E. Schütz: Mediendiktatur Nationalsozialismus

Cover
Titel
Mediendiktatur Nationalsozialismus.


Autor(en)
Schütz, Erhard
Reihe
Reihe Siegen. Beiträge zur Literatur-, Sprach- und Medienwissenschaft 179
Erschienen
Anzahl Seiten
422 S.
Preis
€ 48,00
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Daniel Mühlenfeld, Mülheim an der Ruhr

Der vorliegende Band ist keine Monografie im Sinne einer klar durchkomponierten Schrift, sondern vielmehr eine Sammlung von Zeitschriften- und Buchbeiträgen sowie Vortragsmanuskripten des Verfassers. Zeitlich erstrecken sich die dreizehn Beiträge über bald zwei Jahrzehnte; sie sind ursprünglich zwischen 1997 und 2016 erschienen oder gehalten worden. Thematisch umfassen sie ein breites Spektrum: eher allgemeine Reflexionen über Kunst, Künstler/innen und Literatur während der nationalsozialistischen Herrschaft; ferner das Verhältnis deutscher Literaten/innen zum Sujet des Waldes; das Amerikabild in der deutschen Reiseliteratur der 1920er- bis 1940er-Jahre; Überlegungen zum literarischen Verhältnis der Deutschen zu Autobahn und Volkswagen; schließlich insgesamt sechs Beiträge, die sich der Themen Luftfahrt und Luftkrieg annehmen.

Angesichts der schon rein quantitativen Dominanz der sechs Beiträge zum Oberthema Fliegerei stellen sich die thematisch gegliederten Abschnitte recht ungleichgewichtig dar: „Literatur und andere Künste“ umfasst zwei Beiträge, der Abschnitt „Waldvolk“ besteht einzig aus einem Essay zur Waldbezogenheit in der deutschen Literatur, während die Beiträge zur Reiseliteratur die USA und die Ausarbeitungen zu Autobahnen und Volkswagen gemeinsam unter der Überschrift „Unterwegs“ rubriziert sind. Es folgen schließlich die sechs Texte mit Luftfahrtbezug unter dem Schlagwort „Luft-Reich“.

So pointiert die einzelnen Abschnitte überschrieben sind, so erratisch erscheint zugleich ihr Inhalt. Denn die einzelnen Texte stehen für sich allein, bleiben unverbunden und wirken beinahe beliebig aneinandergereiht; ein Eindruck, dem auch die knappe Einleitung – im Untertitel als „[e]ine – nicht nur persönliche – Vorbemerkung“ betitelt, nicht entgegenzuwirken vermag. So fehlt es neben der formal strukturierenden abschnittsweisen Ordnung an einer inhaltlich strukturierenden Einordnung, die die Texte zueinander in Beziehung setzte, idealerweise ihre Entstehungskontexte und mithin ihre ungleichzeitige „Gewordenheit“ reflektierte und so deutlich machte, wieso ausgerechnet diese Schriften den Weg in den Band gefunden haben und nicht etwa gänzlich andere.

Dieser Mangel an Hinführung an ein Buch, dessen Beiträge keinen gemeinsamen Entstehungszusammenhang haben und das schon allein deshalb – keineswegs pejorativ zu verstehen – in erster Linie eine Kompilation ist und nur sein kann, wird noch verstärkt durch die eher irritierende Entscheidung, den Band mit der griffigen Formel „Mediendiktatur Nationalsozialismus“ zu überschreiben. Denn zum einen haben nicht alle Beiträge einen durchgängigen Nationalsozialismus-Bezug. Insbesondere der Beitrag zum Verhältnis der Deutschen zu (ihrem) Wald ist eine literaturhistorische tour d’horizon, die weit über die Zeitspanne der NS-Herrschaft hinausreicht. Ähnliches gilt auch für den Text, der sich der sprachlichen Konnotation der Infrastrukturen des Fliegens widmet. Zum anderen bleiben die Beiträge auch da, wo sie sich explizit auf den Nationalsozialismus beziehen, stark auf die sprachlich-literarischen sowie teils auch filmischen Medien des „Dritten Reichs“ beschränkt, während andere Facetten der Kultur- und Medienpolitik unberücksichtigt bleiben. So wird der im Titel erweckte Anschein, einen thematisch umfassenden Einblick zu geben, auch in dieser Hinsicht nicht eingelöst. Kurz gesagt: Der Titel verspricht mehr, als der Band zu halten vermag.

