Wikipedia in den Wissenschaften

Ort
Basel
Veranstalter
Historisches Seminar der Universität Basel und Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel
Datum
20.04.2007
Von
Dr. Peter Haber, Historisches Seminar, Universität Basel

Die freie Enzyklopädie Wikipedia ist längst schon Teil des wissenschaftlichen Alltags geworden. Wikipedia wird von Dozierenden ebenso genutzt wie von Studierenden, ist Steinbruch für eigene Texte und ein medialer Großversuch zugleich. Fluch oder Segen? Mit dieser Fragestellung organisierte Peter Haber vom Historischen Seminar der Universität Basel zusammen mit dem Institut für Medienwissenschaft am 20. April 2007 ein öffentliches Werkstattgespräch in Basel.

Ausgangspunkt der Veranstaltung war eine Lehrveranstaltung am Institut für Medienwissenschaft mit dem Titel „Schreiben für Wikipedia“ im Sommersemester 2007. Ziel dieses medienpraktischen Kurses ist die Aneignung von technischen, medientheoretischen und schreibpraktischen Fähigkeiten, um Wikipedia einerseits kritisch nutzen und andererseits das Phänomen Wikipedia auch medientheoretisch verorten zu können.[1] Das Werkstattgespräch vom 20. April war als eine öffentliche, interdisziplinäre Zusatzveranstaltung im kleinen Kreis geplant, schließlich kamen doch rund 60 Interessentinnen und Interessenten an der Veranstaltung und berichteten mehrere überregionale Medien über das Thema.[2]

In seinem Einführungsreferat spannte Peter Haber einen historischen Bogen von der Bibliothek von Alexandria über die Encyclopédie bis zu Wikipedia und formulierte die Ausgangsfragen der Veranstaltung: Darf ich (respektive: soll ich) Texte aus Wikipedia in einer wissenschaftlichen Arbeit verwenden? Und wenn ja: was muss ich beachten? Wie kann ich (als Dozent) herausfinden, ob in einer Arbeit aus Wikipedia abgeschrieben wurde? Und schließlich: Soll ich als Wissenschaftler selbst etwas in Wikipedia beitragen?

Maren Lorenz, Privatdozentin an der Universität Hamburg, legte in ihrem Beitrag in mehreren Punkten dar, weshalb Wikipedia nicht als wissenschaftliches Instrument, sondern lediglich als Inspirationsquelle zu verwenden ist. Ihr erster Punkt war die Masse der Texte, die in Wikipedia vorhanden ist und die täglich hinzu kommt. Bei rund 500 neuen Beiträgen pro Tag sei eine Qualitätssicherung durch das Kollektiv gar nicht mehr machbar. Ein zweiter Punkt, den sie anführte, betraf die fehlende Persistenz der Informationen. Wenn eine Seite jeden Augenblick wieder verändert werden kann, ist eine für die wissenschaftliche Nutzung unerlässliche Überprüfbarkeit nicht gewährleistet. Lorenz kritisierte auch die unklaren Machtverhältnisse bei Wikipedia und dass das System sehr anfällig sei für Missbrauch und Propaganda. Sie führte nicht nur mehrere aktuelle Beispiele an, sondern wies auch darauf hin, dass in Wikipedia ein sehr traditionelles, männlich geprägtes Geschichtsbild vorherrsche, das vor allem ereignis- und militärgeschichtliche Sichtweisen repräsentiere.

Eine andere Position vertrat der Geschichtsdidaktiker Jan Hodel von der Pädagogischen Hochschule Nordwestschweiz. Zwar bemängelte auch er die fachlichen Qualitäten historischer Artikel in der Wikipedia, sprach sich aber gegen ein Zitierverbot von Wikipedia in wissenschaftlichen Arbeiten aus. Er plädierte für einen reflektierten, aber unverkrampften Umgang mit Wikipedia in den Wissenschaften. Verbote seien „wissenschaftlich fragwürdig, didaktisch unsinnig und kaum durchsetzbar“, so Hodel. Er plädierte dafür, Wikipedia nicht als Produkt oder als Projekt zu betrachten, sondern als „eine wissenssoziologisch spannende und wissenschaftsdidaktisch komplexe Idee“. Bei Wikipedia stehe die „permanente, sich selbst kontrollierende und koordinierende Generierung und Verhandlung von Inhalten“ im Vordergrund. Wenn niemand für die Inhalte verantwortlich sei, dann seien letztlich eben alle respektive jeder einzelne verantwortlich. Hodel plädierte dafür, Artikel in Wikipedia kritisch zu lesen und – wie es auch der amerikanische Historiker Roy Rosenzweig gefordert hatte[3] – selber Artikel in Wikipedia zu verfassen.

