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Titel
Erfüllte Hoffnung. Städtepartnerschaften als Instrument der deutsch-französischen Aussöhnung, 1950–2000


Autor(en)
Filipová, Lucie
Erschienen
Göttingen 2015: Vandenhoeck & Ruprecht
Umfang
409 S.
Preis
€ 79,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Rau, Institut für Zeigeschichte München-Berlin, Abteilung Berlin

Städtepartnerschaften erfreuen sich im europäischen Diskurs einer ungebrochenen Beliebtheit als Mittel der Völkerverständigung. Eine Vorreiterrolle bei der Initiierung der grenzüberschreitenden bürgerschaftlichen Begegnung kommt Frankreich und Deutschland zu, die heute über 2.200 Städtepartnerschaften vorweisen können. Die Idee eines „Europa von unten“ kam allerdings weder aus Frankreich, noch aus Deutschland, sondern wurde erstmals vom Schweizer Verfassungshistoriker Adolf Gasser inmitten des 2. Weltkrieges 1943 formuliert. Gasser, der 1951 maßgeblich an der Gründung des Rates der Gemeinden Europas (RGE) beteiligt war, sah in einem umfassenden „Enthierarchisierungs- und Kommunalisierungsprogramm“ (zit. nach Filipová S. 12) ein wirksames Mittel, um die Völker Europas zu demokratischen und zu friedliebenden Bürgern zu erziehen.

Wie der ambitionierte Anspruch Gassers in reale Politik, konkret am Beispiel der einstigen „Erbfeinde“ Deutschland und Frankreich, umgesetzt wurde, untersucht Lucie Filipová in ihrer Darstellung, die zunächst im Jubiläumsjahr des Élysée-Vertrages 2013 auf Tschechisch erschien.[1] Sie trägt den programmatischen Titel „Erfüllte Hoffnungen“, den die Autorin auch in jenem positiven Sinn verstehen will, wie sie in ihrem Schlusswort darlegt. Darin bescheinigt sie den Städtepartnerschaften, eine „überaus wichtige Aufgabe“ (S. 369) im Rahmen der deutsch-französischen Verständigung erfüllt zu haben. Mit ihrer Studie bearbeitet Filipová gleichwohl eine Thematik, die in der Geschichtswissenschaft bislang kaum Aufmerksamkeit gefunden hat. Dabei bietet das Thema die Möglichkeit, Europa als Erfahrungsraum „at the grassroots“ zu analysieren und somit einen versierten Beitrag zur gegenwärtig boomenden transnationalen Zeitgeschichte zu leisten. Entsprechend verortet Filipová ihre Studie auch in diesem fachwissenschaftlichen Diskurs. Wohltuend wirkt dabei, dass sich die Autorin nicht nur auf Westeuropa beschränkt, sondern ihren Blick über den Eisernen Vorhang hinaus auf die DDR, wenn auch eher ergänzend, erweitert. Dies gehört zu den Stärken des Buches, ebenso wie die zeitliche Ausdehnung über das Zäsurjahr 1989 hinweg.

Filipová kann sich auf eine breite Quellenbasis stützen, die Archivquellen genauso einbezieht wie publizierte Dokumente und semi-strukturierte Interviews. Im Hinblick auf den Forschungsstand beweist sie eine profunde Kenntnis der Materie, wenngleich hinsichtlich der (in dieser Arbeit ja eher am Rande stehenden) DDR auch die Studien von Christian Wenkel[2] und Thomas Höpel[3] hätten aufgeführt werden müssen. Die chronologisch angelegten Kapitel III–VII, die den Kern der empirischen Untersuchung ausmachen, gliedern sich jeweils nach demselben Muster. Zunächst zeigt die Autorin zentrale Entwicklungen im bilateralen Verhältnis zwischen Deutschland und Frankreich auf, betrachtet die Ausbildung von Städtepartnerschaften sodann aus statistischer Sicht und widmet sich anschließend konkreten Aktivitäten auf kommunaler Ebene anhand von fünf Fallbeispielen (Mainz–Dijon, Duisburg–Calais–Wismar, Kirkel–Mauléon, Brombachtal–La Riviére-de-Corps und Bautzen–Dreux).

