25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager

Ort
Weimar
Veranstalter
Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora; Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten; Stiftung Ettersberg
Datum
25.06.2015 - 27.06.2015
Von
Alexander Walther, Europäisches Kolleg Jena. Das 20. Jahrhundert und seine Repräsentationen, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Im Januar 2015 hatte die Fraktion der Alternative für Deutschland im Thüringer Landtag mit einer geplanten Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Buchenwald für Aufsehen gesorgt. Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, zugleich bundesweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wollte die AfD einen Kranz, der an alle „Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald“ erinnern sollte, niederlegen. Nach Protesten wurde die Spruchformel zwar zu einem unkonkreten „In stillem Gedenken“ geändert. Gleichwohl zeigt sich hier, wie auch 25 Jahre nach Beginn der Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager diese noch immer polarisieren kann und wie attraktiv eine Gleichstellung und damit Gleichwertung der Konzentrations- und Speziallager mit Rückgriff auf die Totalitarismus-These weiterhin ist.

Die Jahrestage der Einrichtung und Auflösung der sowjetischen Speziallager und der Beginn ihrer Aufarbeitung waren Anlass für die Konferenz „25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager“, die vom 25. bis 27. Juni im Goethe-Nationalmuseum Weimar durch die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Stiftung Ettersberg veranstaltet wurde.

Ausgangspunkt bildete der Einführungsvortrag von JOST DÜLFFER (Köln). Der „wilde Kontinent“ (Keith Lowe) stand im Zentrum seiner Ausführungen. Dülffer erinnerte an die Komplexität und Vielzahl der Geschehnisse während des Kriegsendes und wies besonders auf die regionalen Unterschiede hin. Während in Westeuropa mit dem 8. Mai tatsächlich die Kampfhandlungen eingestellt worden waren, hielten diese im östlichen und südöstlichen Europa weiterhin an oder begannen von neuem, etwa mit dem Bürgerkrieg in Griechenland. Den chaotischen Zuständen folgten rasch politische Ordnungsversuche, die sich in Ost und West je nach Besatzungsmacht verschieden ausgestalteten. Somit waren auch die Kategorien, nach denen Menschen als Täter, Mitläufer oder Unbelasteter eingestuft wurden, in den Besatzungszonen unterschiedlich. Die ethnischen und sozialen Konflikte seien mit 1945 ebenso wenig überwunden worden, so Dülffer, wie die materiellen und mentalen Folgen des Krieges.

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde von BERND BONWETSCH (Ebeltoft) auf die Wirkmacht der nationalsozialistischen Propaganda und den Mythos der „Werwölfe“ hingewiesen. Die Rote Armee habe bei ihrem Vorstoß einen ähnlich starken Widerstand erwartet, wie etwa in Polen oder der Ukraine. NS-Täter seien durch die sowjetischen Stellen eher aus ideologischen und sicherheitstaktischen denn aus strafrechtlichen Gründen verfolgt worden. GALINA IVANOVA (Moskau) erinnerte an die Eingliederung der sowjetischen Speziallager in das stalinistische Lagersystem und den hohen Grad an Willkür, der dadurch auf die Verhaftungspraxis gewirkt habe.

In seiner Einführung zur Geschichte der Speziallagerforschung betonte ENRICO HEITZER (Oranienburg), dass die frühen Studien zu den Lagern im Kontext des Kalten Krieges zu lesen seien und zumeist eine scharfe Anklage gegen die DDR und die Sowjetunion mitführten. Dies ging einher mit einer Relativierung der NS-Verbrechen und einer Gleichsetzung der „roten KZs“ mit denen der Nationalsozialisten. Bis in die 1980er-Jahre hinein fand das Thema vor allem in geschichts-revisionistischen Kreisen Gehör. Mit Ende des Kalten Krieges und den ersten Gräberfunden in den 1990er-Jahren rückten die Speziallager in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit, wie JULIA LANDAU (Weimar) berichtete. Neben relativierenden Tendenzen stand bei ehemaligen Internierten jetzt vor allem das Bedürfnis nach Rehabilitierung im Vordergrund, welches nicht immer im wissenschaftlich-analytischen Stil eingefordert wurde. Trotz langjähriger Forschung bestehen weiterhin Desiderata. Die Abläufe im Vorfeld der Lagerhaft sind ebenso spärlich erforscht wie Struktur und Zusammensetzung des Lagerpersonals und der Interniertengesellschaft selbst. Letztlich müsse das klare Fazit der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“, die Speziallager hätten nicht der Entnazifizierung gedient, revidiert und differenziert werden.[1]

