Ort
Zoologischer Garten Berlin
Veranstalter
Zoologischer Garten Berlin
Datum
24.11.2016
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Kai Artinger, Leopold-Hoesch-Museum & Papiermuseum Düren

Ende November 2016 eröffnete der Berliner Zoo eine Dauerausstellung über seine 172-jährige Geschichte. Er thematisiert darin erstmalig seine Vergangenheit im „Dritten Reich“. Dem Entschluss ging eine Debatte voraus. Erst stellten zum Jahrtausendbeginn Nachfahren von enteigneten jüdischen Zooaktionärinnen und -aktionären der Direktion Fragen nach dem Verbleib der Aktien. Dann forderte eine Kampagne die Anbringung einer Informationstafel an der Gedenkbüste des nationalsozialistischen Zoodirektors. Die Ausstellung leistet nun einen Beitrag zur Geschichtsaufarbeitung.

Der Zoo, eine öffentlich geförderte Einrichtung, konnte den Bronzekopf des Direktors Professor Dr. Lutz Heck nicht länger unkommentiert stehen lassen. In Hecks Amtszeit (1932–1945) hatte der Zooaufsichtsrat die jüdischen Mitglieder ausgeschlossen und jüdischen Bürgern 1939 das Betreten des Zoos verboten. Anlässlich der Anbringung der Hinweistafel verkündete die Zooleitung die Erarbeitung der Ausstellung. Ganz freiwillig tat sie das nicht. Die Stadt Berlin war durch die Initiative der Giordano Bruno-Stiftung unter Druck geraten. Im September 2015 hatte diese in einem offenen Brief verlangt, Hecks Büste mit einer kritischen Tafel zu versehen. Eine online-Petition sorgte für zusätzlichen Druck.[1] Am Ende erklärte sich der Zoo zur Aufarbeitung seiner NS-Geschichte bereit.

Vor diesem Hintergrund brachte er 2011 am Antilopenhaus eine Gedenktafel für die verfolgten und enteigneten jüdischen Aktionäre an. Zwei Jahre später ließ er die Historikerin Monika Schmidt das Schicksal der jüdischen Aktionäre erforschen. Die Ergebnisse wurden 2014 als Buch veröffentlicht.[2] In den Publikationen des Zoos wurde bis vor kurzem das NS-Kapitel nicht erwähnt. Die historische Dauerausstellung soll die Lücke nun schließen.


Abb. 1: Eingangstafel zur Ausstellung
(Foto: Kai Artinger)

Die Zoo-Geschichte wird von den Anfängen bis heute unter dem Titel „Berliner ZooGeschichte/n in Zeiten von Monarchie, Diktatur und Demokratie“ dargestellt. Im Foyer des 2008 denkmalgerecht sanierten Antilopenhauses ist die Ausstellung auf einer Fläche von 130 Quadratmetern aufgestellt. Der Ausstellungsort begründet sich in dem historischen Gebäude und in der Gedenktafel. Er ist nicht günstig, weil sich die Eingangshalle zu Tiergehegen und der mit einer Glaskuppel überdachten Mittelhalle öffnet. Es ist ein Durchgangsraum.

Der Ausstellungsinhalt gliedert sich in fünf Kapitel: „Von Königs Gnaden – Vorgeschichte und Gründung“; „Wachstum und Weltgeltung – Zoo und Stadt auf dem Weg zur Weltbedeutung“; „Anpassung aus Überzeugung – Der Zoo im Nationalsozialismus“ sowie „Exotische Tiere – exotische Menschen (Völkerschauen im Zoo)“; „Wiederaufbau und Kalter Krieg – Erneuerung in der geteilten Stadt“; „Vereinte Stadt mit zwei Zoos – Einheit und Vielfalt“.

Kurator ist der Berliner Historiker Clemens Maier-Wolthausen. Er realisierte eine Textausstellung (Deutsch, Englisch), die mit Reproduktionen von historischen und aktuellen Fotos, Plänen, Dokumenten und Bildern illustriert ist. In der Foyermitte steht ein roter großer Präsentationstisch, auf dem die weißen Texte und die Bilder appliziert sind. Drumherum, an drei Wänden des Foyers, stehen Lichtkästen, auf denen Texte und Bilder leuchten. Auf Originalobjekte musste verzichtet werden. Dafür hätten Vitrinen aufgestellt und konservatorische Bedingungen geschaffen werden müssen. Für Vitrinen fehlt aber der Platz. Und das Foyer verfügt über keine Luftschleuse, die ein konstantes Raumklima garantiert. Ein weiteres Problem ist die Nähe von Ausstellung und Tiergehegen. Halten sich in den Gehegen Antilopen auf, ziehen sie sofort die Aufmerksamkeit der Zoobesucher auf sich.

