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Titel
Das Augustiner-Chorherrenstift St. Afra in Meißen (1205–1539).


Autor(en)
Mütze, Dirk Martin
Erschienen
Umfang
434 S.
Preis
€ 49,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Popp, Germania Sacra, Akademie der Wissenschaften zu Göttingen / Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen

Eine beachtliche Anzahl von laufenden und abgeschlossenen Dissertationen am Lehrstuhl für sächsische Landesgeschichte der Universität Leipzig widmet sich der Erforschung der kirchlichen Institutionen in den mittelalterlichen Bistümern Merseburg und Meißen. Bezieht man das hoffentlich bald erscheinende Sächsische Klosterbuch [1] mit ein, so ist in den letzten zwei Jahrzehnten ein erfreulicher Aufschwung der kirchengeschichtlichen Forschung im heutigen Bundesland Sachsen zu konstatieren. Auch die hier anzuzeigende Arbeit von Dirk Martin Mütze ist eine vom Leipziger Lehrstuhlinhaber Enno Bünz betreute Dissertation, die 2012/13 von der Universität Leipzig angenommen wurde und 2016 im Druck erschien.

Gewidmet ist die Arbeit dem Stift St. Afra in Meißen, das, sieht man vom 1278 an den Deutschen Orden übergegangenen Konvent in Zschillen/Wechselburg ab, das einzige Augustiner-Chorherrenstift im Bistum Meißen war. Aufgrund seiner Pfarrrechte in der Stadt – die Marienkirche am Markt war dem Stift unterstellt – und seiner Schule, die bereits im Jahr der Gründung eingerichtet wurde und deren Tradition im heutigen Sächsischen Landesgymnasium St. Afra weiterlebt, war das Stift für das geistliche und geistige Leben der Stadt Meißen und ihres Umlandes von großer Bedeutung.

Mütze behandelt alle wesentlichen Aspekte der Geschichte von St. Afra, angefangen von einer knappen Skizze der Baugeschichte über die Gründung des Stifts, die Verfassung und Struktur des Konvents, die Ökonomie, die äußeren Beziehungen, das geistige und geistliche Leben bis hin zur Auflösung nach der ersten evangelischen Visitation 1539. Im Anhang finden sich eine listenförmige Übersicht der zum Stift gehörenden Orte und Einkünfte und prosopographische Studien, insbesondere Kurzbiogramme des geistlichen Personals von St. Afra.

Die wichtigsten Quellen, insbesondere die urkundliche Überlieferung von Stadt und Stift Meißen, liegen im entsprechenden Band des Codex diplomaticus Saxoniae in gedruckter Form vor. Erhalten hat sich aus dem Stiftsarchiv ein bis ins frühe 16. Jahrhundert geführtes „Chartularium“, das Urkundenabschriften und eine Vielzahl anderer Einträge enthält, die zum Teil nur in gekürzter Form, zum Teil gar keinen Eingang in das Urkundenbuch gefunden haben. 74 dieser Urkunden und Texte hat Mütze im Anhang abgedruckt, darunter auch einige Urkunden der Bischöfe von Meißen. Viele dieser Dokumente sind für die Geschichte der Diözese und anderer kirchlicher Institutionen durchaus von Interesse, so dass diese Editionsleistung ausdrücklich zu würdigen ist.

Einen Schwerpunkt der Untersuchung legt Mütze auf die Gründungsgeschichte des Stifts, die in den Kontext weiterer Chorherrenstiftungen in den Nachbarbistümern Merseburg und Naumburg gestellt wird, wobei die Meißner Gründung die einzige bischöfliche Stiftung ist. Fünf Urkunden Bischof Dietrichs II. von Meißen aus dem Jahr 1205 sind überliefert, die über die Gründung und Ausstattung Auskunft geben, drei Stücke sind allerdings unecht. Detailliert rekonstruiert Mütze anhand der Quellen den Gründungsvorgang und die Motive der Stiftung, die nicht zuletzt auf Differenzen zwischen Bischof und Teilen seines Domkapitels beruhen. Mit der Gründung von St. Afra schuf sich der Meißner Bischof eine Institution, auf die er größeren Einfluss nehmen konnte und die auch in die Liturgie der Domkirche eingebunden war. Mit der Neustrukturierung der Parochie der bereits lange vor 1205 bestehenden Afra-Kirche und der Inkorporation der Marien-Kapelle am Markt wurde außerdem die geistliche Versorgung Meißens und etlicher benachbarter Dörfer neu geregelt.