Einen ersten Beitrag dazu lieferte ANDREAS WEIGELT (Lieberose) in seiner Darstellung der Todesurteile sowjetischer Militärtribunale. Von den etwa 5.000 ausgesprochenen Todesurteilen bis 1947 seien etwa 70 Prozent aufgrund von Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfolgt. Besonders Tätergruppen, die erst spät in den Fokus der NS-Forschung gerieten wie etwa Polizeibataillone, wurden schon früh aufgrund ihrer Verbrechen verurteilt. Die Urteile geben Aufschluss über die mangelnde Rechtsstaatlichkeit der frühen Nachkriegszeit und einer daraus entstandenen „transitional justice“. Letztlich seien die „richtigen“ Täter vor die „falschen“ Gerichte gestellt worden.

Galina Ivanova betonte erneut die Verbindung der Speziallager mit dem stalinistischen Lagersystem und erinnerte an die wirtschaftlichen Interessen und Aspekte der Machtsicherung, die hinter der massenhaften Internierung gestanden hätten. Nach internationalem Druck zur Auflösung der Lager sei das System durch Stalin erneut verschärft worden. Hierin lasse sich auch die zunehmende Nutzung der Lager im Kontext des Kalten Krieges zeigen.

MATTHIAS UHL (Moskau) erinnerte an die zahlreichen Akteure auf sowjetischer Seite und die Vielzahl der aktiven Geheimdienste, die maßgeblich die politische und wirtschaftliche Ausrichtung der Lager beeinflussten. Mit Beginn des Kalten Krieges habe sich auch die Zusammensetzung der Internierten geändert. Neben tatsächlich NS-Belasteten wurden zunehmend politisch Unbequeme inhaftiert. Auch die enge Zusammenarbeit zwischen SED und sowjetischen Organen dürfe nicht vergessen werden. Die Forschung sei in diesen Bereichen jedoch durch den unzureichenden Zugang zu den Akten enorm erschwert und in Russland faktisch gänzlich zum Erliegen gekommen. JAN FOITZIK (Berlin) stellte die Speziallager der SBZ/DDR in einen größeren Kontext und betonte die Gemeinsamkeiten zur Internierungspraxis in Ostmitteleuropa. In der Diskussion plädierte JÖRG GANZENMÜLLER (Weimar / Jena) gegen eine eindeutige Charakterisierung der Speziallager als bloße stalinistische Repressionsinstrumente, um den Eindruck zu vermeiden, alle Internierten, und damit auch die NS-Täter, seien letztlich nur Opfer des Stalinismus gewesen. Matthias Uhl und Bernd Bonwetsch unterstrichen erneut den hohen Stellenwert der Sicherheit und Machterhaltung innerhalb der sowjetischen Besatzungspraxis, die sich auch auf die Internierungspolitik ausgewirkt habe.

NATALJA JESKE (Rostock) illustrierte an einer Häftlingsbiographie des Speziallagers 9 Neubrandenburg die Vielschichtigkeit der Interniertengesellschaft und erneut die Funktionalisierung und sicherheitstaktischen Überlegungen der sowjetischen Organe. NS-Belastete seien durchaus interniert worden, doch oft seien diese kaum mehr belastet gewesen als jene, die weiterhin frei waren. Auch sie unterstrich erneut die Zusammenarbeit von DDR-Behörden und sowjetischen Organen im Auflösungsprozess und Nachgang der Speziallager.

