Life Cycle, African Slavery and the Aftermath of Slavery

Ort
Berlin
Veranstalter
Martin Klein, University of Toronto/ Internationales Geisteswissenschaftliches Kolleg "Arbeit und Lebenslauf in globalgeschichtlicher Perspektive" (re:work), Berlin; Alice Bellagamba, Wissenschaftskolleg zu Berlin/ Università degli Studi di Milano-Bicocca
Datum
22.11.2011 - 23.11.2011
Von
Joel Glasman, Institut für Afrika- und Asienwissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Jahrzehntelang ging es in der afrikaorientierten Sklavereiforschung in erster Linie darum, plausible Zahlen für den Sklavenhandel zu etablieren. Historiker/innen stritten sich vor allem um die Frage der über den Atlantik oder in andere Regionen außerhalb des afrikanischen Kontinentes transportierten Sklavenmengen. Damit verbunden waren Debatten über Bestimmungsorte, Herkunftsregionen, Transportwege, Verkaufspreise und ähnliche Fragen. Betrachtungen zur Organisation von Sklaverei und Sklavenstatut auf dem afrikanischen Kontinent existierten zwar in Form der Arbeiten etwa von Paul Lovejoy und Patrick Manning, aber diese frühen Studien gingen das Phänomen vor allem in seiner Breite an, während detaillierte Fallanalysen noch ausstanden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich das Bild gewandelt. Heute stehen nicht mehr quantifizierbare Größen im Mittelpunkt der Forschung, sondern, wie sich auf der von MARTIN KLEIN (Toronto/ Berlin) und ALICE BELLAGAMBA (Milano/ Berlin) initiierten zweitägigen Tagung deutlich zeigte, die Erfahrungen der Sklaven selbst. In seiner Einleitung hob Klein die Herausforderung der aktuellen Forschung hervor, den afrikanischen Sklaven eine Stimme zu geben. Zu lange hätten sich Historiker/innen und Anthropolog/innen aufgrund der Quellenlage auf die Sicht der Sklavenhändler beschränkt, nun gehe es darum, dieses Bild durch die Sicht der Sklaven und ihrer Nachkommen zu ergänzen bzw. zu revidieren. Klein verwies auf die Dominanz der von den Sklavenhändlern vertretenen Ideologie, dass gewisse Gruppen von Menschen zur Arbeit gezwungen werden müssten. Eben dieser fortbestehende Mythos des "need of coercion" fordere eine besondere Aufmerksamkeit für die Erfahrungen der Subalternen. Klein unterstrich die Vielfalt dieser Erfahrungen. Der Begriff der Sklaverei fächert sich in ein breites Spektrum von konkreten Situationen auf und kann, je nachdem, auf Plantagensklaven oder Bergbauarbeiter, Haussklaven, Sklavensoldaten, Konkubinen, Sklavenmatrosen, Eunuchen, oder königliche Berater verweisen. Sklaven übernahmen je nach Ort, Alter, Gender, Zeitpunkt und Art der Versklavung (Razzia, Krieg, Verpfändung, Geburt usw.) unterschiedliche Funktionen, die ihren "life cycle" entsprechend unterschiedlich prägten. Dieser Situationsvielfalt widmete sich die Tagung epochenübergreifend durch die Untersuchung einzelner Biographien und individueller Laufbahnen ("individual trajectories"), wobei das Interesse nicht nur der historischen Phase der Sklaverei selbst, sondern auch der postabolitionistischen Epoche galt.

