Titel
Armut. Perspektiven in Kunst und Gesellschaft


Herausgeber
Uerlings, Herbert; Trauth, Nina; Clemens, Lukas
Erschienen
Darmstadt 2011: Primus Verlag
Anzahl Seiten
448 S., 350 farb. Abb.
Preis
€ 49,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Monika Mattes, Deutsches Institut für Internationale Pädagogische Forschung (DIPF) Berlin

Armut ist nicht nur in der Gegenwartsgesellschaft seit Jahren ein hochpräsentes Thema, sondern hat eine lange Geschichte, deren thematische und visuelle Facetten der hier zu besprechende Sammelband anschaulich aufzeigt. Es handelt sich um den Begleitband zur gleichnamigen Ausstellung, die der Sonderforschungsbereich (SFB) 600 „Fremdheit und Armut“ der Universität Trier in Kooperation mit dem Stadtmuseum Simeonstift Trier und dem Rheinischen Landesmuseum Trier im Jahr 2011 realisierte. Um es gleich vorwegzunehmen: dieser auch unabhängig von der Ausstellung mit Gewinn zu lesende und zu betrachtende Band bietet historischen Fachwissenschaftlerinnen und Fachwissenschaftlern wie interessierten Leserinnen und Lesern einen exzellenten Einstieg in die kulturwissenschaftliche und historische Armutsforschung. In über 60 Beiträgen wird Armut aus historischer, kunsthistorischer, juristischer, medienwissenschaftlicher und germanistischer Perspektive beleuchtet und zugleich die beeindruckende Forschungsbilanz der langjährigen interdisziplinären Arbeit des SFB 600 (2002–2012) einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

Intention der Herausgeber war es, so Herbert Uerlings, „Perspektivität zum Erkenntnis- und Darstellungsprinzip“ (S. 21) zu machen und durch unterschiedliche Textsorten den „Bedürfnissen selektiver Leser“ (S. 21) entgegenzukommen. Der Band gliedert sich nach einer doppelten Einleitung von Herbert Uerlings und Lutz Raphael zum konzeptionellen und historischen Zugriff in vier Rubriken. Im ersten, als „Schlüsselbegriffe“ rubrizierten Teil, bieten einführende, begrifflich immer wieder aufeinander verweisende Kurztexte zu einzelnen thematischen Aspekten in kondensierter Form Einblick in die Forschungsdiskussion. Eine zweite Rubrik bietet Überblicksessays zu weltanschaulichen Konzepten und herrschaftlichen Ordnungsmustern, die in einer Perspektive der langen Dauer die unterschiedlichen Armutspolitiken der mittelalterlichen Stadt, der frühzeitlichen Territorien und Städte, des liberalen Staates und des Wohlfahrtstaates behandeln. Der dritte Teil umfasst Fallstudien zu Armut und Repräsentation, die sich zum einen auf das Medium Bild (mittelalterliche Fresken, viktorianische Projektionskunst, sozialdokumentarische Fotografie und Polizeifotografie, Spendenwerbung und Gegenwartskunst), zum anderen auf unterschiedliche Gruppen von Armen und deren Repräsentation konzentrieren. Schließlich werden im Katalogteil die Exponate erläutert sowie die Struktur der Ausstellung selbst, die über Perspektiven wie Dokumentation, Appell, Ideal, Stigma und Reform auf das Thema Armut zugreift. Im Anhang findet sich eine ausführliche Bibliografie.

Die Beiträge, die hier nicht im Einzelnen resümiert werden, gehen von der Annahme aus, dass in den europäischen, insbesondere den mediterranen Gesellschaften über den Umgang mit Armut und Armen sowie den damit verbundenen Normen und Praktiken von Solidarität und Abwehr Aufschluss über das Selbstverständnis dieser Gesellschaften zu gewinnen ist. Herbert Uerlings erläutert das den Sozialwissenschaften entlehnte analytische Begriffspaar Inklusion/Exklusion, das Zusammenhänge zwischen unterschiedlichen Praktiken und Semantiken der Einschließung und Ausschließung von Gruppen oder Individuen in bzw. aus größeren sozialen, religiösen, politischen und kulturellen Einheiten erhellen soll. Das Konzept scheint weit genug, um diachron und nicht-normativ der Frage nachzugehen, wie „Armut als Grenzsituation sozialer, politischer und religiöser Zugehörigkeit seit der Antike konstituiert worden ist“ (S. 14). Für den diachronen Ansatz werden vor allem die soziologischen Arbeiten fruchtbar gemacht, die im Anschluss an Georg Simmel Armut als ein gesellschaftliches Unterstützungsverhältnis fassen, bei dem die Gesellschaft durch kontrollierende Fürsorge den Armen gegenübertritt.1 Insbesondere ermöglicht der analytische Zugriff über Inklusion/Exklusion das Armutsthema mit „Fremdheit“, dem zweiten Thema des Trierer SFB, zu verklammern.