Die zunächst vielen Gemeinsamkeiten zwischen sowjetischer und westalliierter Internierung stellte ANDREA GENEST (Berlin) am Beispiel des Civil Internment Camp No. 2 Sandbostel dar. Auch in der britischen Besatzungszone habe es einen „automatic arrest“ Verdächtiger gegeben. In der unmittelbaren Nachkriegszeit sei es zunächst um Bestrafung von NS-Tätern gegangen, die jedoch rasch einer versuchten re-education wich. Die Internierten selbst, so Genest, sahen sich vermehrt als Kriegsgefangene und lediglich kleine Rädchen im nationalsozialistischen System. Der wohl deutlichste Unterschied zu den sowjetischen Speziallagern bestand letztlich darin, dass die britischen Internierten anders als die sowjetischen in Spruchkammerverfahren einer frühen Form der neuetablierten Rechtsstaatlichkeit begegneten. Dass hierbei aber auch prominente NS-Täter wie Herbert Hagen frei gesprochen wurden, gehört ebenfalls zur Geschichte dieser Verfahren.

In ihrem Kommentar erinnerte HANNE LESSAU (Bochum) an die unterschiedlichen Definitionen des Entnazifizierungsbegriffs und plädierte für eine Trennung von Verhaftung und Internierung aus sicherheitspolitischen Überlegungen und einer einsetzenden Umerziehung. Für die Forschung sei es wenig ertragreich zu ergründen, ob die Internierten tatsächlich NS-Täter waren als vielmehr zu fragen, wer die Internierten als NS-Belastete wahrnahm und was als belastet galt. Die Praxis der Entnazifizierung sei in den individuellen Fällen deutlich komplexer und oft selbstreflexiver abgelaufen als oftmals angenommen.

In der nachfolgenden Diskussion unterstrich ANDREW BEATTIE (Sydney) die Gemeinsamkeiten in der Internierungspraxis der Alliierten. Bei deren Bewertung aus heutiger Sicht müsse aber auf die Ausgestaltung des Täterbegriffs geachtet werden. Während Täterschaft in der gegenwärtigen Forschung deutlich breiter angelegt sei, hätten in der Nachkriegszeit lediglich Partei- und SS-Mitglieder als klare Täter gegolten, Beamte und Wirtschaftsfunktionäre habe man weniger in den Blick genommen und deren Rolle und Verantwortung im Nationalsozialismus kaum beachtet.

In seinem Abschlussvortrag erklärte Andrew Beattie, dass die oft als spärlich beschriebene Beschäftigung mit den Speziallagern keineswegs ein Novum darstellt. Ähnlich wie bei den nationalsozialistischen Konzentrationslagern seien die ersten Arbeiten von Betroffenen selbst verfasst worden. In den Diskursen seit 1990 erkennt Beattie zwei Tendenzen. Die „versicherheitslichende“ Sicht betonte stark das Sicherheitsbedürfnis der Besatzungsorgane, womit jedoch nicht jeder Aspekt erklärt werden könne. Die „juridifizierende“ Sicht sehe eher in der strafrechtlichen Verfolgung den Hauptzweck der Lager. Der oft formulierte Vorwurf, nur in den sowjetischen Lagern sei mit dieser doppelten Zielsetzung gebrochen worden, wodurch sie zunehmend politisiert worden seien, entpolitisiere die westlichen Lager. Die vielschichtige Zusammensetzung der Internierten aus Tätern, Opfern, Gegnern, Mitläufern und Kindern sei noch zu wenig beleuchtet worden. Auch müsse der Begriff des Internierungslagers mit dem des Straflagers kombiniert werden, um der Komplexität der Thematik gerecht zu werden. Letztlich zeige sich auch in neueren Werken, etwa im umstrittenen Buch von Bettina Greiner[2], dass eine tradierte Simplifizierung weiterhin anhalte.

Diese Sichtweise unterstrich auch GÜNTER MORSCH (Oranienburg). Eine Versachlichung der Debatte sei weiterhin nicht gelungen. Die Diskussion um die Speziallager erfülle ähnliche Funktionen wie die Debatte um die Vertriebenen. Sie diene der Entlastung der eigenen Verantwortung und gehe einher mit der Betonung der Opferrolle. Während Bernd Bonwetsch auf den wechselnden Charakter der Speziallager hinwies, die von der teilweisen Übernahme von Praktiken aus dem System des GULag und der veränderten Zusammensetzung der Internierten herrührte, warnte Günter Morsch vor einer einfachen Übertragung der sowjetischen Praxis auf den deutschen Kontext. VOLKHARD KNIGGE (Weimar / Jena) plädierte eindrücklich für die Überwindung einer Hierarchisierung von Leiderfahrungen und für das Festhalten an der Komplexität der Thematik und ihrer Vermittlung, obgleich hierbei weiterhin Geduld gefragt sei. Gerade die öffentliche Auseinandersetzung mit den Speziallagern müsse den schwierigen Spagat zwischen angemessener Komplexität und rezipierbaren Erklärungsversuchen bewältigen.

