Workshop „Personen – Daten – Repositorien"

Ort
Berlin
Veranstalter
Torsten Roeder, Martin Fechner, Projekt "Personendaten-Repositorium", Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
Datum
27.09.2010 - 29.09.2010
Von
Torsten Schrade, Digitale Akademie, Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

Vom 27. bis zum 29. September 2010 fand an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) der Workshop „Personen – Daten – Repositorien“ statt. Etwa 85 Teilnehmer aus Geisteswissenschaften und Informationstechnologie diskutierten aktuelle Themen aus dem Bereich der elektronischen Biografik. Das Forschungsfeld findet momentan nicht nur in Deutschland, sondern auch auf europäischer Ebene große Beachtung. Dies zeigte sich vor allem angesichts des internationalen Kreises der 15 Referenten aus Deutschland, Großbritannien, Österreich, der Schweiz und Slowenien. Organisiert wurde der Workshop von Torsten Roeder (Berlin) und Martin Fechner (Berlin), wissenschaftlicher Mitarbeiter bzw. studentische Hilfskraft im DFG-Projekt „Personendaten-Repositorium“ (PDR) an der BBAW.[1] Die Veranstaltung reihte sich in die mittlerweile regelmäßig stattfindenden Tagungen zur elektronischen Biografik ein („Biografische Lexika im Internet“, Dresden 2008; „Personendateien – Elektronisches Publizieren“, Leipzig 2009; „Vom Nachschlagewerk zum Informationssystem“, München 2010).

Ausgangspunkt bildete das gemeinsame Interesse an historischen Lebenswegen und das daran gekoppelte Bedürfnis, die stetig wachsenden, mitunter weit verstreuten elektronischen Informationsbestände zu erschließen und miteinander zu verbinden. Dabei standen zunächst vor allem Normdateien und Vernetzungstechniken im Mittelpunkt. Besonders offensichtlich war das allgemeine Bedürfnis nach Arbeitsinstrumenten, mit deren Hilfe eine Zusammenführung biographischer Daten unter Beibehaltung der unterschiedlichen methodischen Ansätze möglich ist. Kooperative, dezentrale Daten- und Redaktionskonzepte erwiesen sich hier als die von den meisten Teilnehmern bevorzugte Lösung. Gegen Ende gelangte immer wieder die Frage nach den zeitgemäßen Nutzungsmöglichkeiten biografischer Daten in das Blickfeld der Veranstaltung. Insbesondere neue Visualisierungstechniken zur Darstellung von Personennetzwerken und ihrer geographischen Zusammenhänge waren gefragt.

Die thematische Anordnung der Vorträge in die fünf Sektionen „Person und Narration in der digitalen Welt“, „Modellierung von Lebenswegen“, „Personen, Beziehungen, Räume“, „Integration von Forschungsdaten“ sowie „Workflow - Von der Eingabe bis zur Recherche“ wurde der Vielschichtigkeit des Themas gerecht. Die Beiträge schlugen somit einen Bogen ausgehend von narratologischen Ansätzen über Fragen der Datenarchitektur bis hin zur jeweiligen konkreten Umsetzung. Eingerahmt wurde das Vortragsprogramm durch die Beiträge von MARTINA SCHATTKOWSKY (Dresden) und CHRISTEL HENGEL (Frankfurt am Main). Das Anliegen der Veranstalter, den Workshop in seinem Wortsinne als „Arbeitstreffen“ zu gestalten und somit das klassische Vortragskonzept durch die Hinzunahme gruppenorientierter Formate (Poster-Session, Thementische) aufzulockern, führte zu einer insgesamt sehr ausgewogenen und konstruktiven Gesprächsatmosphäre.

