Titel
Silence was Salvation. Child Survivors of Stalin's Terror and World War II in the Soviet Union


Autor(en)
Frierson, Cathy A.
Reihe
Annals of Communism
Erschienen
Anzahl Seiten
267 S.
Preis
€ 63,58
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kerstin Bischl, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Oral History, das mündliche Erfragen und Weitergeben von Geschichte, war und ist seit den Perestroika-Jahren ein wichtiges Instrument einer Gegengeschichte zu staatlich vermittelten sowjetischen und russischen Geschichtsbildern: Durch die Erzählungen derjenigen, die die Repressionen des sowjetischen Staates erlebten, soll den ‚blinden Flecken‘ der offiziellen Geschichte etwas entgegengesetzt und den Opfern die Deutungshoheit wiedergegeben werden.

Cathy A. Friersons Buch hingegen fokussiert das Schweigen derjenigen, die repressiert wurden: Unter dem Titel und der These „Silence was Salvation“ versammelt sie zehn in den Jahren 2005 bis 2007 geführte Interviews mit Menschen, deren Eltern in den 1930er-Jahren Opfer von Repressionen wurden. Ihr Buch ist also, auch wenn es aus Titel und Untertitel nicht hervorgeht, in erster Linie eine Quellensammlung mit Fokus auf diese „Überlebenden“ des stalinistischen Terrors. (Es beschäftigt sich weniger mit der sehr großen Gruppe der Überlebenden des Zweiten Weltkrieges, wie der Untertitel suggeriert).

Diese Interviews belegten, so die Autorin (oder besser: Herausgeberin) in der Einleitung, dass die Kinder repressierter Sowjetbürger/innen ihr Überleben in der Sowjetunion nicht zuletzt dadurch sichergestellt hätten, dass sie über das Schicksal der Eltern – somit auch das eigene – schwiegen. Erst später, als Erwachsene, hätten sie begonnen, mit anderen Überlebenden zu sprechen (S. 7). Frierson kommt damit zu einem ähnlichen Schluss wie Orlando Figes: Er hat dargelegt, dass die Stalinzeit eine Phase war, in der Sowjetbürger/innen zu „Flüsterern“ wurden, um nicht in den Fokus der willkürlichen Repressionsmaßnahmen zu geraten.1

Umso spannender ist daher die Frage, in welchem Verhältnis das Schweigen in den Sowjetjahren zum späteren Reden als hochbetagte Erwachsene steht. Was bedeutet es sowohl für die persönliche Erinnerung als auch für eine Theorie der Erinnerung, die bisher immer einen kommunikativen oder kulturellen Austausch voraussetzte, wenn beides lange Jahre nicht gegeben war? Mit mancher Referenz im Rücken macht es sich Frierson sehr einfach: In den methodologischen Ausführungen ihrer Einleitung führt sie aus, dass die traumatischen Erinnerungen nahezu unversehrt geblieben seien. Die Interviewpartner/innen würden im Interview „move away from historical or public memory toward more intimate, affective domains of memory.“ Und „the more intense the emotions infusing the original event, the more likely the individuals are to recall it accurately and vividly.” (S. 8f.) Gespräche mit anderen Überlebenden, Diskurse teilweise seit der Tauwetterperiode sowie zivilgesellschaftliches Engagement seit der Perestroika hätten daran nichts geändert. Autor/innen oder Studien, die Argumente gegen ein solches Postulat der authentischen Erinnerung vorbringen, lässt Frierson unerwähnt.2 Nichtsdestoweniger seien die Interviews, so Frierson, „most trustworthy as evidence of how these survivors of childhood trauma remembered episodes of their lives” (S. 15, Hervorhebungen im Original).

Damit ist die eigentlich wesentlichere Frage benannt, jedoch lässt Frierson ihre Leser/innen mit deren Beantwortung allein: Die Interview-Transkripte bleiben weitestgehend unkommentiert und Verweise auf den emotionalen Zustand der Interviewpartner/innen im Interview sind eher spärlich. Auch in den einleitenden Kommentaren zu den einzelnen Transkripten verweist Frierson nur punktuell auf diese oder jene Besonderheit der erzählten Erinnerung – zum Beispiel darauf, dass sich die Erinnerung an die Einsamkeit aufgrund der Repression mit der Erinnerung an den zeitgleichen Hunger überlappte (Interview mit Tamara Morozova), oder dass die Interviewten trotz des erfahrenen Leids weiter sowjetischen Werten anhingen (Interview mit Andrej Vorobev).

