Thinking Europe. Towards a Europeanization of Contemporary Histories

Ort
Berlin; Potsdam
Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam in Kooperation mit EurHistXX - The Network of European Contemporary History
Datum
06.05.2004 - 08.05.2004
Von
Annelie Ramsbrock, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam

Patchwork Europa?

1886 beklagte Friedrich Nietzsche den Nationalismus als „Krankheit des Jahrhunderts“, den „Rassenhass“ und die „Rassen-Selbstbewunderung“ als deren Symptome. Heilung versprach er sich vom „guten Europäer“, einem „übernational“ und „nomadisch“ gestimmten Freigeist, der sich weder dem Nationalismus noch dem Christentum verschreibe. Zwar deutete Nietzsche die „auseinanderlösende Politik“ der europäischen Nationalstaaten als eine Episode, die den „Prozess des werdenden Europäers“ verzögere, doch war er zuversichtlich, dass „Europa Eins werden will“ und die „Anähnlichung der Europäer“ nur eine Frage der Zeit sei.[1]

Was Nietzsche vor über 100 Jahren prognostizierte, scheint seit dem 1. Mai dieses Jahres mit der Erweiterung der Europäischen Union um zehn mittel- und ostmitteleuropäische Staaten Gestalt angenommen zu haben. Angesichts der fortschreitenden politischen Integration Europas stellt sich für Zeithistoriker die Frage nach den Auswirkungen auf das Geschichtsbild der Gegenwart und ihre zukünftige Arbeit. Um diese Herausforderung anzunehmen, trafen sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus zwölf Ländern zu der internationalen Konferenz „Thinking Europe – Towards a Europeanization of Contemporary Histories“ in Berlin und Potsdam.[2] Zum Auftakt der Tagung hatten Konrad H. Jarausch und Thomas Lindenberger vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam gemeinsam mit EurhistXX, einem Netzwerk europäischer zeithistorischer Institute, zu einer Podiumsdiskussion in den Französischen Dom am Gendarmenmarkt eingeladen.

Das „Europathema“, erklärte Konrad H. Jarausch, Direktor des Potsdamer Zentrums, in seinem einleitenden Vortrag, geistere derzeit als Entwurf grandioser Visionen durch die Medien, erschöpfe sich aber meist in der affirmativen Rhetorik politischer Sonntagsreden. Dabei würden an Europa große Anforderungen gestellt, solle es doch zugleich dem Bedürfnis von Einheit und Vielfalt entsprechen: politische Einheit hinsichtlich einer nationenübergreifenden Außen- und Sicherheitspolitik und kulturelle Vielfalt hinsichtlich der Bewahrung nationaler und regionaler Besonderheiten. Bezüglich der Stiftung einer europäischen Identität, einer Wertegemeinschaft, die den Integrationsprozess jenseits von politischen Vertragsbündnissen vorantreiben könnte, enthalte der Verfassungsentwurf vom Juli 2003 hingegen nur vage Anspielungen. Im Hinblick auf die Rolle der Geschichtswissenschaft warnte Jarausch vor der Treitschke-Versuchung, den Integrationsprozess durch die Konstruktion einer europäischen Meistererzählung zu rechtfertigen. Vielmehr gelte es, die nationale Geschichtsschreibung mit selbstreflexiver Distanz zu betrachten und sie in die europäischen Entwicklungen einzuordnen.

Vor allem für die Zeitgeschichte, die bislang primär nationalhistorisch geschrieben worden ist, stellen sich dabei große Probleme, wie die Podiumsdiskussion zeigte. Einig war man sich schnell, dass eine europäische Zeitgeschichtsschreibung jenseits einer politischen Beziehungsgeschichte allenfalls in den Kinderschuhen stecke und eine europäische Meistererzählung – wolle man sie denn schreiben – der systematischen Reflexion sozialer und kultureller Kontexte in West- und Osteuropa bedürfe. Vor allem sei die Topographie Europas nicht zu unterschätzen, betonte Karl Schlögel von der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Da sich das nationsübergreifende Gebilde noch mitten in der Entstehung befinde, müssten gut gemeinte Bemühungen, ein homogenes Bild zu entwerfen, scheitern.

