Titel
Libya. The Rise and Fall of Qaddafi


Autor(en)
Pargeter, Alison
Erschienen
Anzahl Seiten
304 S.
Preis
€ 23,64
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Jakob Krais, Freie Universität Berlin

In Gedenken an Christoph Schumann, der mich als Mentor stets unterstützt hat.

Seit Februar 2011 ist Libyen regelmäßig in den Medien präsent. Es ist erfreulich, wenn das nicht nur dazu führt, dass bereits bestehende Werke zur libyschen Zeitgeschichte auf den neuesten Stand gebracht werden, sondern auch neue Studien zum Thema erscheinen. Eine solche stellt Alison Pargeters Darstellung Libya. The Rise and Fall of Qaddafi dar. Die Autorin, die unter anderem in Cambridge gelehrt hat, arbeitet heute als politische Analystin bei Menas Associates. Sie hat schon verschiedentlich zu Libyen publiziert, der Schwerpunkt ihrer Forschung lag aber bisher im Bereich politischer Islam.1

Pargeters neues Buch befasst sich mit der politischen Geschichte Libyens, wobei der Schwerpunkt auf der Zeit vom Putsch Mu’ammar al-Qaḏḏāfīs, der so genannten Septemberrevolution von 1969, bis zur jüngsten Revolution von 2011 und ihren unmittelbaren Folgen liegt – es werden Entwicklungen bis Anfang 2012 abgedeckt. Die libysche Geschichte von der Antike bis zur Unabhängigkeit von der italienischen Kolonialherrschaft wird im ersten Kapitel knapp als Vorgeschichte des eigentlichen Themas abgehandelt, während die monarchische Ära zwischen 1951 und 1969 etwas ausführlicher in einem eigenen Kapitel dargestellt wird. Die Entwicklungen unter König Idrīs as-Sanūsī behandelt die Autorin – wie die Überschrift „Ripe for Revolution“ (S. 35) suggeriert – freilich immer noch eher als Vorspiel zur Machtübernahme Qaḏḏāfīs, was auch daran deutlich wird, dass sich ein Abschnitt des Kapitels eigens mit den Putschvorbereitungen der jungen Offiziere beschäftigt. Die folgenden fünf Kapitel befassen sich dann mit der Herrschaft Qaḏḏāfīs: Nach einander werden der Aufbau des revolutionären Staates nach 1969, die Errichtung des Regierungssystems der ǧamāhīriyya und die so genannte Volksrevolution ab 1977 sowie Qaḏḏāfīs Außenpolitik bis zum US-Angriff von 1986 betrachtet. Danach geht es um die Krise seit dem Tschadkrieg und dem Sanktionsregime der Neunzigerjahre sowie um die Reformansätze und die Annäherung Libyens an den Westen, die die Jahre zwischen ungefähr 1998 und 2011 kennzeichneten. Das letzte Kapitel behandelt schließlich relativ ausführlich den Aufstand, der zum Sturz Qaḏḏāfīs führte. Übersichtliche Anmerkungen bieten ausreichende Nachweise zu Quellen und Literatur in englischer und arabischer Sprache.2 Eine etwa dreiseitige Bibliographie und ein Orts- und Namensregister machen Pargeters Werk durchaus leserfreundlich. Dazu kommen Tafeln mit 13 Schwarzweißabbildungen, auf die im Text allerdings nicht verwiesen wird.

Auf gut 250 Seiten Text wird der Leserin ein ordentlicher Überblick über die vier Jahrzehnte dauernde Diktatur Qaḏḏāfīs und deren Untergang geboten. Die Autorin bemüht sich durchgehend um Verständlichkeit und Anschaulichkeit. Obwohl es ausdrücklich positiv hervorzuheben ist, dass die Darstellung einerseits wissenschaftlichen Standards genügt, andererseits aber auch für interessierte Laien durchaus verständlich sein dürfte, setzen hier ebenso die Hauptkritikpunkte an.