Damit endete die Tagung in vielleicht allzu pessimistischen Feststellungen, die die wichtige bereits geleistete Forschungsarbeit etwas zu wenig würdigte, obgleich einzelne Beiträge während und abseits der Tagung gezeigt haben, dass Simplifizierung und tradierte Mythen sich auch in den Fachwissenschaften beharrlich halten. Letztlich geht es aber nicht um die Ausgestaltung des Kampfes gegen erinnerungspolitische Windmühlen, sondern vielmehr um die Feststellung, dass auch nach 25 Jahren die Thematik der Speziallager alles andere als abschließend und befriedigend bearbeitet und genügend öffentlich kommuniziert worden ist. Diese Einsicht ist jedoch weniger Grund für Pessimismus als Ansporn zu neuer Forschungstätigkeit und Aufklärungsarbeit. Welche Fragen es zu stellen gilt, hat die Tagung eindrücklich vermittelt.

Konferenzübersicht:

Einführungsvortrag

Jost Dülffer (Köln), Das Jahr 1945 und das Kriegsende in Europa

Podiumsdiskussion
Moderation: Jörg Ganzenmüller (Weimar / Jena)

Jost Dülffer (Köln) / Galina Ivanova (Moskau) / Sergej Mironenko (Moskau) / Bernd Bonwetsch (Ebeltoft)

Enrico Heitzer (Oranienburg) / Julia Landau (Weimar), Wo steht die Speziallager-Forschung heute? Bisherige Ergebnisse, Desiderata und neue Fragestellungen

Themenkreis I – Einordnung der Geschichte sowjetischer Speziallager in die Geschichte stalinistischer Repressionen nach Kriegsende

Andreas Weigelt (Lieberose), Todesurteile sowjetischer Militärtribunale in Deutschland

Galina Ivanova (Moskau), Das sowjetische Lagersystem nach Kriegsende

Podiumsdiskussion
Moderation: Julia Landau (Weimar)

Galina Ivanova (Moskau) / Jan Foitzik (Berlin) / Andreas Weigelt (Lieberose) / Matthias Uhl (Moskau)

Themenkreis II – Sowjetische Speziallager im Kontext der Nachgeschichte des Nationalsozialismus

Natalja Jeske (Rostock), Neubrandenburg: Kriegsgefangenenlager, Repatriierungslager, sowjetisches Speziallager

Andrea Genest (Berlin), Internierungslager in der britischen Zone: Das Beispiel Civil Internment Camp No. 2 Sandbostel

Podiumsdiskussion
Moderation: Enrico Heitzer (Oranienburg)

Hanne Leßau (Bochum) / Andrea Genest (Berlin) / Natalja Jeske (Rostock)

Themenkreis III – Rückschau auf die Aufarbeitung der Geschichte sowjetischer Speziallager

Andrew Beattie (Sydney), Kontinuität und Wandel in der Auseinandersetzung mit den sowjetischen Speziallagern

Podiumsdiskussion
Moderation: Jörg Ganzenmüller (Weimar / Jena)
Volkhard Knigge (Weimar/Jena), Andrew Beattie (Sydney) / Günter Morsch (Oranienburg) / Bernd Bonwetsch (Ebeltoft)

Anmerkungen:
[1] Deutscher Bundestag (Hrsg.), Schlußbericht der Enquete-Kommission „Überwindung der Folgen der SED- Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“, 1998, S. 236.
[2] Bettina Greiner, Verdrängter Terror. Geschichte und Wahrnehmung sowjetischer Speziallager in Deutschland, Hamburg 2010.

Zitation
Tagungsbericht: 25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager, 25.06.2015 – 27.06.2015 Weimar, in: H-Soz-Kult, 02.09.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6137>.