Neue Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Hessen, Thüringen und Sachsen- Anhalt

Ort
Jena
Datum
20.05.2011
Veranstalter
Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung (AKHFG) e.V.
Von
Mareike Säck, Institut für Geschichte, Otto-von-Guericke Universität Magdeburg

Der AKHFG Region Mitte veranstaltet unter dem Titel „Neue Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt“ einen Workshop mit integriertem Jahrestreffen. Vordergründiges Ziel der Tagung war es, sich innerhalb der Regionalgruppe Mitte, die in dieser neuen Zusammensetzung der Regionen innerhalb des bundesweiten AKHFG erstmalig an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zusammentrat, kennenzulernen und dabei die Tagung als Plattform zur Vorstellung aktueller Forschungsvorhaben zu nutzen. Die Vorträge beschränkten sich im Schwerpunkt nicht auf eine Epoche oder ein konkretes Themenfeld. Im Gegenteil nutzten die ReferentInnen die Möglichkeit, ihre Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte auf verschiedenste Zeitbereiche anzuwenden und auszudehnen.

Mit der Intention, Fragen der Forschung zur Geschlechtergeschichte auch auf Herrscherinnen des Mittelalters zu übertragen, begann ROBERT CONRAD (Jena) am Beispiel der Kaiserin Richenza von Northeim die Bedeutung der Machtteilhabe von mittelalterlichen Herrscherinnen zu analysieren. Ausgehend von der bekannten Quellenproblematik zu Ego-Dokumenten von Frauen in dieser Epoche versuchte er über Urkunden und Chroniken den eigentlichen Aktionskreis von mittelalterlichen Herrscherinnen zu rekonstruieren. Die in den Urkunden nachweisbaren vielfältigen Interventionen der Herrscherinnen seien nicht nur ein Hinweis auf die Teilhabe der Frauen an Herrschaft, vielmehr seien Herrscherinnen wie Richenza ihrem Mann keineswegs nachgestellt gewesen. Es habe auch im Mittelalter, und zumal im mittelalterlichen Hochadel, das von Heide Wunder für die Frühe Neuzeit beschriebene Arbeitspaar existiert, ein Gedanke, der, laut Conrad, in der Ausprägung einer partnerschaftlichen Herrschaft für die Mediävistik neue Facetten biete und demnach stärker in den Blick genommen werden sollte.

Einen zeitlichen Sprung in das 18. Jahrhundert machte STEFANIE FREYER (Jena) in dieser ersten von drei Sektionen. In ihrer Betrachtung der geschlechtsspezifischen Personalpolitik am Weimarer Hof um 1800 arbeitete sie heraus, welche Unterschiede zwischen männlichem und weiblichem Dienstpersonal bestanden und welche Abweichungen sich zwischen den einzelnen Teilhöfen der herzoglichen Familie ergaben. So ließen sich am Hof der Mutter des Regenten, der Fürstin Anna Amalia einerseits, und ihrer Schwiegertochter Luise andererseits erhebliche Unterschiede bezüglich der Fluktuation des niederen Dienstpersonals feststellen. Die rege Diskussion im Anschluss lieferte einige interessante Erklärungsansätze, über die Identifikation der Frauen mit ihrem Personal nachzudenken und auch das Alter, die Lebensumstände als amtierende Landesfürstin bzw. als Witwe und die Sozialisation der beiden Frauen mit in den Blick zu nehmen.

In einem dritten Vortrag in dieser Sektion widmete sich SABRINA SCHMIDT (Kassel) in einem Werkstattbericht zu ihrem Dissertationsprojekt der Konstruktion von Geschlechter-Räumen in englischen Familienbriefen des Spätmittelalters. Mit Hilfe einer umfangreichen Analyse der Familienbriefe von Schreiber/innen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und innerhalb mehrerer Generationen sollten Geschlechterräume benannt und definiert werden. Dabei müsse der Frage nachgegangen werden, in wie weit diese geschlechtsspezifisch definierten Räume überhaupt eine Mitgestaltung von Mann und Frau ermöglichten. Anliegen des Dissertationsprojektes soll es sein, in einem nächsten Schritt die hieraus resultierenden Ergebnisse zu einer Rekonstruktion von Gender innerhalb der vorherrschenden Machtverhältnisse zusammen zu führen und mögliche Bewegungen der Kategorien Männlichkeit/ Weiblichkeit aufzuzeigen.