IBRAHIMA THIOUB (Dakar) eröffnete die Reihe der Vorträge mit der dichten Beschreibung eines Sklavenschicksals auf dem Wege von Saint Louis nach Guadeloupe. Mentor, ein Sklave aus dem Senegal, versuchte ein staatliches Verwaltungsgericht ("conseil du contentieux“) davon zu überzeugen, dass er zu Unrecht verkauft worden war, da er weder als Sklave geboren noch als Sklave nach Guadeloupe gereist sei. Anhand der Protokollakten zeigte Thioub, dass die Legitimation der Sklaverei in der Karibik auf einer "Ideologie der Farbe" beruhte, die sich von der in Westafrika geltenden "Ideologie des Blutes" deutlich unterschied. ALICE BELLAGAMBA untersuchte anhand von mündlichen Überlieferungen aus Gambia die Rolle der Sklaven in den Lebenszyklen ihrer Herren im 19. Jahrhundert. Bei den lebenszyklischen Riten ihrer Besitzer spielten Sklaven eine zentrale Rolle. Sie waren bei der Beschneidung zugegen, brachten bei Hochzeiten die Braut zu ihrem Gatten, saßen neben dem Bett des sterbenden Herrschers und präparierten den Leichnam. Im Vortrag von LOTTE PELCKMANS (Nimwegen) traten die Parallelen zwischen den Lebenszyklen von Sklaven und Herrschern noch deutlicher hervor, wobei sich das hier gewählte Beispiel auf eine postabolitionistische Situation im zentralen Mali (Douentza) bezog. Dort wurde ein Kind von adeliger Herkunft im jungen Alter einem gleichaltrigen Sklavenkind zugeordnet. "Stereopartners" nennt die Anthropologin diese Binome, die gemeinsam alle Etappen des Lebens beschreiten. Dabei erscheint die Beziehung zwischen Herr und Sklave zwar als asymmetrisch, doch auch als von Vertrauen und Intimität gekennzeichnet. Am Abend des ersten Kongresstages zeigte und kommentierte ERIC HAHONOU (Roskilde) seinen Film "Yesterday's Slaves. Democracy and Ethnicity in Benin", in dem es um Stigmatisierungen der Sklaverei ging. In Kalalé (Nordbenin) organisieren sich die als "Gando" stigmatisierten Nachkommen von Sklaven als politische Bewegung. Nach und nach ist es ihnen in der Folge der Demokratisierung der 1990er-Jahre gelungen, ihrer Gemeinschaft eine Stimme zu verleihen und politische Ämter zu bekleiden, ohne jedoch der öffentlichen Stigmatisierung vollständig entgehen zu können.

Mit dem Vortrag von FELICITAS BECKER (Cambridge) verschob sich der regionale Fokus von Westafrika auf den östlichen Teil des Kontinents. Trotz der verbreiteten Tabuisierung der Sklaverei in den Gesellschaften des südlichen Tansania, konnte die Historikerin von ihren in der Zwischenkriegszeit geborenen Interviewpartnerinnen bewegende Erzählungen sammeln. Dabei ging sie auf das Verhältnis von Emanzipation und Gender ein. "The opposite of slavery is not freedom", stellte Becker in diesem Zusammenhang pointiert fest, "it is belonging." KLARA BOYER-ROSSOL (Paris) berichtete über die Resultate ihrer Forschungen an der Westküste Madagaskars. Auch hier standen mündliche Überlieferungen im Vordergrund, wobei die Referentin zeigen konnte, wie die Erfahrung der Sklaverei in der Sprache der fiktiven Verwandtschaft ausgedrückt wurde. Sklaven, die demselben Herren gehörten, wurden als Geschwister bezeichnet, und wurden von diesen Herren gern "meine Kinder" genannt. Auch im Vortrag von BENEDETTA ROSSI (Liverpool) kam die Ambivalenz der
servilen Erfahrung zum Ausdruck. Ihrer Feldforschung im Dorf von Tahoua im südlichen Niger liegt eine intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit von Claude Meillassoux zu Grunde. Während für Meillassoux Sklaverei dadurch gekennzeichnet war, dass Sklaven von dem kinship System ausgeschlossen waren, zeigte Rossi, dass sich Sklaven doch kinships zugehörig fühlten, auch wenn sie keine Teilhabe am Frauentausch hatten, der für die kinship-Definition der Strukturalisten zentral war.

