Cover
Titel
KINtop-Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films. Quellen und Perspektiven


Herausgeber
Kessler, Frank; Lenk, Sabine; Loiperdinger, Martin
Erschienen
Frankfurt am Main 2006: Stroemfeld Verlag
Anzahl Seiten
296 S.
Preis
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Peter Ellenbruch, Universität Duisburg-Essen

Bei den am (frühen) Kino Interessierten hat es sich bereits herumgesprochen, die Herausgeber widmen den ersten Abschnitt des Editorials dieser Tatsache und auch jede Rezension des KINtop-Bandes 14/15 muss wohl damit beginnen: Dies ist die letzte Ausgabe des KINtop-Jahrbuchs – nach fünfzehn Jahren wird die Reihe aus organisatorischen und finanziellen Gründen eingestellt. Dass dies einen großen Verlust für die wissenschaftliche Diskussion um die Frühgeschichte des Kinos darstellt, braucht kaum hervorgehoben zu werden, denn KINtop hat in jenen fünfzehn Jahren die Ausdifferenzierung dieses Forschungsfeldes begleitet und mit vorangetrieben. So liest sich der diesem Band angehängte Gesamtindex bezüglich der Autoren auch wie ein kleines Who-is-Who der Frühkinoforschung, bezüglich der Filmtitel wie eine Liste der dem Vergessen entrissenen Werke, die jenseits jeder stumpfen Kanonisierung Bausteine der Kinogeschichte sind. Sich nicht um die Kanonisierung zu kümmern, vielmehr entdecken und detailliert kontextualisieren zu wollen, macht die Qualität auch des letzten Jahrbuchs dieser Reihe aus.

Wie der Titel des Bandes bereits andeutet, liegen die Schwerpunkte auf zu erschließenden Quellen zur Erforschung des frühen Kinos und erweiterten Perspektiven auf die Zeit der Kinoanfänge. Zum ersten Komplex gehören Auswertungen von zunächst mehr oder weniger abwegig erscheinenden Schriftquellen, die aber alle für die Aufführungs- und Rezeptionsforschung fruchtbar gemacht werden. So hat Sabine Lenks Beitrag zum Düsseldorfer „Vergnügungskomplex Aderstraße 17-19“ Akten der lokalen Baubehörde zur Grundlage, um die Struktur und den Wandel der Aufführungsarten innerhalb des Etablissements zu charakterisieren, Martin Loiperdinger schließt Münchener Polizeiakten mit in seine Betrachtung ein, um der Zensur von „Biograph-Bilder[n] vom Burenkrieg“ auf die Spur zu kommen, und Yvonne Zimmermann analysiert gar einen Schulaufsatz von 1910, der „Maggis Wandervortragspraxis mit Lichtbildern“ behandelt. Hier wird deutlich, wie sehr man zur Verortung des frühen Kinos (und der parallel anzutreffenden Bildmedien) in sozialen Verflechtungen denken muss. Darüber hinaus wird durch solche Forschungsergebnisse auf Dauer gewährleistet, dass filmimmanente Analysen in einen angemessenen historischen Kontext gesetzt werden können.

Eine Gruppe weiterer Beiträge bearbeitet andere, Kino-nähere Quellen, deren Analysen weitere neue Aspekte zu Tage fördern. Die Zeitschriftenauswertung und Textanalyse gehört zu den traditionellen Forschungsmethoden der Kinogeschichte und Kinovorgeschichte. Mit Hilfe dieser Methode liefert Torsten Gärtner einen Einblick in die „Nutzung der Laterna magica in englischen Sonntagsschulen“, indem er den „Sunday School Chronicle“ systematisch betrachtet. Ähnlich widmet sich Bert Hogenkamp der niederländischen Gewerkschaftszeitung „De Lichtstraal“ und macht damit einen Schritt in den nahezu unerforschten Bereich der Gewerkschaftsarbeit in der Frühzeit des Kinos. Martina Roepke charakterisiert schließlich die Ernemannschen Filmkataloge als „Rezeptionsanleitungen“, wodurch der bürgerliche Hintergrund des Heimkinogeschäfts hervortritt und es als Gegenentwurf zum Jahrmarkskino erkennbar wird. Wenn auch nicht auf Texten sondern auf Abbildungen und Objekten basierend, gehören die Artikel von Cornelia Kemp und Ludwig Vogl-Bienek in die gleiche Kategorie der Quellenanalyse. Kemps Betrachtung eines Erinnerungsfotos („Kino im Rabinowlager“) macht die Geschichte der Frontkinos im Ersten Weltkrieg greifbarer, und Vogl-Bieneks Ausführungen zu einer „Szene der Phantasmagorie“ und zur „Box 8579“ liefern Detaileinblicke in das Gebiet der Projektionskunst.

Die inhaltlich spektakulärste Quellenauswertung von Non-Film-Material stellt allerdings „What the Papers say“ von Nico de Klerk dar. Diese erste Skizze zur Bestandsaufnahme der Aktenlage im Nachlass des Kinobetreibers Jean Desmet verspricht einen extrem detaillierten Einblick ins Kinogeschäft zwischen 1907 und 1918. De Klerk schlägt zur Erschließung eine Internetseite vor, da man nur mit Hilfe eines Hyperlinksystems die Informationsfülle der Desmet-Aktenbestände ordnen könne. Angesichts der Bedeutung der unterschiedlichen gesellschaftsreflexiven Perspektiven, die de Klerk andeutet, (Kino als Geschäft und als Zerstreuungsort, Akten als Zeugnisse der entstehenden Kommunikationsgesellschaft etc.), ist zu hoffen, dass ein solches Projekt bald realisiert werden kann. Lieferte die Erschließung des Filmnachlasses von Desmet schon eine unglaubliche Fülle von verloren geglaubten Schätzen, kündigt sich hier eine viel versprechende Fortsetzung bezüglich der Schriftquellen an.