Als Rahmenbedingungen für ihre Untersuchung benennt Filipová die europäischen Institutionen (insbesondere den RGE), die bilateralen Beziehungen sowie die jeweiligen kommunalen Traditionen. Bei deren Gewichtung offenbart sich jedoch ein großes Manko der Arbeit. Ihr Anliegen formuliert Filipová folgendermaßen: „Eine Thematik, die auf der Ebene der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Eliten untersucht zu werden pflegt, wird hier auf lokaler Ebene bearbeitet, und zwar unter größerer Berücksichtigung der einfachen Bürger.“ (S. 23) Die Thematik, von der Filipová spricht, meint allerdings nicht den Prozess der europäischen Integration als zivile Alternative zum militärisch geprägten Kalten Krieg, sondern zielt einzig auf die bilateralen (speziell diplomatischen) Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich ab. Eine solche Engführung hat jedoch einen begrenzten Erkenntniswert. Freilich dürfen die Höhen und Tiefen im deutsch-französischen Verhältnis nicht aus dem Blick verloren werden, Filipová aber misst ihnen den Rang einer, wenn nicht der entscheidenden Rahmenbedingung zu. Hier hätte der Interpretationsrahmen weiter gefasst werden müssen. So hätte man die Debatten innerhalb des RGE als transnationaler Akteur, welche auch die bilateralen Beziehungen reflektierten, zum Ausgang nehmen, den Modifikationen und Veränderungen des Konzepts „Europa von unten“ vor dem Hintergrund von Detente und Konfrontation nachspüren und davon ausgehend nach der konkreten Ausgestaltung, den Grenzen und Perzeptionen vor Ort fragen können. Zwar erscheint es für die Zeit bis zur zweiten Hälfte der 1960er-Jahre durchaus noch plausibel, den spezifischen Charakter der deutsch-französischen Beziehungen näher zu beleuchten, spätestens seit der Wende zu den 1970er-Jahren aber lässt sich eine allmähliche Entkopplung der bilateralen und europäischen Diskurse auf kommunaler Ebene feststellen. Diesen Wandel kann Filipová nur damit erklären, dass die deutsch-französische Aussöhnung zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr infrage gestellt wurde und somit keine besondere Motivation zur Aufnahme von Städtepartnerschaften mehr dargestellt habe. Auch die Analyse der lokalen grenzüberschreitenden Initiativen folgt weniger transnationalen Fragestellungen, sondern verliert sich in nebeneinander gestellten Details. Hier hätten gleichwohl Straffungen dem Text gut getan. Der Bürger, den Filipová größere Aufmerksamkeit zukommen lassen will, kommt ebenfalls nur vermittelt zum Tragen. Die Darstellung bleibt hier zu sehr an den offiziellen Dokumenten verhaftet.

Trotz dieses prinzipiellen Mankos kann Filipová einige interessante Ergebnisse zutage fördern. So zeigt die Autorin, dass die integrative Kraft von Städtepartnerschaften nicht nur von den Motivationen der Bürger zur Mitgestaltung, sondern ebenso von den kommunalen Akteuren abhing. Hier machten sich auch die unterschiedlichen politischen Traditionen bemerkbar. So zeigte etwa der seit 1971 amtierende maire de Dijon Robert Poujade kaum noch Interesse an der 1958 geschlossenen Partnerschaft mit Mainz, da er seine Karriere dem französischen Modell folgend ganz auf Paris ausrichtete. Auf deutscher Seite schliefen Partnerschaften dagegen eher ein, wenn sie den kommunalen Haushalt zu stark belasteten, wie im Fall des saarländischen Kirkels in den 1980er-Jahren.

