Forum: K. Moeller: Grundwissenschaften als Masterdisziplin der Nachnutzung

Von
Katrin Moeller, Historisches Datenzentrum Sachsen-Anhalt, MLU Halle-Wittenberg

Komplexe Fragestellungen brauchen eine multiple Quellenbasis. Daten für historische Forschungsprojekte zu erzeugen, ist nach wie vor eine kostspielige Angelegenheit. Auch wenn OCR-Software, Spracherkennung und Transkriptionstools heute Dinge leisten, die wir vor zehn Jahren kaum für möglich gehalten haben, ist die automatisiert erzeugte, maschinenlesbare, plattformunabhängige und wissenschaftlich erschlossene Volldigitalisierung von historischen Quellen noch immer lediglich eine Vision. Das Gebot der Stunde ist daher nach wie vor ein möglichst effektiver und nachhaltiger Gebrauch von Forschungsdaten. Die Nachnutzung von Daten gerät daher interdisziplinär zu einer wichtigen Arbeitsweise wissenschaftlicher Forschung. Angefangen von Fragen des Mediums, auf dem Daten langfristig gespeichert werden, über Methoden der Langzeitarchivierung bis hin zu Fragen der Dechiffrierung alter Informationen werden daher momentan zahlreiche Probleme in den natur- und informationswissenschaftlichen Forschungsfeldern diskutiert.

Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen der historischen Grundwissenschaften – als Experten von Nachnutzungswissen schlechthin – beteiligen sich an diesen Diskussionen bislang kaum. Zu weit weg scheint der Weg von der mittelalterlichen Handschrift hin zu den Fragen der Datensicherung im Zeitalter von „Big Data“ zu sein. Dabei geht es auch beim Datenmanagement durchaus um klassische Fragen der Archiv- und Materialkunde, der Langzeitspeicherung und der Rekonversion von Wissen: alles klassische Arbeitsfelder der historischen Grundwissenschaften. Es liegt daher auch an den historischen Grundwissenschaften selbst, dass die Diskussion um wichtige Forschungsstrategien für die Zukunft ohne sie verläuft.

Dabei gibt es viele Anknüpfungspunkte, bei denen Historikerinnen und Grundwissenschaftler ihre Kompetenzen als Spezialisten der Nachnutzung einbringen könnten. Grundwissenschaftlerinnen, die heute etwa allgemeine Bewertungskriterien zur Auswahl von Forschungsdaten benennen, werden vermutlich viel Aufmerksamkeit für ihre Ausführungen bekommen. Was ist der wesentliche Kern von Forschungsdaten, der erhaltenswürdig ist? Welche Metadaten von Materialien und Objekten müssen erfasst, wie können sie beschrieben werden, damit Texturen erschließbar, aber auch ohne allzu viel Mehrarbeit erfasst werden können? In welcher Weise müssen wir Methoden und administrative Vorgänge dokumentieren, so dass man ihren Sinn noch in zweihundert Jahren nachvollziehen kann? Was ist in den Zeiten von Copy and Paste eigentlich noch Original und was eine Kopie?

Das Semantic Web verspricht die Generierung von Antworten auf Knopfdruck. Wie gut diese Antworten sein werden, hängt aber von den eigenen Anstrengungen der Fachdisziplinen ab, diesen Schritt mit zu gestalten. Bisher basieren diese Suchen meist auf einer Volltextrecherche eines durch Algorithmen erschlossenen Korpus. Spezifisch historische Fragen lassen sich jedoch mit den mathematischen Prozeduren bisher (noch) nicht zielgenau beantworten. Das Problem wird noch zunehmen, wenn riesige Textmengen über das Web analysierbar werden. Ein Lösungsansatz, hier spezifischere Antworten zu generieren, sind fachgeleitete und möglichst standardisierte Vokabularien, um Wissen in der wissenschaftlich notwendigen Tiefe erschließbar zu machen. Allgemein geht es beim Forschungsdatenmanagement bisher allerdings meist um formale Standards, die Metadaten für Literatur, Quellen und Editionen wiedergeben. Neue Impulse setzten Textauszeichnungssprachen wie TEI, die große Textkonvolute schnell transformierbar und erschließbar machen. Einen anderen Ansatz bietet die in den bibliothekarischen Findmitteln fest verankerte Generalnormdatei, die Identifizierungsmöglichkeiten und Normierungen für Personen, Orte und Schlagwörter anbietet. Aufgrund von Rahmenbedingungen und Zeitmanagement in Forschungsprojekten gibt es häufig aber meist keine Tiefenerschließung, die von fachwissenschaftlichen Fragestellungen geleitet würde. Hier im Verbund der gesamten Forschungscommunity analog zu anderen Fachdisziplinen innerfachliche Systematiken zu entwerfen und zu benutzen, wäre in meinen Augen eine wichtige Aufgabe, der sich die Grundwissenschaften gemeinsam mit der Fachwissenschaft widmen könnten.

Immerhin wollen wir keine unnützen Datenhalden produzieren, sondern die Informationen bewahren, die für den Erkenntnisprozess zentral sind. Die Herausforderungen sind groß und die Geisteswissenschaften aufgefordert, sich an der Architektur der Zukunft zu beteiligen.

Sicherlich ist dieser Prozess des sich Einbringens nicht immer einfach. Interdisziplinarität wird heute zwar überall vorausgesetzt und ist im Ergebnis sehr bereichernd, sie ist aber auch anstrengend. Um tatsächlich in einer Sprache zu sprechen, muss man sich häufig erst intensiv einarbeiten. Hinter den scheinbar gleichen Begriffen stecken oft verschiedene Inhalte. Auch auf diesem Feld besitzen Historiker und Historikerinnen Spezialkompetenzen. Recherche und Texterschließung von Inhalten aller Art gehört zu unseren Grundkompetenzen. Viele nicht immer nur einladend wirkende Begriffe und Techniken sind zu erfragen. Viele neue Fachkenntnisse sich anzueignen. Sie führen weg vom eigenen Fach, entfremden von der eigenen wissenschaftlichen Heimat. Bisher werden derartige Leistungen beispielsweise rund um das Forschungsdatenmanagement oder Basiskompetenzen in der eigenen wissenschaftlichen Fachdisziplin nicht zwangsläufig honoriert. Dies liegt darin begründet, dass solche Leistungen am Ende nicht unbedingt in Form von fachhistorischen Publikationen vorliegen. Wir brauchen daher verstärkt Ideen, wie die Erbringung von Datenbanken, Webportalen, Forschungsdaten oder Programmen noch dazu im Zeitalter des kooperativen Forschen und Lehrens wissenschaftlich sichtbar gemacht und anerkannt werden.

Es ist an der Zeit, nicht nur auf die Materialien der Vergangenheit, sondern auch auf die der Zukunft zu blicken. Die Geschichtswissenschaftler als Experten für Zeit und den von ihr verursachten Wandlungsprozessen haben momentan faszinierende Möglichkeiten, Zukunft zu gestalten.

Eine Übersicht über alle Beiträge des Diskussionsforums finden Sie hier: <http://www.hsozkult.de/text/id/texte-2890>.

Zitation
Forum: K. Moeller: Grundwissenschaften als Masterdisziplin der Nachnutzung, in: H-Soz-Kult, 11.12.2015, <www.hsozkult.de/debate/id/diskussionen-2923>.