Die komplexen Zusammenhänge zwischen literarischer Biografik und Personeninformationen als heterogenen Datenobjekten wurden in den Vorträgen von NIELS-OLIVER WALKOWSKI (Berlin), SOPHIE FETTHAUER (Hamburg) und MARCO JORIO (Bern) anhand von drei unterschiedlichen Projekten thematisiert. Walkowski, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt „Personendaten-Repositorium“, setzte neben der Vorstellung der flexiblen Datenarchitektur des PDR mit Datenvisualisierungen mehrerer Personennetzwerke auf Basis von Protovis[2] einen guten Startpunkt. Fetthauer beleuchtete in der Folge die wissenschaftlichen Redaktionsprozesse beim Aufbau des „Lexikons verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“[3], das mit seinem biografischen Informationsangebot eine bisher nicht gefüllte Lücke in der Musikgeschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts schließt. Jorio, langjähriger Chefredaktor des „Historischen Lexikons der Schweiz“[4], stellte den Teilnehmern das in Planung befindliche Konzept einer überarbeiteten elektronischen Ausgabe des Lexikons (e-HLS) für die Zeit nach der Drucklegung vor. Eine deutliche Hinwendung zu multimedialen Inhalten und eine intensive Vernetzung der biographischen Daten mit europäischen Kooperationsprojekten (zum Beispiel das „Europäisches Biographieportal“[5]) werden zu den tragenden Elementen des künftigen Online-Angebotes gehören.

Mit dem Fokus auf Datenstrukturen fand die Fragestellung nach adäquaten elektronischen Speicherungsformen biografischer Daten am zweiten Tag des Workshops ihre Fortsetzung. In den drei Vorträgen von SUSE ANDRESEN (Bern), RALPH-JOHANNES LILIE (Berlin) und MATIJA OGRIN (Ljubljana) wurde die gesamte Bandbreite von relationalen bis hin zu XML basierten Ablageformen aufgezeigt. Auch hier standen neben der Suche nach optimalen Informationsarchitekturen vor allem Visualisierungs- und Vernetzungskomponenten im Vordergrund. Für die biografischen Daten des „Repertorium Academicum Germanicum“[6] bietet sich aufgrund des gewählten Methodenansatzes der Datenerfassung eine relationale Datenhaltung an. Dies ermöglicht dem Projekt, neue Wege bei der Verknüpfung und gleichzeitigen Visualisierung biographischer und geographischer Daten mittels webGIS zu beschreiten. Das „Slovenian Biographical Lexikon“[7] setzt hingegen ganz auf die Stärken von XML basierten Ablageformen (Fedora Commons, Apache Solr)[8] und die damit verbundenen komplexen Abfragemöglichkeiten auch nach impliziten biographischen Informationen.

Den Schwerpunkt auf die wissenschaftliche Analyse von Personendaten in unterschiedlichen Kontexten legten die Beiträge von ALEXANDER VON LÜNEN (Portsmouth), LARS JENDRAL (Koblenz), EVELYN KORSCH (Bamberg), CHRISTOF JEGGLE (Bamberg) und HEINRICH LANG (Bamberg) am zweiten, sowie von MARIUS HUG (Berlin) am dritten Tag des Workshops. Ihre Fragestellungen befassten sich mit der Sichtbarmachung von räumlichen, netzwerktheoretischen, aber auch ideengeschichtlichen Zusammenhängen in biografischen Daten. Von Lünen unterstrich die große Herausforderung, vor die sich elektronische Präsentationsformen dynamischer Personennetzwerke (Netzwerke mit starken räumlichen, zeitlichen und geografischen Schwankungen) gestellt sehen und machte methodologische Vorschläge, wie sich geografische und soziale Entitäten unter gleichen Gesichtspunkten modellieren lassen. Korsch, Jeggle und Lang demonstrierten ihre Vorgehensweise bei der Erhebung von Personendaten aus Quellen und Fachliteratur im Zuge des DFG-Projektes „Märkte – Netzwerke – Räume“[9], das auf der vorhin schon angesprochenen Datenarchitektur des „Personendaten-Repositoriums“ aufsetzen wird. Neben einem Blick auf die Arbeitsprozesse bei der Erstellung der „Rheinland-Pfälzischen Personendatenbank“[10] brachte Jendral mit seinen Hinweisen zur Datenschutzproblematik bei elektronischen Biografien noch lebender Personen einen neuen und wichtigen Aspekt in den Workshop ein. Hug zeigte anhand der Online-Ausgabe des „Polytechnischen Journals“[11], wie sich durch gezielte Kooperationen und den Einsatz bewährter Digitalisierungs- und Auszeichnungstechnologien neue, innovative Informationsangebote schaffen lassen.