Zunächst muss man feststellen, dass Pargeters neues Buch zwar mehr bietet als viele eher oberflächliche Qaḏḏāfī-Biographien,3 aber praktisch keine neuen Erkenntnisse gegenüber den jüngeren Darstellungen von Dirk Vandewalle und Ronald Bruce St John liefert.4 Zudem scheinen zwei Kapitelüberschriften fast wörtlich von Vandewalle übernommen zu sein. St Johns Gesamtdarstellung findet sich dagegen nicht einmal im Literaturverzeichnis. Einzig die von Saif al-Islām al-Qaḏḏāfī vorangetriebenen Reformansätze seit ungefähr 2000 behandelt Pargeter etwas ausführlicher.5

Ein weiterer Punkt bezieht sich auf die Umschrift aus dem Arabischen: Selbstverständlich ist es auch für wissenschaftliche Werke ausreichend und üblich, eine vereinfachte Transkription ohne Sonderzeichen zu verwenden, bei Pargeter stößt man allerdings auf vollkommen uneinheitliche und willkürlich erscheinende Schreibweisen, was arabische Namen und Begriffe angeht. Sind die meisten davon nur missverständlich, so sind das durchgängig auftauchende „Qu’ran“ (z. B. S. 54) für „Qur’ān“ oder „Allah u’akhbar“ (S. 244) anstelle von „Allāhu akbar“ schlicht fehlerhaft.

Außerdem schlägt die anschauliche Erzählweise der Autorin zu oft ins Anekdotenhafte um. Man kann sich schon im zweiten Kapitel fragen, ob es wirklich notwendig ist, ausführlicher über die Details der gescheiterten Umsturzversuche der Offiziere um Qaḏḏāfī unterrichtet zu werden als über die politische Situation unter König Idrīs. Es scheint, also ob Pargeter sich hier mehr für die spannende Beschreibung einzelner Episoden über die Militärs im Untergrund interessieren würde, als für eine politische und sozioökonomische Analyse der Sanūsī-Monarchie, die eigentlich unerlässlich sein sollte, will man die Ursachen des Putsches von 1969 verstehen. Geradezu absurd anekdotisch wird es bisweilen bei der Behandlung von Qaḏḏāfīs Herrschaft, die auch auf dessen Person fixiert bleibt. So erfährt man beispielsweise, dass der Revolutionsführer bei einem Besuch in Moskau lieber in der geschlossenen Großen Moschee beten wollte, als einen Kranz im Lenin-Mausoleum niederzulegen, und erbost war, dass bei einem Empfang Wodka serviert werden sollte, oder dass sein Sohn Saif al-Islām so gern mit seinen beiden Tigern spielte, dass er diese während seines Studiums in Österreich im Wiener Zoo unterbrachte. Einige solcher Episoden sind sicherlich unterhaltsam und auch nicht unwichtig für das Verständnis eines Regimes, das ja tatsächlich auf einen Mann und seine Familie zugeschnitten war. Außerdem wird niemand bestreiten wollen, dass Qaḏḏāfī exzentrisch bis zur Lächerlichkeit und unberechenbar bis an die Grenze der Psychopathie erschien. Trotzdem: Erklärt man eine über vierzig Jahre bestehende Diktatur wirklich am besten durch eine Aneinanderreihung skurriler Episoden?

Die Autorin zitiert einen Kritiker der amerikanischen Libyen-Politik unter Präsident Reagan, der bemängelte, wie Qaḏḏāfī in den USA dargestellt wurde: „The despicable Qaddafi was a perfect target, a cartoon character Americans loved to hate ...“ (S. 139) Eben einen solchen „cartoon character“ präsentiert auch Pargeter der Leserin, die so mal schmunzelt und mal den Kopf schüttelt, aber kaum einen Einblick erhält, was die Qaḏḏāfī-Herrschaft für die meisten Libyer bedeutete. Auch ist unklar, wieso wir unbedingt erfahren müssen, wie Saif al-Islām sich an die amerikanischen Luftangriffe von 1986 erinnert hat, obwohl sich an mehreren Stellen im Text Hinweise auf den Propagandacharakter der Erinnerungen Qaḏḏāfīs und seiner Familie finden. Falls die Autorin einen lebhafteren Eindruck von den Ereignissen jenseits von trockener politischer Analyse geben wollte, wäre es spannender gewesen, normale Libyer stärker zu Wort kommen zu lassen. Immerhin verweist Pargeter in der Einleitung auf ihre Bekanntschaft mit Land und Leuten und auf die zahlreichen Interviews und Gespräche, die sie geführt habe.

