.hist 2003: Geschichte und neue Medien - Eindrücke eines Archivars

Ort
Berlin
Veranstalter
Kooperatonsverbund Clio-online
Datum
09.04.2003 - 11.04.2003
Von
Thomas Aigner, Diözesanarchiv St. Pölten

Waren bis vor ungefähr zehn Jahren die Anwender elektronischer Medien unter den HistorikerInnen noch in der Minderheit, so gilt heute jeder, der nicht in dieser Richtung tätig wird, als „Dinosaurier“. Dabei wird man es aber niemandem verübeln können, wenn er/sie noch immer lieber auf der mechanischen Schreibmaschine Manuskripte schreibt oder auf Karteikarten Bibliothekskatalogisate anlegt. Was sind schon zehn Jahre im Vergleich zu mehr als 1900 Jahren nach Christi ohne Computer? Abgesehen davon: das Schreibmaschinenmanuskript wird man in einhundert, zweihundert oder mehr Jahren – bei sorgfältiger Lagerung – ziemlich sicher noch lesen können, die erwähnten Karteikarten auch. Bei digitalen Dateien, Datenbanken, ja überhaupt bei Datenträgern verschiedenster Art darf dies aber bezweifelt werden. Man denke nur an die alten 5-Zoll-Disketten, deren dazugehörige Laufwerke heute längst ausgedient haben und aus heutiger Sicht so veraltet aussehen, wie beispielsweise die Bademode des späten 19. Jhdts. Ebenso wenig wie die damals üblichen Ganzkörper-Badeanzüge würde heute kaum jemand mehr diese Disketten verwenden – sie genügen den derzeit aktuellen Ansprüchen eben nicht mehr. Diese rasante Entwicklung mag zwar dem „klassisch“ geschulten Archivar, dessen ganzes Denken auf Langfristigkeit ausgerichtet ist, den kalten Schauer über den Rücken jagen – der Historiker/die Historikerin darf aber frohlocken, eröffnet gerade dieses rasche Fortschreiten enorme neue Chancen, die durch auf Langfristigkeit bedachte Denkweisen nicht behindert, sondern kreativ weiter gedacht und entwickelt werden sollten.

Die Tagung .hist 2003. Geschichte und neue Medien hat dies sehr eindrucksvoll unter Beweis gestellt und ExpertInnen sowie AnwenderInnen aus den verschiedensten Bereichen der historischen Forschung, aus Archiven, Bibliotheken und Museen an einen Tisch gebracht, um den aktuellen Stand und die zukünftige Entwicklung in diesem Bereich zu diskutieren. Dabei stand längst nicht mehr der grundsätzliche Einsatz von EDV zur Diskussion, sondern im wesentlichen die Präsentation diverser Möglichkeiten der Digitalisierung und Schaffung von Vernetzungen, insbesondere durch das Internet. So standen als wichtigste Aspekte die Bereitstellung von historischer Information, sei es direkt aus Quellen oder von Wissen ganz allgemein, sowie deren gezielte Strukturierung zwecks effizienter Benützung im Mittelpunkt. Daher kann man das Thema „Geschichte und neue Medien“ durchwegs von mehreren Ebenen aus betrachten. Ich möchte nur zwei heraus greifen: jene des Informationsbereitstellers und jene des Benutzers/der Benutzerin dieser Informationen.

Ebene 1: Providing Information

Als Stätten, die historische Information verwalten und bereitstellen, sind in erster Linie Archive, Bibliotheken und Museen zu betrachten. Die in diesen Institutionen aufbewahrten Gegenstände sind die „Nahrung“ der Arbeit eines jeden Historikers/einer jeden Historikerin. Um zu diesen „lebensnotwendigen“ Gütern zu gelangen, können die neuen Medien erhebliche Vereinfachungen und darüber hinaus neue Perspektiven entwickeln, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch gar nicht in ihrer gesamten Dimension erfasst werden können. .hist 2003 hat deutlich gezeigt, dass es in diesem Bereich zwar bereits eine ansehnliche Menge an Einzelprojekten gibt, dass diese jedoch – insgesamt gesehen – noch ziemlich in den Kinderschuhen stecken, da ihnen etwas, das sich im Bibliotheksbereich durch die Herauskristallisierung einzelner Systeme und international verbindlicher Erschließungsregeln schon halbwegs herausgebildet hat, noch fehlt – nämlich Standards. Das ist keineswegs abwertend gemeint, sondern ganz natürlich und verständlich, wenn man die sehr kurzfristige Entwicklung betrachtet und bedenkt, dass solche Vorgänge als organisch gewachsen zu betrachten sind und daher ihre Zeit brauchen. Abgesehen davon wird sich weisen, wie weit einheitliche Standards in der elektronischen Erschließung und Bereitstellung von historischen Quellen, Literatur und Realien tatsächlich sinnvoll sein werden – möglicherweise liegt eine Chance auch in der Verschiedenheit und Vielfalt der Systeme (die natürlich doch auf irgendeine Weise miteinander kompatibel sein müssten) – denn was passiert, wenn bei nur wenigen Systemen eines zusammenbricht und nicht weiter entwickelt wird? Das Beispiel von Microsoft zeigt diese Gefahren sehr deutlich auf.

