Codex und Material – Jenseits von Text und Bild?

Ort
Wolfenbüttel
Veranstalter
Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
Datum
07.10.2015 - 09.10.2015
Von
Patrizia Carmassi, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel / Universität Göttingen; Gia Toussaint, Universität Hamburg

Das an und von der Herzog August Bibliothek veranstaltete Arbeitsgespräch widmete sich im Rahmen des aktuellen Diskurses um materielle Ausprägungen von Wissensgenerierung, Kommunikationsprozessen und ästhetischer Produktion der Frage nach der Materialität des mittelalterlichen Codex in ihren komplexen Dimensionen. Untersucht wurden Stoffe und Materialien zur Herstellung und Gestaltung eines Codex, ihre symbolischen, ästhetischen oder historisch-kulturellen Bedeutungen und Zuschreibungen sowie ihre technologischen Grundlagen. Dabei kamen auch Wechselwirkungen zwischen Materialität, ihren Repräsentationen bzw. Darstellungstraditionen zur Sprache. Weiterhin wurden die konkreten Elemente des Buches (Schrift, Einband, Wiederverwendung und Fragmentierung von Papier, Pergament, Stoff) in ihrer Dimension als Zeugnis kontextueller Rezeption, als Beleg für Veränderungen von Traditionsgut, neuen Adaptierungen oder Brüchen in der Überlieferung diskutiert.

Die einführende Sektion der Tagung beschäftigte sich mit Fragen nach der materiellen Gestaltung des mittelalterlichen Buches im Sinne von „mise-en-page und mise-en-livre“. In ihrem Beitrag „Welche Materialität? Beispiele und Überlegungen anhand der mittelalterlichen Codices in der Sammlung Marquard Gude (HAB)“ analysierte PATRIZIA CARMASSI (Göttingen / Wolfenbüttel) mit Blick auf die Materialität der Codices zunächst das Spannungsfeld zwischen der Fragilität der materiellen Komponenten des Buches einerseits und den positiven Veränderungsdynamiken im Buch und in Bibliotheken andererseits. Unter besonderer Berücksichtigung antiker und mittelalterlicher Quellen wurden drei Bereiche untersucht. Der erste Teil befasste sich mit dem Verhältnis zwischen Materialität und Narration, d.h. mit dem Gewicht literarischer Überlieferung und seinem Einfluss auf die materielle Gestaltung. Materialität und literarische Produktion standen im Mittelpunkt des zweiten Teils; den Schwerpunkt bildeten Beispiele aus Prologen sowie direkte Anweisungen und Überlegungen der Autoren zu ihren Werken und deren Ausgaben in Bezug auf die Buchproduktion im Rahmen des literarischen Diskurses. Im dritten Abschnitt ging es um Materialität und Codex: „in corpore libri“. Ausgewählte Beispiele zeigten, wie das Buch schon im Mittelalter als Objekt für den Leser und als Arbeitsinstrument angesehen und dementsprechend realisiert oder materiell erweitert werden konnte.

MARC H. SMITH (Paris) widmete sich einem Aspekt des mittelalterlichen Buches, der weniger erforscht ist: dem Bereich der Initialen und Auszeichnungsschriften. Der Beitrag versuchte, eine Brücke zwischen Paläographie und Kunstgeschichte zu schlagen, indem er die Übergangsphänomene in diesem Bereich zwischen 12. und 14. Jahrhundert als komplexen Prozess der Problemlösung analysierte. Nach der Vielfalt der Romanik, der Mischung von Unzialen, Groß- und Kleinbuchstaben, ist die neue Auszeichnungsschrift, bekannt als gotische Majuskel, gleichmäßig gebaut: Grundsätzlich handelt es sich um kreisbasierte Buchstaben eingestellt in Vierecke. Allerdings entstand diese Schrift eher als Nebenprodukt systematischer Prinzipien und Methoden. Die Initialen mussten in einen einheitlichen Raum passen, sie öffneten sich, um Platz für Dekoration und Miniatur zu lassen und expandierten in Bögen und Serifen. Nach Jahrhunderten kreativer Symbiose zwischen Buchstaben und Bildern werden nun die Buchstaben Indikatoren für Textabschnitte und übernehmen akzentuiert eine Rahmenfunktion für Bilder. Die neuen Buchstabenformen erreichten stufenweise die höchste hierarchische Ebene wie die gemalten Initialen: ein Aufstiegsprozess, der auch für andere Schrifttypen typisch ist.

