Algorithmische Wissenskulturen? Der Einfluss des Computers auf die Wissenschaftsentwicklung

Ort
München
Veranstaltungsort
Deutsches Museum, München
Veranstalter
Ulf Hashagen (Deutsches Museum/ LMU München); Rudolf Seising (Friedrich-Schiller-Universität Jena/Deutsches Museum); Gerard Alberts (Universität Amsterdam); Gabriele Gramelsberger (Universität Witten-Herdecke)
Datum
12.10.2017 - 14.10.2017
Bewerbungsschluss
31.05.2017
Von
Deutsches Museum München

Lange vor dem Aufkommen der „Digital Humanities“ und dem „Big Data“-Hype hat der Computer begonnen, die Wissenschaften zu revolutionieren. Dieser Prozess setzte Mitte des 20. Jahrhunderts ein und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur erheblich beschleunigt, sondern grundlegende methodische Veränderungen in den Wissenschaften mit sich gebracht. Inzwischen hat diese Entwicklung in unserer gegenwärtigen Wissenschaftswelt eine derartige Bedeutung gewonnen, dass die Europäische Union im Jahr 2013 die Vision von „Digital Science“ in das Programm „Horizon 2020“ integrierte und dabei von einer “radical transformation of the nature of science“ sprach.

Schon seit der Herausbildung des modernen Wissenschaftssystems im 19. Jahrhundert existierten in Teilen der Natur- und Technikwissenschaften weit ausgeprägte algorithmische Wissenskulturen. Dies galt vor allem für die Astronomie und Geodäsie, die als empirische Wissenschaften neben Theorie und Datenerhebung durch Beobachtung bzw. Experiment auch über eine ausgebildete Rechenkultur verfügten, die als dritte grundlegende Methode für die Erklärung und Vorhersage von Naturphänomenen diente. Die Entwicklung von algorithmisierten numerischen Methoden war für die Wissenschaftler zentraler Teil ihrer disziplinären Agenda. Die Anwendung der Rechenverfahren wurde mehr und mehr institutionalisiert und dabei menschlichen Rechnern – im englischen Sprachraum auch als human computers bezeichnet – übertragen, die die Massendaten („Input“) auswerteten und für Vorhersagen („Output“) nutzten. Als Hilfsmittel dienten papierne Datenbanken (Tafelwerke), aus denen die Rechner neue papierne Datenbanken (Tafelwerke) als wissenschaftliche Publikationen erzeugten. Im frühen 20. Jahrhundert setzte eine Mechanisierung dieser Verfahren ein, bei der Rechenmaschinen von human computers genutzt bzw. deren Aufgaben gänzlich durch Hollerithmaschinen erledigt wurden. Dem Aufkommen maschinenbasierter Rechenkulturen folgte bald ihr Aufstieg in anderen Wissenschaftsfeldern wie Meteorologie, Klimatologie, Hydrologie, Statistik, Ballistik und Luftfahrtwissenschaften.

Die Erfindung des Computers in den 1940er Jahren scheint zunächst keine breitenwirksamen und systematischen Veränderungen in den algorithmischen Wissenskulturen ausgelöst zu haben. Erst in den 1960er Jahren setze ein allgemeiner Prozess ein, der zu einer breiten Verwendung des Computers in den Natur- und Ingenieurwissenschaften führte, wobei dieser zunächst als äußerst schnelle, programmierbare Rechenmaschine Verwendung fand. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die Bedeutung von algorithmischen Wissenskulturen in den einzelnen Disziplinen teilweise enorm stark an – bis hin zu Disziplinen wie den Klimawissenschaften, die auf der Verwendung von Computern basieren.

Dieser wissenschafts- und technikhistorische Workshop will sich den Fragen widmen, welche grundlegenden und methodischen Veränderungen der Computer in der Wissenschaftspraxis und im Agenda-Setting der einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen mit sich brachte, und wie er algorithmischen Wissenskulturen in einzelnen Disziplinen transformierte bzw. neuartige algorithmische Wissenskulturen entstehen ließ. Allgemeiner ließe sich fragen, wie der Computer als Maschine, Werkzeug und Medium die Entwicklung der Wissenschaften beeinflusst hat. Welche neuen methodischen Möglichkeiten der mathematischen Modellierung, der Simulation und der Datenanalyse resultierten daraus? Wie ist das Phänomen der Computersimulation historisch einzuordnen? Kann sie heute quasi als „dritter Weg“ neben Theorie und Experiment in den Natur- und Ingenieurwissenschaften angesehen werden? Inwieweit ist der Algorithmus das wissenserzeugende Element in dieser Entwicklung?

Wir laden wissenschaftshistorische, technikhistorische, wissenschaftssoziologische sowie wissenschaftsphilosophische Beiträge ein, die algorithmische Wissenskulturen und die Veränderungen der Wissenschaften durch den Computer im 20. Jahrhundert thematisieren. Die zeitliche Perspektive grenzen wir in der Regel ein auf die historischen Entwicklungen vom frühen 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart ein.

Erbeten werden bis zum 31. Mai 2017 Exposés in einem Umfang von maximal 5.000 Zeichen (zu richten an r.seising@lrz.uni-muenchen.de<mailto:r.seising@lrz.uni-muenchen.de> und an U.Hashagen@lrz.uni-muenchen.de<mailto:U.Hashagen@lrz.uni-muenchen.de>). Für Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem akzeptierten Vortrag kann eine Reisekostenunterstützung in Aussicht gestellt werden.

Vorgesehen ist, auf der Basis der Vorträge im Jahr 2018 einen konzeptionell möglichst geschlossenen Band mit ausgewählten, qualitativ hochwertigen Beiträgen in einem renommierten Wissenschaftsverlag zu publizieren. Daher soll auf dem Workshop eine ausführliche inhaltliche und methodische Diskussion der Beiträge und des Gesamtkonzepts erfolgen.

Kontakt

Rudolf Seising, Ulf Hashagen

Museumsinsel 1, 80538 München

r.seising@lrz.uni-muenchen.de; U.Hashagen@lrz.uni-muenchen.de

Zitation
Algorithmische Wissenskulturen? Der Einfluss des Computers auf die Wissenschaftsentwicklung, 12.10.2017 – 14.10.2017 München, in: H-Soz-Kult, 11.04.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-33838>.