Prävention, Intervention, Responsibilisierung. Zur Genealogie und kulturellen Wirksamkeit von Gegenwartsdiagnosen

Ort
Oldenburg
Veranstalter
Oldenburger Wissenschaftliches Zentrum „Genealogie der Gegenwart“
Datum
02.07.2015
Von
Sabrina Gavars, Institut für Sozialwissenschaften, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg; Lukas Nennmann, Institut für Sportwissenschaft, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg

Der vom Oldenburger Wissenschaftlichen Zentrum „Genealogie der Gegenwart“ ausgerichtete Workshop befasste sich mit der „Genealogie“ (Michel Foucault) und der „kulturellen Wirksamkeit“ (Albrecht Koschorke) von „Gegenwartdiagnosen“ in der Moderne. Ziel war es, die Zusammenhänge zwischen der Etablierung eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses in unterschiedlichen Formen kultureller Selbstauslegung, der Modellierung des Sozialen und bestimmten Praktiken politischer Intervention auszuleuchten. Wie der Historiker NIKOLAUS BUSCHMANN (Oldenburg) einleitend darlegte, lassen sich Gegenwartsdiagnosen nicht nur als bloße Wahrnehmungen oder Konstruktionen der Wirklichkeit begreifen. Sie sind vielmehr selbst performative Elemente der Praxis, welche die Wirklichkeit dahingehend modellieren, dass sie Menschen zu einer Veränderung (unerwünschter) gegenwärtiger Zustände im Blick auf eine (erwünschte) Zukunft anleiten bzw. „responsibilisieren“. Beispielsweise etablieren sich derzeit unter dem Leitbild der Resilienz in der Entwicklungspsychologie, der Pädagogik und den Gesundheitswissenschaften Konzepte, die darauf abgestellt sind, die Widerstandsfähigkeit des Einzelnen in einer aus dem Ruder laufenden „Risikogesellschaft“ zu trainieren und diese wiederum als „Präventionsgesellschaft“ zu rekonfigurieren. Vor diesem Hintergrund gingen die in dem Workshop versammelten Soziologinnen, Historiker, Kulturwissenschaftlerinnen und Philosophen der Frage nach, wie und unter welchen (historischen, sozialen, kulturellen) Bedingungen diese Gegenwartsdiagnosen zu „fungierenden Ontologien“ (Peter Fuchs) der modernen „Interventionsgesellschaft“ wurden und welche Subjektvorstellungen und Verhaltensdispositive damit jeweils einhergingen.

Der Historiker NICOLAI HANNIG (München) befasste sich in seinem Vortrag über „Prävention als politisches Argument“ mit dem Wandel der Mensch-Natur-Beziehung im gesellschaftlichen Umgang mit Naturgefahren. Im ersten Teil seines Beitrags zeigte er, wie sich an der Schwelle zum 19. Jahrhundert eine präventive Haltung gegenüber Naturgefahren etablierte, indem Experten eine bedrohlich wirkende Zukunft entwarfen und zugleich die Maßnahmen projektierten, um den antizipierten Gefahren vorzubeugen. So skizzierte der badische Wasserbauer Johann Gottfried Tulla in seiner Abhandlung über die „Rektifikation des Rheins“ von 1825 eine Art Naturapokalyptik, deren düstere Färbung nicht zuletzt darauf abzielte, politische Entscheidungsträger zu mobilisieren. In ähnlicher Weise brachte Hans Konrad Escher seine 1807 publizierten Pläne zur Korrektur der Linth „marketing-strategisch“ zum Einsatz, indem er die von ihm vorgeschlagenen wasserbaulichen Eingriffe in den Flussverlauf als „Rettung der durch Versumpfungen ins Elend gestürzten Bewohner“ anpries. Im zweiten Teil seines Vortrags entfaltete Hannig die These, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts das Paradigma der Prävention zunehmend vom Konzept der Resilienz abgelöst worden sei. Statt Gefahren heraufzubeschwören, die durch präventive Maßnahmen vermieden werden sollten, fordere das Resilienzkonzept dazu auf, sich auf (scheinbar) unvermeidbare Gefahren einzustellen. Das damit verbundene Ziel eines fehlertoleranten Zustands der ständigen Anpassungsbereitschaft erinnere an ein Motto, das sich besonders in Ulrich Becks Risikogesellschaft finden lasse: Widerstehen ist realistischer als Verhindern. Die anschließende Diskussion rückte die Frage nach den gesellschaftlichen Konstitutionsbedingungen von Gegenwartsdiagnosen in den Fokus: Inwiefern müssen Katastrophenszenarien menschliche Erfahrungen reflektieren, um in der Gesellschaft Glaubwürdigkeit zu entwickeln? Woher beziehen die damit verknüpften Deutungsmuster und Argumentationsfiguren ihre Plausibilität?

