Forum: Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung

Von
Eva Schlotheuber, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; Rüdiger Hohls / Claudia Prinz, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin

Liebe Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult,

nie zuvor waren mehr historische Quellen und Handschriften so einfach zugänglich wie heute. Inzwischen stellt der digitale Zugang zu den leicht verfügbaren Kopien von digitalisierten Beständen aus Bibliotheken, Archiven und Museen schon fast die Regel und nicht mehr die Ausnahme dar. Digitalisierung wird für wissenschaftliche Informationseinrichtungen zusehends eine normale Dienstleistung. In den DFG-Praxisregeln „Digitalisierung“ von 2013 heißt es eingangs unter Zielstellung deshalb auch: „Digitalisierung gilt heute als ein zentrales Instrument für die geistes- und kulturwissenschaftliche Forschung und die sich entwickelnden Digital Humanities. Die direkte Forschung mit den Quellen wurde und wird durch Digitalisierungsmaßnahmen erheblich erleichtert – bei gleichzeitiger Schonung der kostbaren, bisweilen fragilen Originale.“[1] Gute Zeiten also für Historikerinnen und Historiker, sollte man meinen. Darüber hinaus erlaubt die Digitalisierung erstmals auch den einfachen Zugang zu Quellen für das nichtprofessionelle historisch interessierte (Laien-)Publikum, demokratisiert somit die Quellenzugänglichkeit bei niedrigen Kosten für die Nutzer.

Die Verfachlichung und Professionalisierung der Geschichtswissenschaft ging über weite Strecken kongruent mit der Institutionalisierung großer und langfristiger Editionsvorhaben. Ziel von Editionen und Regesten war es und ist es immer noch, Quellen zu inventarisieren, zu ordnen, zu erschließen, zu transkribieren und unter Bezugnahme auf Sekundärliteratur zu kommentieren bzw. mit einem Sachkommentar zu versehen. Die Grundlagenarbeit mündet(e) in einen vertrauenswürdigen Text, der dann einem größeren Kreis von Forscherinnen und Forschern zugänglich gemacht wurde bzw. wird. Auch die großen historischen Quelleneditionen sind inzwischen mehr oder weniger alle den Weg der Digitalisierung gegangen.[2] Neue Editionsvorhaben fördert die DFG in der Regel nur noch, wenn sie konzeptionell auf eine digitale Veröffentlichung im Open Access ausgerichtet sind. Nur erfolgt die Massendigitalisierung historischen Quellen meist nicht im Rahmen von Editionen.

So weist die Deutsche Digitale Bibliothek Anfang November 2015 knapp 18,1 Millionen Objekte nach, davon 6.129.980 mit Digitalisat. Das kulturelle Gedächtnis und Erbe Deutschlands (und das vieler anderer Länder) vollzieht gerade einen radikalen technischen und organisatorischen Systemwechsel.[3] Dieser Wechsel, so der Kunsthistoriker Bernhard Serexhe, „vom analogen zum digitalen kulturellen Gedächtnis hat sich in den letzten drei Jahrzehnten unaufhörlich beschleunigt. Er ist dem Prinzip nach vollzogen. Eine offene Diskussion darüber, ob und in welcher Form das kulturelle Gedächtnis – Literatur, bildende Kunst, historische Dokumente, Filme, Fotografien – den zukünftigen Generationen am besten überliefert werden sollte, wurde nicht geführt. Die von der Politik versprochenen Vorteile und von der Wirtschaft erwarteten Gewinne der von oben verordneten digitalen Revolution wurden von breitesten Teilen der Nutzer freudig begrüßt und angenommen. Der Fortschritt geschah – rückblickend – ungefragt und unaufhaltbar.“[4]

Allein die Deutsche Digitale Bibliothek macht Millionen digitalisierter (historischer) Dokumente und Objekte zugänglich, angereichert mit Metadaten, aber überwiegend ohne Information zum Entstehungskontext, ohne Transkription oder erläuternden Kommentar.