AHMADOU SEHOU (Yaounde) zeichnete am Beispiel Nordkameruns die Lebensabschnitte eines werdenden Sklaven von seiner Gefangennahme bzw. Geburt bis zur Freilassung bzw. zum Tod. Von 1830 bis 1901 lieferte Nordkamerun dem Kalifat von Sokoto die meisten Sklaven. Nach der Gefangennahme wurde der Sklave umbenannt, neu eingekleidet und umerzogen. Die Versklavung bedeutete, so Sehou, nicht nur einen Wechsel des juristischen Status und der wirtschaftlichen Funktion, sie nötigte den Sklaven auch, eine andere kulturelle Identität anzunehmen. Auch im Vortrag von MORIS SAMEN (Mainz) wurde die kulturelle Identität von Sklaven in Kamerun thematisiert. Dabei ging es um das Fortbestehen des Sklavenstatus im heutigen Kontext und um das Verhältnis von staatlichen Normen einerseits und familiären bzw. lokalen Normen andererseits. PAOLO GAIBAZZI (Riga) diskutierte die Subjektbildung von Sklavennachkommen in der Soninke-Gesellschaft in Gambia. "Slave descendant", stellte er fest, "is not a total social identity." Vielmehr, so konnte Gaibazzi anhand der Darstellung einer Biographie erläutern, sei diese Identität mit anderen kompatibel, schließlich sei sein Informant sowohl "development broker", "slave descendant", "elder" und "unsuccessful migrant" gewesen.

Der Vortrag von DOMINIQUE SOMDA (Philadelphia) war der Jugenderfahrung im heutigen Madagaskar gewidmet. An der Schnittstelle der Gedächtnisforschung und der kognitiven Psychologie ging sie der Frage nach, wie Kinder in einer postabolitionistischen Gesellschaft die feinen Unterschiede zwischen der Lebensführung eines Sklaven und eines Freien lernen. Durch Spiele, Essgewohnheiten und Zeremonien wird madagassischen Kindern die subtile Differenz der zwei Ehrenkodices beigebracht. MARIE RODET (London) untersuchte für den französischen Sudan den Fall eines als Sechsjährigen versklavten Jungen, der 15 Jahre nach seiner Versklavung 1906 von seiner Familie zurückgefordert wurde. Durch die Analyse der daraus resultierenden Gerichtsakten konnte Rodet den kaum erforschten Themenkomplex von Trauma und Emotion im Zuge der 1905 von der Kolonialverwaltung verabschiedeten Sklavereiabschaffung erörtern. AUDRA DIPTEE (Ottawa) thematisierte wie ihre Vorrednerin die Kindersklaverei anhand von kolonialen Gerichtsakten. Aufgrund einiger juristischer Fälle aus Dahomey stellte Diptee die Frage, wie die Erfahrung des Sklavenstatuts die Kategorie der Kindheit prägte. Auch hier traten Kontinuitäten im Bereich der Haussklaverei jenseits der offiziellen Abschaffung des Statuts in den Vordergrund.

Insgesamt konnte der Workshop aufgrund der Vorträge, die sich größtenteils auf interessantes empirisches Material stützten, neue Wege für die historische und anthropologische Forschung weisen. Die emische Perspektive erwies sich für die Frage der Verhältnisse von Lebenszyklen und Sklaverei bzw. postabolitionistischer Gesellschaften als fruchtbar. Trotz ihrer regionalen und epochalen Vielfalt schienen die Beiträge in ihrer Methodologie weitgehend übereinzustimmen. Durchgehend wurde eine Phänomenologie der Sklaverei angestrebt, die theoretisch nicht zuletzt auf die historische Anthropologie zurückgriff und sich erzählerisch auf den Lebenslauf stützte. Spannende Diskussionen gab es zur Bewertung von Gerichtsakten und Interviews für die Rekonstruktion illegitimer und oft tabuisierter Praktiken. In der Abschlussdiskussion wurde darauf aufmerksam gemacht, dass die kulturorientierte Analyse klassischere Themen der Sklavereiforschung wie die Arbeitsformen oder die Rolle des Staates nicht außer Acht lassen sollte. Bedauerlich findet der Rezensent, dass sich kein Vortrag dem südlichen Afrika widmete, das sicherlich als gute Vergleichsfolie hätte dienen können. Darüber hinaus stieß der Workshop auf die übliche Herausforderung bei der Gegenüberstellung mikrohistorischer Fallstudien: Erfahrungen von Sklaven in Afrika erscheinen bisweilen als derart disparat, dass sie nach der intensiven Auseinandersetzung mit "individual trajectories" fast zwangsläufig als inkommensurabel bezeichnet werden müssen.