Den zweiten Schwerpunkt des Bandes vertritt vor allem der Artikel von Janelle Blankenship. Verdeutlichen die Beiträge von Gärtner, Zimmermann und Lenk schon, dass man das Kino und andere Projektionstechniken/Bildmedien als historisch parallele Erscheinungen ansehen muss, und wagt Deac Rossell mit „The Public Exhibition of Moving Pictures before 1896“ eine neue, publikumsorientierte Neuordnung dieser Phase, geht Blankenship in ihrem Beitrag „’Leuchte der Kultur’ – Imperialism, Imaginary Travel and the Skladanowsky Welt-Theater“ historiografisch einen wichtigen Schritt weiter. Der Vorschlag, den bisher international oft verwendeten Begriff „pre-cinema“, der eine Mediengeschichte der Verdrängung und Aufhebung nahe legt, zu relativieren und hier durch „late magic“ beziehungsweise „’late magic’ modernity“ zu ersetzen, ist (medien)historisch von nicht zu unterschätzender Reichweite – und für einige Zusammenhänge wesentlich präziser als die bisherigen Terminologien. Erst diese Einteilung setzt die Skladanowskys in einen historisch schlüssigeren Kontext, stellt ihre Motivationen heraus und macht die Analysen zum national-politischen Hintergrund ihrer Schaustellerpraxis umso bestechender.

Neue Forschungsmethoden und neue Reflexionen bezüglich des frühen Kinos und der heutigen Kulturlandschaft stellen immer auch Perspektiverweiterungen dar. In diesem Bereich stellen Joseph Garncarz und Michael Ross „Die Siegener Datenbanken zum frühen Kino in Deutschland“ vor, ein Online-Projekt, dessen Stellenwert man im Printbereich wohl mit der Bezeichnung „Standardwerk“ kennzeichnen würde. Frank Kessler widmet sich dem „’Fake’ in Early Non-Fiction“ und beweist damit einmal mehr, dass man mit der Verwendung aktueller Begrifflichkeiten bezüglich des frühen Kinos vorsichtig umzugehen hat. Außerdem steuert Martin Loiperdinger eine Einzelanalyse zum 1913er Henny-Porten-Film „Des Pfarrers Töchterlein“ bei, und Matthew Solomon berichtet von der Domitor-Konferenz 2006, auf der sich die internationale Gesellschaft zur Erforschung des frühen Kinos dem Thema „The ‚National’/‚Nation’ and Early Cinema“ widmete. Hervorzuheben ist unter den Reflexionen zum heutigen Umgang mit altem Film allerdings Eric de Kuypers Beitrag „Der Stummfilm der ersten Jahrzehnte – Studiengegenstand oder Schauobjekt?“, denn de Kuyper legt überzeugend dar, wie der frühe Film als lebendige Filmkultur mit historischer Perspektive präsentiert werden kann. Seine Berichte von Vorführungen mit mehrfacher Historisierungsreflexion – sowohl des Films als auch der Musik und des Ortes – belegen, dass Stummfilmvorführungen mit Filmen der 1910er-Jahre jenseits von Nostalgieveranstaltungen stattfinden und in die aktuelle Geschichtskultur eingebunden werden können sowie vom Publikum durchaus als (Film)Entdeckungen wahrgenommen werden. De Kuypers Ausführungen beziehen Aspekte aktueller Eventkultur ebenso mit ein wie Probleme der Kanonisierung der Filmgeschichte. Umso überzeugender fällt seine Methode aus, mit der das frühe Kino auch im 21. Jahrhundert publikumswirksam zum Leben zu erweckt werden kann. Tatsächlich zum Leben erweckt wird schließlich ein kurzes Filmfragment, das von Mariann Lewinsky in „Addio, KINtop“ vorgestellt wird, und das als Daumenkino den Band begleitet.

Insgesamt zeigt auch die letzte KINtop-Ausgabe, dass die Erforschung des frühen Films und Kinos in vollem Gange ist – und ein Ende der Arbeit ist nicht in Sicht. Dass die Jahrbuchreihe nicht mehr weiter geführt wird, fügt sich leider nahtlos in die Beobachtungen, dass trotz der erfolgreichen und mittlerweile weltweit etablierten Forschungstätigkeiten zum frühen Film, die Relevanz dieser Forschung von vielen akademischen und nicht-akademischen Mittelverteilern nicht richtig eingeschätzt wird. Gerade die vielen Analysen in KINtop zeigen, wie wichtig die Beachtung der soziokulturellen Zusammenhänge bei der (historischen) Beurteilung einer Medienlandschaft ist. Von diesem Vorgehen können auch die an der aktuellen Situation forschenden Medienwissenschaftler in zweifacher Weise lernen. Erstens methodologisch, da die in der frühen Filmforschung durchaus übliche, ganzheitliche Kontextbetrachtung in der aktuellen Film- und Medienbetrachtung nicht selbstverständlich ist und zweitens historisch, da die Ergebnisse der frühen Filmforschung immer eine Basis zur Einschätzung der Genese der Mediengesellschaft darstellen.

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