Warum Friedenschließen so schwer ist: Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive

Ort
Bonn
Veranstaltungsort
Senatssaal, Hauptgebäude der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, Regina-Pacis-Weg 3, 53113 Bonn
Veranstalter
Dr. Dorothée Goetze und Dr. Lena Oetzel, Abteilung für Geschichte der Frühen Neuzeit und Rheinische Landesgeschichte, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn in Kooperation mit dem Zentrum für Historische Friedensforschung, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn, dem Fachbereich Geschichte, Universität Salzburg und dem Landschaftsverband Rheinland
Datum
31.08.2017 - 01.09.2017
Bewerbungsschluss
06.08.2017
Von
Lena Oetzel

Der Blick auf die aktuelle weltpolitische Lage verdeutlicht, von welch hoher Relevanz das Thema Frieden und insbesondere Friedensfindung ist. Dass dies kein Phänomen der Moderne ist, zeigt gerade die Frühe Neuzeit, zu deren Charakteristika eine ausgeprägte Friedlosigkeit, aber auch das stete Bemühen um Konfliktbeilegung gehörten. Am historischen Fallbeispiel des Westfälischen Friedenskongresses (WFK) untersucht die Tagung politische, ökonomische, soziale und diskursive Rahmenbedingungen, die Friedensschließen ermöglichen und behindern, um so zu einer höheren Sensibilität und einem tieferen Verständnis für die Komplexität von friedensstiftenden Aushandlungsprozessen auch in der Gegenwart beizutragen. Die zeitliche Distanz ermöglicht einen unvoreingenommenen und kritischen Blick.
Der WFK als erster multilateraler Gesandtenkongress der Neuzeit eignet sich besonders gut als Kontrastfolie, da er vor der Herausforderung stand, hochkomplexe religiös-konfessionelle Konfliktlagen zu entschärfen sowie Auseinandersetzungen um Staatsbildungsprozesse nach Innen und Außen beizulegen – alles Themen und Problemfelder gegenwärtiger Auseinandersetzungen in Afrika, dem Nahen Osten und Südosteuropa. Die Konzentration auf ein historisches Fallbeispiel ist notwendig, um eine ganzheitliche Betrachtung von Friedensprozessen zu gewährleisten. Diese Fokussierung auf ein Untersuchungsobjekt verhindert, unterschiedliche Ausgangssituationen zu vermischen, und sichert analytische Schärfe. Der Tagung geht es nicht darum, den WFK als Ort der Erinnerungskultur zu betonen oder ihn als Schablone auf die heutigen Konflikte zu legen.
Der Westfälische Frieden und die ihm vorausgehenden Verhandlungen gehören unstreitig zu den am dichtesten beschriebenen historischen Ereignissen der modernen Historiographie. Insgesamt löst sich die Forschung bis heute erst allmählich von der traditionellen politikgeschichtlichen Perspektive. Für das Verständnis von Frieden als Prozess ist es jedoch notwendig, einen kulturgeschichtlichen Blickwinkel einzunehmen, der soziale, ökonomische, politische und kulturelle Faktoren integriert. Deshalb wählt die Tagung einen interdisziplinären und personell wie auch thematisch internationalen Ansatz, der sich bewusst von der traditionellen historischen Forschung zum WFK abgrenzt. Vielmehr sollen bestehende Perspektiven aufgebrochen werden, um zu einer umfassenden Sicht auf Friedenschließen zu gelangen.
Dafür werden zunächst die bestehenden, zum Teil stark national geprägten Narrative zum Frieden hinterfragt sowie die ihnen zu Grunde liegenden Quellen und der Umgang mit diesen. In einem zweiten Schritt werden die Rahmenbedingungen, die Friedenschließen ermöglichen bzw. behindern, untersucht, mit anderen Worten es werden prägende Diskurse und diplomatische Praktiken in den Blick genommen. Schließlich geht es um die Funktions- und Wirkungsweise populärwissenschaftlicher Zugänge zum WFK und wie diese helfen, die Öffentlichkeit für die Schwierigkeiten des Friedenschließens zu sensibilisieren. Entsprechend schließt die Tagung mit einer Podiumsdiskussion mit dem Titel „Friedenschließen und kein Ende? Von der Aktualität frühneuzeitlicher Friedensprozesse“, die sich gezielt nicht nur an die Fachwissenschaft, sondern ebenso an eine breitere Öffentlichkeit richtet.
Mittels einer solch umfassenden Betrachtungsweise eines einzigen sehr prägenden historischen Fallbeispiels wird die Prozesshaftigkeit und Komplexität des Friedenschließens herausgestrichen. Ein Aspekt, der bislang in der historischen Friedensforschung und Diplomatiegeschichte nicht ausreichend Beachtung gefunden hat.

