Netzwerke der Altertumswissenschaften im 19. Jahrhundert

Ort
Wien
Veranstalter
Karl Reinhard Krierer / Ina Friedmann, FWF-Projekt "Alexander Conze in Wien (1869–1877)"
Datum
30.05.2014 - 31.05.2014
Von
Karl Reinhard Krierer, Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik, Universität Wien

Am Freitag, 30. Mai und Samstag, 31. Mai 2014 fand in Wien eine von Karl Reinhard Krierer und Ina Friedmann (Universität Wien) veranstaltete internationale Tagung zum Thema „Netzwerke der Altertumswissenschaften im 19. Jahrhundert“ statt. Tagungsorte waren das Archiv der Universität Wien und das Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien. Die Durchführung der Veranstaltung erfolgte mit Unterstützung durch die Historisch-Kulturwissenschaftliche Fakultät der Universität Wien, das Archiv der Universität Wien, die Kulturabteilung der Stadt Wien – Wien Kultur, den Verein Internationales Österreichisches ArchäologieForum – IÖAF, den Verein Mazzesinsel – Donau-Hof e. V. im Rahmen des FWF-Projektes P 24419-G21, „Alexander Conze in Wien (1869–1877)“. Es kamen Referate von 17 in- und ausländischen Teilnehmer/innen zum Vortrag, welche die Thematik wissenschaftlicher Netzwerke aus verschiedenen Blickwinkeln erörterten.

DANIELA HAARMANN (Wien) referierte unter dem Titel „Zwischen Beratung, Austausch und Diplomatie. Die Netzwerke des Franz de Paula Neumann (1744–1816), Leiter des k. k. Münz- und Antikenkabinetts Wien“ mit dem Fokus der Korrespondenzsammlung als Quellenkorpus die drei „Wissenstypen“ in Neumanns antiquarischen Netzwerken im Europa jener Zeit – Sammler, Amateure bzw. Dilettanten, Gelehrte – und erläuterte diese anhand repräsentativer Korrespondenzbeispiele. Leitfrage hierbei war, inwieweit diese Korrespondenzen die Idee eines sich über die Antike identifizierenden Europa repräsentieren.

ANDREAS SCHMIDT-COLINET (Wien) stellte mit Louis-François Cassas (1756–1827) eine hoch interessante vielschichtige Persönlichkeit aus den Altertumswissenschaften vor, die bereits Johann Wolfgang von Goethe sehr geschätzt hat, und deren Leben und Werk exemplarisch zeigen, wie eng in den Generationen vor und nach der Französischen Revolution (1789) die Verflechtungen zwischen Aristokratie und Diplomatie, Literatur und Dichtkunst, Malerei und Bildhauerei, Architektur und Bauforschung, Archäologie und Altertumsforschung waren.

Öffentliche Briefwechsel und die Kontroverse über die Inschriften von Michel Fourmont waren Thema des Vortrags von OLIVIER GENGLER (Wien). Die Kontroverse um die Unechtheit der Inschriften, die Michel Fourmont in Sparta zwischen 1729 und 1731 angeblich abgeschrieben hatte, erreichte ihren Höhepunkt in einem offenen Briefwechsel zwischen Désiré Raoul-Rochette und George Hamilton-Gordon, dem 4. Earl von Aberdeen. Diese grenzüberschreitende Kontroverse wurde unter Bedacht auf die Form des Austauschs, nämlich des offenen Briefes als Gattung der wissenschaftlichen Kommunikation, analysiert.

KARL R. KRIERER (Wien) referierte über den Briefwechsel zwischen Alexander Conze und Theodor Mommsen. Es wurde anhand der 27 an Mommsen geschriebenen Briefe Conzes aus seinen Wiener Jahren als Professor für Klassische Archäologie exemplarisch dargestellt, wie stark die Verbindungen und Bande von in Österreich wirkenden deutschen Universitätsprofessoren zu den Kollegen in ihrer Heimat sein und wie persönliche Netzwerke in verschiedener Hinsicht eingesetzt und wirksam werden konnten.