Der letzte Bericht dieser Sektion beschäftigte sich mit Gemeinschaft und Geschlecht in Klosterräumen. BABETTE REICHERDT (Kassel) präsentierte in der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes einen Ansatz zur Untersuchung von Körper, Beziehungen und Emotionen von Frauen aus deutschen und schweizerischen Klarissenkonventen des 16. Jahrhunderts. Reicherdt problematisierte die Anwendbarkeit der Kategorie Gender auf vormoderne Klostergemeinschaften und schlug vor, die Performativität von Geschlecht auf der Ebene von (weiblichem) Körper und Emotionalität zu analysieren. Wie die Klosterfrauen auf diesen beiden Ebenen Gemeinschaft und Geschlecht erzeugten, stellte Reicherdt anhand der Chronik der Jeanne de Jussie (1503-1561) dar.

Die zweite Sektion, die sich verstärkt der Zeit nach 1700 zuwandte, begann mit einem interdisziplinären Vortrag mit Fokus auf den literaturgeschichtlichen Bereich. KATJA BARTHEL (Halle an der Saale) widmete sich in der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes der „rezipierenden“ Frau von galanten Romanen um 1700. Sie erörterte die These, dass galante Romane sich an Frauen und Männer gleichermaßen richteten. Frauen seien als Protagonistinnen in diesen Romanen häufig instrumentalisiert worden, um der weiblichen Leserschaft ein sittliches Leben aufzuzeigen. Letztlich sei mit den galanten Romanen eine erste Form der Unterhaltung offeriert worden, an der sich Männer und Frauen „ergötzen“ konnten und sollten.

Die Konstruktion von Weiblichkeit und Männlichkeit in der Publizistik um 1800 erörterte in einem nächsten Vortrag KATRIN HORN (Halle an der Saale). Mit einer Beschränkung auf Artikel aus dem „Teutschen Merkur“ von 1773 bis 1810 wurden unterschiedliche Definitionen vom zeitgenössischen Begriff der Natur aufgezeigt. Horn führte aus, wie diese Artikel die Dimensionen und Bedeutungsebenen von Natur um 1800 diskutierten und damit zugleich Wesentliches zur Debatte um Geschlechterrollen beitrugen. Vor allem die Frage, inwieweit eine individuelle bzw. eine spezielle weibliche und männliche Natur fassbar gemacht werden könne, stand im Fokus der Betrachtungen.

Der nächste Vortrag, der eigentlich mit geschlechterbezogenen Bildern von außereuropäischen Räumen in wissenschaftlicher Reiseliteratur überschrieben war, beschäftigte sich mit Wissenschaft und Reisen im 18. Jahrhundert anhand der ersten Cook- Expedition von 1765 bis 1771. Geschlechterbezogene Aspekte wurden hierbei leider ausgeklammert. ANNE MARISS (Kassel) warf in der Vorstellung ihres Dissertationsprojekts stattdessen die Frage auf, inwiefern Macht und Wissen in dieser Zeit in Zusammenhang standen. Nach Auswertungen von Geheimdokumenten über die Expansionen und anderer unerforschter Quellen, wie Dokumente über die einfachen Seeleute, verspricht dieses Projekt einige interessante neue Erkenntnisse, auch im Kontext von Macht, Wissen und Geschlecht.

Im letzten Beitrag dieser Sektion stellte SILKE FÖRSCHLER (Halle an der Saale) einen Teil aus ihrer Dissertation vor. Förschler zeigte, dass in der europäischen Sicht auf den osmanischen Harem im 18. und 19. Jahrhundert eine Konstruktion von Ethnizität und Geschlecht stattfand, die sich als übertragbar auf andere Bereiche erwies. Die Helligkeit der Haut habe dabei eine entscheidende Rolle gespielt. Ausgehend von Förschlers Hinweis, dass hellhäutige Haremsdamen als besonders begehrt galten, wurde in der anschließenden Diskussion die anregende Frage aufgeworfen, ob die weiße Haremsdame im Osmanischen Reich vielleicht als Äquivalent zum sogenannten Hofmohren der europäischen Höfe gesehen werden könne.