Die Entscheidung, in diesem Durchgangsraum 172 Jahre Zoo-Geschichte zu erzählen, hat auch Folgen für die Darstellung der NS-Geschichte. Zwar wird die Zeit des Nationalsozialismus in der Raummitte behandelt, also ins Zentrum gerückt, und farblich abgesetzt, doch können von zwölf Jahren nur die wichtigsten Fakten vermittelt werden. Die Leuchtkästen, die die anderen Kapitel zeigen, rahmen die NS-Geschichte ein. Farblich setzen sie sich durch ihr weißes Licht deutlich ab. Auf ihnen wird in übersichtlichen Texten und zahlreichen Bildern die Entwicklung des Zoos im Allgemeinen und des Zoo Berlin im Besonderen erzählt. Als bürgerliche Einrichtung im 19. Jahrhundert gegründet, stieg der Zoo Berlin im Kaiserreich zu einem der artenreichsten Zoologischen Gärten der Welt auf. Die starken Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg zwangen ihn zum Wiederaufbau und ermöglichten in jüngerer Zeit die Einführung moderner Standards in der Tierhaltung.

Die typografische Gestaltung und großzügige Platzierung von Text und Bild macht die Leuchtkästen zum Hingucker. Sie laden zum Lesen und Schauen ein. Es ist auch möglich, nur die Bilder zu betrachten und als visuelle „Dokumente“ zu lesen. Eingestreut in das Panorama der Zoogeschichte sind kleine Exkurse, zum Beispiel über den Tierfang – Wie kommen die Tiere in den Zoo? – und die Tierhaltung von damals bis heute. Sie machen den Betrieb und moderne Veränderungen nachvollziehbar.


Abb. 2: Ausstellungstafel
(Foto: Kai Artinger)

Als gestalterischer Kontrapunkt zu den leuchtenden, transparenten Lichtkästen tritt der rote Block in der Raummitte auf. Hier werden dem eintretenden Besucher gleich an der Tür die Ausstellungsziele erklärt und dann zur NS-Geschichte übergegangen. Die These für dieses Kapitel ist, dass sich der Berliner Zoo an das totalitäre Regime angepasst habe. Diese – nach Aussage der Zoo-Website „totale“[3] – Anpassung wird durch Fakten unterstrichen. So haben sich der Direktor, der Aufsichtsrat und die Belegschaft angepasst und der jüdischen Aufsichtsratsmitglieder entledigt. Jüdische Aktionärinnen und Aktionäre mussten ihre Aktien dem Zoo unter Wert verkaufen. NS-Organisationen erhielten verbilligten Eintritt, der Zoo wurde zur Bühne für Propagandaveranstaltungen des Regimes und seiner Organisationen. Gefördert wurde der Zoo von führenden Nationalsozialisten wie Hermann Göring.

Lutz Heck trat 1937 in die NSDAP ein. Beim Reichsmarschall Hermann Göring ging er ein und aus und versorgte ihn mit jungen Löwen. Es gelang ihm, mit staatlichen Mitteln eine große Felsenfreianlage für Löwen zu bauen, die kurz vor der Eröffnung der Olympiade 1936 eingeweiht wurde. Bei der Aufschichtung der 12.000 Zentner Sandstein halfen Wehrmachtssoldaten. Göring machte dem Zoo auch eine große Geländeschenkung, damit er sich ausdehnen konnte. Die neuen Tieranlagen konzipierte Heck als „Deutschen Zoo“ mit „deutscher“ Fauna und Flora. 1940 wurde Heck Leiter der Obersten Naturschutzbehörde im Reichsforstamt, das Göring, dem Reichsjägermeister, unterstand. Seit Juni 1933 war Heck „förderndes Mitglied der SS“. Ein Foto in der Ausstellung zeigt sein Abzeichen. Er erhielt ein Stipendium des „Ahnenerbes“, der „Forschungs- und Lehrgemeinschaft“ der SS, für das Projekt „Wald und Baum in der arisch-germanischen Geistes- und Kulturgeschichte“. Zusammen mit seinem Bruder Heinz, dem Leiter des Zoos Hellabrunn in München, führte er die „Rückzüchtung“ des ausgestorbenen Urrinds (Auerochsen) und die Züchtung von Wisenten durch. Deshalb nannte man ihn „Vater der Rominter Ure“.