In der Konklusion schreibt Pargeter über Qaḏḏāfī: „He was also a man who managed to make four decades of Libya’s history read like his own biography.“ (S. 256) Genau hierin besteht ein weiteres Problem: Man hat den Eindruck, als habe sie sich nicht entscheiden können, ob sie nun eine Qaḏḏāfī-Biographie oder eine Darstellung zur libyschen Zeitgeschichte schreiben wolle – schon der Titel verdeutlicht diese Ambivalenz. Es ist unbestritten, dass beides auf das Engste verbunden ist; bei Pargeter kontrastiert jedoch die rein anekdotenhafte Fixierung auf den Revolutionsführer in einigen Kapiteln mit der umfassenderen Darstellung politischer Entwicklungen in anderen. Man hätte sich auch bei der Behandlung des Qaḏḏāfī-Systems von der Machtübernahme bis zum Aufstieg Saif al-Islāms eine tiefer gehende strukturelle Analyse gewünscht, die politische und wirtschaftliche Aspekte jenseits der schillernden Persönlichkeit des Staatschefs einbezogen hätte.6 Ärgerlich wird diese Personalisierung, wenn Entscheidungen Qaḏḏāfīs mit plattem Kulturalismus dadurch erklärt werden, er sei eben ein „proud Bedouin of the desert“ (S. 235) gewesen.

Insgesamt stellt Pargeters Libya einen akzeptablen ersten Überblick über Qaḏḏāfīs Libyen dar, bleibt aber doch deutlich hinter den anderen erwähnten Werken zum Thema zurück.

Anmerkungen:
1 Vgl. etwa Alison Pargeter, The Muslim Brotherhood. From Opposition to Power, London 2013 (1. Aufl. 2010).
2 Wohl mangels Sprachkenntnissen fehlen in der Bibliographie die neueren italienischen Arbeiten zum Thema: Massimiliano Cricco / Federico Cresti, Gheddafi, I volti del potere, Rom 2011; Federico Cresti / Massimiliano Cricco, Storia della Libia contemporanea. Dal dominio ottomano alla morte di Gheddafi, Rom 2012.
3 Vgl. etwa Hassan Sadek, Gaddafi, Kreuzlingen 2005.
4 Vgl. Dirk Vandewalle, Libya since Independence. Oil and State-Building, Ithaca (NY) 1998; Dirk Vandewalle, A History of Modern Libya, New York 2012 (1. Aufl. 2006); Ronald Bruce St John, Libya. From Colony to Revolution, Oxford 2012 (1. Aufl. 2008); auch Dirk Vandewalle (Hrsg.), Libya since 1969. Qadhafi’s Revolution Revisited, New York 2008.
5 Vgl. hierzu jedoch Moncef Djaziri, Dynastisierung der Macht und politische Erbschaft. Zur Entwicklung des politischen Systems in Libyen, in: Hartmut Fähndrich (Hrsg.), Vererbte Macht. Monarchien und Dynastien in der arabischen Welt, Frankfurt 2005, S. 111–121; Angelo Del Boca, Gheddafi. Una sfida dal deserto, Rom 2010 (1. Aufl. 1998), S. 323–334.
6 Für eine solche Analyse vgl. etwa Mansour O. El-Kikhia, Libya’s Qaddafi. The Politics of Contradiction, Gainesville (FL) 1997.

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