Bemüht wirkten dann auch die Verweise Wolfgang Höpkens vom Georg-Eckert-Institut für Internationale Schulbuchforschung und des Freiburger Historikers Ulrich Herbert auf europäische Länder, in denen die Überwindung nationalhistorischer Narrative vermeintlich weiter fortgeschritten sei. Die eigene Nationalgeschichte zu marginalisieren und die Vergangenheit anderer Nationen zu erforschen und zu lehren mag zwar ein erster Schritt sein, kaum jedoch ein Indiz dafür, dass das lang ersehnte Ende aller Sonderwege in Sicht wäre. Zu häufig fiel der Blick auf Deutschland – sei es, dass der national ausgerichtete Kanon deutscher Schulbücher mit dem Nationalsozialismus entschuldigt oder das Interesse etwa holländischer oder schwedischer Historiker an der Geschichte ihrer deutschen Nachbarn mit der Virulenz der NS-Zeit begründet wurde. Soll man nun das Vorhaben einer europäischen Zeitgeschichtsschreibung einstweilen ad acta legen und sich weiterhin dem Nationalen widmen? Zu diesem Schluss kam das Podium keineswegs. Vielmehr gelte es, Elemente aufzuspüren, aus denen ein gemeinsames Geschichtsbild jenseits staatlicher Akteure spreche, und eine europäische Geschichte nur dort zu entwerfen, wo einzelne Geschichten ihren nationalen Rahmen sprengen. Denn niemals, prophezeite Schlögel der Zunft, könne die Geschichtsschreibung weiter sein als die Sache selbst.

Wie erste Ansätze zu einer kritischen Europageschichte jenseits der beklagten ‚affirmativen Rhetorik von Sonntagsreden’ nun aussehen könnten und wo (einstweilen) ihre Grenzen liegen, vermittelte die sich anschließende Konferenz in Potsdam. Anhand von vier Schlüsselthemen suchten ZeithistorikerInnen den Blick auf Europa zu schärfen: negativ, als Raum disparater Erinnerungskulturen und Ort gewalttätiger bzw. kriegerischer Konflikte, und positiv, als fruchtbares Terrain transnationaler Interaktionen und politischer Prozesse.

1. Erinnerungskulturen

Henry Rousso (Paris) fragte in seinem einleitenden Beitrag, inwiefern bislang national ausgerichtete Studien zum kollektiven Gedächtnis für eine europäische Zeitgeschichte fruchtbar gemacht werden können und ob die Aufarbeitung der Erinnerungen an vergangene Traumata ein gangbarer Weg sei, um die fortschreitende europäische Integration zu verstärken. Als möglichen Ansatzpunkt, ein europäisches Gedenken herauszukristallisieren, schlug er eine vergleichende Perspektive auf internationale Gedenktage vor, wie etwa die Befreiung von Auschwitz am 27. Januar oder das Ende des Zweiten Weltkrieges am 8. Mai. Dies könne sowohl innerhalb Europas als auch mit Blick auf die USA gewinnbringend sein.

Dass ein solcher Ansatz leicht an zu disparaten Erinnerungskulturen scheitern könne, gab die Diskussion mit Blick auf Pierre Noras Ansatz der französischen „lieux de mémoire“ zu bedenken, der nicht ohne weiteres auf Europa ausgeweitet werden könne. Diese Bedenken bestätigte Dragos Petrescu (Bukarest), der betonte, der Entwurf eines europäischen kollektiven Gedächtnisses im Hinblick auf die ehemaligen Blockstaaten sei zum Scheitern verurteilt: Zu sehr sei das nationale Narrativ von unterschiedlichen ethnischen und religiösen Interessen umkämpft, zu gering das Interesse, sich mit einem europäischen Geschichtsbild auseinanderzusetzen. Ob der Entwurf einer Ost und West übergreifenden Erinnerungskultur generell an den fortbestehenden Hypotheken der kommunistischen Diktatur scheitert oder die in der Diskussion vielfach beschworene Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen nur ein verzögerndes Moment darstellt, blieb offen.