Quellenkritik und Medienkritik – brauchen wir das (noch)?
Es steht die Frage im Raum, wie sich diese anschwellende „Flut“ historischer Quellen in Deckung bringen lässt mit der tradierten historisch-kritischen Methode, auf die die meisten Historikerinnen und Historiker mit Verweis auf die eingeschlossenen wissenschaftlichen Kriterien (Heuristik, Quellenkritik, Textkritik, Objektivität, Konstruktivismus) nach wie vor zu recht verweisen. Die Debatte um die Weiterentwicklung unserer Methoden ist in den „Digital Humanities“ in vollem Gang.[5] (Wie) sollte unsere Zunft ihre fachlichen Standards angesichts digitaler Quellen überdenken? Ein signifikanter Teil der digitalisierten Quellen kann nur von Spezialisten gelesen und interpretiert werden, wenn es sich beispielsweise um Handschriften oder bildhafte Darstellungen handelt. Allerdings, mittelalterliche Handschriften, Siegel oder Sütterlin im Original zu lesen und zu entschlüsseln – das ist eine Kunst, die vom Aussterben bedroht ist. Und auch die immer wichtiger werdenden visuellen, auditiven oder audiovisuellen Quellen der Moderne stellen methodisch eine echte Herausforderung dar, auf die Studierende und angehende Historiker/innen im Studium kaum mehr systematisch vorbereitet werden. Sprachliche Hürden kommen hinzu – im Hinblick auf die alten Epochen ebenso wie mit Bezug auf transnationale und globalgeschichtliche Forschungen.

Historische Originale werden in Zeiten der Digitalisierung mit großem Aufwand im Open Access zur Verfügung gestellt. Allein die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat 2012 und 2013 rund zwei Millionen Euro für die Digitalisierung von originalen Handschriften und Archivalien bewilligt. Das Arbeiten mit den Originalquellen ist für Studierende attraktiv und wird stark nachgefragt, aber das Fach Historische Grundwissenschaften / Historische Hilfswissenschaften, das diese Fähigkeiten vermittelt, hat zwischen 1997 und 2011 rund ein Drittel der Lehrstühle verloren – diese Entwicklung vollzog sich quasi parallel zur digitalen Überformung des wissenschaftlichen Arbeitens, ohne dass hier ein Zusammenhang unterstellt werden soll. Ab einem gewissen Ausmaß des Lehrstuhl-Abbaus ist das Wissen ganzer Disziplinen gefährdet. Eine Abwärtsspirale setzt sich in Gang: Nicht nur bei den Studierenden kommt das Wissen nicht mehr an. Durch den Nichtgebrauch leidet auch die Expertise der Lehrenden. Was tun? Sollen sich die traditionellen Historischen Grundwissenschaften mit den „Digital Humanities“ vermählen oder gar in diesen aufgehen?

Die Hochschulen erkennen die Problematik nicht, und im Ringen mit den Präsidien, Rektoraten oder Fakultäten um eine adäquate Ausbildung hat ein Fach wie Historische Grundwissenschaften oder auch das Fach Geschichte auf sich gestellt kaum eine Chance, zumal dieser Grundlagenforschung (vielfach zu Unrecht) auch nicht der Ruf vorauseilt, Motor großer Verbundprojekte zu sein. Aber wollen wir wissenschaftliche Ausbildung und wissenschaftliches Arbeiten auf unmittelbare Drittmitteltauglichkeit verkürzen? Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD) hat sich deshalb dieser Thematik angenommen, die epochenübergreifend eine große Herausforderung darstellt, um eine Diskussion anzuregen, was zu den Grundkompetenzen einer nachhaltigen wissenschaftlichen Ausbildung für Historikerinnen und Historiker im 21. Jahrhundert gehören kann und muss?

Unter Federführung von Eva Schlotheuber (Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf; VHD-Unterausschusses „Geschichte in der digitalen Welt“) und Frank Bösch (Zentrum für die Zeithistorische Forschungen Potsdam; VHD-Unterausschuss „Audiovisuelle Quellen“) verabschiedete der VHD ein Grundsatzpapier zum Status der Historischen Grundwissenschaften mit dem Titel „Quellenkritik im digitalen Zeitalter: Die Historischen Grundwissenschaften als zentrale Kompetenz der Geschichtswissenschaft und benachbarter Fächer“. Mit der Geschäftsstelle des Verbandes sind wir übereingekommen, das Grundsatzpapier, in dem auch ein forschungsstrategisches Interesse an den Grundwissenschaften in der digitalen Transformation zum Ausdruck kommt, parallel über H-Soz-Kult zu veröffentlichen und mit einem Diskussionsforum zu flankieren. Dazu haben wir aus dem breiten Spektrum der Historischen Kulturwissenschaften eine Reihe von in- und ausländischen Kolleginnen und Kollegen zur Kommentierung und Diskussion eingeladen, um die Debatte zu stimulieren. Natürlich gilt die Aufforderung zur Diskussion vor allem Ihnen, den Leserinnen und Lesern von H-Soz-Kult.