Die Ausstellung geht insbesondere auf den Zoologen und Naturschützer Lutz Heck ein. Ausgespart wird nicht der Raub von Tieren aus Zoos in den östlichen, von der deutschen Wehrmacht besetzten Staaten, an dem Heck beteiligt war. Das Kapitel der im Zoo eingesetzten Zwangsarbeiter fehlt ebenfalls nicht. Die Schwerpunkte der Darstellung liegen auf dem Schicksal der jüdischen Aktionäre, auf der Tätigkeit des Direktors und den verheerenden Folgen des Zweiten Weltkriegs für den Zoo.

Die Anpassungsthese ist jedoch trotzdem problematisch, da sie den Eindruck vermittelt, der Zoo wäre vor dem Nationalsozialismus eine ideologische Insel gewesen. Doch schon Lutz Hecks Vater Ludwig Heck, Direktor des Berliner Zoos von 1888 bis 1931 war ein bekennender Nationalsozialist und leitete, wie später auch sein Sohn, den Zoo im Sinne dieser Weltanschauung.[4] Hier hätte die Ausstellung die Rolle der Biologie als moderne Wissenschaft reflektieren können, zu deren herausgehobenen Vertretern Zoodirektoren wie die Hecks gehörten. Im Nationalsozialismus wurde die Biologie ein Kernstück der Volksbildung und der Zoo betrieb eine „darstellende Biologie“. Der Zoo hat sich somit nicht einfach angepasst, sondern spielte in seinem Metier eine Vorreiterrolle. Es wäre schön gewesen, wenn diese mit Blick auf verschiedene Details herausgearbeitet worden wäre.

Die Ausstellung offenbart hier jedoch ein Problem der Macher mit ihrem Anspruch, die NS-Geschichte aufzuarbeiten: An sich hätte es für das Thema eine eigene Ausstellung gebraucht. Auch hätte erklärt werden müssen, warum es derart lange dauerte, die NS-Vergangenheit anzunehmen. Schon 1994 waren wesentliche Fakten bekannt.[5] Die widersprüchliche Haltung wird dadurch unterstrichen, dass der Berliner Zoo auf der Website des Verbands der Zoologischen Gärten e. V. seine Geschichte nach wie vor ohne die Erwähnung der NS-Vergangenheit präsentiert.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Colin Goldner, Der Berliner Zoo stellt sich seiner Nazi-Geschichte, auf: http://hpd.de/artikel/berliner-zoo-stellt-sich-seiner-nazi-geschichte-13849 (02.01.2017); hierzu auch: http://www.zoo-berlin.de/de/aktuelles/news/artikel/zoo-berlin-stellt-sich-aktiv-seiner-ns-vergangenheit (05.01.2017), sowie: http://www.zoo-berlin.de/de/aktuelles/news/artikel/blick-in-die-vergangenheit-des-zoo-berlin (05.01.2017).
[2] Monika Schmidt, Die jüdischen Aktionäre des Zoologischen Gartens zu Berlin. Namen und Schicksale, Berlin 2014.
[3] Vgl. http://www.zoo-berlin.de/de/ueber-uns/geschichte-zoo-berlin (05.01.2017).
[4] Ludwig Heck, Heiter-ernste Lebensbeichte, Berlin 1938, S. 373. Im Original heißt es: „Meine Söhne haben mir neuerdings öfter gesagt: ‚Du warst schon Nationalsozialist, du hast uns schon nationalsozialistische Weltanschauung gepredigt, lange ehe das Wort erfunden war.‘ Das ist richtig.”
[5] Kai Artinger, Lutz Heck. Der „Vater der Rominter Ure“. Einige Bemerkungen zum wissenschaftlichen Leiter des Berliner Zoos im Nationalsozialismus, in: Der Bär von Berlin. Jahrbuch 1994 des Vereins für die Geschichte Berlins, S. 125–138.; ders., Die grüne Oase in der braunen Wüste. Der Berliner Zoo im NS; Sendung am 15.08.1994 im Sender Freies Berlin, Dauer: 25 Minuten.

Zitation
Kai Artinger: Rezension zu: Berliner ZooGeschichte/n, 24.11.2016 Zoologischer Garten Berlin, in: H-Soz-Kult, 28.01.2017, <www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-260>.
Redaktion
Veröffentlicht am
28.01.2017
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