Interessant sind vor allem die Ergebnisse zu Calais, das sowohl mit Duisburg (seit 1964) als auch mit Wismar (seit 1971) „verschwistert“ war. Die Partnerschaft mit der ostdeutschen Stadt kam nach einem politischen Wechsel im Amt des Bürgermeisters von Calais zustande, das seit 1971 vom Kommunisten Jacques Barthe bekleidet wurde. Duisburg erblickte in Wismar aber keineswegs eine ungeliebte Konkurrenz, wie sich mit Blick auf die deutsch-deutschen Beziehungen vermuten ließe, sondern zeigte gelegentlich sogar Neugierde an der französisch-(ost-)deutschen Partnerschaft. Die grenzüberschreitenden Aktivitäten waren im Falle Wismars allerdings einseitig von den Interessen der SED bestimmt. Gemeinsame Aktivitäten spielten sich nahezu ausschließlich auf ostdeutscher Seite ab und kamen über den offiziellen Rahmen kaum hinaus. Die wenigen von Wismar organisierten Sommerlager für französische Jugendliche erfreuten sich allenfalls bei kommunistischen Familien mit niedrigen Einkommen einiger Beliebtheit, konnten die Kinder so doch zum Familienhaushalt beitragen. Persönliche Kontakte zwischen Bürgern waren von Seiten der DDR jedoch unerwünscht. Erst 1988 wurden überhaupt (sorgfältig ausgewählte) ostdeutsche Jugendliche nach Calais geschickt. Nach dem Fall der Mauer wandte sich Wismar wieder stärker Nordeuropa zu. Auch der Partnerschaft zwischen Duisburg und Calais waren enge Grenzen gesetzt. Beide Städte fanden vor allem im Sport eine Gemeinsamkeit, deren integrative Kraft allerdings in Zweifel stehen dürfte. Ferner wirkten sich bilaterale politische Kontroversen sichtlich schnell auf die Partnerschaft aus, so etwa die Debatten und Proteste um den „Radikalenerlass“ von 1972.

Zum Schluss noch eine kurze Anmerkung zur textlichen Gestaltung. Übersetzungen, insbesondere von Publikationen aus dem slawischen Sprachraum, stellen Lektoren immer vor besondere Herausforderungen. Dennoch ist es ärgerlich, wenn das Lesevergnügen durch unpassende Wortwahl getrübt wird. Dies ist bei der vorliegenden Arbeit leider häufig der Fall. Die Verwendung des Begriffes „Hauptbeschlüsse“ (S. 369) am Ende der Studie, womit aller Wahrscheinlichkeit nach die Kernthesen gemeint sind, ist zwar ein extremer Ausnahmefall. Insgesamt aber wirkt der Text an vielen Stellen hölzern. Ein besseres Lektorat wäre wünschenswert gewesen.

Trotz der generellen Kritik kommt Filipová das Verdienst zu, auf ein Thema aufmerksam gemacht zu haben, mit dem sich Historiker bislang nur am Rande beschäftigt haben. Sie bietet einen guten Überblick, eine hervorragende Analyse der verfügbaren statistischen Daten und weist (implizit) auf weitergehende Fragestellungen hin. Das transnationale Potential des Themas auszuschöpfen bleibt jedoch künftigen Studien vorbehalten.

Anmerkungen:
[1] Lucie Filipová, Francouzi a Němci na cestě ke sblížení. Partnerství měst a obcí (1950–2000), Prag 2013.
[2] Christian Wenkel, Auf der Suche nach einem „anderen Deutschland“. Das Verhältnis Frankreichs zur DDR im Spannungsfeld von Perzeption und Diplomatie, München 2014.
[3] Thomas Höpel, Die Kunst dem Volke. Städtische Kulturpolitik in Leipzig und Lyon 1945–1989, Leipzig 2011.

Zitation
Christian Rau: Rezension zu: : Erfüllte Hoffnung. Städtepartnerschaften als Instrument der deutsch-französischen Aussöhnung, 1950–2000. Göttingen  2015 , in: H-Soz-Kult, 11.08.2015, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24431>.
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Veröffentlicht am
11.08.2015
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