Unter der URL <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2866> können Sie nunmehr das Grundsatzpapier des VHD einsehen, unter der URL <http://www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2878> die englische Fassung. In den nächsten Tagen werden wir in lockerer Folge weitere Stellungnahme und kurze Artikel zum Thema veröffentlichen.

Die Redaktion ist offen für weitere Beiträge und Anregungen von Seiten interessierter Leserinnen und Leser von H-Soz-Kult. Scheuen Sie sich deshalb nicht, Diskussionsbeiträge einzusenden.

Für die Redaktion von H-Soz-Kult
Eva Schlotheuber, Claudia Prinz und Rüdiger Hohls

Eine Übersicht über alle Beiträge des Diskussionsforums finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890>.

Anmerkungen:
[1] DFG- Praxisregeln „Digitalisierung“, DFG-Vordruck 12.151 – 02/13, S. 5. URL: http://www.dfg.de/formulare/12_151/12_151_de.pdf (02.11.2015).
[2] Hier können nur Hinweise auf ein paar ausgewählte wichtige historische Quelleneditionen im Web gegeben werden: Regesta Imperii, URL: <http://www.regesta-imperii.de/startseite.html>; Monumenta Germaniae Historica, URL: http://www.mgh.de/dmgh/; Akten der Reichskanzlei. Weimarer Republik, URL: http://www.bundesarchiv.de/aktenreichskanzlei/1919-1933/0000/index.html; Kabinettsprotokolle der Bundesregierung, URL: http://www.bundesarchiv.de/cocoon/barch/0000/index.html (alle 02.11.2015). Dagegen verfolgt eines der jüngeren großen Editionsprojekte überraschenderweise keinen digitalen Ansatz; es handelt sich um das Editionsprojekt: „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945“ - URL: http://www.edition-judenverfolgung.de/ (02.11.2015).
[3] Im Anschluss an den Schock und die Debatte, den das Projekt Google-Books 2004 in Frankreich auslöste, kommt dem Projekte „Gallica“ der Bibliothèque national de France in Europa Pioniercharakter beim Aufbau eines digitalen kulturellen Gedächtnisses zu: http://gallica.bnf.fr/ (03.11.2015). Seit 2007 wird mit Mitteln der Europäischen Union die virtuelle Bibliothek Europeana, die der europäischen Öffentlichkeit das kulturelle und wissenschaftliche Erbe Europas von der Frühgeschichte bis in die Gegenwart in Form von digitalen Bild-, Text-, Ton- und Video-Dateien zugänglich machen soll: http://www.europeana.eu/portal/ (03.11.2015).
[4] Bernhard Serexhe, Skizzen zum Systemwechsel des kulturellen Gedächtnisses, in: Publikation der Deutschen Digitalen Bibliothek (21.10.2015) - URL: https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/content/ueber-uns/aktuelles/skizzen-zum-systemwechsel-des-kulturellen-gedaechtnisses-ein-beitrag-von-bernhard-serexhe (02.11.2015).
[5] Peter Haber, Digital Past. Geschichtswissenschaft im digitalen Zeitalter, München 2011; Eva Pfanzelter, Von der Quellenkritik zum kritischen Umgang mit digitalen Ressourcen, in: Martin Gasteiner / Peter Haber (Hrsg.), Digitale Arbeitstechniken für die Geistes- und Kulturwissenschaften, Stuttgart und Wien 2010, S. 39-49; Franco Moretti, Distant Reading, London 2013.

Zitation
Forum: Historische Grundwissenschaften und die digitale Herausforderung, in: H-Soz-Kult, 16.11.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2889>.