TORSTEN KAHLERT (Berlin) konnte anhand der Entstehungsgeschichte des großen lateinischen Inschriftencorpus CIL, eines akademischen Großprojekts des 19. Jahrhunderts, aufzeigen, in welcher Form persönliche informelle Netzwerke den Entstehungsprozess zeitgenössischer geisteswissenschaftlicher Großprojekte beeinflussen konnten.

Ebenfalls über Theodor Mommsens Wirken, in diesem Falle über das deutsch-österreichische Akademiekartell von 1893 war der Beitrag von CHRISTINE OTTNER (Wien). Der Hauptprotagonist der deutschen Altertumswissenschaften, Theodor Mommsen, war mit dem Geologen Eduard Suess und dem Altphilologen Wilhelm von Hartel die treibende Kraft hinter dem Vorhaben eines Verbands der Wissenschaftsakademien. Mommsen als Wissenschaftsorganisator, die beabsichtigten Schwerpunkte des „Kartells“ sowie die generelle Frage nach Profil und Aufgaben der Wissenschaftsakademien im ausgehenden 19. Jahrhundert standen im Mittelpunkt dieses Referates.

HUBERT D. SZEMETHY (Wien) hat sich mit seinem Vortrag auf die bislang unveröffentlichten Briefwechsel Otto Benndorfs aus den frühen Jahren (1862–1868) konzentriert. Lebenssituationen, die den weiteren Werdegang des angehenden Archäologen wesentlich beeinflussten, die Rolle einzelner Briefpartner sowie Individualisierungsprozesse konnten anhand der brieflichen Selbstzeugnisse genauso aufgezeigt werden wie das zunehmende Selbstbewusstsein des Forschers, welches zu einer Veränderung und Erweiterung der Kommunikationsstrukturen führte.

BEATRIX BASTL (Wien) widmete ihren Beitrag den Verflechtungen der Altertumswissenschaftler, die überwiegend aus dem Deutschen Reich nach Wien kamen und daher einen ‘Migrationshintergrund’ hatten. Sie waren alle vernetzt in den verschiedensten Bereichen, die man heute trennt, und von daher ‘Disziplin-los’; Multitalente, die ihren Ausdruck auf den verschiedensten Ebenen des ‘Netzwerkens’ fanden. Dem Kunsthistoriker Carl von Lützow und speziell seinem Verhältnis zu Alexander Conze wurde dabei besonderes Augenmerk geschenkt.

JOHANNA AUINGER (Wien) referierte über Briefe Carl Humanns (1884–1895) und stellte damit ein im Herbst 2014 beginnendes Projekt vor, das sich einem noch unerschlossenen Konvolut von über 1.700 von Humann in seinen letzten zwölf Lebensjahren angelegten Briefen widmen wird.

Das Netzwerk von Ernst Fabricius (1857–1942) war Thema des Beitrags von ECKHARD WIRBELAUER (Straßburg), mit welchem er das Editionsprojekt zur Autobiographie vorstellte, die Ernst Fabricius zwischen 1937 und 1941 verfasste und für die er ein umfangreiches, bislang unediertes Briefkorpus zusammenstellte. Auf dieser Basis konnte das Netzwerk dieses für die Entwicklung der Altertumswissenschaften einflussreichen Wissenschaftlers rekonstruiert werden.

In ihrem Vortrag ging MARIANNE POLLAK (Wien) auf eine der wichtigsten Forscherpersönlichkeiten Oberösterreichs ein, die der Central-Commission angehörte und die ihre wissenschaftliche Prägung der engen Verbindung mit Münchner Intellektuellen des ausgehenden 19. Jahrhunderts verdankte: Hugo von Preen (1854–1941), den „Kristallisationskern der frühen kulturwissenschaftlichen Forschung im westlichen Oberösterreich“. Der vielseitig interessierte Hugo von Preen wurde vor dem Hintergrund der ihn beeinflussenden Persönlichkeiten aus verschiedenen Fachdisziplinen und in seinem so wirksamen Netzwerk als Teil der scientific community einer Zeit dargestellt, die von gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen geprägt war.