Den technisch orientierten Bereich der Nutzung von Normdateien und deren Integration in laufende Forschungsvorhaben besprachen PETER SCHOLZ (Leipzig), JOSEF FOCHT (München), BERNHARD EBNETH (München) und DIRK SCHOLZ (München) sowie MARCUS WEIDNER (Münster) in ihren Vorträgen. Scholz lieferte einen Werkstattbericht zur Nutzung der Personennormdatei PND in Form eines Webservices zum Abgleich mit den in Topic Maps[12] organisierten biografischen Daten des im Aufbau befindlichen „Thomaner-Portals“. Focht demonstrierte anhand des Portals „Bayerisches Musiker-Lexikon Online“[13] den klaren Nutzen der Anwendung von Normsystemen (PND, Daten der statistischen Ämter) für die elektronische Lexikografie sowohl auf redaktioneller, aber auch auf Anwenderseite. Diesem Standpunkt schlossen sich Ebneth, Scholz und auch Weidner mit ihren Vorträgen an. Sowohl die „Deutsche Biographie“[14] als auch das „Internetportal Westfälische Geschichte“[15] setzen konsequent auf Normdateien und bieten somit vielschichtig vernetzte Personeninformationen mit deutlichem Mehrwert für die Endnutzer an. Der Abendvortrag von John Keating (Maynooth) sowie der Vortrag von Torsten Schaßan (Wolfenbüttel) mussten krankheitsbedingt leider entfallen.

Die Unterschiedlichkeit der Blickpunkte und methodologischen Ansätze in den Vorträgen bot den Workshop-Teilnehmern eine gute Basis für lebhafte Diskussionen. Durch die Hinzunahme von zwei, im geisteswissenschaftlichen Bereich eher seltenen, Veranstaltungsformaten (Poster-Session und Thementische) gelang es, die thematische Fokussierung aufrecht zu erhalten, das Programm gleichzeitig aber nicht mit Referaten zu überfrachten.

Die zweistündige Poster-Session fand am ersten Tag des Workshops statt. Neben den in den Vorträgen behandelten Projekten konnten sich 15 weitere Vorhaben aus den „Digital Humanities“ mit Postern vorstellen. Diese Präsentationsform bot den Workshop-Teilnehmern den Vorteil, unmittelbar mit den jeweiligen Projektvertreterinnen und -vertretern ins Gespräch zu kommen. Neben der Förderung des interdisziplinären Austauschs war dies vor allem bei der Beantwortung von projektspezifischen Fragestellungen äußerst hilfreich. Am zweiten Tag wurden gezielt ausgesuchte Aspekte der elektronischen Biografik an insgesamt acht Thementischen in kleinen Gruppen erörtert. Diese Gesprächsrunden wurden von ausgewählten Moderatoren geleitet. Auch hier konnten oftmals individuelle Fragen, beispielsweise zu Aspekten der Biografik im Mittelalter, zu Personen-Geografie und zu Personen-Netzwerken, zur Verwendung von PND und TEI, aber auch zu Rechtsfragen ausführlich und auf informelle Weise diskutiert werden.

Gerade die alternativen Workshop-Formate wurden dem großen Bedürfnis nach gegenseitigen Projektkontakten und interdisziplinärem Austausch gerecht und daher dankbar angenommen. Sie dürfen als eine Besonderheit und auch als ein Erfolgsmerkmal des PDR-Workshops angesehen werden.[16]

Konferenzübersicht:

Keynote

Gerald Neumann (Berlin), Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften

Martina Schattkowsky (Dresden), Institut für Sächsische Geschichte und Volkskunde

Torsten Roeder (Berlin), Personendaten-Repositorium

Elektronische Biografik (I) – Person und Narration in der digitalen Welt

Niels-Oliver Walkowski (Berlin), „Dichte Beschreibung“ oder die Behandlung vielschichtiger Personendaten

