Cover
Titel
Heavy Metal in der DDR. Szene, Akteure, Praktiken


Herausgeber
Zaddach, Wolf-Georg
Reihe
Texte zur populären Musik 10
Anzahl Seiten
369 S.
Preis
€ 39,99
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Christian Werkmeister, Stiftung Ettersberg Weimar

Heavy Metal ist zwar seit Jahrzehnten Teil der populären Kultur, dennoch wurde ihm bis dato weitaus weniger Aufmerksamkeit zuteil als beispielweise dem Punk Rock. Andy Brown identifizierte gar ein strukturelles Desinteresse der Kulturwissenschaft am Heavy Metal.[1] Und obwohl die wegweisenden Arbeiten von Deena Weinstein und Jeffrey Arnett bereits mit der Jahrtausendwende vorlagen, fand Heavy Metal als Forschungsobjekt im akademischen Umfeld nur allmählich Gehör.[2] In den vergangenen zehn Jahren etablierten sich die Heavy Metal-Studies jedoch sukzessive als Forschungsgegenstand, was auch durch eigene Periodika und Konferenzen zum Ausdruck kommt.[3]

Der Heavy Metal-Szene der ehemaligen DDR widerfuhr bisher ungeachtet ihrer Eigenschaft als einer der zahlenmäßig größten Jugendszenen keine umfassende Würdigung, wie Wolf-Georg Zaddach eingangs betont (S. 12). Abgesehen von einzelnen Qualifikationsarbeiten und Aufsätzen mangele es nach wie vor an einer grundlegenden Untersuchung. Aus dieser Unterrepräsentation speist sich der Anspruch Zaddachs, „eine erste Gesamtdarstellung zu dem Thema anzubieten“, wozu er sich „kultur- und musikwissenschaftlicher Expertise“ bedient (S. 21).

Das Buch geht auf eine im Jahr 2017 an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar und der Friedrich-Schiller-Universität Jena abgeschlossenen Dissertation zurück. Es eröffnet nach einer ausführlichen Darstellung des Forschungsstands den Blick auf die Genese der Musik- und Jugendszenen der DDR. Hierbei werden Grundlagen der DDR-Kulturpolitik, der musikbezogenen Infrastruktur und Voraussetzungen für die Bildung einer Musikszene zusammengefasst. Anschließend öffnet Zaddach die Perspektive auf den Musiker- und Fanalltag. Der Autor versteht die Heavy Metal-Szene dabei als Erscheinung posttraditionaler Vergemeinschaftung im Sinne Ronald Hitzlers und fragt im Rückgriff auf Anthony Giddens und Andreas Reckwitz nach Merkmalen sozialer und ästhetischer Praxis (S. 15f.). Zaddach bedient sich in seiner Veröffentlichung vielfältiger Quellen, wie qualitativen Zeitzeugenbefragungen, Musik-, Jugend- und Kulturzeitschriften der DDR oder Archivmaterial des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit oder des Deutschen Rundfunkarchivs.

Der Hauptteil des Buches beschreibt anhand vieler Beispiele und Exkurse den Szenealltag in den späten 1980er-Jahren. Dabei rücken Fragen des kulturellen Transfers, der Aneignung von Szenetechniken, der Improvisation bei der Beschaffung von Instrumenten und Fanartikeln sowie generationale Spannungen in den Mittelpunkt. Die westliche Entwicklung des Heavy Metal wird konsequent miterzählt, wodurch vergleichbare Prozesse in der DDR offenbar werden. Dies gilt insbesondere für den musikwissenschaftlichen Abschnitt, der anhand ausgewählter Lieder kulturelle Transfers nachzeichnet, unter anderem mit Blick auf Kompositionen. Die Verweise auf globale Entwicklungen erlauben es, szeneimmanente Prozesse der DDR einzuordnen, etwa die Vereinheitlichung des äußeren Erscheinungsbildes, der Spieltechnik und der sozialen Praktiken in der Jugendszene.

Diese Szenespezifika bedingen dabei auch Konflikte: So stammten viele Tontechniker in der DDR aus einer anderen Generation der Rockmusik und verfügten nicht über das erforderliche Verständnis für Heavy Metal. Diese Feststellungen Zaddachs lassen sich jedoch entsprechend ebenso für westdeutsche Musikszenen treffen und stellen eher szenetypische Hindernisse als DDR-Spezifika dar. Gleiches gilt für einige der angeführten Exkurse, beispielsweise die Untersuchung zu der verbreiteten Fehltranskription des „Thrash Metal“ als „Trash Metal“, wie Zaddach jedoch selbst einräumt (S. 140–148).

Anhand der Reibungspunkte mit der spätsozialistischen Jugendpolitik lassen sich genuine Eigenarten der DDR Heavy Metal-Szenen erkennen. Dies gilt insbesondere für die in der DDR allgegenwärtige und durch Anleihen aus der Punkszene verstärkte Improvisationskunst, die in der alltäglichen Mangelwirtschaft das kulturelle Überleben der Szene sicherte. Zwar erlauben nicht alle exemplarischen Darstellungen allgemeingültige Schlussfolgerungen. Sie dokumentieren jedoch die große Kontingenz einer ansonsten vorwiegend unpolitischen musikbezogenen Jugendkultur.