Zur Person Ferdinand von Hochstetters war der Beitrag von BRIGITTA MADER (Wien). Nicht nur wurde die österreichische Urgeschichtsforschung auf ihrem Weg zur selbständigen wissenschaftlichen Disziplin wesentlich durch das Wirken Ferdinand von Hochstetters (1829–1884) bestimmt, dieser große Organisator war es auch, der durch die beiden Neugründungen – der anthropologisch-ethnographischen Abteilung am k. k. naturhistorischen Hofmuseum (1876) und der prähistorischen Kommission der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien (1878) – die institutionelle Voraussetzung zur urgeschichtlichen Durchforschung Österreichs schuf, in welcher nicht zuletzt sein Netzwerk wirksam werden konnte.

RAIMUND KARL (Bangor) brachte eine Untersuchung über Moriz Hoernes, mit welcher er das Netzwerk der Schüler des seit 1899 ersten Professors für Urgeschichte des Menschen an der Universität Wien synchron und diachron betrachtete und analysierte, wobei die Kritik der Methode auch deren Einfluss auf den archäologischen Denkmalschutz in Österreich bis heute einbezog.

SUZANNE MARCHAND (Baton Rouge) widmete sich der Karriere und Rezeption des österreichischen Gelehrten Josef Strzygowski und dessen als „Orientophilie“ bezeichneter Affinität zum Orient und zur Volkskunst verschiedener Regionen. In seiner Herausforderung eurozentristischer Ästhetik hätten Strzygowskis Leserschaft und zum Teil seine Studenten das gefunden, was man eine postkoloniale oder multikulturelle Kunstgeschichte nennen könnte.

MONIKA FABER (Wien) brachte mit ihrem Beitrag „Von Carnuntum nach Samothrake – Frühe österreichische Fotografie in archäologischen Zusammenhängen“ diesen wichtigen, damals noch relativ neuen technischen Bereich in die Tagung ein, dessen Proponenten man angesichts ihrer Bedeutung besonders für die Ausgrabungs- und Kunstarchäologie durchaus als Teil der zeitgenössischen wissenschaftlichen Netzwerke ansehen muss.

In die eher praxisbezogenen Bereiche von archäologischen Ausgrabungen am Beispiel der Einstellungspraxis von Heinrich Schliemann führte der Beitrag von MICHAELA ZAVADIL (Wien). Die Vortragende machte dabei offensichtlich, dass wissenschaftliche Netzwerke durchaus auch weniger gelehrten Zielen dienen konnten, und skizzierte am Beispiel Heinrich Schliemanns, wie die Bekanntschaft mit anderen Forschern auch dazu genutzt wurde, Grabungsmitarbeiter unterschiedlichster Qualifikation zu rekrutieren, die dann an verschiedenen Grabungsorten eingesetzt werden konnten.

Die Korrespondenz von Alexander Conze und Wilhelm Bode war Thema des Referates von INA FRIEDMANN (Wien). Sie rekonstruierte anhand des über Jahrzehnte laufenden Briefverkehrs ein Beispiel wissenschaftlicher Vernetzung, das die Praxis von Austausch, Hilfestellung, Unterstützung sowie Planung wissenschaftlicher Vorhaben darzustellen erlaubt.

