M. König u.a.: WBG Deutsch-Französische Geschichte Bd. VII

Titel
WBG Deutsch-Französische Geschichte Bd. VII. Verfeindung und Verflechtung. Deutschland und Frankreich 1870–1918


Autor(en)
König, Mareike; Julien, Élise
Erschienen
Anzahl Seiten
435 S.
Preis
€ 69,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ansbert Baumann, Lehrstuhl für Europäische Zeitgeschichte, Universität des Saarlandes

Der Verlauf der Geschichte ist niemals eindeutig determiniert, und gerade, wenn die großen Entwicklungen einer Epoche als hinlänglich bekannt und „erforscht“ gelten, lohnt sich häufig ein genauerer Blick, um Ambivalenzen und komplexe Zusammenhänge erkennen zu können. Dies verdeutlicht der von Mareike König und Élise Julien verfasste siebte Band der Handbuchreihe „Deutsch-Französische Geschichte“ über die vorrangig aus konfliktgeschichtlicher Perspektive interpretierten Jahre zwischen 1870 und 1918 bereits in seinem Titel: Die Nebeneinanderstellung der vordergründig antagonistischen Begriffe Verfeindung und Verflechtung weisen auf den multiperspektivischen Ansatz der Autorinnen hin, die sich damit explizit gegen eine teleologische Sichtweise auf diesen von zwei deutsch-französischen Kriegen eingerahmten Zeitraum wenden.

Den Vorgaben der Handbuchreihe entsprechend, gliedert sich der Band in drei Teile: Nach dem ausführlichen chronologischen Überblick werden anhand ausgewählter thematischer Schwerpunkte Fragen und Perspektiven der Forschung analysiert; als dritter Teil folgt eine thematisch geordnete Bibliografie, die durch zwei Karten, eine Zeittafel und ein Register ergänzt wird.

Der chronologische Überblick wird von Kapiteln zum Deutsch-Französischen Krieg und zum Ersten Weltkrieg quasi eingerahmt. Dazwischen stehen drei Kapitel, die verdeutlichen, dass es sich bei den Jahren zwischen 1871 und 1914 keineswegs nur um eine „Zwischenkriegszeit“ handelt: König und Julien beschreiben zunächst die „Herausforderungen und Ambitionen“ für beide Länder, indem sie deren zentrale politische und ökonomische Entwicklungen in diesem Zeitraum im Sinne einer Histoire croisée überkreuzend betrachten, wobei der Frage nach dem Umgang mit den „verlorenen Provinzen“ bzw. mit dem Reichsland Elsass-Lothringen verständlicherweise ein besonderes Augenmerk zuteilwird. Die soziokulturellen Veränderungen und Dynamiken während des Betrachtungszeitraums stehen im Mittelpunkt der folgenden beiden Kapitel, wobei unter der Überschrift „Politik und Dissens“ das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, der Umgang mit der Arbeiterbewegung, die sozialpolitischen Reformschritte, die nationalistischen Bewegungen und der Antisemitismus in beiden Ländern thematisiert werden, während im Kapitel „Moderne Lebenswelten“ Aspekte wie Medien und Öffentlichkeit, Urbanisierung, Massenkultur, Kunst und Avantgarde Berücksichtigung finden.

Im zweiten Teil gehen die beiden Autorinnen zunächst nochmals, in analysierender Form, auf das Grenzgebiet Elsass-Lothringen ein. Anschließend werden die Ausprägungen des modernen Antisemitismus in beiden Ländern anhand des Berliner Antisemitismusstreits und der Dreyfusaffäre und deren wechselseitiger Perzeptionen illustriert. Eine transfergeschichtlich-vergleichende Perspektive nehmen König und Julien auch beim Thema Kolonialismus ein und zeigen dabei überraschende Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede auf, beispielsweise im Hinblick auf die gesellschaftliche Resonanz der Kolonialpolitik. Im abschließenden Kapitel wird, unter stark historiographischem Fokus, die Durchhaltefähigkeit der deutschen und französischen Gesellschaften während des Ersten Weltkriegs behandelt, ehe die Ergebnisse der Studie in einer kurz gehaltenen Schlussbetrachtung zusammengefasst werden.