Insgesamt beschäftigten sich fünf Sektionen im Rahmen der Tagung anhand einzelner Beispiele mit dieser Problematik und zeigten ein buntes Feld von Projekten, in denen es einerseits darum ging, den Zugang zu Archiv-, Bibliotheks- und Museumsmaterial via im Internet platzierter Datenbanken zu erleichtern, andererseits aber auch einzelne Quellen in ihrer Gesamtheit digital bereitzustellen. Die Fülle und Vielfalt der präsentierten Vorhaben zeigte, dass es zwar nicht möglich sein wird, ganze Archive im Internet verfügbar zu machen, aber dass einzelne digitalisierte Materialien wie Fachzeitschriften, mittelalterliche Handschriften und Urkunden oder auch nur einfache archivalische Findbücher es doch möglich machen werden, umfangreiche Recherchen bzw. Vorerhebungen vom PC aus durchzuführen. Wege ins Archiv, in die Bibliothek oder ins Museum könnten sich dann nur mehr auf gezielte Recherchen und Einsichtnahmen des Notwendigsten reduzieren. Eine wichtige Rolle spielen in diesem Zusammenhang Retrodigitalisierungen, also die digitale Nutzbarmachung bereits gedruckter Quellen. Durch Vernetzung der dadurch entstehenden Daten werden Recherchen möglich, die mit gedruckten Büchern kaum durchzuführen wären, so dass sich wiederum völlig neue Zugänge zu historischen Quellen ergeben (z. B. „Corpus der altdeutschen Urkunden“, div. andere Urkundenbücher).

Die bereits sehr große und immer umfangreicher werdende Menge solcherart bereitgestellter Informationen, seien es digitalisierte Quellen oder Realien, Online-Findbücher aus Archiven oder Bibliothekskataloge, machen es notwendig, den Zugang zu diesen abseits der üblichen Suchmaschinen über Portale zu erleichtern. Einzelne Projekte oder bereits verwirklichte Internetportale (wie z. B. das pionierhafte Nordrhein-Westfahlen-Archivportal http://www.archive.nrw.de) haben Möglichkeiten aufgezeigt, die in Zukunft historische Recherchen wesentlich erleichtern werden, oder Bestände völlig unabhängig von einzelnen Institutionen zugänglich machen, wenn nämlich Archiv-, Bibliotheks- und Museumsdatenbanken miteinander vernetzt werden und zu einzelnen Themen Recherchen in allen drei Bereichen angestellt werden können (z. B. BAM-Portal: http://www.bam-bw.de). Die Errichtung von Portalen muß jedoch nicht immer nur auf historische Quellen und Materialien beschränkt bleiben, sie können auch an bestimmten Themen orientiert sein bzw. wertvolle Hilfen zum Umgang mit Quellen geben bzw. als Schnittstellen der Kommunikation innerhalb der scientific community dienen. Die Problematik nicht gepflegter Portale mit Links, die nach einiger Zeit nicht mehr zutreffend sind, wurde in diesem Zusammenhang ebenfalls angesprochen.

Ebene 2: Using Information

Eine wesentliche Forderung, die für alle präsentierten Projekte gilt und auch mehrfach betont wurde, ist die verstärkte Einbeziehung der zukünftigen Benützer beim Aufbau von Onlinesystemen in den angesprochenen Bereichen. Ein System ist nur dann gut, wenn es gut – „einfach“ – zu benützen ist. Die tollste Online-Datenbank verliert ihren Sinn, wenn erst ausführliche Einschulungen oder seitenlange Gebrauchsanweisungen zur Benützung notwendig sind, ehe man sie verwenden kann. Aus diesem Grund ist der Aspekt, wie bzw. auf welchen Wegen die Allgemeinheit zu ihren Informationen gelangt, als fundamental anzusehen. Dass bei der Bereitstellung und Benützung digitaler contents immer auch die geltenden rechtlichen Rahmenbedingungen beachtet werden müssen und diese auch nicht immer leicht zu durchschauen sind, zeigte die Sektion „Internet und Recht“ sehr deutlich.

Conclusio

So rasant die Entwicklung im Bereich der Neuen Medien bisher verlaufen ist, so schnell wird sie wohl auch weitergehen. Die Vielfalt und die große Fülle der auf der Tagung .hist2003 präsentierten Projekte und Überlegungen zeigen ganz deutlich, dass alle bisherigen Aktivitäten der Geschichtswissenschaften mit den Neuen Medien im Vergleich zu dem, was uns in den nächsten Jahrzehnten bevorstehen wird, nur ein Tropfen im trockenen Flußbett sind – aber einer, ohne dem der danach entstehende Fluß nie zum Fließen kommen würde. In diesem Sinne war auch die Tagung .hist2003 ein wichtiger Baustein auf dem Weg dorthin.

Zitation
Tagungsbericht: .hist 2003: Geschichte und neue Medien - Eindrücke eines Archivars, 09.04.2003 – 11.04.2003 Berlin, in: H-Soz-Kult, 19.07.2003, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-262>.
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Veröffentlicht am
19.07.2003
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