Den Auftakt zur zweiten Sektion, die sich mit der Hülle des Codex beschäftigte, bildete der öffentliche Abendvortrag von DAVID GANZ (Zürich). Kein Element trägt so manifest zur Materialität mittelalterlicher Buchkultur bei wie der Prachteinband, der die buchspezifischen Materialien Pergament und Holz mit einer Hülle aus kostbaren Werkstoffen umgibt. An keiner Stelle erscheint das Buch so sehr als Ding und so wenig als Datenträger: dreidimensionales Objekt, Empfänger einer wertvollen Hülle, komplex gestaltetes Kunstwerk. Der Überschuss an Materialität wäre nicht denkbar ohne die Überschreitung zu einem Dahinter: einen heiligen Autor, einen göttlichen Körper, ein himmlisches Buch. Dieses für den Prachteinbands konstitutive Spannungsverhältnis verweist auf liturgische Gebrauchssituationen, in denen die Medialität abstrakter Schriftzeichen überschritten werden soll zur sakramentalen Präsenz. Am Beispiel verschiedener Evangeliare diskutierte der Vortrag den Status ihrer Prachteinbände als eines Gewandes, das der Vorstellung einer Verkörperung Christi im Buch erst zu Wirksamkeit verhilft. Zugleich war der Einband Schauplatz materieller Gaben, nicht selten Spolien, von Stiftern an himmlische Empfänger gerichtet. Besonderes Augenmerk wurde dabei den Möglichkeiten der Beraubung und Wiederherstellung solchen Buchornats geschenkt.

So beeindruckend und differenziert der Zierrat der Prachteinbände tatsächlich ist, sowenig kommt er auf Dedikationsbildern des frühen und hohen Mittelalters zur Geltung. Diesem Phänomen ging CHRISTOPH WINTERER (Mainz) in seinem Beitrag nach. Er konnte zeigen, dass Darstellungen von Einbänden fast nie um Erkennbarkeit bemüht sind, sondern fast immer ikonographischen Konventionen folgen. Es überwiegen schematische Darstellungen, oft von Edelsteinanordnungen in Reihung oder im Quincunx-Schema. Das mag mit den Produktionsprozessen zusammenhängen, waren doch beim Anfertigen der Dedikationsszene die Einbände oft noch nicht fertiggestellt. Allerdings werden auch nie Elfenbeintafeln gezeigt, die auf realen Buchdeckeln häufig prominent im Mittelfeld zu sehen sind und die wahrscheinlich frühzeitig für geplante Deckel beschafft wurden. In einzelnen Darstellungen sind die Deckel – anscheinend bewusst – nicht in wertvollen Farben gemalt worden. Dedikationsbilder werfen auch Fragen nach dem Buch als corpus und seinem Verhältnis zum Körper des Gebers und/oder des Empfängers auf. Die Vielfalt der Darstellungsmodi ist groß: Der Buchleib wird mit oder ohne Velierung berührt und ostentativ vorgezeigt: in geschlossenem Zustand, so dass Vorder- oder Rückdeckel sichtbar werden, oder im geöffneten Zustand, entweder mit Ansicht der Seiten oder aber, sehr selten, des geöffneten Einbands. Wie die Körperlichkeit des Buches und des menschlichen Leibes miteinander geradezu verschmelzen können, demonstriert Abt Ramwold von St. Emmeran, der im 10. Jahrhundert den karolingischen Codex Aureus einer Restaurierung unterzog.

Das Sehen und Ertasten des Buchäußeren stand im Mittelpunkt des Vortrages von JÖRG RICHTER (Hannover). Gefragt wurde nach den spezifischen Charakteristika der Einbände kleinformatiger Handschriften für den individuellen Gebrauch, von Psaltern, Stunden- und Gebetbüchern. Eine zentrale Eigenschaft dieser Bücher ist ihre enge Bindung an den Körper des Nutzers. Im breiten Spektrum der anzutreffenden Einbandmaterialien und Bindungstechniken fällt eine gewisse Häufung textiler Einbände auf. Gebetbücher auf fürstlichem Anspruchsniveau waren häufig mit Seidensamt, Stickereien oder Goldschmiedearbeiten bedeckt. Anhand zahlreicher Beispiele konnte gezeigt werden, welche materialikonologischen und haptischen Angebote diese Einbände dem Nutzer machen und welche Konsequenzen die Einprägung taktiler und visueller Erfahrungen für die Annäherung an die göttlich-transzendente Welt haben.

