Der Erste Weltkrieg unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. Eine deutsch-polnische Tagung

Ort
Kulice / Trzygłów
Veranstalter
Stiftung Europäische Akademie Külz-Kulice (Polen)
Datum
13.09.2015 - 15.09.2015
Von
Elsbeth Vahlefeld, Verein zur Förderung der deutsch-polnischen Zusammenarbeit e. V., Bonn

Lisaweta von Zitzewitz, Europäische Akademie Külz-Kulice, und Rudolf von Thadden, Göttingen, führten in die Tagung ein. Sie erinnerten daran, dass in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland, Polen und anderen Ländern unzählige Arbeiten erschienen sind, die sich mit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auch unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen, beschäftigen. Demgegenüber wird der Erste Weltkrieg in weitaus geringerem Maße erforscht und diskutiert. Das ist verwunderlich, ist doch häufig die These zu hören, dass es den Zweiten Weltkrieg ohne den Ersten nicht gegeben hätte.

Selbst wenn man diese These nicht in ihrer ganzen Absolutheit teilen mag, lässt sich doch nicht von der Hand weisen, dass die Situation Deutschlands, Russlands und Polens am Ende des Ersten Weltkriegs den Nährboden für weitere Konflikte barg. Im Ergebnis des Ersten Weltkriegs brach die preußisch-deutsche Monarchie zusammen. Es entstand die Weimarer Republik, die sich erst etablieren musste und der viele Bürger distanziert gegenüberstanden. Im Ersten Weltkrieg ging auch das russische Zarenreich unter. Lenins Oktoberrevolution begründete die Sowjetunion. Die politischen Umstrukturierungen in Russland, Deutschland und Polen waren mitverantwortlich dafür, dass sich die Beziehungen der drei Staaten zueinander im Lauf der Zwischenkriegszeit keineswegs in Richtung Ausgleich, Dialog und Entspannung entwickelten. Letztlich unterschied sich die Lage am Vorabend des Zweiten Weltkriegs fundamental von der Situation im und nach dem Ersten Weltkrieg.

In der deutsch-polnischen Tagung untersuchten deutsche und polnische Wissenschaftler verschiedene Aspekte und Facetten rund um den Ersten Weltkrieg, der im Osten genau so blutig war wie im Westen. Nach mehr als 120 Jahren trat Polen nach dem Versailler Vertrag als selbständiger Staat wieder auf die Bühne Europas und seitdem nimmt dieses Land im politischen Geschehen Europas eine wichtige Rolle ein. Während der Tagung wurden neue Forschungsergebnisse zu den deutsch-polnischen Beziehungen während des Ersten Weltkriegs vorgetragen, analysiert und im Kreise der über sechzig deutschen und polnischen Gäste hinterfragt und debattiert.

RUDOLF VON THADDEN (Göttingen) befasste sich mit der Frage, wie der Erste Weltkrieg in Polen und im Westen, zum Beispiel in der unmittelbar an Polen grenzenden Provinz Pommern, wahrgenommen wurde. In dieser Provinz spielte das Geschick Polens während des Ersten Weltkriegs keine große Rolle. Erst die Auswirkungen des Versailler Vertrags, unter anderem die Festlegung des Korridors zwischen Pommern, Danzig und Ostpreußen berührten die Pommern empfindlich, ohne dass sie sich in besonderem Maße für die polnische Entwicklung in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft interessierten.

ROMAN TOMASZEWSKI (Słupsk), kam in seinem umfassenden und mit detaillierten geschichtlichen Fakten gestützten Vortrag „Polen zwischen Russland und Deutschland zur Zeit des Ersten Weltkriegs“ zum Ergebnis, dass das geteilte Polen auf die Kriegssituation besser eingestellt war als Russland und Deutschland und dass in Polen starke gesellschaftliche Kräfte den Prozess der neuen Staatenbildung Polens begünstigten. Es gab viele kleine polnische Initiativen, häufig in Form von Vereinen, z. B. auch Pfadfindergruppen, die die polnische Unabhängigkeit vorbereiteten bzw. zumindest den Wunsch danach lebendig hielten.