Meißen war ein Zentralort, in dem der Markgraf, der königliche Burggraf und der Bischof ihren Sitz hatten. Daher überrascht der Befund Mützes, dass weder die wettinischen Markgrafen von Meißen in engeren Beziehungen zum Stift standen noch die Burggrafen, die zur Parochie von St. Afra gehörten, ihren Herrschaftsmittelpunkt aber dann nach Hartenstein verlegten. Die Geschicke des Stifts wurden vor allem vom Adel des Meißner Umlandes geprägt, der das Afra-Stift – ebenso wie viele Meißner Bürger – als Memorialstätte wählte. So ist beispielsweise die Familie von Schleinitz, die die Stiftskirche ab der Mitte des 14. Jahrhunderts auch als Begräbnisstätte wählte, mit über 30 Angehörigen im Anniversarienbuch der Augustiner-Chorherren verzeichnet.

Über die Schule lassen sich den Quellen nur wenige Informationen entlocken: Interessant ist die Konkurrenzsituation zur Domschule und die hier wie in vielen anderen Städten im 14. Jahrhundert zu konstatierenden Versuche des Rates, Einfluss auf die Geschicke der Schule und die Besetzung des Schulmeisteramtes zu nehmen. Auch das liturgische Leben kann mangels Überlieferung nur rudimentär beschrieben werden, immerhin vermag Mütze aus dem Anniversar den Festkalender zu rekonstruieren und 16 Altäre zu beschreiben, die im Laufe der Zeit neben dem Hauptaltar entstanden sind.

Das Buch ist in einer sachlichen und präzisen Sprache verfasst und kommt nahezu ohne Redundanzen aus. Auch der Anmerkungsapparat ist sorgfältig gearbeitet und knappgehalten. Nicht mehr eingearbeitet wurde die 2014 erschienene und beim selben Doktorvater erarbeitete Dissertation von Hermann Kinne zum Stift St. Petri in Bautzen, obwohl sie einige weiterführende Hinweise auf St. Afra bietet.[2]

Mit der vorliegenden Monographie zum Augustiner-Chorherrenstift St. Afra hat Dirk Martin Mütze eine wichtige kirchliche Institution von Stadt und Bistum Meißen wissenschaftlich umfassend aufgearbeitet; nicht zuletzt der prosopographische Anhang und die Edition bisher ungedruckter Urkunden und Texte aus dem Chartularium des Afrastiftes machen den Band zu einem wichtigen Hilfsmittel bei der weiteren Erforschung des Bistums Meißen und seiner Institutionen.

Anmerkungen:
[1]http://www.klosterbuch-sachsen.de/ (28.11.2017).
[2] Hermann Kinne, Das (exemte) Bistum Meißen 1: Das Kollegiatstift St. Petri zu Bautzen von der Gründung bis 1569 (Germania Sacra. Dritte Folge 7), Berlin 2014. Hier finden sich zum Beispiel Einzelheiten über das Agieren des Propstes von St. Afra, Nikolaus Questewitz (1469–1488), als beauftragter Richter des Breslauer Bischofs und des päpstlichen Legaten Rudolf von Rüdesheim (S. 759); außerdem der Hinweis auf einen Chorherrn Poppo von Köckritz (S. 908), der bei Mütze nicht genannt wird.

Zitation
Christian Popp: Rezension zu: : Das Augustiner-Chorherrenstift St. Afra in Meißen (1205–1539). Leipzig  2016 , in: H-Soz-Kult, 20.12.2017, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-26995>.