Das vorliegende Handbuch ist das überzeugende Resultat einer deutsch-französischen Kooperation: Mareike König und Élise Julien erfüllen den von ihnen erhobenen Anspruch, „einen neuen Blick auf die Epoche von 1870 bis 1918“ (S. 8) zu werfen auf überzeugende Weise, indem sie anhand bewusst selektiv ausgewählter Beispiele das vielfältige Netz deutsch-französischer Berührungspunkte in einer meist deterministisch interpretierten Zeit aufzeigen und damit nicht nur einen erweiterten Blick auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede, sondern auch auf bilaterale und transnationale Kontakte und Beeinflussungen ermöglichen. So gelingt es ihnen, viele gängige Klischees zu widerlegen, vermeintliche Gewissheiten in Frage zu stellen und jeglicher Form von teleologischen Sichtweisen eine Absage zu erteilen. Dazu tragen nicht zuletzt zahlreiche Verweise auf die unterschiedlichen Forschungstraditionen beider Länder bei, da sich auch aus der Reflexion über die nationalgeschichtlich geprägten historiographischen Topoi interessante Beobachtungen ergeben, wie beispielsweise die, dass die deutsche Friedensbewegung zwar später entstand, aber wesentlich besser erforscht ist als die französische, oder, dass die deutsche Geschichtswissenschaft die Dreyfusaffäre wesentlich kritischer bewertete als die französische (S. 339). Der überkreuzte Blickwinkel auf die jeweiligen Nationalgeschichten verdeutlicht also auch die Komplexität oder die Ambivalenz der Entwicklungen in beiden Ländern und erlaubt weitergehende Differenzierungen und Nuancierungen.

Die Hervorhebung der multiplen Interaktionszusammenhänge zwischen dem Deutschen Kaiserreich und der Französischen Republik verdeutlicht zudem, dass die politischen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen beiden Ländern letztlich weitaus weniger signifikant waren, als es auf den flüchtigen Blick erscheinen könnte und die These eines deutschen Sonderwegs deswegen simplifizierend und nicht zu halten ist. Andererseits ermöglicht der verflechtungsgeschichtliche Ansatz gerade auch hinsichtlich der in beiden Ländern unterschiedlichen Entwicklungen nuancierte Akzentuierungen, wie beispielsweise in Bezug auf den Antisemitismus, der zwar in beiden Gesellschaften stark ausgeprägt war, aber in durchaus verschiedener Weise zum Ausdruck kam.

Selbstverständlich lässt sich über die Auswahl der Schwerpunktthemen streiten, und auch in der Bibliografie hätte noch die ein oder andere Publikation, wie beispielsweise die wichtige Studie von Sophie Charlotte Preibusch zur Verfassungsgeschichte,1 Berücksichtigung finden können. Allerdings weisen König und Julien in ihrer Einleitung zu Recht darauf hin, dass die Einbeziehung weiterer Themenfelder „am Narrativ der Gleichzeitigkeit von Faszination und Ablehnung, Rivalität und Austausch wenig geändert“ (S. 12) hätte und stellen auch bezüglich der Bibliografie fest, dass diese keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben könne (S. 341).

Mareike König und Élise Julien ist es mit ihrem konsequent der Methode der Histoire croisée verpflichteten Handbuch gelungen, einen komplexen, multiperspektivischen Blick auf die deutsch-französische Geschichte der Jahre 1870 bis 1918 zu werfen, sodass ihre lesenswerte Studie ohne Zweifel nicht nur ein Grundlagenwerk darstellt, sondern auch eine Inspirationsquelle für weitere Forschungsarbeiten bilden wird.

Anmerkung:
1 Sophie Charlotte Preibusch, Verfassungsentwicklungen im Reichsland Elsaß-Lothringen 1871–1918. Integration durch Verfassungsrecht?, Berlin 2006.

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