Programm

31.8.2017
ETABLIERTE UND NEUE PERSPEKTIVEN AUF HISTORISCHES FRIEDENSCHLIESSEN AM BEISPIEL DES WESTFÄLISCHEN FRIEDENSKONGRESSES

MORGENKAFFEE, ab 9.00 Uhr
ERÖFFNUNG (Dorothée Goetze, Lena Oetzel), 9.30 Uhr
Grußworte

SEKTION 1: MEISTERERZÄHLUNG(EN) VOM FRIEDEN IN INTERDISZIPLINÄRER PERSPEKTIVE, 10.15–12.45 Uhr
Moderation: Marie-Thérèse Mourey / Kommentar: Benjamin de Carvalho
1. The Westphalian Peace Congress: Context and Consequences from a Swedish Perspective (Martin Hårdstedt)
2. Spanish views on the Westphalia process: Congress Diplomacy as Eternalisation of War (Alistair Malcolm)
3. Dutch News and Debate on the Peace Negotiations in Westphalia: a Case of Public Diplomacy? (Helmer Helmers)
4. Der ambivalente Friede: Der Westfälische Friedenskongress in der französischen Historiographie (Claire Gantet)

MITTAGSPAUSE, 12.45–13.45 Uhr

SEKTION 2: MULTIPLE ZUGÄNGE: DER WESTFÄLISCHE FRIEDENSKONGRESS (NACHWUCHSSEKTION), 13.45-15.00 Uhr
Moderation und Kommentar: Ralf-Peter Fuchs

KAFFEEPAUSE, 15.00–15.15 Uhr

SEKTION 3: BONNER FORSCHUNGSTRADITION: DIE GRUNDLAGE DER BEWERTUNGSHORIZONTE - (UN)GELESENE QUELLEN ZUM WESTFÄLISCHEN FRIEDENSKONGRESS, 15.15–19.00 Uhr
Moderation: Guido Braun / Kommentar: Thomas Just
1. Die Bonner APW-Editionen in germanistisch-linguistischer Perspektive. Chancen und Grenzen für die Forschung (Sandra Müller)
2. Zwischen Quellenkritik und Medientheorie – zur Analyse diplomatischer Korrespondenzen (Arno Strohmeyer)
3. Erklungen – Verklungen? Musikalische Quellen zwischen Performanz und Materialität (Elisabeth Natour)
4. Das Schicksal von Information beim Medienwechsel: Das Beispiel APWdigital (Tobias Tenhaef)
5. Distant Reading & APWdigital: Neue methodische Zugänge zu edierten Quellen (Niels F. May)

1.9.2017
DISKURSE UND PRAKTIKEN DES FRIEDENSCHLIESSENS

MORGENKAFFEE, ab 9.00 Uhr

SEKTION 4: DIE BEDEUTUNG VON NORMEN, WERTEN, DISKURSEN FÜR FRIEDENSVERHANDLUNGEN, 9.30–12.00 Uhr
Moderation: Axel Gotthard / Kommentar: Hillard von Thiessen
1. Friede gegen den Türken – Friede mit dem Türken? Zwei Linien der Auseinandersetzung mit der osmanischen Bedrohung im Umfeld des Westfälischen Friedenskongresses (Alexander Schmidt)
2. Gewalt und Frieden (Volker Arnke)
3. Die Leiden des alten T. Krankheit und Krankheitsdiskurse auf dem Westfälischen Friedenskongress (Lena Oetzel)
4. „daß unß dergleichen anzenemmen unverantworttlich fallen wolte“ – Diplomatische Gratwanderung zwischen Verehrung und Korruption (Dorothée Goetze)

MITTAGSPAUSE, 12.00–13.00 Uhr

SEKTION 5: PRAKTIKEN DER DIPLOMATIE – PRAKTIKEN DER STADT, 13.00–15.30 Uhr
Moderation: Siegrid Westphal / Kommentar: Dagmar Freist
1. Spionageabwehr und -aufklärung im Umfeld des Westfälischen Friedenskongresses. Das Protokoll einer Spionageaffäre im Kurfürstentum Mainz 1646 (Maren Walter)
2. Friedensverträge, Friedensspiele. Diplomatische Theater- und Festkultur am Nürnberger Exekutionstag 1649/50 (Clemens Peck)
3. Die Gemeinschaft der Diplomaten in Westfalen als Friedenspartei (Magnus U. Ferber)
4. Intervenieren als Praktik. Zur Rolle von Diplomatengattinnen auf dem Westfälischen Friedenskongress (Maria-Elisabeth Brunert)

KAFFEEPAUSE, 15.00–15.15 Uhr

SEKTION 6: VERMITTLUNG DER ERGEBNISSE – POPULÄRWISSENSCHAFTLICHE ZUGÄNGE ALS MULTIPLIKATOREN IN DIE ÖFFENTLICHKEIT, 15.15-17.45 Uhr
Moderation: Peter Geiss / Kommentar: Christoph Kampmann
1. Na, wat hest all wedder mokt? Ein Archivverein als Lösung für fast alle Probleme? (Nils Jörn)
2. Museographia oder Anleitung zum rechten Begriff und nützlicher Anlegung der Museorum oder Raritäten.Cammern – Krieg und Frieden in der Perspektive des Museums (Joachim Krüger)
3. Westfälischer Frieden – Gemeinsam gegen Gewalt (SC Preußen 06 Münster/Christoph Sträßer)
4. Der historische Roman – Geschichte und Geschichten für die breite Masse (Michael Wilcke)

ÖFFENTLICHE PODIUMSDISKUSSION: FRIEDENSCHLIESSEN UND KEIN ENDE? VON DER AKTUALITÄT FRÜHNEUZEITLICHER FRIEDENSKONGRESSE, 18.00–19.30 Uhr
Moderation: Anuschka Tischer
Podiumsteilnehmer: Peter Burschel, Michael Kaiser, Patrick Milton, Michael Rohrschneider

Kontakt

Lena Oetzel

Hofgarten 22
53113 Bonn
0228/73-5178

bonn1648@uni-bonn.de

Zitation
Warum Friedenschließen so schwer ist: Der Westfälische Friedenskongress in interdisziplinärer Perspektive, 31.08.2017 – 01.09.2017 Bonn, in: H-Soz-Kult, 10.07.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-34623>.