Die Grenzen der Materialität erkundete die anschließende Sektion. Auch bei dem Vortrag von GIA TOUSSAINT (Hamburg / Wolfenbüttel) ging es um die Verbindung zur transzendenten Welt durch materielle Erfahrung. Anhand der im Gent-Brügger Raum des späten 15. Jahrhunderts entstandenen Stundenbüchern und ihren von trompe-l’œils gerahmten Hauptminiaturen oder Texten wurde die Frage aufgeworfen, in welchem Verhältnis die realen, maßstabgerecht abgebildeten Dinge, ihre genaue Materialwiedergabe und -ästhetik zu den verkleinerten Narrativen der Hauptminiatur stehen und welche Funktion sie innerhalb des Andachtsprozesses haben. Dabei wurde deutlich, dass das Stundenbuch nicht nur ein memoriales Album (fiktionaler) gesammelter Frömmigkeit ist, die sich in realen und gemalten Objekten innerhalb des Codex spiegelt. Darüberhinaus können die tatsächlich oder gemalt auf dem Manuskript (scheinbar) abgelegten Dinge dazu dienen, eine Verbindung zur Hauptminiatur der Seite herzustellen und eine Brücke in die göttliche Heilswelt zu schlagen. Die Materialität der Dinge, sei sie gemalt oder tatsächlich vorhanden, kann helfen, die Schwelle zwischen Imagination und Wirklichkeit zu überwinden. Dem Material Pergament kommt bei diesem Prozess die Rolle des Mediums zu, das den Spielraum für visuelle Überschreitungen schafft.

Mit trompe-l’œil-Effekten und Illusionismus beschäftigte sich auch FEDERICA TONIOLO (Padua). Gegenstand ihrer Überlegungen war die Darstellung von Materialität in norditalienischen Handschriften des 15. Jahrhunderts. Veristische Materialwiedergabe und ihre Effekte, ihr Spiel mit Illusion und Realität, Simulation und Dissimulation, war eines der Hauptanliegen dieser Malerei. Beschriebene Seiten wurden durch eingefügte Illustrationen zu einer Art Fenster in den dreidimensionalen Raum. Anhand mehrerer Handschriften aus der Herzog August Bibliothek wurde gezeigt, wie der Illusionismus zugleich zurückgenommen wurde, indem bildimmanent deutlich wird, dass es sich nur um gemalte Bilder, um Fiktionen, handelt. So war beispielsweise am Beginn der Drucktechnik die realistische Darstellung des Pergamentes ein wiederkehrendes Sujet der Buchmalerei. Häufig als entrolltes Blatt vor Architekturphantasien ausgestellt, demonstriert die illusionistische Darstellung des Pergaments seine Qualität und propagiert seine Erhaltung als Beschreibstoff.

Der Bedeutung von textilen Mustern ging ANNA BÜCHELER (Zürich) am Beispiel der Kanontafeln im Evangeliar Heinrichs des Löwen nach. Textilgründe füllen die Interkolumnien der Arkaden und dienen den Konkordanzlisten als Ornamentgrund. Handelt es sich hierbei um Dekoration, oder erfüllt textiles Ornament eine komplexere Funktion? Die Textilseiten des Lindauer Evangeliars und jene des Codex Aureus Epternacensis können die ornamentierten Kanontafeln im Evangeliar Heinrichs des Löwen kontextualisieren. Die Textilseiten im Lindauer Evangeliar umschließen die Lage mit den Kanontafeln am Anfang und Ende, jene des Codex Aureus verbinden die vier Evangelien untereinander. Im Vergleich mit der Platzierung und dem ornamentalen Schmuck dieser Seiten legen die Kanontafeln im Evangeliar Heinrichs des Löwen nahe, dass auch hier die textilen Muster eine visuelle Strategie verfolgen mit dem Ziel, die Einheit der vier Evangelien zum Ausdruck bringen. Miteinander verwoben durch ein textiles „Gewand“ werden die Kanontafeln zum pars pro toto für das gesamte Evangelienbuch.

Die darauffolgende Sektion stand unter dem Titel „Fragment, Codex und Funktion“. Auf Basis der umfangreichen Sammlung von Makulaturfragmenten im Bestand der UB Leipzig und unter Berücksichtigung der Erfahrungen aus den Projekten des Leipziger Handschriftenzentrums skizzierte CHRISTOPH MACKERT (Leipzig) einige grundsätzliche Tendenzen der Fragmentverwendung: Für Buchbinderzwecke wurden nicht gezielt Handschriften mit Buchschmuck ausgewählt bzw. nicht überdurchschnittlich häufig buchkünstlerisch gestaltete Handschriftenteile verwendet. Im Gegenteil: Vielfach zeigen Spiegel und Einbandbezüge sogar dezidiert eine Indifferenz gegenüber üblichen Kategorien attraktiver Gestaltung. Blattstücke oder Seiten ohne Beschriftung wurden bei Spiegelbeklebungen offenbar als besonders ästhetisch empfunden. In einigen Fällen scheint man ferner für Spiegel Material gewählt zu haben, das im Layout mit dem Buchblock harmonierte, so dass sich ein einheitlicher Eindruck ergab. Gezielte Auswahl von Fragmenten im Mittelalter ist hingegen in den meisten Fällen inhaltlich begründet, wenn z.B. makulierte Handschriften spolienhaft im doppelten Wortsinn „aufgehoben“ wurden. Die beschriebene Sachlage ändert sich grundlegend in der Neuzeit, als das mittelalterliche Buch zum antiquarischen Objekt wird. Auch in dieser Zeit dominiert eine Makulaturverwendung, bei der, von Ausnahmen abgesehen, Handschriftenblätter jenseits ästhetischer Kategorien offenbar als reiner Werkstoff wahrgenommen wurden.

Ausgehend von der Feststellung, dass mittelalterliche Handschriften steten Veränderungsprozessen unterworfen sind, zeigte KRISTIN BÖSE (Köln), dass die Art und Weise der Eingriffe in den jeweiligen materiellen Zustand und deren Intention stets neu zu bewerten sind. Am Beispiel nordspanischer Handschriften des 10. und 11. Jahrhunderts wurden drei dieser Anlässe näher vorgestellt: der sich im visuellen Erscheinungsbild niederschlagende Besitzerwechsel, Transformationen im Kontext historischer Zäsuren oder Umbrüche und schließlich Kommentierungen, die sich immer wieder an einer bestimmten Darstellungsform reiben. Alle drei Felder unterstreichen den in physischer Hinsicht äußerst wandelbaren Charakter mittelalterlicher Codices und markieren ein Spannungsfeld von vermeintlich abgeschlossenem und sich stetig erweiterndem Werk, in dem dann auch der Begriff eines ‚offenen Gebildes‘ zu verorten ist.

ANDREA WORM (Graz) erörterte Fragen nach der Verwendung des Materials in Rolle und Codex als Träger von Text und Bild und deren jeweiliger Funktion. Der Beitrag konzentrierte sich auf das Compendium historiae in genealogiae Christi des Petrus von Poitiers, ein Werk, das sowohl auf Rollen als auch in Codices breit überliefert ist. Es handelt sich dabei um eine graphische Synopse, die entlang der Ahnenreihe Christi einen Überblick der biblischen Geschichte von Adam bis Christus bietet. Da hier offenbar eine Wahlmöglichkeit gegeben ist, stellt sich einerseits die Frage nach den Erfordernissen und Vorgaben, durch die eine Entscheidung für Rolle oder Codex bedingt sein könnte, und danach, welche Rückschlüsse sich aus den jeweiligen Überlieferungszusammenhängen auf die Funktion des Werks ziehen lassen. Andererseits sind der Größe des Pergaments natürliche Grenzen gesetzt, und es lässt sich zeigen, dass vor allem bei den Rollen des Compendium historiae, die bis zu einem halben Meter breit sein können, Inhalt, Format und Material eng miteinander zusammenhängen, was auch für die künstlerische Gestaltung Konsequenzen hat.

Gold und Schmutz und ihre materiellen Statements untersuchten die letzten drei Referate. Gold, Silber und andere Metalle wurden in der mittelalterlichen Buchmalerei vielfach eingesetzt. Vor allem dem Material Gold werden zahlreiche Bedeutungen zugeschrieben. Die Analyse von Metallen in Handschriften zeigt aber, dass statt Gold auch andere Metalle wie Messing verwendet wurden. Der „Tandemvortrag“ von ROBERT FUCHS und DORIS OLTROGGE (beide Köln) behandelte dieses Spannungsverhältnis zwischen nachgewiesener Materialität und imaginierter Materialität. Im ersten Teil stellte Robert Fuchs jene goldfarbenen Metalle und Legierungen vor, die in mittelalterlichen Buchmalereien als Werkstoffe analytisch nachgewiesen wurden. Auch auf die Herstellung von (edel)metallhaltigen Tuschen sowie Befunden zu verschiedenen Applikations- und Bearbeitungstechniken ging er ein. Ein besonderes Augenmerk galt nichtmetallischen „Ersatzmaterialien“ für Gold, wie Auripigment und Aurum musicum. Im zweiten Teil erörterte Doris Oltrogge die Frage, ob es mittelalterliche Konzeptionen von Goldfarbe in der Buchmalerei gab. Anhand zahlreicher Beispiele wurden Surrogate und Materialillusionen von Gold sowie Imitationen des Goldglanzes vorgestellt und im Hinblick auf die intendierte Bildwirkung diskutiert. So konnte innerhalb eines Codex bei ähnlicher Wirkung eine Hierarchisierung verschiedener Goldarten vorliegen, deren Bedeutung im Einzelfall zu beurteilen ist.

KATHRYN RUDY (St. Andrews) untersuchte im letzten Vortrag der Tagung an einer beeindruckenden Vielzahl von spätmittelalterlichen Gebet- und Stundenbüchern aus dem flämisch-niederländischen Bereich deren sichtbare Gebrauchsspuren. Besonders Schmutzablagerungen, aber auch Farbverreibungen geben Aufschluss über die Häufigkeit der Benutzung und die Bevorzugung bestimmter Seiten oder Themenkomplexe. Farbverreibungen entstehen durch verehrungsvolles Küssen, z.B. der Wundmale Christi, ebenso wie mutwillige Zerstörungen, z.B. an Teufelsgestalten. Die Gebrauchsspuren beschädigen zwar zum Teil nachhaltig die Handschrift, wenn sich z.B. durch Küssen die Farbschichten der Illuminationen lösen oder so stark eindunkeln, dass diese Bilder oder die gesamte Seite ersetzt werden mussten. Andererseits zeugen die Spuren auch von der Intensität der Frömmigkeitsübungen, so dass das Pergament unbestechlicher Zeuge des Benutzerverhaltens wurde.

Konferenzübersicht:

Gia Toussaint (Hamburg) / Patrizia Carmassi (Göttingen / Wolfenbüttel): Codex und Material – Jenseits von Text und Bild? Eine Einführung

Mise en page – mise en livre

Patrizia Carmassi (Göttingen / Wolfenbüttel): Welche Materialität? Beispiele und Überlegungen anhand der mittelalterlichen Codices in der Sammlung Marquard Gude (HAB)

Marc H. Smith (Paris): Initials, display scripts and book design

Die Hülle des Codex

David Ganz (Zürich): Exzess der Materialität: Der Prachteinband

Christoph Winterer (Mainz): Die Materialität des Buches im Dedikationsbild

Jörg Richter (Hannover): Visus und tactus. Zur Materialität der Einbände von Gebetbüchern

Die Grenze der Materialität

Gia Toussaint (Hamburg): Rahmungen: Material und Illusion. Überlegungen zur spätmittelalterlichen Andachtspraxis

Federica Toniolo (Padua): Veiling and unveiling in Italian manuscripts of the second half of the fifteenth century

Anna Bücheler (Zürich): Nahtstelle und Gewand: zum textilen Ornament in den Kanontafeln des Evangeliars Heinrichs des Löwen

Fragment, Codex, Funktion

Christoph Mackert (Leipzig): Fragmente. Wiederverwendung unter ästhetischen Gesichtspunkten

Kristin Böse (Köln): Der Codex als offenes Gebilde. Überlegungen zur fragilen Materialität mittelalterlicher Handschriften

Andrea Worm (Graz): Rolle und Codex im Mittelalter. Materialität, Kontext, Funktion

Gold und Schmutz. Materielle Statements

Robert Fuchs (Köln): Goldener Schein – imaginierte und analytische Materialität

Doris Oltrogge (Köln): "als abe is gepunsineret sy" – Goldfarbigkeit und Goldbearbeitung in der Buchmalerei: Surrogat, Imitation oder Materialillusion?

Kathryn Rudy (St. Andrews): Traces of use in Late Medieval illuminated manuscripts

Zitation
Tagungsbericht: Codex und Material – Jenseits von Text und Bild?, 07.10.2015 – 09.10.2015 Wolfenbüttel, in: H-Soz-Kult, 06.01.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6306>.
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Veröffentlicht am
06.01.2016
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