Pathologie und Öffentlichkeit. Der hinfällige Mensch als museales Grenzobjekt

Ort
Hamburg
Veranstaltungsort
Medizinhistorisches Museum Hamburg
Veranstalter
Medizinhistorisches Museum Hamburg; Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung der Christian-Albrechts-Universität Kiel
Datum
27.10.2012
Bewerbungsschluss
01.09.2012
Von
Ulrich Mechler

Pathologie, die Lehre von den abnormen und krankhaften Vorgängen und Zuständen im Körper und deren Ursachen, wird in öffentlichen bzw. außer-wissenschaftlichen Zusammenhängen zumeist auf die postmortale Untersuchung von Leichen reduziert. Eine Wahrnehmung, die sich aus einer bestimmten historischen Konstellation speist. Ab den 1840er Jahren wurde die Pathologie als pathologische Anatomie, als morphologisch-vergleichendes Studium makroskopischer Organläsionen zur Grundlagendisziplin der naturwissenschaftlichen Medizin. Historisch schloss sie damit an die Anatomie an, deren Technik des Öffnens und Präparierens von toten Körpern (ungeachtet historischer Unschärfen) gleichsam zum mythischen Gründungsakt der neuzeitlichen Medizin wurde. Diese Indienstnahme des toten Körpers war von Anfang an von deutlichen Popularisierungstendenzen begleitet. Die skandalöse Praxis bedurfte einer Legitimation vor der Öffentlichkeit, ihre Protagonisten agierten in der Folge stets über ihre Fachkreise hinaus als Interpreten des Menschen, neben medizinischen kamen philosophisch-theologische, anthropologische und ästhetische Intentionen zum Tragen. Der in anatomischen Theatern durch Präparate, Modelle und Abbildungen exponierte Körper, die vertiefte Kenntnis von seinen Bau, seine Materialität und Funktionalität trugen wesentlich zur Konstituierung des neuzeitlichen Menschenbildes bei. (Schnalke, 2003) Diese popularisierende Tendenz verstärkte sich in der pathologischen Anatomie. Wie bei der Anatomie besteht ihre Methodik in der vergleichenden Morphologie, die sich im Modus der visuellen Anschauung, des Vergleichens und Wiedererkennens von strukturellen Gemeinsamkeiten und Abweichungen vollzieht. Während aber die Aufdeckung des Normalen den Verweis auf ein idealtypisches Anschauungsobjekt evoziert, generiert das pathologisch Abweichende dagegen prinzipiell unabschließbare Reihen von Variationen, Ausprägungen und jeweiligen Konstellationen der zugrunde liegenden Phänomene. Im Zuge dessen entstanden in den Instituten riesige Präparatesammlungen. Die darin veranschaulichte Hinfälligkeit des Menschen wurde, wie etwa in dem 1899 durch Rudolf Virchow eröffnetem Pathologischem Museum in Berlin, einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Dabei standen die ausgestellten Objekte im Spannungsfeld zwischen den didaktisch-aufklärerischen bzw. gesundheitspolitischen Intentionen der Pathologen und ihren Kuratoren und den Interessen der Besucher, die sich zwischen Schau- bzw. Sensationslust und populärwissenschaftlichen Ambitionen des Bildungsbürgertums bewegte. Auch heute muss sich eine museale Inszenierung der Pathologie verschiedenen Spannungen stellen:

I. Die moderne diagnostische Pathologie hat kaum etwas gemein mit den geläufigen Assoziationen vom Pathologen am Sektionstisch. Die Erforschung von Krankheiten spielt sich auf zellularer oder molekularbiologischer Ebene ab, ihre Objekte sind mikroskopische Gewebeproben aus denen technisch generierte hochartifizielle Visualisierungen oder nur noch abstrakte Daten gewonnen werden. Wie und mit welchen Mitteln und Objekten kann diese Entwicklung transportiert werden? Wie kann ein Bild des Menschen im Kontext der modernen Life Science adäquat museal inszeniert werden und wie sind die Klippen von Überforderung und Unterkomplexität zu umschiffen?