In seinem historischen Überblick zeigt Lutz Raphael, wie die Frage nach Teilhabe und Ausschluss als roter Faden dienen kann, den gesellschaftlichen Umgang mit Armut und Armen insbesondere in Zeiten des Mangels und knapper Ressourcen besser zu verstehen. Er sieht in den sozialen, kulturellen und politischen Gestaltungsformen, die von Nachbarn, Gemeinden, Herrschaftsverbänden und Gesellschaften zur Unterstützung von Armen entwickelt worden sind und die Armut als soziale Beziehung konstituieren, „eine Art ‚Lackmustest’ (…), der sichere Einblicke in die Tiefenstrukturen und das Selbstverständnis von Gesellschaften ermöglicht“ (S. 23). Während es in der griechisch-römischen Antike keine öffentlich Verpflichtung zur Hilfe Armer gab und Klientelbeziehungen zu Wohlhabenden und Bürgerrecht über die Unterstützung von Armen entschieden, wurden mit Ausbreitung des Christentums die Gabe und das Almosen zu einem religiösen Akt zur Errettung des eigenen Seelenheils, mit dem sich auch die Stellung der Armen neu ausformte. Das sich im Mittelalter ausbreitende christliche Fürsorgemodell, das die praktische Armenunterstützung kirchlichen Amtsträgern wie Bischöfen und Klöstern überantwortete, enthielt bereits die Unterscheidung zwischen starken und schwachen Armen, die bis in die Gegenwart „falsche“, vermeintlich vorgetäuschte von „echter“, berechtigter Bedürftigkeit abgrenzt. Die Armenpflege, seit dem 15. Jahrhundert immer stärker Angelegenheit der Kommunen, war mit der zunehmenden Zahl mobiler bedürftiger Gruppen im 16. und 17. Jahrhundert durch obrigkeitliche Intervention, Abwehr und arbeitserzieherische Bemühungen gekennzeichnet. Mit dem Wandel der politischen Herrschaftsformen und gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen wandelte sich auch die Stellung der Armen in europäischen Gesellschaften vom kontrollierenden ständischen Fürsorgesystem zu Regelungen von Ansprüchen auf öffentliche Unterstützung, die nun an Staatsbürgerschaft gebunden waren. Im Zeitalter von Nationalstaat und Hochindustrialisierung prägten Liberalismus, katholische Soziallehre und Sozialismus unterschiedliche Bilder und Programme der Armutsbekämpfung. Raphael unterstreicht die ambivalente Rolle der sozialwissenschaftlichen Armutsforschung, deren Anfänge in die Jahre der Einführung der ersten Sozialversicherungsgesetze zurückreichten: einerseits wurden mittels neuer Statistiken und empirischer Erhebungen die gesellschaftlichen Ursachen von Armut deutlich, andererseits „entwickelten die Sozialexperten neue individuelle Erklärungsansätze für Armut“ (S. 30), die eugenische Deutungsmuster eng mit Verwissenschaftlichungs- und Professionalisierungsprozessen verbanden.

Die Überblickstexte wie auch die thematisch in die Tiefe gehenden Einzelbeiträge zeugen von solider Rezeption und Weiterentwicklung der bisherigen interdisziplinären Armutsforschung. Hatte sich die Soziologie der Bundesrepublik im Unterschied zu England, den USA und Frankreich lange auf gesellschaftliche „Mittellagen“ konzentriert und erst in den 1980er-Jahren unter dem Eindruck von Massenarbeitslosigkeit und der „Entstandardisierung“ von Familienformen der „neuen Armut“ zugewandt, setzte die breitere Beschäftigung in der Geschichtswissenschaft noch später ein.2 Abgesehen von einigen Redundanzen, die durch die verknüpfende Darstellung bedingt sind, lässt sich kaum Kritik anbringen. Allenfalls wäre einzuwenden, dass der forschende Blick auf Armut streckenweise geschlechtsblind erscheint. Während der Katalog der Armut von Kindern einen eigenen Schlüsseltext widmet, bleibt die Darstellung von Frauenarmut unterkomplex, da sie lediglich unter traditionellen Armutslagen subsummiert wird. Hier wäre ein paar Bemerkungen darüber wünschenswert gewesen, wie der Wohlfahrtsstaat Armut nicht nur bekämpft, sondern diese auch selbst erzeugt, indem er den Zugang zu sozialen Rechten selektiv regelt, soziale Sicherung an (männliche) Erwerbsarbeit bindet und traditionelle Geschlechterrollen in der Familie stützt. Ungeachtet dieses Kritikpunkts bietet der Katalog eine auch gestalterisch sehr gelungene Mischung aus Texten unterschiedlicher Länge und analytischer Dichte sowie aus Objektabbildungen, die die besondere „Macht der Bilder“ in der gesellschaftlichen Verhandlung der Armutsfrage veranschaulichen. Damit lädt er auf jeden Fall zum Durchblättern, Quer- und Festlesen ein.

Anmerkungen:
1 Vgl. u.a. Georg Simmel, Der Arme, in: Ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung, Gesamtausgabe Bd. 11, Frankfurt am Main 1992, S. 512–555; Serge Paugam, Die elementaren Formen der Armut, Hamburg 2008 (franz. Original: Les formes élémentaires de la pauvreté, Paris 2005), S. 52ff.; vgl. die Rezension von Christian Grieshaber in H-Soz-u-Kult <http://www.hsozkult.de/hfn/publicationreview/id/rezbuecher-10847> (14.11.2014).
2 Vgl. u.a. Stephan Leibfried / Lutz Leisering (Hrsg.), Zeit der Armut: Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt am Main 1995.; zum frühen Referenzwerk für die Ambivalenz moderner Armenfürsorge zwischen Disziplinierung und Emanzipation dienen hier die Studien von Christoph Sachße / Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 1, Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, Stuttgart 1980; Bd. 2, Fürsorge und Wohlfahrtspflege 1871 bis 1929, Stuttgart 1988; Bd. 3, Der Wohlfahrtsstaat im Nationalsozialismus, Berlin 1992.

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