Mit der Vielfalt der in den Beiträgen selbst und in den Diskussionen apostrophierten Betrachtungsebenen erfolgten zahlreiche Annäherungen an die „altertumswissenschaftlichen Netzwerke“. „Fallstudien“ haben exemplarisch facettenreich Einblicke in bisher wenig oder noch gar nicht aufgearbeitete Bereiche der europäischen, vorwiegend deutschsprachigen Altertumskunde gewährt. Die Ergebnisse der Untersuchungen bringen nicht nur Neues zu den persönlichen Verhältnissen und Verbindungen der Wissenschaftler untereinander, indem sie deren personelle Netzwerke analysieren, sondern sind mit den dabei in den Fokus gerückten Sachfragen konkret in der Forschungs- und Wissenschaftsgeschichte verortet. Resümierend muss man aber auch festhalten, dass eine einzelne Tagung natürlich nur einige wenige „Netzwerke“ und „Netzwerk-Aspekte“ vorstellen kann. Deren offensichtliche Komplexität und das in großem Umfang vorhandene und heutzutage immer leichter zugängliche Archivmaterial werden weitere Untersuchungen hervorbringen und vielleicht auch zu ähnlich ausgerichteten Tagungen führen. Die Wiener Tagung, die von gediegener, sachlicher Diskussionskultur getragen war, könnte dazu als Anregung dienen.

Konferenzübersicht:

Karl R. Krierer (Wien), Eröffnung

Daniela Haarmann (Wien), Zwischen Beratung, Austausch und Diplomatie – Die Netzwerke des Franz de Paula Neumann (1744–1816), Leiter des k. k. Münz- und Antikenkabinetts

Andreas Schmidt-Colinet (Wien), L.-F. Cassas (1756–1827) als Vorläufer/Wegbereiter von Netzwerken in den Altertumswissenschaften des 19. Jahrhunderts

Olivier Gengler (Wien), „Deux lettres à Mylord Comte d’Aberdeen“: Öffentliche Briefwechsel und Kontroverse über die Inschriften von Michel Fourmont am Anfang des 19. Jahrhunderts

Karl R. Krierer (Wien), Alexander Conze und Theodor Mommsen. Die Wiener Briefe (1870–1877)

Torsten Kahlert (Berlin), Große Projekte und informelle Netzwerke. Theodor Mommsen und das Corpus Inscriptionum Latinarum

Christine Ottner (Wien), Zwischen Berlin und Wien: Theodor Mommsen und die Proponenten des deutsch-österreichischen Akademiekartells von 1893

Hubert D. Szemethy (Wien), Otto Benndorfs frühe Korrespondenzen – Zeugnis für den Aufbau eines wissenschaftsorientierten Netzwerks

Beatrix Bastl (Wien), Die ‘Altertumswissenschaften’, das Migrationsproblem’ und die ‘Disziplin-Losigkeit’. Carl von Lützow und Alexander Conze

Johanna Auinger (Wien), Die Briefe Carl Humanns (1884–1895). Dokumente eines frühen wissenschaftlichen Netzwerkes

Eckhard Wirbelauer (Straßburg), Das altertumswissenschaftliche Netzwerk des Ernst Fabricius (1857–1942) im Spiegel seiner Autobiographie

Marianne Pollak (Wien), Zwischen Bayern und Innviertel. Die Frühzeit der prähistorischen Forschung im westlichen Oberösterreich

Brigitta Mader (Wien/Triest), Netzwerk Urgeschichte. Ferdinand von Hochstetter und die prähistorische Forschung in Österreich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts

Raimund Karl (Bangor), Moriz Hoernes und seine ‘Schule’ bis ins 21. Jahrhundert

Suzanne L. Marchand (Baton Rouge), Appreciating the Art of Others: Josef Strzygowski and the Austrian Origins of Anti-Imperial Art History

Monika Faber (Wien), Von Carnuntum nach Samothrake – Frühe österreichische Fotografie in archäologischen Zusammenhängen

Michaela Zavadil (Wien), „Da kann ich Ihnen unseren Aufseher empfehlen.“ Wie Heinrich Schliemann bisweilen Mitarbeiter suchte und fand

Ina Friedmann (Wien), „Qui tacet, consentit.“ Alexander Conze und Wilhelm Bode im Spiegel ihrer Korrespondenz

Zitation
Tagungsbericht: Netzwerke der Altertumswissenschaften im 19. Jahrhundert, 30.05.2014 – 31.05.2014 Wien, in: H-Soz-Kult, 06.10.2014, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5585>.