Der Soziologe MATTHIAS LEANZA (Freiburg) zeichnete in seinem Beitrag über „Prävention durch Störung“ eine Genealogie der Krankheitsprävention vom Ansatz der „Pathogenese“ hin zu einer Theorie der „Salutogenese“ nach. Den Beginn dieses Paradigmenwechsels datierte Leanza auf die Etablierung der Immunologie im späten 19. Jahrhundert und verdeutlichte dies am „Modell der aktiven Immunologisierung“ nach Paul Ehrlich. Während beim Prinzip der Pathogenese die Krankheit zur strukturierenden Kraft der Wirklichkeit werde, setze der salutogenetische Ansatz auf die Stärkung eines „Kohärenzgefühls“. Hergestellt werde dieses Gefühl nicht durch vorbeugende Maßnahmen zur Vermeidung von Krankheiten, sondern vielmehr dadurch, dass man sich von außen kommenden Störungen bewusst aussetze. Das salutogenetische Theorem von der Gesundheit als einer unabschließbaren Aufgabe folge damit, so Leanza, einem zum immunologischen Modell der Antigen-Antikörper-Reaktion homologen Modell der Stimulusverarbeitung. In der Diskussion dominierte die Frage, inwiefern sich zeitgenössische Entwicklungen im Gesundheitswesen im Konzept der Salutogenese widerspiegelten. Dabei wurde deutlich gemacht, dass immunologische Einflüsse im heutigen Verständnis von Gesundheit nach wie vor eine grundlegende Rolle spielen und Gesundheit vor allem als das rechte Maß zwischen Unter- und Überforderung verstanden wird. Leanza zufolge lässt sich das Konzept der Salutogenese als Füllung oder Überwindung eines vermeintlich „leeren“ Begriffs von Gesundheit verstehen, welche die asymmetrische Fassung von Krankheit (als umfassend untersucht) zu Gesundheit (ohne Bedarf einer Klärung) auflöst.

Im Anschluss daran legte der Philosoph FRIEDER VOGELMANN (Bremen) dar, wie sich „Genealogie als philosophische Methode" betreiben lasse. Am Beispiel des Verantwortungsbegriffs diskutierte er die Frage, wie philosophische Begriffe analysiert werden können, ohne dabei ihre Historizität zu vernachlässigen. Vogelmann positionierte Genealogie als eine Methode, die sich weder als Begriffsanalyse oder Philosophiegeschichte, sondern vielmehr als Korrektiv konventioneller Erzählweisen begreife. Die Vielfalt philosophischer Reflexionen zum nicht klar konturierten Begriff der Verantwortung führte Vogelmann anhand von Verwendungsweisen des 19. und 20. Jahrhunderts vor. Für gegenwärtige Begriffsanalysen von Verantwortung als „diskursivem Operator“ ergeben sich demnach drei Gefahren, die durch ein Aufsuchen von Quellen „dem Wort nach, statt der Sache nach“ vermieden werden können: Erstens werde Verantwortung in Texte zurückgelesen („retroaktive Projektion“); zweitens werde eine Struktur der Verantwortung aus Sätzen abgeleitet („willkürliche Fixierung“); drittens bleibe eine tatsächliche Reflexion über den nicht-philosophischen Gebrauch von Verantwortung aus („limitierte Selbstreflexion“). Als Alternative zu den Methoden herkömmlicher Philosophiegeschichtsschreibung fasste Vogelmann den genealogischen Ansatz Foucaults als eine Analyse von Praktiken auf. Eine subjektivierungskritische Philosophie müsse daher neben einer Genealogie von Verantwortung in der Philosophie auch nach Verantwortung in den Praktiken der Philosophie suchen. In der Diskussion wurde diesbezüglich die Frage aufgeworfen, ob eine solche Suche nicht ein Verständnis vom Sachgehalt eines Begriffs voraussetze und sich die Frage nach dessen kultureller Wirksamkeit nicht daran entscheide, ob eine Wort-, Begriffs- oder Konzeptgeschichte geschrieben werden solle.