Suzanne Schär und Andreas Ineichen vom Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) brachten in ihrem Beitrag einen ganz anderen Aspekt in die Diskussion ein. Sie erläuterten Konzept und Aufbau des renommierten HLS, das noch in der Zeit vor dem World Wide Web konzipiert wurde, aber seit 1998 sämtliche Artikel kostenlos online zur Verfügung stellt.[4] Eindrücklich zeigten Schär und Ineichen den langen Weg eines HLS-Beitrages durch die vielen Instanzen der Qualitätssicherung. Es sind nicht weniger als zehn Arbeitsschritte, die ein Artikel durchlaufen muss, bis er im Lexikon erscheint. Dieser aufwendige Prozess der Qualitätssicherung kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld. Das HLS wird von der Schweizerischen Gesellschaft für Geschichte und der Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften getragen und vom Bund finanziert. Der im Vergleich zu Wikipedia sehr langsame Produktionsprozess muss aber nicht unbedingt nur von Nachteil sein, wie die beiden Refrenten betonten. Er schützt auch vor allzu schnellen und kurzlebigen Einträgen, die in einem Lexikon sowieso nichts verloren haben. Schär und Ineichen plädierten aber gleichzeitig dafür, dass sich traditionelle Lexika wie etwa das HLS den Möglichkeiten des World Wide Web öffnen sollten. Denkbar wären zum Beispiel Diskussionsforen für die einzelnen Artikel oder auch die Möglichkeit, zusätzliche Lemmata online vorzuschlagen.

In seinem zusammenfassenden Kommentar wies Georg Christoph Tholen vom Institut für Medienwissenschaft auf einige aus medienwissenschaftlicher Sicht offenen Fragen rund um Wikipedia hin; so griff er die von Lorenz gestellt Frage nach der Deutungs- und Definitionsmacht von Wikipedia nochmals auf und wies ebenfalls auf die Fluidität und den Konstruktionscharakter von Wissen hin.

Die anschließende Diskussion machte klar, dass das Phänomen Wikipedia sehr viele sehr grundsätzliche Fragestellungen des historischen Arbeitens berührt. Der einfache Zugriff auf vermeintlich gesichertes Wissen führt dazu, dass ganze Seminararbeiten nur noch aus Wikipedia-Texten „gesampelt“ werden. Die Bereitschaft – nicht nur von Studierenden – sich für wissenschaftliche Recherchen in die Bibliotheken zu bemühen und Fachbücher zu konsultieren schwindet, der Umgang insbesondere auch mit historischem Fachwissen droht zunehmend unkritisch und unreflektiert zu werden. Verstärkt wird dieser Trend durch den Umstand, dass immer mehr Fachwissen im Netz nur noch gegen teures Geld zu haben ist und dass die Hochschulen sich die Lizenzen immer weniger leisten können. Schon heute sind in der Schweiz mehrere wichtige historische Fachdatenbanken und Quellensammlungen nicht zugänglich.

Das große Interesse am Thema und vor allem auch die zahlreichen Beiträge, die die Veranstalter nach dem Workshop erhielten, zeigen, dass innerhalb der Wissenschaften ein großer Diskussionsbedarf besteht und dass es sinnvoll sein dürfte, in naher Zukunft entsprechende Wegleitungen und Hilfestellungen für den Umgang mit Wikipedia in den (Geistes-)Wissenschaften zu erarbeiten. Entsprechende Initiativen sollen auf [2] in naher Zukunft angekündigt werden.

Anmerkungen:
[1] Sämtliche Unterlagen und Ergebnisse des Kurses sind öffentlich zugängig unter <http://wiki.histnet.ch/index.php/MPK-Wikipedia> (09.05.2007).
[2] <http://wiki.histnet.ch/index.php/Werkstatt> (09.05.2007).
[3] Rosenzweig, Roy, Can History be Open Source? Wikipedia and the Future of the Past, in: Journal of American History 93 (2006), 1, S. 117-146. <http://www.historycooperative.org/journals/jah/93.1/rosenzweig.html> (09.05.2007).
[4] <http://www.hls.ch; http://www.hist.net/fileadmin/user_upload/redaktion/107720.pdf> (09.05.2007).

Zitation
Tagungsbericht: Wikipedia in den Wissenschaften, 20.04.2007 Basel, in: H-Soz-Kult, 10.05.2007, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-1563>.
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Veröffentlicht am
10.05.2007
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