginn von Hauptabschnitt 2, S. 9) und stilistischer Unebenheiten (vgl. z. B. S. 534f.) ist sie insgesamt gut lesbar und stringent geschrieben.

In konzeptioneller Hinsicht schließt sich die Dissertation u. a. an neuere Arbeiten von Raphaela Averkorn und Theresa Earenfight an: Die spätmittelalterliche Monarchie wird aufgefasst „als kooperative und komplementäre Institution, welche in die ständische Gesellschaft eingebettet ist [...]. Diese soll als Gesamtheit der Häuser des Königspaares und der Infanten sowie den [!] diesen angeschlossenen Klientelverbänden verstanden werden.“ (S. 21) Unter Fortentwicklung des rein territorialen Verständnisses der composite monarchy, wie es von Helmut Koenigsberger und John Elliott für die Frühe Neuzeit etabliert wurde (vgl. hierzu auch S. 20 Anm. 52), spricht Roebert die Krone Aragón als ebensolche „unter selbstverständlicher Beteiligung der Herrscherin“ an (S. 20). Auch mit der Verwendung des Adjektivs „reginal“, dessen Quellenbelege in Kapitel 2.3 akribisch untersucht werden, entwickelt Roebert konzeptionelle Ansätze fort, in diesem Falle aus der spanischen Mediävistik und im Anschluss an Nikolas Jaspert (vgl. S. 23).

Geradezu frappierend war für den Rezensenten die Ankündigung in der Danksagung (S. XI), „ein zweiter Band mit den Regesten, die während der Sichtung der archivalischen Quellen entstanden“, werde „für den Druck an anderer Stelle vorbereitet.“ Man darf sich von diesem Quellenwerk fruchtbare Impulse für die Erforschung des iberischen Spätmittelalters erhoffen. Als ob die Druckfassung der Roebertschen Dissertation nicht quellengesättigt genug wäre! So bietet Anhang 2 (S. 581–616) bereits die Transkription von immerhin 13 Schriftstücken in katalanischer, lateinischer und (frühneuzeitlich) kastilischer Sprache, darunter das Kodizill der Monarchin zu ihrem Testament von 1374 (Nr. 10 des Anhangs, S. 591–613). Anhang 1 wartet mit nicht weniger als 25 Tabellen (und einer Abbildung) auf: Diese statistischen Auswertungen erschließen die Quellengrundlage der Monographie, insbesondere die ausgewerteten Registerbände und Rechnungen, unter inhaltlichen und formalen Aspekten sowie hinsichtlich der Überlieferungssituation. Die Tabellen 17–23 (S. 573–578) beleuchten die personelle Zusammensetzung von Eleonores Hof und ihren Wandel während des Untersuchungszeitraums. Anhang 3 (S. 617–697) enthält den Katalog der Hofangehörigen gemäß der carta de ració (vgl. zu dieser Quelle Abschnitt 7.1.1) – sage und schreibe 319 Personen! Sind diese Biogramme auch jeweils leserfreundlich knapp und schematisch geordnet, so erahnt dennoch – oder gerade deshalb – jeder, der sich schon einmal mit spätmittelalterlicher Prosopographie befasst hat, welch große Auswertungsarbeit in diesem Apparat steckt. Das gilt ebenso für Anhang 4 (Beamte der Dotalgüter, S. 699–734) mit immerhin 120 Biogrammen und den letzten, fünften Anhang der Dissertation: Ernennungen der Familiaren mit 81 prosopographisch aufbereiteten Einträgen. Tabelle 9 (S. 557–563) enthält übrigens Kurzregesten zu den erhaltenen Privilegien der Königin; hier wäre vielleicht ein Querverweis auf Anhang 2 – oder umgekehrt – sinnvoll gewesen.

Das Verzeichnis der benutzten Archivalien (S. 757f.) wirft noch einmal ein Schlaglicht auf die von Roebert (im besten Sinne des Wortes) geleistete Kärrnerarbeit. Auch die polyglotte und sorgfältig erstellte Bibliographie belegt eine große und nach Ausweis der Darstellung souverän bewältigte Materialfülle.

Das Orts- und Personenregister des Bandes ist insgesamt sehr hilfreich, wenn auch nicht gänzlich frei von kleineren Mängeln: Wer wird beispielsweise „Dänemark“ unter K für „Königreich“ suchen (vgl. S. 816)? Nützlich wäre eine Landkarte zur Krone Aragón oder zur gesamten Iberischen Halbinsel in der Zeit Königin Eleonores gewesen. Sebastian Roeberts Dissertation stellt trotz dieser ganz geringfügigen Einwände eine sehr beeindruckende Leistung dar; wer immer sich künftig mehr als punktuell mit den iberischen Monarchien im 14. Jahrhundert beschäftigt, wird an ihr nicht vorbeikommen. Diesem Buch ist eine große Verbreitung auch jenseits der Pyrenäen zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. etwa Miriam Shadis, Berenguela of Castile (1180–1246) and Political Women in the High Middle Ages, New York 2009; Elena Woodacre, The Queens Regnant of Navarre. Succession, Politics, and Partnership, 1274–1512, Basingstoke 2013; Manuela Santos Silva, Felipa de Lancáster, la dama inglesa que fue modelo de reginalidad en Portugal (1387–1415), in: Anuario de Estudios Medievales 46 (2016), S. 203–230; Diana Pelaz Flores, La Casa de la Reina en la Corona de Castilla (1418–1496), Valladolid 2017; dies., Poder y representación de la reina en la Corona de Castilla (1418–1496), Valladolid 2017.
[2] Seitenstücke hierzu hat Roebert in mehreren Aufsätzen publiziert; vgl. hier nur Sebastian Roebert, The Nominations of Elionor of Sicily as Queen-Lieutenant in the Crown of Aragon. Edition and Commentary, in: Mediaeval Studies 80 (2018), S. 171–230.
[3] Vgl. als ältere Arbeit Ulla Deibel, Leonor von Sizilien (1349–1375). Studien zu Aragons Politik und Hofhaushalt, Diss. phil. Freiburg i. B. 1923; in katalanischer Übersetzung veröffentlicht: Ulla Deibel, La reyna Elionor de Sicilia, in: Memorias de la Real Academia de Buenas Letras de Barcelona 10 (1928), S. 349–453.
[4] Vgl. jetzt allerdings Christian Alexander Neumann, Venedig und Aragon im Spätmittelalter (1280–1410). Eine Verflechtungsgeschichte, Paderborn 2017.
[5] Vgl. hier nur Sebastian Roebert, Neuschöpfung aus Pragmatismus? Das Monogramm Karlmanns von Ostfranken, in: ders. u.a. (Hrsg.), Von der Ostsee zum Mittelmeer. Forschungen zur mittelalterlichen Geschichte für Wolfgang Huschner, Leipzig 2019, S. 55–76.

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17.02.2021
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