2. Konflikte

Unzweifelhaft lässt sich die Geschichte Europas als eine Geschichte von Religionsstreitigkeiten, Klassenkämpfen, Weltkriegen und Genoziden charakterisieren. Während die Wirkungsmacht der nationalen Narrative, wie Stefan Berger (Glamorgan) betonte, bis in die 1950er-Jahre hinein intensiv zu diesen Katastrophen beigetragen habe, konzentrierte sich die Geschichtsschreibung nach 1945 auf die (nationale) Abweichung, d.h. auf die dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit und das Bemühen, diese kritisch zu reflektieren. Um etwa die Geschichte des Nationalsozialismus als Teil einer europäischen Historiographie deuten zu können, forderte Kiran Klaus Patel (Berlin) eine "zweite Historisierung", die beispielsweise Faschismustheorien, Totalitarismustheorien oder diplomatische Interaktionen als nationsübergreifende Phänomene in den Blick nimmt. Auch Pieter Lagrou (Brüssel) übte Kritik an der Binnenperspektive der nationalen Historiographien nach 1945. Dass Historiker die europäische Integration allenfalls mit einer stark teleologisch ausgerichteten Darstellung internationaler Beziehungsgeflechte begleitet haben, obgleich gerade die Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu einer politischen Annäherung der europäischen Staaten nach 1945 führten, deutete er als mindestens irritierend. Angesichts dieses Paradoxons plädierte John Horne (Dublin) für eine europäische Geschichtsschreibung, die zugleich die Vereinigung der europäischen Zivilisation als auch die Konflikte des 20. Jahrhunderts als Ergebnis von Teilung und Differenz ernst nehme. Da weder Krieg noch Genozid spezifisch europäisch seien, empfahl er, vor allem die Dynamiken der komplexen inter- und intranationalen Konflikte in den zu Blick nehmen, um die einzelnen Nationalgeschichten in ein europäisches Geschichtsbild integrieren zu können.

Ein von Krieg und Gewalt bestimmtes europäisches Geschichtsbild, das zeigte die Diskussion, droht leicht hinter der transnationalen Erinnerungsrhetorik an den Zweiten Weltkrieg oder den Holocaust zu verschwinden. Umso bedeutender erschien der Hinweis Alfred Riebers (Budapest) auf die sozial und ethnisch motivierten Bürgerkriege, die während des Zweiten Weltkriegs parallel zu den Kampfhandlungen der Großmächte vor allem in Osteuropa wüteten. Die Interessen der unterschiedlichen Bürgerkriegsparteien konfligierten untereinander ebenso wie gegenüber den Alliierten oder den Achsenmächten und dürften etwa bei der Interpretation des Kalten Krieges nicht außer Acht gelassen werden. Welches Gewicht den einzelnen Konflikten Europas in einer europäischen Zeitgeschichte auch immer beigemessen werden mag: Für ein besseres Verständnis des heutigen Europas bedarf es einer kritischen Interpretation der nationalen oder ethnischen Divergenz im europäischen Kontext und keiner idealisierten Interpretation der (politischen) Annäherung.

3. Transaktionen

Die dritte Sektion wurde von Sorin Antohi (Budapest) mit einer ideengeschichtlichen Betrachtung transnationaler Interaktionen innerhalb Europas eingeleitet. Er forderte dazu auf, eine europäische Zeitgeschichte nicht einseitig als Konfliktgeschichte zu entwerfen, sondern den spezifisch europäischen Charakter von Transaktionsprozessen während des Kalten Krieges in den Blick zu nehmen.

Ungewöhnlich erschien dabei die Perspektive Marsha Sieferts (Budapest) auf den Kulturtransfer vor allem amerikanischer Innovationen innerhalb Europas. Am Beispiel der Film- und Fernsehindustrie konnte sie auf eindrucksvolle Weise zeigen, dass amerikanische Konsumgüter nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur integrativer Bestandteil der Identität vieler Westeuropäer wurden, sondern der Amerikanismus – zumindest im Bereich der Kultur – als ein integratives Moment von Ost- und Westeuropa in den Blick genommen werden müsste.

Inwieweit Migration eine europäische Erfahrung ist und einen Kulturtransfer oder gegenseitiges Verstehen förderte, führte Karen Schönwälder (Berlin) in ihrem Beitrag aus. Während Erfahrungen von Auswanderung, Flucht oder Vertreibung häufig als Erfahrungen tiefer Unterschiede beschrieben werden – zwischen Nord und Süd in den 1960er- und 1970er- Jahren sowie zwischen Ost und West bis in die späten 1980er-Jahre hinein – plädierte Schönwälder dafür, Migrationserfahrungen als verbindenden Faktor europäischer Gesellschaften ernst zu nehmen. Dass etwa ein enger Zusammenhang zwischen der Transformation Europas zu einem Kontinent der Immigration und dem Kern europäischer Ausländerpolitik bzw. dem Charakter internationaler Beziehungen besteht, wird etwa mit Blick auf die britische Laissez-faire-Haltung gegenüber nicht-europäischen Einwanderern im Kalten Krieg deutlich: Mit einer Politik der Toleranz, so der Glaube der britischen Regierung, könne die westliche Welt ihre Macht gegenüber der Sowjetunion demonstrieren.