Die Veröffentlichung zeichnet dabei ein überaus passives Bild der Staatsmacht im Umgang mit den Heavy Metal-Fans, wenngleich einzelne „Verhöre mit dem MfS“ (S. 239) oder die Auflösung von Bands und Szenetreffs erwähnt werden. Zaddach betont, dass die jungen Menschen aus geheimdienstlicher Sicht keine unmittelbare Gefahr darstellten und „die Mehrheit der Metal-Fans […] sich ohne größere Konflikte mit dem MfS in der Szene ausleben“ (S. 82) konnte. Er gibt dabei aber zu bedenken, dass er keine „erschöpfende Auseinandersetzung mit dem Quellenmaterial“ (S. 72) der BStU vorgenommen habe und eine Veröffentlichung zur ehemaligen staatlichen Plattenfirma Amiga noch immer fehle (S. 251). Die zu erwartenden Informationen hätten sicherlich geholfen, Aushandlungsprozesse zwischen offiziellen Stellen und der Metal Szene zu erhellen.

Das Buch würdigt vor allem die späten 1980er-Jahre und insbesondere die Zeit ab 1987. Dieses Übergewicht eines sehr kurzen Zeitraums ist durch zwei Faktoren erklärbar: Einerseits stieg die Bedeutung des Heavy Metal für die Populärkultur bis zum Ende der 1980er-Jahre auch in der DDR kontinuierlich (S. 120). Andererseits waren insbesondere die letzten Jahre der DDR von einer kulturellen Liberalisierung gekennzeichnet, die sich auch durch eine in den Vorjahren noch undenkbare Hinwendung zur populären Musik seitens der FDJ und weiterer Kulturinstitutionen auszeichnete.[4] Für die zahlreichen Heavy Metal-Fans der DDR strahlte der Radiosender DT-64 ab 1987 wöchentlich die Sendung „Tendenz Hard bis Heavy“ aus, die innerhalb kürzester Zeit zum „virtuelle[n] Knotenpunkt und Szeneort“ (S. 188) avancierte und über erhebliche Freiheiten verfügte.

Neben Informationen zum Heavy Metal und Liedern westlicher Bands untersucht Zaddach viele Heavy Metal-Bands der DDR, die den technisch überaus anspruchsvollen westlichen Musikstil imitierten und weiterentwickelten. Die Entstehung der Ensembles wurde durch die umfassende Musikerausbildung in der ehemaligen DDR begünstigt und begabte Ensembles konnten eine Einstufung als Unterhaltungsband erreichen. Einige dieser akkreditierten Formationen bestritten mitunter 100 Konzerte pro Jahr (S. 42), welche durchaus lukrativ entlohnt wurden. Einzelne Artikel der staatlichen musikwissenschaftlichen Zeitschriften befassten sich mit dem Heavy Metal und die staatliche Plattenfirma Amiga veröffentlichte einzelne Schallplatten, wie der Appendix offenbart.

Dennoch vollzogen Heavy Metal-Musiker eine stete Gratwanderung: Einerseits galt es, politische Grenzen der künstlerischen Freiheit eigenständig zu antizipieren und zu wissen, welche Themenbereiche es in den Texten und während der Auftritte zu vermeiden galt. Andererseits musste dem Verlangen des Publikums entsprochen werden, sich möglichst nah an westlichen Vorbildern zu orientieren. So erwarteten Konzertbesucher oftmals Coverversionen westlicher Lieder, dem sich der künstlerische Anspruch vieler Metal Bands unterzuordnen hatte. Das Dilemma einer zwar an westlichen Vorbildern ausgerichteten, aber um musikalische Eigenständigkeit bemühten Musikszene offenbarte sich dabei allenthalben.

Aufgrund der umfassenden Darstellung kann die Untersuchung mit vielen neuen Erkenntnissen aufwarten, welche die relativ großen Freiräume der Heavy Metal-Szenen verdeutlichen. Als Gesamtdarstellung ist die Arbeit Zaddachs insofern geeignet, als dass es ihm gelingt, die Kultur- und Jugendpolitik der DDR, die globale Entwicklung der Heavy Metal-Szenen und eine fundierte musikwissenschaftliche Studie zu ausgewählten Fallbeispielen des Heavy Metal zu vereinigen und anhand von Fallbeispielen pointiert zu verdichten. Die Feststellung, dass die Unterhaltungsbands im Genre Heavy Metal „im Grunde eine staatliche Förderung einerseits sowie eine gewisse handwerkliche Qualitätssicherung des Metal andererseits“ (S. 312) genossen, ist durchaus innovativ. Sie muss jedoch im Kontext der primär musikbezogenen und weitestgehend unpolitischen Ausrichtung der Metal Bands verstanden werden. Über die Möglichkeit, diese Einschätzung auf andere interessengeleitete inoffizielle Gruppen zu erweitern, trifft das Buch daher auch keine Aussage.

Anmerkungen:
[1] Andy Brown, Heavy Metal and Subcultural Theory. A Paradigmatic Case of Neglect?, in: David Muggleton / Rupert Weinzierl (Hrsg.), The Post-Subcultures Reader, London 2003, S. 209–222.
[2] Jeffrey Arnett, Metalheads. Heavy Metal Music and Adolescent Alienation, Boulder 1996; Deena Weinstein, Heavy Metal. The Music and its Culture, New York 2000.
[3] Ein in diesem Jahr erscheinendes Buch widmet sich erstmals der Entstehung der Heavy Metal Studies: Bryan Bardine u.a. (Hrsg.), Heavy Metal Studies and Popular Culture, London 2019.
[4] Gerd Dietrich, Kulturgeschichte der DDR, Band III, Kultur in der Konsumgesellschaft 1977–1990, Göttingen 2018, S. 2013f.

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Veröffentlicht am
27.08.2019
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