Dienstbarkeitsarchitekturen. Vom Service-Korridor zur Ambient Intelligence

Ort
Weimar
Veranstaltungsort
Bauhaus-Universität, Goethe-Nationalmuseum
Veranstalter
Prof. Dr. Markus Krajewski, Bauhaus-Universität Weimar, Prof. Dr. Kate Marshall, University of Notre Dame, Indiana Dr. Stephan Trüby, Hochschule der Künste, Zürich
Datum
26.05.2011 - 28.05.2011
Von
Markus Krajewski

Das Verhältnis von Architektur und Dienen ist ein enges: Bereits die archaischsten Architekturen dienten dem Schutz vor Feinden oder der Witterung. Auch ein nur flüchtiger Blick auf das Bauen der letzten Jahrtausende macht deutlich: Es gibt keine Architektur, die nicht dient. Sie dient, indem man sie einem Nutzungskalkül »entgegenbaut«. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß die Architekturtheorie seit ihren (uns bekannten) Anfängen, nämlich seit Vitruv, die Nutzung der Architektur durch Begriffe wie »utilitas«, später durch Begriffe wie »Zweck«, »Funktion« etc. zu fassen versucht. Dass Architektur per se dient, wurde damit zu einem Gemeinplatz. Merkwürdig unberücksichtigt ist dabei aber geblieben, daß es subalterne Aktivitäten in der Architektur gibt, die ebenfalls räumlich wirksam sind: Darunter fallen insbesondere die Positionen und Wege von Dienern in höfischen Architekturen, aber auch das so genannte Smart Home der Gegenwart. Derlei räumlich wirksame Serviceleistungen seien unter dem Begriff »Dienstbarkeitsarchitekturen« gefasst. Ihnen ist die internationale Konferenz an der Bauhaus-Universität Weimar im Mai 2011 gewidmet. Dort sollen – zum ersten Mal – die Konturen von »Dienstbarkeitsarchitekturen« gezeichnet werden, indem (1.) die Phänomene des Dieners, (2.) die des Korridors und (3.) die des Einzugs elektromagnetischen Strahlenwissens in die Architektur (»Ambient Intelligence«) einer eingehenden kulturtheoretischen Analyse unterzogen werden.

Die Konferenz möchte demnach einer systematischen Blickverschiebung Vorschub leisten, um die analytische Aufmerksamkeit zu verlagern von den offiziellen, gelenkten Perspektivierungen der Macht hin zu den Orten des Subalternen in der Architektur. Thematisch wird beabsichtigt, einen interdisziplinären, historischen Bogen zu schlagen von kunst- und architekturhistorischen Beiträgen zu den medialen Infrastrukturen der Paläste und Residenzen, den ausgelagerten Dienstbotenflügeln in herrschaftlichen Landhäusern bis hin zu medien- und kulturwissenschaftlichen Analysen zum Auftauchen dieser bautechnischen Anordnungen in Literatur und Film, um damit die subtilen Praktiken servicemächtiger Wirkungsmacht auf und hinter der Bühne architektonischer Repräsentation zu ergründen und zu reflektieren.

Programm

Donnerstag, 26.05.2011

Ort: Goethe-Nationalmuseum, Vortragsraum, Am Frauenplan

15:00 Markus Krajewski (Bauhaus-Universität Weimar), Kate Marshall (Notre Dame University), Stephan Trüby (HdK Zürich):
»Dienstbarkeitsarchitekturen – Eine Einleitung«

16:15 Iris Därmann (Humboldt-Universität Berlin):
»Dienst- und Interaktionsräume in der Antike«

17:30 Führung durch die Weimarer Residenz
Herbert Lachmayer (Universität Linz), Gert Dieter
Ulferts (Klassik StiftungWeimar)

19:00 Keynote-Vortrag im Festsaal des Weimarer Stadtschlosses
Friedrich Balke (Bauhaus-Universität Weimar):
»Passagen im Schloss und Zugänge zum Gericht. Kafkas Korridore und Gehilfen«

20:30 Empfang im Schloß mit Imbiß

Freitag, 27.05.2011

Ort: Goethe-Nationalmuseum, Vortragsraum, Am Frauenplan

Session I: Diener (Chair: Markus Krajewski)

09:00 Peter Stephan (Universität Freiburg):
»Wenn die Diener ihren Herren in die Quere kommen. Baugeschichtliche Aus-Wege aus einer scheinbaren Aporie«

09:45 Anna Mader-Kratky (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien):
»Nähe und Distanz. Zum Raum-Management der Wiener Hofburg
im 18. Jahrhundert«

10:30 Kaffeepause

11:00 Moritz Gleich (Bauhaus-Universität Weimar):
»Macht und Lüftung. Der Streit zwischen Charles Barry und David Boswell Reid«

11:45 Marcus Termeer (Freiburg im Breisgau):
»Die Renaissance des Dienstpersonals im postfordistischen Privathaushalt«

12:30 Mittagspause

Session II: Korridore (Chair: Kate Marshall)

14:30 Mark Jarzombek (M.I.T., Cambridge, Mass.):
»From Corridor (Spanish) to Corridor (English)«

15:15 Laurent Stalder (ETH Zürich):
»Interactive environments: François Dallegrets ›Bubbles‹«

16:00 Kaffeepause

16:30 Stephan Trüby (Zürcher Hochschule der Künste):
»Exit-Architektur«

17:15 Stephan Günzel (Universität Potsdam):
»Im Egotunnel – Korridore im Computerspiel«

19:00 Gemeinsames Abendessen der Referenten

Samstag, 28.05.2011

Ort: Bauhaus-Univ., Van de Velde-Werkstatt, Geschwister-Scholl-Str. 7, R 116

Session III: Ambient Intelligence (Chair: Stephan Trüby)

10:00 Bettina Köhler (FHNW Basel):
»Dienerschaftskorridore: Zur Distribution in französischen hôtels des 17. und 18. Jahrhunderts«

10:45 Carsten Ruhl (Bauhaus-Universität Weimar):
»Dining, Sleeping, Bathing. Allan Wexlers Crate Buildings«

11:30 Kaffeepause

12:00 Christoph Neubert (Fernuniversität Hagen):
»Software/Architektur: Zum Design digitaler Dienstbarkeit«

12:45 Oliver Schürer (Technische Universität Wien):
»Das Automatische der Architektur. Nuancen zwischen
Dienlichkeit und Dominanz«

13:30 Ende der Tagung

Kontakt

Prof. Dr. Markus Krajewski

Bauhaus-Universität Weimar
Juniorprofessur Mediengeschichte der Wissenschaften
03643.583840

markus.krajewski@uni-weimar.de

Zitation
Dienstbarkeitsarchitekturen. Vom Service-Korridor zur Ambient Intelligence, 26.05.2011 – 28.05.2011 Weimar, in: H-Soz-Kult, 13.05.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-16414>.