Der Soziologe CHRISTOPH HAKER (Oldenburg) behandelte abschließend „die Praxis der Paradoxiediagnose und das Politische der Theorie“ am Beispiel prominenter gegenwartsdiagnostischer Texte (von Chantal Mouffe, Colin Crouch und Jacques Rancière). Deren Gemeinsamkeit bestehe darin, dass sie die gegenwärtigen westlichen Demokratien als paradox beschreiben und kritisieren. Das Interesse Hakers galt dabei nicht dem Wirklichkeitsgehalt dieser Paradoxiediagnosen, sondern vielmehr der wissenssoziologischen Rekonstruktion ihrer Herstellung und der Analyse darin enthaltener Grundannahmen über die soziale Ordnung und deren Subjekte. Die Paradoxierungen forderten durch die von ihnen erzeugte Spannung zugleich zur Entparadoxierung – ihrer Widerlegung oder Auflösung – auf. Insofern ließen sich die Paradoxiediagnosen hinsichtlich der von ihnen entworfenen (politischen) Möglichkeitsräume sowie der (impliziten) Normativität der jeweiligen soziologischen Beobachterperspektive befragen. Mit seinem Vorhaben geht es Haker also nicht um den gesellschaftskritischen Effekt von Paradoxierungen, sondern vielmehr um eine kritische Reflexion gegenwartsdiagnostischer Gesellschaftskritik als Praxis (der Paradoxierung). Die anschließende Diskussion kreiste – im Rückgriff auf die Ausführungen von Frieder Vogelmann – um die Frage, inwiefern sich Paradoxierung der Sache nach in den untersuchten Texten identifizieren lasse, ohne den Begriff vorab zu definieren. Zudem wurde erörtert, von welchen Grundannahmen ausgegangen werden müsse, um paradoxieren zu können, und von welchen (Subjekt-)Positionen aus der Begriff verwendet wird.

In Gegenwartsdiagnosen, so ließe sich ein Ergebnis des Workshops zusammenfassen, artikulieren sich Bedrohungs- und Ordnungsvorstellungen, die Interventionen in das Soziale sowohl anleiten als auch legitimieren. Sie konstituieren die Moderne als eine „Lebensform“ (Rahel Jaeggi), die sozialen Wandel als (krisengetriebene) experimentelle Problemlösung betreibt. Um Plausibilität zu erlangen, benötigen Gegenwartsdiagnosen, das hat der Workshop herausgearbeitet, Ankerpunkte in gesellschaftlichen Erfahrungszusammenhängen. Denn nicht alle Gegenwartsdiagnosen setzen sich gleichermaßen und überall durch, zudem ist ihr Haltbarkeitsdatum begrenzt. Auf der „Produktionsseite“ wiederum kommt den jeweils zuständigen Experten eine zentrale Rolle zu: Sie verfügen über die nötigen Instrumentarien und Darstellungsformen, die es ihnen erlauben, eine bestimmte Gegenwart diagnostisch fest-zustellen; überdies trägt ihr Expertenstatus entscheidend dazu bei, diese Feststellungen als mehr oder weniger unumstößliches wissenschaftliches Wissen zu beglaubigen. Der Verdrängungswettbewerb zwischen verschiedenen, teilweise unvereinbaren Gegenwartsdiagnosen ließe sich vor diesem Hintergrund als ein Ringen zwischen konkurrierenden Expertenkulturen begreifen, in dem es immer auch um politische Macht, gesellschaftlichen Einfluss und handfeste Interessen geht.

Konferenzübersicht:

Nikolaus Buschmann (Oldenburg): Zur Genealogie und kulturellen Wirksamkeit von Gegenwartsdiagnosen. Umrisse eines Forschungsprogramms

Nicolai Hannig (München): Prävention, Intervention und Responsibilisierung. Zur Genealogie und kulturellen Wirksamkeit von Gegenwartsdiagnosen

Matthias Leanza (Freiburg): Prävention durch Störung. Zur immunologischen Herkunft der Salutogenese

Frieder Vogelmann (Bremen): Weder Philosophiegeschichte noch Begriffsanalyse. Genealogie als philosophische Methode

Christoph Haker (Oldenburg): Praxis der Paradoxiediagnose und das Politische der Theorie

Zitation
Tagungsbericht: Prävention, Intervention, Responsibilisierung. Zur Genealogie und kulturellen Wirksamkeit von Gegenwartsdiagnosen, 02.07.2015 Oldenburg, in: H-Soz-Kult, 12.01.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6283>.
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Veröffentlicht am
12.01.2016
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