GANGOLF HÜBINGER und WERNER BENECKE (beide Frankfurt an der Oder) befassten sich mit Vorstellungen des Deutschen Reiches hinsichtlich der Behandlung Polens während des Ersten Weltkriegs. Hübinger stellte die „Mitteleuropa-Konzeption“ dar, die wegen des Kriegsverlaufs nicht verwirklicht wurde. Benecke ging auf die „Vergessene Okkupation“, die deutsche Besatzung im östlichen Teil Polens in den Jahren 1915–1918, ein, die mit der Verlesung der Gründungsurkunde eines neuen polnischen Staates, des Königreichs Polen, die seit 1772 bzw. 1795 bestehenden Teilungen Polens aufhob. Wie Benecke ausdrücklich betonte, war der höchste Repräsentant der Besatzungsmacht, der deutsche General Hans von Beseler, wohlwollend gegenüber der polnischen Bevölkerung eingestellt. Diese deutsche Besatzung endete dann kriegsbedingt, sie hat sich aber, so Benecke, „tief in das kollektive Gedächtnis der älteren Warschauer Bevölkerung eingeprägt“, und das keineswegs negativ.

Mit der Besatzungspolitik des Deutschen Reiches in den Gebieten Litauens, Weißrusslands, Lettlands und Estlands im Ersten Weltkrieg und im Vergleich dazu im Zweiten Weltkrieg beschäftigte sich JÖRG HACKMANN (Szczecin). Seine Ausführungen ließen das Defizit im Bereich dieses Forschungsgebietes deutlich erkennen. Auf Grund der mangelnden Quellenlage ist (noch) nicht gesichert, welche Relevanz einschlägige Erfahrungen aus dem Ersten Weltkrieg tatsächlich für den Zweiten Weltkrieg hatten.

„Selbstmord oder Rückkehr. Europa in den Jahren 1914–2014“, dieser Thematik widmete sich JAN M. PISKORSKI (Szczecin). Obwohl Europa, vor allem die EU, heute mehr denn je auf der Kippe steht, erinnerte Piskorski daran, dass sich die Idee eines vereinten Europas trotz schrecklicher Ereignisse der vergangenen hundert Jahre bisher behaupten konnte. Nicht immer haben rationale Entscheidungen beim Einigungsprozess Europas im Vordergrund gestanden, sondern vielmehr steuerten in der Vergangenheit und bestimmen auch heute noch emotionale, schwer erklärbare Motive das Handeln von Politikern und gesellschaftlichen Kräften.

Die Veranstaltung fand überwiegend auf Gut Trieglaff, dem heutigen Trzyglów, statt. Gastgeber waren die jetzigen Eigentümer des Gutes Gert und Inge Bertram. Von Gut Trieglaff gingen immer wieder wichtige gesellschaftspolitische Impulse aus. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war hier das geistige Zentrum der pommerschen Erweckungsbewegung. Rund zwei Jahrzehnte lang trafen sich damals engagierte Laien und amtsenthobene Pfarrer regelmäßig in Trieglaff, um über die Zukunft ihrer Kirche zu diskutieren. Im Ersten Weltkrieg organisierte Elisabeth von Thadden, die 1944 von den Nazis hingerichtet wurde, auf Gut Trieglaff Konferenzen, auf denen der pommersche Landadel nach Wegen suchte, die aus der feudalen Welt herausführen könnten. Die hier beschriebene Tagung hat an die Tradition der Trieglaffer Konferenzen angeknüpft und Deutsche und Polen zusammengebracht, um ihre Verständigung und Zusammenarbeit im gemeinsamen Europa zu fördern und zu vertiefen.

Zur Tagung ist inzwischen eine Dokumentation im Rahmen der wissenschaftlichen Reihe der Zeszyty Kulickie/ Külzer Hefte in deutscher und polnischer Sprache erschienen.

Konferenzübersicht:

Rudolf von Thadden (Göttingen): Der Erste Weltkrieg als Thema des deutsch-polnischen Dialogs

Roman Tomaszewski (Słupsk): Polen zwischen Russland und Deutschland im Ersten Weltkrieg

Gangolf Hübinger (Frankfurt an der Oder): „Mitteleuropa“ und Polen. Deutsche Ordnungsvorstellungen 1915-1917

Werner Benecke (Frankfurt an der Oder): Die deutsche Besatzung Polens 1915-1918

Jörg Hackmann (Szczecin): Von Ober Ost zum Reichskommissariat Ostland. Konzeptionen deutscher Besatzungsherrschaft im Osten Europas

Jan M. Piskorski (Szczecin): Selbstmord oder Rückkehr. Europa in den Jahren 1914-2014

Abschlussdiskussion zum Thema des Ersten Weltkrieges unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen

Zitation
Tagungsbericht: Der Erste Weltkrieg unter dem Gesichtspunkt der deutsch-polnischen Beziehungen. Eine deutsch-polnische Tagung, 13.09.2015 – 15.09.2015 Kulice / Trzygłów, in: H-Soz-Kult, 01.12.2015, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6263>.
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Veröffentlicht am
01.12.2015
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