II. Die „klassischen“ Objekte einer musealen Pathologie - makroskopische Feuchtpräparate, Moulagen etc. - üben die auf die meisten Besucher die größte Faszination aus. Pathologie bedeutet für den Besucher zunächst weniger eine Auseinandersetzung mit medizinischen Konzepten. Vielmehr kommt zunächst eine Schaulust am Blick ins Innere des Körpers zum Tragen, sowie ein Schauder des Monströsen, ermöglicht durch die Nähe des Authentischen bei gleichzeitiger Distanzierung vom Gesehenen, das ein Fremdes bleibt. Schließlich kann eine existentielle Konfrontation mit Krankheit und Tod resultieren, die fasziniert wie beklemmt, die ebenso abstößt wie anzieht. Wie kann an die Unmittelbarkeit dieses emotionalen Zugangs aufgefangen und daran angeknüpft werden? Kann oder muss sie überwunden werden? Wie müssen Objekte dazu in Bezug gesetzt werden? Wie verhält sich diese besondere Objektwahrnehmung zu jüngeren Entwicklungen in der Populärkultur, wie sie etwa in einer Fülle von Tv-Serien zum Tragen kommt, die mit einer massenhaften Präsentation z.T. drastischer Bilder von Toten konfrontieren, an denen sich offenbar ein verändertes Verhältnis zu Körperlichkeit, Identifikation und Vergänglichkeit spiegelt. Ein Phänomen, das zur These von einer „neuen Sichtbarkeit des Todes“ (Thomas Macho) geführt hat. Kann eine Auseinandersetzung mit Pathologie hier anknüpfen oder als Korrektiv auftreten?

III. Pathologie im Museum impliziert die Frage nach einem angemessenen Umgang mit menschlichen Überresten in einer Ausstellung. In pathologischen Präparaten und Anschauungsobjekten materialisiert sich eine medizinische Epistemologie, deren Vollzug die problematische Transformation des menschlichen Körpers zum wissenschaftlichen Objekt notwendig macht. Diese Problematik spitzt sich nochmals zu, wenn die Objekte aus ihrem abgeschirmten medizinischen Kontext herausgelöst und als museale Exponate in eine ursprünglich nicht intendierte Öffentlichkeit hineingestellt werden. Oftmals verweisen die Objekte auf Entstehungszusammenhänge, die mit heutigen medizinethischen Bedürfnissen kollidieren. Hinzu kommt, dass vielen Objekten trotz vordergründig wissenschaftlichen Intentionen eine Ästhetik eignen kann, die moralische Konnotationen oder impliziter Werturteile transportiert. Im konkreten Falle kann eine Abwägung welche Objekte wie zu zeigen sind und was an ihnen thematisiert wird schwierig sein.

Das Medizinhistorische Museum Hamburg und die Medizin- & Pharmaziehistorische Sammlung der Universität Kiel veranstalten am 27.10.2012 in Hamburg einen eintägigen Workshop. Beide Museen befinden sich im Auf- bzw. Umbau und arbeiten an Ausstellungskonzepten, die u.a. vorgestellt werden sollen. Der Workshop richtet sich einerseits an Medizinhistoriker, Museologen, Kultur-, Geistes- oder Medienwissenschaftler. Darüber hinaus wollen wir alle ansprechen, die sich wissenschaftlich, medial oder künstlerisch mit Expositionen und Inszenierungen des menschlichen Körpers befassen, etwa Wissenschaftsjournalisten, Künstler, Dramaturgen oder Filmschaffende. Wir laden alle Interessierten ein, einen kurzen Abstract für einen Vortrag (ca. 20 min) einzusenden. Bitte schicken Sie Ihr Abstract bis zum 01. September 2012 per Email an: mechler[at]med-hist.uni-kiel.de

Kontakt

Ulrich Mechler
Medizin- und Pharmaziehistorische Sammlung
der Christian-Albrechts-Universität Kiel
Brunswiker Str. 2
24105 Kiel

0431 8805719
0431 8805727
mechler@med-hist.uni-kiel.de

Zitation
Pathologie und Öffentlichkeit. Der hinfällige Mensch als museales Grenzobjekt, 27.10.2012 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 23.07.2012, <www.hsozkult.de/event/id/termine-19702>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.07.2012
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