Sophie Fetthauer (Hamburg), Das „Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“

Marco Jorio (Bern), Die Biographien in der neuen elektronischen Ausgabe des Historischen Lexikons der Schweiz

Öffentlicher Abendvortrag
John G. Keating (Maynooth)

Elektronische Biografik (II) – Modellierung von Lebenswegen

Suse Andresen (Bern), Die Datenbankstruktur des Repertorium Academicum Germanicum und die Präsentation der Daten im Internet

Ralph-Johannes Lilie (Berlin), Eine Prosopographie des östlichen Mittelmeerraumes zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert

Matija Ogrin (Ljubljana), The Slovenian Biographical Lexicon – the nucleus of a biographical hub

Wissensnetze (I) – Personen, Beziehungen, Räume

Alexander von Lünen (Portsmouth) Personen-Netzwerke in Raum und Zeit

Lars Jendral (Koblenz), Personendatenbanken im Umkreis von Landesbibliographien. Die Rheinland-Pfälzische Personendatenbank.

Evelyn Korsch, Christof Jeggle und Heinrich Lang (Bamberg), Personendaten als Grundlage der Analyse kommerzieller Netzwerke in der Frühen Neuzeit

Wissensnetze (II) – Integration von Forschungsdaten

Peter Scholz (Leipzig), Nutzung der PND als TopicMap am Beispiel des Thomaner Portals

Josef Focht (München), Auswahl, Verwendung und Entwicklung von Normdaten beim BMLO

Bernhard Ebneth (München) / Dirk Scholz (München), Deutsche Biographie - Probleme der Datenintegration am Beispiel des Biographie-Portals

Workflow – Von der Eingabe bis zur Recherche

Torsten Schaßan (Wolfenbüttel), Personendaten an der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel

Marcus Weidner (Münster), Personenmodul im Internet-Portal „Westfälische Geschichte“

Christian Kassung (Berlin), Wer kommt in den 1820er Jahren auf die Idee, fliegende Eisenbahnen zu bauen? Patentanmelder im „Polytechnischen Journal“

Abschlussvortrag
Christel Hengel (Frankfurt a.M.), Arbeitsstelle für Standardisierung, Deutsche Nationalbibliothek

Anmerkungen:
[1] <http://pdr.bbaw.de/> (23.02.2011).
[2] <http://vis.stanford.edu/protovis/> (23.02.2011).
[3] <http://www.lexm.uni-hamburg.de/> (23.02.2011).
[4] <http://www.hls-dhs-dss.ch/> (23.02.2011).
[5] <http://www.biographie-portal.eu/> (23.02.2011).
[6] <http://www.rag-online.org/> (23.02.2011).
[7] <http://nl.ijs.si:8080/fedora/get/sbl:sbl/VIEW/> (23.02.2011).
[8] <http://lucene.apache.org/solr/ bzw. http://fedora-commons.org/> (23.02.2011).
[9] <http://www.uni-bamberg.de/?id=37474> (23.02.2011).
[10] <http://www.rlb.de/cgi-bin/wwwalleg/maskrnam.pl?db=rnam> (23.02.2011).
[11] <http://www.polytechnischesjournal.de/> (23.02.2011).
[12] <http://www.topicmapslab.de/> (23.02.2011).
[13] <http://www.bmlo.lmu.de/> (23.02.2011).
[14] <http://www.deutsche-biographie.de/> (23.02.2011).
[15] <http://www.westfaelische-geschichte.de> (23.02.2011).
[16] Alle Beiträge sind auf den Internetseiten des „Personendaten-Repositoriums“ ausführlich dokumentiert: <http://pdr.bbaw.de/workshop> (23.02.2011).

Zitation
Tagungsbericht: Workshop „Personen – Daten – Repositorien", 27.09.2010 – 29.09.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 02.03.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3560>.
Redaktion
Veröffentlicht am
02.03.2011
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Sprache Beitrag
Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung