Psychiatry in Europe after World War II

Ort
Heidelberg
Veranstalter
Maike Rotzoll / Frank Grüner / Wolfgang U. Eckart, Project “Melancholy”, Cluster “Asia and Europe in a Global Context”; Institute of History and Ethics of Medicine, University of Heidelberg
Datum
30.10.2015 - 31.10.2015
Von
Max Gawlich, Historisches Seminar, Universität Heidelberg

Volker Hess und Benoit Majerus haben 2011 den grundsätzlichen Bedarf neuer geschichtswissenschaftlicher Perspektiven auf die Psychiatrie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts festgestellt.[1] Auch MAIKE ROTZOLL (Heidelberg) wies in ihrer Einführung auf grundlegende Fragen der sich die Psychiatriegeschichte widmen muss. War der Zweite Weltkrieg in der Psychiatrie jener Wendepunkt, der er aus politischer und gesellschaftlicher Perspektive war? Gilt dies überall und kann eine transnationale Periodisierung gelingen? Was sind die parallelen und verschränkten Entwicklungen im Psychiatriewesen der europäischen Staaten? Welche Kontinuitäten und Brüche lassen sich 1945 identifizieren und welche Wirkung entfaltete der zunehmende Systemkonflikt Ost/West? Die internationale Tagung „Psychiatry in Europe after World War II“ nahm sich dieser Fragen an, indem die europäische Dimension zur grundlegenden Ordnung der Konferenz diente.

WOLFGANG ECKART (Heidelberg) eröffnete die erste Sektion, welche einen Überblick über das Ausmaß der menschlichen, materiellen und ideellen Verheerungen gab, die das nationalsozialistische Deutschland über Europa gebracht hatte. Die „Verwüstungen der Seelen“ als Thema und Aufgabe der Psychiatrie bildete einen Anker in der Problemstellung vielfältiger Kontinuitäten und Brüche, welche sich einfacher Periodisierungen entzogen. Die Beiträge von GERITT HOHENDORF (München) und Maike Rotzoll, die den kurzfristig erkrankten Hans Walter Schmuhl vertrat, nahmen die grundlegenden Fragen auf. Maike Rotzoll untersuchte sie anhand der Geschichte des Patienten Erich Spießbach (1901–1956), die im Kontext der deutschen Psychiatrie zwischen 1939 und 1956 verankert wurde. Hohendorf skizzierte anhand der Nachkriegsprozesse und ihrer Entwicklung einen ersten Überblick über die Folgen der Medizinverbrechen. Die 1950er-Jahre wurden in den Beiträgen als „Zeit der Stille“, des Endes der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus bezeichnet. Der juristische Wendepunkt, so Hohendorf, war der Prozess gegen Hermann Pfannmüller, dem im Laufe der 1950er-Jahre zahlreiche Freisprüche folgten. In den Anstalten nahmen die Liegezeiten sowie Arbeitstherapie ab und setzten damit Trends der 1940er-Jahre fort. Reformbedürfnisse und erste Versuche entwickelten sich allerdings erst Ende der 1950er-Jahre.

Die Beiträge der zweiten Sektion setzten sich mit der Vorgeschichte der Psychiatrien in den Ländern der Besatzungsmächte und ihrer Entwicklung nach 1945 auseinander. Die Beiträge von MARION SCHMIDT (Baltimore) und DUNCAN DOUBLE (Norwich) bildeten die jeweiligen Schwerpunktverschiebungen in der psychiatrischen Genetik und Therapie ab. Beide Autoren betonten die Ausbreitung von Modellen der Gemeindetherapie und offener Fürsorge. Die Verortung des Individuums in seiner Umwelt führte in der genetischen Betrachtung zur Individualisierung und Abkehr von bevölkerungsorientierten, eugenischen Orientierungen. Auch die von Double geschilderten therapeutischen Experimente von Maxwell Jones und Wilfred Bion in Großbritannien hatten eine Neuverortung des Individuums in der Gruppe zur Folge. CHANTAL MARAZIA (Strasbourg) legte den Schwerpunkt ihrer Skizze auf die institutionelle Geschichte der Psychiatrie in Frankreich. Hier dominierten Kontinuität und Unbeweglichkeit, die strukturelle Reformen bis in die 1970er-Jahre verhinderten. Der tradierte Bruch zwischen universitärer Medizin und Anstaltspsychiatrie verhinderte einen fruchtbaren Austausch und verfestigte institutionelle Pfadabhängigkeiten. FRANK GRÜNER (Heidelberg) versuchte im großen Überblick die sowjetische Psychiatrie bis in die 1970er-Jahre darzustellen und dabei insbesondere der Gleichschaltung und dem „Missbrauch“ durch die politische Führung nachzuspüren. Die politische Säuberung der Psychiatrie und die Psychiatrisierung politischer Dissidenz entwickelten sich seit der stalinistischen Herrschaft wechselseitig und fanden ihre psychopathologische Essenz in der „russischen [schleichenden] Schizophrenie.“ Auch in der angeregten Diskussion wurde die Sozialpsychiatrie seit den 1940er-Jahren zum Thema, wobei CHRISTOPH BEYER (München) auf die Präsenz entsprechender Diskurse in der Sowjetunion hinwies und die weiterhin bestehende Vielfalt psychiatrischer Debatten auch unterstrich.

Der Forschungsbericht des DFG Projekts zur Untersuchung der Nachkriegszeit in vier Euthanasie-Anstalten in Deutschland nach dem Kriegsende unter dem Titel: „Auf dem Weg zur ‚Normalität‘. Anstaltspsychiatrie in den vier Besatzungszonen“ bildete die dritte Sektion. Maike Rotzoll und ANNA GARDON (Heidelberg) berichteten zu Klingenmünster, DIETMAR SCHULZE (Leipzig) vorgetragen von GEORG LILIENTHAL (Korbach-Goldhausen) zu Großschweidnitz, INGO HARMS (Oldenburg) über die Anstalt Wehnen und RALPH HÖGER (Heidelberg) sowie Georg Lilienthal über Hadamar. Da die Arbeiten an den einzelnen Anstalten auf der gleichen Forschungsmatrix basierten und die Entwicklung der Sterblichkeit zur Bemessung des Zustands genommen wurde, konnte die Entwicklung in den vier Zonen sehr anschaulich herausgearbeitet werden. Höger und Lilienthal verdeutlichten die Ausnahmestellung der amerikanischen Besatzungszone, wo zumindest die Versorgung mit Lebensmitteln innerhalb kürzester Zeit sichergestellt wurde. So kam es im Gegensatz zu den anderen untersuchten Beispielen zu einer raschen und drastischen Abnahme der Patientensterblichkeit. Anhand der Beispiele aus Wehnen, Klingenmünster und Großschweidnitz wurde die kontinuierliche Vernachlässigung der Anstalten und ihrer Patienten und Patientinnen durch die deutschen Behörden und deren Verantwortung für das fortgesetzte Hungersterben herausgearbeitet. Im Anschluss an Maike Rotzolls Erörterungen zu Beginn der Konferenz wurde der analytische Begriff der Normalisierung als Gewährleistung der Grundversorgung mit Lebensmitteln, Kleidung und Heizmitteln umrissen. Dieser Prozesse dauerte, auch entsprechend des gesellschaftlichen Kontexts, unterschiedlich lang. In der Diskussion wurde zurecht darauf hingewiesen, dass ein Erreichen des Vorkriegsstands keinesfalls als Basis einer Bestimmung der Normalisierung, dienen kann. Auch wenn die therapeutischen und pflegerischen Bemühungen untersucht wurden, zumeist Elektrokrampftherapie und Arbeitstherapie, wurde die „Normalität“ des Anstaltslebens bevorzugt mit Blick auf die quantitativ abbildbare Sterblichkeit bestimmt.

Sektion 4 und 5 bildeten im Folgenden ein Gegensatzpaar, um die Geschichte der Psychiatrie im Nachkriegseuropa einerseits unter dem Einfluss Sowjetrusslands und andererseits dem „Marshallplan“ zu bestimmen. Die einzelnen Beiträge untersuchten anhand von Länderstudien nationale Entwicklungen und ordneten sie teils in den breiteren Kontext ein.

Der Beitrag von KEN KALLING und ERKI TAMMIKSAAR (beide Tartu) untersuchte am Beispiel der Schlaftherapie die Psychiatrie an der Universität von Tartu in den 1940er- und 1950er-Jahren. Der sonderbare Fall „hysterischen Interesses“ an der Schlaftherapie in der Nachkriegszeit galt den Vortragenden als lokale Antwort auf die Stalinisierung. Die Schlaftherapie wurde von Seiten der akademischen Elite an der Universität als für die sowjetischen Machthaber zufriedenstellend verstanden. Die polnische Psychiatrie der 1940er- und 1950er-Jahre war im Gegensatz zum estnischen Beispiel vom Wiederaufbau geprägt. TADEUSZ NASIEROWSKI und DARIUS MSYSZKA (beide Warschau) stellten die Entwicklung in der Nachkriegszeit dar. Seit 1949 kam es zu Umstrukturierungen, die eine abnehmende Bedeutung der Anstaltspsychiatrie, eine Integration der Psychiatrie in den Herrschaftsapparat und eine Ausrichtung auf die sogenannte psychische Hygiene zur Folge hatte.

Die weiteren Beiträge in dieser Sektion widmeten sich, erstens der Ausweisung deutscher Psychiatriepatienten aus Böhmen und Mähren zwischen 1945 und 1947. MICHAEL ŠIMŮNEK und MILAN NOVAK (beide Prag / Kosmanos) untersuchten die Kontinuität der sogenannten „fahrlässigen Euthanasie“ in Kosmanos, einer erhöhten Sterblichkeit infolge der Totalisierung des Krieges und damit einhergehender Vernachlässigung von Anstaltspatienten. MAT SAVELLI (Hamilton / Ontario) untersuchte zweitens die Psychiatrie in Jugoslawien nach dem Kriegsende. Ausgehend von einer minimalen Situation, in der 37 Ärzte für 8.000 Patienten verantwortlich waren, bildete die jugoslawische Psychiatrie ein sehr eigenes und eigentümlich freies sozialpsychiatrisches Profil aus, das sich eher an westlichen Vorbildern aus Italien und England orientierte als an sowjetischen Maßgaben.

Im „Westen“ waren die Niederlande, Belgien, Dänemark und Norwegen. Anhand dieser Fallbeispiele wurden sehr unterschiedliche Entwicklungspfade der Nachkriegszeit untersucht. Die Darstellung des Wiederaufbaus des niederländischen Psychiatriewesens von CECILE AAN DE STEEGE (Bunnik) erfolgte professions- und ideengeschichtlich. Durch intellektuelle und institutionelle Modernisierung, Transfers gemeindepflegerischer Programme aus Großbritannien, philosophischer und pharmakologischer Einflüsse aus Frankreich und der Kontinuität sozialtherapeutischer Arbeit, konnte sich die holländische Psychiatrie in den fünfziger Jahren erneuern. Die belgische Psychiatrie hatte, wie BENOIT MAJERUS (Luxembourg) herausarbeitete, eine sehr spezifische Kultur. Die Jahre der deutschen Besatzung (1940–1944) stellten erstens keinen Bruch dar und zweitens war das institutionelle sowie personelle Profil kirchlich dominiert. Majerus stellte anhand seines Beispiels europäische Periodisierungen, einfache Vergleichbarkeiten und Übertragungen infrage und versuchte andere historische Markierungen zur Periodisierung heranzuziehen. Dies konkretisiere er in zwei Fragen für die künftige Forschung. Kann eine nationale Ebene zur Untersuchung der Psychiatriegeschichte in der Nachkriegszeit sinnvoll sein, wenn Therapien auf lokalen und transnationalen Ebenen diskutiert wurden? Ist der zeitliche Rahmen, an dessen Anfang immer 1945 steht, in der Psychiatrie sinnvoll zu begründen, oder verwischen die vielen Kontinuitäten in die 1930er-Jahre diesen politischen Bruch?

Die nordeuropäischen Psychiatrien Dänemarks und Norwegens untersuchten PER HAAVE (Oslo) und JESPER KRAGH VACZY (Kopenhagen). Per Haave registrierte die überraschende Kontinuität biologistischer „germanischer“ Wissensbestände, die entgegen aller Intuition im sozialdemokratischen Norwegen fortbestanden. Ein Pochen auf die sogenannte reine Wissenschaft gewährleistete auch in der offensiv anti-deutschen norwegischen Gesellschaft der Nachkriegszeit den Fortbestand eugenischer und biologistischer Lehrmeinungen. Jesper Kragh stellte eine dichte Untersuchung der Lobotomie in Dänemark vor. Bis in die 1960er-Jahren fanden circa 4.500 psychochirurgische Operationen statt. Entgegen der Selbstdarstellungen war es keine sogenannte Last-Resort-Behandlung, sondern richtete sich zu einem Großteil gegen Frauen, die pflegebedürftig oder störend waren. Erst 1982 kam es zu Follow-up-Studien und 1989 zu einer Revision der entsprechenden Gesetzgebung. Die wechselseitige Abhängigkeit von Psychiatrie und Staat, die nach 1945 anhielt und gerade im dänischen Beispiel deutlich konturiert wurde, war wiederum Thema der Diskussion, die sich zudem kritisch mit der Forderung von transnationalen Perspektiven und der Abwesenheit europäischer Narrative auseinandersetzte.

Die sechste Sektion widmete sich Staaten, die wie Österreich und Italien zu den Mittelmächten gehörten oder außereuropäische Nationen wie Israel und Japan waren. Die österreichische Entwicklung in der Nachkriegszeit stellte HERWIG CZECH (Wien), ausgehend von der Situation 1945, vor. Er untersuchte erstens den Umgang der Justiz mit den Verbrechen von Medizinern und zweitens die Entwicklung im Universitätswesen. Während bis 1949 eine juristische Verfolgung umgesetzt wurde, kam es danach zu einer Abnahme des strafrechtlichen Verfolgungseifers. Auch an den Universitäten wurden nach 1949 personelle und institutionelle Voraussetzungen des Krankenmordes wenig reflektiert. Das Ausbleiben dieser Auseinandersetzung, schuf die Voraussetzungen der Reintegration von Schwerstbelasteten in den 1950er-Jahren. JOHN FOOT (Bristol) konzentrierte sich in seiner Darstellung auf die italienische „antipsychiatrische Bewegung“, die aus ihrer Erfahrung mit dem Faschismus, der personellen Kontinuität und der Funktion von Psychiatrien im Faschismus eine radikale interne Kritik entwickelte. John Foot stellte die Bewegung und ihre visuellen/ästhetischen Taktiken zur Abschaffung der Anstaltspsychiatrie durch das Basaglia-Gesetz 1978 in Italien dar.

AKIHITO SUZUKI (Yokohama) untersuchte anhand eugenischer Erhebungen aus den 1930er- und 1940er-Jahren die Entwicklung der psychiatrischen Genetik in Japan und den Einfluss der deutschen Psychiatrie. Die außergewöhnliche Entwicklung der Psychiatrie in Palästina und seit 1948 Israel war eng verbunden mit der Flucht jüdischer Psychiater aus dem deutschen Reich. Das eugenische Erbe wurde der Darstellung RAKEFET ZALASHIKS (Philadelphia) zufolge, kaum infrage gestellt, eine negative Eugenik allerdings konsequent abgelehnt. Die Arbeiten zur Kinder- und Jugendberatung waren anschlussfähig an die Mental-Hygiene-Programme amerikanischer und britischer Provenienz, an denen sich israelische Psychiater nach dem Zweiten Weltkrieg orientierten. Präventive Maßnahmen standen folglich im Vordergrund, was die zunächst mangelhafte psychiatrische Versorgung von Flüchtlingen und Shoah-Überlebenden erklärt. Die Gruppe der Holocaust Überlebenden wurde lange Zeit nicht als eigene Patientengruppe identifiziert. Die beobachteten psychischen Erkrankungen in den 1950er-Jahren der Migration und weniger den Erfahrungen der Verfolgung und Vernichtung zugeschrieben.

Die letzte Sektion widmete sich wiederum der deutschen Psychiatrie, erweiterte den Untersuchungszeitraum allerdings über die unmittelbare Nachkriegszeit hinaus in die Mitte der 1970er Jahre. VOLKER ROELCKE (Gießen) setzte sich anhand einer Begriffsgeschichte der „Universitätspsychiatrie“ nach dem Zweiten Weltkrieg kritisch mit der verschleiernden und Diskontinuität suggerierenden Funktion dieses Konzepts auseinander. „Universitätspsychiatrie“ sollte trotz intellektueller und personeller Kontinuitäten einen Gegensatz zur nationalsozialistischen „Anstaltspsychiatrie“ verdeutlichen und die Rückkehr zu einer reinen, vom Krankenmord unbelasteten Wissenschaft betonen. SASCHA TOPP und HEINER FANGERAU (beide Köln) untersuchten den Wiederaufbau der ersten Gesellschaft für Kinderpsychiatrie nach dem Zweiten Weltkrieg. Gruppenbiographisch und netzwerkanalytisch zeigten sie, dass es kaum personellen Anschluss zur 1940 gegründeten ersten Gesellschaft für Kinderpsychiatrie gab. Werner Villiger baute vielmehr neue Netzwerke mit alten Themen auf. EKKEHARDT KUMBIER (Rostock) betrachtete die Entwicklung der Universitätspsychiatrie in Ostdeutschland, hier insbesondere die personellen und strukturellen Umwandlungen. Nach ersten radikalen Entnazifizierungen bis 1948, zwang der Aufbau der sozialistischen Gesellschaft in den 1950er-Jahren zur Reintegration alter Bildungseliten. Seit 1958 kam es im Rahmen des Aufbaus der sozialistischen Hochschule zu umfassenden Neubesetzungen mit ideologisch verlässlichen Hochschullehrern. CHRISTOPH BEYER (Hannover) widmete sich dem intensiven sozialpsychiatrischen Austausch zwischen Leipzig und Hannover und entwickelte eine transnationale Geschichte der deutschen Sozialpsychiatrie in den sechziger Jahren.

GEORG LILIENTHAL versuchte in seinem Abschlusskommentar die vielfältige und dichte Konferenz anhand von drei Leitthemen zu ordnen. Erstens wären die Entwicklungen der Nachkriegszeit regional zu strukturieren. Umfangreiche Zerstörung und der Verlust institutioneller, materieller und personeller Ressourcen prägten die Nachkriegszeit in Osteuropa. In den westlichen Ländern hingegen begegnete Kontinuität.

Psychiatriekonzepte, zwischen sozialpsychiatrischen Gemeindemodellen, existentialistischen und biologischen Entwürfen seien ein zweites ordnungsstiftendes Prinzip. Dabei bleibe zu konstatieren, dass trotz aller sozialpsychiatrischer Begeisterung, biologische Krankheitstheorien und somatische Therapieansätze vorherrschten. Die Politisierbarkeit und Ideologisierbarkeit der Psychopathologie und Therapie gilt es nicht nur hinsichtlich sowjetischer Einflussnahmen in Mittel- und Osteuropa zu untersuchen.

Von hier ausgehende Forschung müsse sich drittens kritisch mit Narrativen, wie jenem der verspäteten Reformen der Psychiatrie und den eingeschliffenen Periodisierungen, 1933, 1945 oder 1968 auseinandersetzen. Auch der Begriff der Wiederherstellung von Normalität wurde noch mal zur Debatte gestellt, insofern eine Wiederherstellung nirgendwo erfolgte, sondern eine neue „normale“ Psychiatrie in der Nachkriegszeit an allen untersuchten Orten entstand. Die Konferenz hat den Begriff der Nachkriegspsychiatrie hinsichtlich ihres Ortes oder ihrer Periode nicht klären können, doch hat sie zahlreiche Anknüpfungspunkte, Ansätze und Fragen aufgeworfen, die eine Synthese der europäischen Nachkriegspsychiatrie beantworten muss.

Konferenzübersicht:

I. Section / Sektion I Time and Space – German Post-War Psychiatry in its Context / Zeit und Raum – deutsche Nachkriegspsychiatrie im Kontext

Wolfgang U. Eckart (Heidelberg): „Am Ende? Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und die Psychiatrie – eine Einführung“

Maike Rotzoll (Heidelberg): „Psychatrie im Nationalsozialismus und ihre Folgen in der Nachkriegszeit - eine Patientengeschichte und einige Gedanken"

Gerrit Hohendorf (München): „Nachkriegsprozesse zu den Krankenmorden in Ost und West – ein Überblick bis 1970“

II. Section / Sektion II The Occupation Powers and their Psychiatry / Die Besatzungsmächte und ihre Psychiatrie

Marion Schmidt (Baltimore): “Psychiatrische Genetik, Community Psychiatry und Minderheitenpolitik in den USA in den 1940er und 1950er Jahren“

Frank Grüner (Heidelberg): “Im Zeichen von Misstrauen und Repression: Psychiatrie und sowjetisches Regime nach dem Zweiten Weltkrieg“

Duncan Double (Norwich): “Some Perspectives on Making the Mental Hospital More Therapeutic in Post-war Britain”

Christian Bonah / Chantal Marazia (Strasbourg): “Französische Psychiatrie in den 1940er und 1950er Jahren“

III. Section / Sektion III On the Road to ‘Normality’. Asylum Psychiatry in the four German Occupation Zones / Auf dem Weg zur ‚Normalität‘. Anstaltspsychiatrie in den vier Besatzungszonen

Maike Rotzoll / Anna Gardon (Heidelberg): “Neuorientierung nach Kriegsende? Das Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Klingenmünster in der französischen Besatzungszone“

Dietmar Schulze (Heidelberg/Leipzig): “Das Sterben geht weiter. Die Landesanstalt Großschweidnitz und die SBZ/DDR“

Ingo Harms (Heidelberg/Oldenburg): “Reaktionen auf den Krankenmord in der britischen Besatzungszone. Das Beispiel der Hungeranstalt Wehnen“

Ralph Höger / Georg Lilienthal (Heidelberg/Korbach-Goldhausen): “Nach dem Krieg in der amerikanischen Besatzungszone. Die Landesheilanstalt Hadamar, 1945-1955“

IV. Section / Sektion IV Psychiatry in the Ambit of the Soviet Union / Psychiatrie im Einflussbereich der Sowjetunion

Ken Kalling / Erki Tammiksaar (Tartu): “Sleeping-Therapy and Psychiatry during the Stalinist Pavlov-Campaign at the University of Tartu in 1950s”

Michal Šimůnek/Milan Novak (Prag/Kosmanos): “Hunger, Death, and Transfer. War Aftermath and German Psychiatric Patients in Bohemia and Moravia, 1945-1947”

Tadeusz Nasierowski/Darius Myszka (Warschau): “Die Glocken des Kreml gaben den Takt vor. Polnische Psychiatrie in der Stalinzeit“

Mat Savelli (Hamilton/Ontario): “The Road Not Taken: Forging Mental Health Care in Post-WWII Yugoslavia”

V. Section / Sektion V Under the Influence of the Marshall Plan / Unter Einfluss des Marshall-Planes? Psychiatrie in West- und Nordeuropa

Cecile aan de Stegge (Bunnik): “Nicht ohne blinde Flecken. Die Niederlande - Wiederaufbau und Emanzipation des Sektors Psychiatrie“

Benoît Majerus (Luxemburg): “Business as usual. Belgische Psychiatrie in den Nachkriegsjahren“

Per Haave (Oslo): “Norwegian Psychiatry in the Wake of the German Occupation, 1940-1955”

Jesper Kragh Vaczy (Kopenhagen): “Treating the “Untreatable”. Psychiatric Treatments and Danish Psychiatry after World War II”

VI. Section / Sektion VI Shadows of War. Europe and beyond / Der Schatten des Krieges. Europa und außerhalb

Herwig Czech (Wien): “Der lange Schatten der „Euthanasie“: Psychiatrie in Österreich, ca. 1945 bis 1955“

John Foot (Bristol): ”Italian Psychiatry and the Post-war Generation. Franco Basaglia and the Others”

Akihito Suzuki (Yokohama): ”Psychiatry in Japan after 1945”

Rakefet Zalashik (Philadelphia): ”Israeli Psychiatry – the first Decades”

VII. Section / Sektion VII Beyond the Asylum. The Development of Universitary Psychiatry in East and West Germany / Jenseits der Anstalt. Entwicklungen der deutschen Nachkriegspsychia-trie in Ost und West

Volker Roelcke (Gießen): “Universitätspsychiatrie in Westdeutschland ab 1945“

Sascha Topp / Heiner Fangerau (Köln): „Rebuilding a Society: German Child- and Adolescent Psychiatry, 1945-1955”

Ekkehardt Kumbier (Rostock): “Sturm auf die Festung Wissenschaft? – Universitätspsychiatrie in Ostdeutschland nach 1945“

Christof Beyer (Hannover): “Psychiatrie ohne Mauer? – Sozialpsychiatrische Austauschprozesse zwischen DDR und Bundesrepublik im Vorfeld der Psychiatriereform“

Georg Lilienthal und Maike Rotzoll: “Abschlusskommentar und Ausblick“

Anmerkung:
[1] Volker Hess / Bénoit Majerus, Writing the history of psychiatry in the 20th century, in: History of Psychiatry 22 (2011), 2, S. 139-145.

Zitation
Tagungsbericht: Psychiatry in Europe after World War II, 30.10.2015 – 31.10.2015 Heidelberg, in: H-Soz-Kult, 13.02.2016, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6393>.
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Veröffentlicht am
13.02.2016
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