Für sich genommen sind die Interviews von Interesse: Auf zehn bis 35 Seiten erzählen die inzwischen hochbetagten Repressionsopfer der zweiten Generation ihr Leben. Manche von ihnen wurden zusammen mit den Eltern deportiert, einige verloren die Eltern und wurden von Verwandten oder Freunden der Familie aufgenommen und wieder andere wurden zur Adoption freigegeben und erfuhren erst später von ihrer ‚eigentlichen‘ Herkunft. Eine große Rolle spielen in den Interviews die eigenen Überlebensstrategien sowie diejenigen Verwandten und Freunde, die sich trotz des Stigmas, das die Befragten von nun an trugen, ihrer annahmen.

Die Repression der Eltern und die Konsequenzen sind aber nicht das einzige Thema in den Berichten, auch wenn sie zweifelsohne prägend waren. Die Familiengeschichte bis zu den einschneidenden Erlebnissen kann ebenso ausführlich erzählt werden wie das Pilzesammeln im sowjetischen Wald. Vielfach kreisen die Berichte um das sehr harte Leben in der (Nachkriegs-)Sowjetunion und die weiteren Entwicklungen, wie die angebliche Ärzte-Verschwörung, die Stalin zum Anlass nahm, Maßnahmen gegen sowjetische Juden und Jüdinnen zu initiieren, oder die Geheimrede und das Tauwetter Chruschtschows. Manche Interviewte wie zum Beispiel Inna Aronova Šicheeva Gaister haben ihre Erinnerungen längst veröffentlicht, andere haben sich über Organisationen wie Memorial organisiert.

Wie Frierson selbst schreibt, ist die Auswahl ihrer Interviewpartner/innen nicht repräsentativ: Bereits die Tatsache, dass sie alle überlebten, mache sie besonders, dazu kommen ihre Herkunft aus dem europäischen Teil der Sowjetunion und ihre psychologische Stabilität (S. 19f.). Eine wie auch immer geartete Repräsentativität einzufordern, wäre angesichts der geringen Anzahl an versammelten Interviews und der weitläufigen Repressionen in den 1930er-Jahren sowie dem langen zeitlichen Abstand zu den Ereignissen auch müßig, und die Auswahl ist Frierson daher nicht anzulasten.

Problematisch ist vielmehr, dass Frierson sich offenbar zu sehr auf den moralischen Gehalt ihrer Publikation verlässt: Ihre Einleitung steht und fällt mit dem Postulat, dass es synonym ist, die Repression zu überleben und darüber zu reden: „Ich überlebte. Ich spreche“ (so die Überschrift der Einleitung). Frierson scheint ihren Teil zu diesem „späten Sieg“ über den Stalinismus beitragen zu wollen, indem sie diese Geschichten versammelt und sie jenseits des Zweifels ansiedelt. Doch mit dieser Ehrbezeugung und der ausbleibenden Interpretation vergibt Frierson eine geschichtswissenschaftliche Chance.

Im Sinne ihrer Forschungsfrage und These wäre es zielführender gewesen, in Bezug auf die Erinnerungen und das aufkommende Sprechen genauer nachzufragen und zu fokussieren. Ausgangspunkte dafür gibt es genügend: Manche der Erzählenden verweisen sehr wohl darauf, dass sie sich mit Vertrauten darüber berieten, wie mit der Geschichte der Eltern am besten umzugehen sei, bei manchen deutet sich an, dass die Lebenshärten, die sie durchstehen mussten, nicht allein auf der Repression der Eltern beruhten, sondern unionsweit vorlagen oder sich an anderen Zuschreibungen festmachten. Es wäre interessant gewesen, mehr darüber zu erfahren, wie die Erzählenden zum Reden kamen und wie die unterschiedlichen Leidensgruppen in der Sowjetunion miteinander umgingen. Manche der Interviewpartner scheinen sich zudem über ihre Arbeit für Memorial zu kennen. Daran schließt sich die Frage an, welchen Einfluss derlei Erinnerungsgemeinschaften hatten und wie genau sich deren Mitglieder gegenseitig beeinflussten.

Alle diese Fragen bleiben unbeantwortet – leider und unnötigerweise. Denn gerade weil sich Frierson als eine der ersten dem Forschungsdesiderat der „Kinder des Gulags“3 widmet und Interviews in einer sehr intimen Atmosphäre zu führen vermochte, wäre eine weitergehende Interpretation dieser wünschenswert gewesen. Diese unterbleibt aber nicht zuletzt aufgrund der problematischen These einer „authentischen Erinnerung“.

Anmerkungen:
1 Orlando Figes, The Whisperers. Private life in Stalin's Russia, London 2007.
2 Zum Beispiel: Harald Welzer, Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2005.
3 Cathy A. Frierson / Semyon S. Vilensky, Children of the Gulag, New Haven 2010.

Redaktion
Veröffentlicht am
Beiträger
Redaktionell betreut durch