Auch im Bereich der Wirtschaftsgeschichte sind übernationale Transaktionsprozesse bislang nur unzureichend erforscht worden. Entsprechend plädierten etwa André Steiner (Potsdam) und Polymeris Voglis (Thessaly) dafür, die Wirtschaftsgeschichte aus dem Fragehorizont der Politikgeschichte zu lösen und nach den Konsequenzen der europäischen Integration für die Ökonomie zu fragen. Während Voglis mit Blick auf die britischen und amerikanischen Subventionen im Griechenland der Nachkriegsjahre dazu aufforderte, traditionelle Vorstellungen von nationaler Souveränität zu überdenken, betonte Steiner, dass der Charakter transnationaler Netzwerke, wie die sich wandelnden Handelsbeziehungen zwischen den sechs Ländern der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft), der Austausch von Produktionswachstum oder die Wechselwirkungen zwischen ökonomischen Entwicklungen und politischen Entscheidungen bislang nicht im Fragehorizont von Zeithistorikern stand. Darüber hinaus sei noch kaum etwas über die unterschiedlichen Protagonisten bekannt (wie Politiker, Regierungen, internationale Institutionen und Handelsvereinigungen), sowie über die Reaktionen einzelner Unternehmen auf den institutionellen und ökonomischen Integrationsprozess.

4. Politische Prozesse

Ein letztes Untersuchungsfeld beschäftigte sich mit der Europäischen Union als neuem politischem Akteur. Folgt man Hartmut Kaelble (Berlin), muss die Demokratisierung der Europäischen Union als ein noch unvollendeter politischer Prozess gedeutet werden. Dessen Errungenschaften und Defizite reflektierte er am Beispiel von fünf Dimensionen (Wahl des europäischen Parlamentes, europäische Öffentlichkeit, europäische Staatsbürgerschaft, europäische Zivilgesellschaft, europäische Identität). Die sich anschließenden Referate versuchten diese Überlegungen weiterzuverfolgen. So illustrierte etwa Örjan Appelqvist (Stockholm) eine Vorgeschichte der Diskussionen um die europäische Integration am Beispiel der Internationalen Gruppe Demokratischer Sozialisten (IGDS), die von 1942 bis 1945 im Stockholmer Exil Ziele für eine gesamteuropäische Rekonstruktion formuliert hatte. Dabei könnten etwa die persönlichen Verknüpfungen zwischen der IGDS und ECE (Economic Commission for Europe) oder deren disparate Konzepte einer europäischen Rekonstruktion ebenso in den Blick genommen werden wie die fehlgeschlagenen Ansätze der IGDS, in internationalen Organisationen zu überwintern.

Aus einer eher makrohistorischen Perspektive blickte Martin Conway (Oxford) auf den Charakter der europäischen Nationsbildung und verdeutlichte am Beispiel Belgiens, wie das Ineinanderwirken von politischen und sozialen Prozessen die Natur der politischen Ordnung Europas in den Nachkriegsjahren prägte. Obwohl das politische System und die Textur der Nation durch die Ereignisse des Krieges stark geschwächt worden waren, veränderte sich die politische Ordnung demgegenüber kaum. Vor diesem Hintergrund plädierte Conway dafür, Belgien als Beispiel für einen umfassenderen Trend in Europa zu beleuchten, nämlich für die emphatische Politik der Demokratisierung bis in die 1960er-Jahre hinein und das gleichzeitige Fehlen radikalen sozialen Wandels.