Mit Blick auf die einzelnen Beiträge des Bandes wäre es jedoch ungerecht, diese vorrangig die konzeptionelle Gesamtschau betreffenden Kritikpunkte zum alleinigen Wertmaßstab zu machen. Denn die gewissermaßen kompositorischen Defizite lassen sich den einzelnen Texten nur schwerlich anlasten, zumal sich diese durchaus mit Gewinn lesen lassen. Zwar finden sich einige Redundanzen bis hin zur beinahe wortgleichen Wiederholung von Textpassagen[1], doch die Texte vermögen durchweg zu überzeugen.

Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie sich durch einen sehr fokussierten Argumentationsduktus auszeichnen, der wohl auch daher rührt, dass viele der Texte ursprünglich als Vorträge konzipiert waren und entsprechend pointiert formuliert sind. Hinzu kommt, dass der Verfasser dazu neigt, assoziativ zu argumentieren: Seine Texte skizzieren ihre jeweiligen Themen – metaphorisch gesprochen – mit breitem Pinsel und schnellen Strichen. Dabei entsteht ein Bild, dem es mitunter an Tiefenschärfe fehlen mag, das zugleich aber eindrucksvoll konturiert ist und damit Reibungsflächen bietet, sich intellektuell daran abzuarbeiten.

So liest sich der Text über das Bild der Vereinigten Staaten von Amerika (USA) im Widerschein deutscher Reiseliteratur gerade auch deshalb so instruktiv, weil erst durch die collagenhafte Aneinanderreihung von Textpassagen so eindrücklich zutage tritt, dass die literarische Konjunktur landläufiger „Amerika“-Stereotype sich eben nicht an den Einschnitten 1933 und 1945 bricht. Die Sichtbarmachung von Kontinuitäten gerade im Bereich mentaler Dispositionen wie Vorurteilen, Erklärungsmustern und so weiter ist ein wichtiger Aspekt einer alltagsgeschichtlichen Historisierung des Nationalsozialismus und mithin seiner Rückführung in die Chronologie der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert: „Die“ Deutschen sind mit dem 30. Januar 1933 eben nicht schlagartig zu empathielosen Monstern degeneriert und haben sich am 8. Mai 1945 ebenso wenig über Nacht zu überzeugten Demokrat/innen gehäutet. Es führt vielmehr sowohl sozial- wie individualpsychologisch und erst recht historisch ein Weg – und sei es auch eine twisted road – von Weimar nach Auschwitz und von dort weiter nach Bonn.

So gesehen war auch der Nationalsozialismus selbst für sich genommen eine Gesellschaft, die geprägt war von der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen: Der archaischen Sehnsucht nach dem Wald als mystisch-verklärtem Hort vermeintlich germanischer Kultur einerseits und der naiven Technikbegeisterung anderseits. Letztere arbeitet der Autor insbesondere bei seinen Betrachtungen über Gas- und Bombenkrieg als Schattenseiten des Menschheitstraums vom Fliegen heraus, indem er – auch hier mit den Mitteln der collagenhaften Verknüpfung zeitgenössischer Literatur – etwa auf die geradezu stoisch zur Kenntnis genommene Existenz einer Zeitschrift für Fragen des Luft- und Zivilschutzes verweist, die den ikonischen Titel „Die Gasmaske“ trug.

Erhellend sind auch die Überlegungen zu Spielfilmen aus der NS-Zeit, die auf die ideologische Konsistenz von (idealen) Rollenbildern abstellen, wie sie sich in den Filmfiguren des NS-Kinos manifestieren. Schwierig, den Überlegungen des Autors zu folgen, wird es jedoch dort, wo etwa der filmische Output des „Dritten Reichs“ hinsichtlich seiner ideologischen und intentionalen Stringenz überinterpretiert wird. Hier wird dem System mehr Fähigkeit zum planhaften Handeln zugebilligt, als jeder moderne, selbst digitale Anstaltsstaat zu leisten imstande wäre. Dächte man diese analytische Figur von der gewissermaßen perfekten Perfidie des NS-Regimes konsequent zu Ende, zöge damit die Vorstellung oder zumindest Ahnung von der Regierung Hitler als einem unverbrüchlichen Monolithen womöglich durch die Hintertür wieder in die Debatte über Kern und Wesen des Nationalsozialismus ein.

Insofern ist der vorliegende Band gewiss auch keine Lektüre, die sich an thematische Einsteiger/innen richtet. Geübtere Leser/innen jedoch werden die Beiträge des Bandes ob ihrer Prägnanz zu schätzen wissen. Sie laden zum produktiven, intellektuellen Widerspruch ein, eben weil es sich um pointierte Skizzen handelt statt um erschöpfende Empirie. Diesem Nutzen tun auch die unbestreitbaren konzeptionellen Mängel des Bandes letztlich keinen Abbruch.

Anmerkung:
[1] So etwa als auffälligstes Beispiel der Begriff „neues Backfischideal“ – auf den Seiten 234 und 300.