In jedem Fall konnten während des zweitätigen Workshops bestimmte Begriffe diskutiert werden (unter anderem "context of choice" (Rossi), "stereopartners" (Pelckmans), "sklavischer Habitus" (Rodet)), die dazu beitragen können, Erfahrungen von Sklaven epochenübergreifend und trotz geographischer, kultureller und politischer Differenzen in den Rahmenbedingungen miteinander zu vergleichen.[1]

Konferenzübersicht:

Address of Welcome
Andreas Eckert, re:work / Humboldt-Universität zu Berlin

Martin Klein, re:work Berlin / University of Toronto
The Life Cycle of West African Slaves: Some Introductory Thoughts

Chair: Alice Bellagamba, Wissenschaftskolleg zu Berlin / Università degli Studi di Milano-Bicocca

Ibrahima Thioub, Université Cheikh Anta Diop Dakar
Identité chromatique et esclavage dans l’Atlantique du XIXe siècle

Alice Bellagamba, Wissenschaftskolleg zu Berlin / Università degli Studi di Milano-Bicocca
As It Was: Memories of Life in Slavery from the River Gambia

Lotte Pelckmans, Nijmegen University
Allay versus Suleymane: Life Stage as a Defining Element in the Reconfiguration of Master-Slave Relations

Chair: Erdmute Alber, re:work Berlin / Universität Bayreuth

Eric Hahonou, Roskilde University Denmark
Yesterday’s Slaves. Democracy and Ethnicity in Benin: Presentation of Film

Chair: Martin Klein, re:work Berlin / University of Toronto

Felicitas Becker, University of Cambridge
Women’s Life Cycle and the Slow Process of Emancipation on the Swahili Coast

Klara Boyer-Rossol, Université Paris-7
Entre les deux rives du canal de Mozambique, les trajectoires de vie de Kazambo, Sitara et Havary: Un affranchi, une concubine, et un esclave makoa sous l’autorité du même maître

Benedetta Rossi, University of Liverpool
Contexts of Choice: Gender, Age and Opportunity in the Life of Women of Slave Descent in Niger

Chair: Eric Allina, re:work Berlin / University of Ottawa

Ahmadou Sehou, University of Yaounde-I
Le parcours juridique de l’esclave dans les lamidats de l’Adamaoua (Nord-Cameroun): Du statut de nangado (captive) à celui de dimdinado (libéré), XIXe-XXe siècle

Moris Samen, Universität Mainz
The Characteristics of the Life Cycle of a Bamileke within Slavery and in the Process of Emancipation

Paolo Gaibazzi, University of Latvia Riga
In and Out of Place: the Life Course of an (Im)mobile Slave Descendant

Chair: Jamie Monson, re:work Berlin / Macalester College St. Paul

Dominique Somda, University of Pennsylvania
Coming of Age in a Post-Slavery Society: Learning about Kinds, Hierarchy and Democracy in South Madagascar

Marie Rodet, School of Oriental and African Studies London
Children, Emancipation and Emotional Attachments in Post-Abolition French Soudan

Audra Diptee, Carleton University Ottawa
Children, Childhood and Systems of Slavery in French West Africa

Chair: Andreas Eckert, re:work / Humboldt-Universität zu Berlin

Anmerkung:
[1] Ich danke Julia Eichenberg, Debora Gerstenberger, Alexander Keese, Sarah Kunkel und Claudia Prinz für Korrekturen und Anregungen zu diesem Text.

Zitation
Tagungsbericht: Life Cycle, African Slavery and the Aftermath of Slavery, 22.11.2011 – 23.11.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.12.2011, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3960>.