Auch in dieser Sektion wurde deutlich, dass die Integration ehemaliger Ostblockstaaten in eine europäische Zeitgeschichte Historiker vor ein großes Problem stellt. Politische Prozesse, erörterte Igor Casu (Chisinau), seien in einem Land wie Moldavien in erster Linie auf die eigene Nationsbildung fixiert. Hinzu komme, dass das westliche Europa noch immer pejorativ auf die Länder des Balkans blicke – als das 'Andere', das (im westlichen Sinn) nicht Zivilisierte, das ökonomisch Defizitäre und politisch Instabile. Indem Casu etwa die Bedeutung der kürzlich erfolgten Aufnahme Moldaviens in den südosteuropäischen Stabilitätspakt oder die moldavischen Kontakte zur CIS (Council of Independent States) im Hinblick auf den europäischen Integrationsprozess erörterte, verdeutlichte er auf eindrucksvolle Weise, dass eine historisch reflektierte Betrachtung dieses Problems in ferner Zukunft liegt.

Fazit

Wie schwierig es für Zeithistoriker sein wird, die von Nietzsche beschworene „Anähnlichung der Europäer“ durch den Entwurf eines transnationalen Geschichtsbildes zu begleiten, wird kaum einem Teilnehmer dieser Konferenz entgangen sein. So ergaben die Beiträge zusammengenommen eher eine Wunschliste möglicher Themen als ein inhaltlich und methodisch durchdachtes Konzept. Zu diskontinuierlich verlaufen die einzelnen nationalen Narrative, zu disparat verhalten sich die jeweiligen kulturellen Kontexte zueinander, als dass in absehbarer Zeit eine „Meistererzählung“ in der europäischen Zeitgeschichte zu erwarten wäre. Dass demgegenüber die kleinen europäischen Erzählungen weitaus weniger utopisch erscheinen und „doing Europe“ auf einer kommunikativen Ebene bereits fortgeschritten ist, illustrierte die lebhafte und engagierte Diskussion, in der es immer wieder gelang, einzelne Aspekte nationaler Historiographien im europäischen Kontext zu verbinden.

Europäische Zeitgeschichte kann als eine Geschichte von Nationsbildungen und disparaten Erinnerungen, als eine Geschichte von Krieg, Völkermord, Flucht und Vertreibung, aber auch als eine Geschichte von Transfer und friedvoller politischer Integration geschrieben werden. Und wie könnten die „subjects“ im Doppelsinn von Themen und Subjekten einer zukünftigen europäischen Zeitgeschichte aussehen? Wer bis zum Schluss geblieben war, erhielt von Michael Geyer (Chicago) eine Antwort: vom Antieuropäismus, wie er vor allem in Amerika verbreitet war, über transnationale Verhaltensmuster, wie Heirats-, Konsum-, oder religiösem Verhalten bis zum europäischen life-style, der etwa in der Phänomenologie von Cafés, Bahnhöfen oder Hotels zu entdecken sei. Und wie muss man sich die „übernational“ und „nomadisch“ gestimmten Freigeister vorstellen, von denen Nietzsche einst sprach? Auch auf diese Frage wusste Geyer eine Antwort: Man könne sich die (Lebens-)Geschichten von Filmstars und Gelehrten, von Aristokraten oder Händlern, von Unterschichten oder Experten ansehen – oder auch die Geschichten ganz einfacher, unbekannter Menschen, wie die seiner Schwiegermutter, die 1927 in Tel Aviv als Tochter eines jüdisch/tschechischen Vaters und einer jüdisch/deutschen Mutter geboren wurde, ihre Kindheit in Berlin und Prag verbrachte, 1939 per Kindertransport nach England verschickt wurde, 1945 in die Censorship Division der US Army nach Deutschland ging, dort heiratete, Kinder bekam und ihr Leben verbrachte, bis sie im Jahr 2000 starb und auf dem jüdischen Friedhof in Prag begraben wurde – ganz in der Nähe Kafkas.

Anmerkungen:
[1] Nietzsche, Friedrich, Jenseits von Gut und Böse. Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, München 1988, S. 179-204.
[2] Vgl. das Programm unter <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/termine/id=2697>. Ein Tagungsband ist in Vorbereitung und wird voraussichtlich bei Berghahn Books erscheinen.

Kontakt

Kontakt:
PD Dr. Thomas Lindenberger
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
E-Mail: lindenberger@zzf-pdm.de

Zitation
Tagungsbericht: Thinking Europe. Towards a Europeanization of Contemporary Histories, 06.05.2004 – 08.05.2004 Berlin; Potsdam, in: H-Soz-Kult, 08.06.2004, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-498>.