Die letzte Sektion eröffnete ASTRID ACKERMANN (Jena) mit einem Vortrag zu Geschlecht, Mode und Politik in der Lebensreformbewegung. Sie thematisierte vor allem die Reformkleid-Debatte, die im Zuge der ersten Frauenbewegung aufgekommen war und die Ackermann mit vergleichbaren Auseinandersetzungen um 1800 kontrastierte. Dabei wurde deutlich, wie stark die Diskussion am Beginn des 20. Jahrhunderts um Fragen der Hygiene und Reproduktion kreiste und welche zentrale Rolle Vorstellungen von Androgynität, Homophilie und Entmännlichung spielten.

Den Abschluss der letzten Sektion übernahm SILKE MEINHARDT (Jena). In der Vorstellung ihres Dissertationsprojektes zu Margarethe Krupp und ihrer Stellung im Kruppschen Wirtschaftsunternehmen ging sie vornehmlich auf die Handlungsspielräume von Frauen in Großunternehmen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein. Am Beispiel Margarethe Krupps solle gezeigt werden, wie hoch der tatsächliche Anteil dieser Frau am Erfolg des Unternehmens war. Margarethe Krupp habe sich zwar in das damalige bürgerliche Rollenverständnis eingefügt, aber dennoch ihre unternehmerischen Tätigkeiten in Bezug auf die Repräsentation der Firma und die Pflege von gesellschaftlichen Kontakten wahrgenommen. Die anschließende Diskussion kreiste um die Frage nach der Übertragbarkeit der Ergebnisse auf andere führende Frauen in Wirtschaftsunternehmen dieser Zeit.

In der Zusammenfassung der Tagungsergebnisse durch die Teilnehmerinnen und in der damit verbundenen Diskussion wurde schließlich herausgestellt, dass die Mehrzahl der vorgestellten Forschungsprojekte die diskursive Vermittlung von Geschlechterrollen in den Blick nehme, während eine kleinere Zahl mit biographischen Arbeiten befasst sei. Vor diesem Hintergrund wurde zu bedenken gegeben, dass auf eine Vermittlung zwischen diskurs- und akteurszentrierten Forschungsansätzen geachtet werden müsse. Als eine mögliche Forschungsperspektive wurde die praxeologische Untersuchung von Gefühlen heraus gestellt. Aufgeworfen wurde schließlich auch die Frage, unter welchen Bedingungen und in welchen Kontexten sich die Kategorie Geschlecht auf die verschiedenen Epochen anwenden und übertragen lasse. Insgesamt konnte die Konferenz ihrem Anspruch auf ein Kennenlernen und einen Austausch der Mitglieder der Region Mitte im bundesweiten AKHFG und auf die Möglichkeit der Vorstellung neuer Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte gerecht werden.

Konferenzübersicht:

Gisela Mettele (Jena): Begrüßung

Kerstin Wolff (Kassel): Begrüßung und Vorstellung des Archivs für die deutsche Frauenbewegung

Sektion 1
Moderation: Sabine Schmolinsky (Erfurt)

Robert Conrad (Jena): Kaiserin Richenza und andere Herrscherinnen des Hochmittelalters. Überlegungen zur Bedeutung für die Frauen- und Geschlechtergeschichte

Stefanie Freyer (Jena): Die geschlechtsspezifische Personalpolitik des Weimarer Hofes um 1800

Sabrina Schmidt (Kassel): Konstruktionen von Geschlechter-Räumen in englischen Familienbriefen des Spätmittelalters

Babette Reicherdt (Kassel): Emotion, Gender und Gemeinschaft. Die Petite Chronique der Genfer Äbtissin Jeanne de Jussie (1503-1561)

Sektion 2
Moderation: Eva Labouvie (Magdeburg)

Katja Barthel (Halle an der Saale): Die ‚rezipierende Frau‘ als Einflussgröße im literarischen Feld – Gattungs- und Geschlechterdiskurs im galanten Roman um 1700

Katrin Horn (Halle an der Saale): Natur und Geschlecht – Konstruktionen von Weiblichkeiten und Männlichkeiten in der Publizistik um 1800

Anne Mariss (Kassel): Wissenschaft und Reisen im 18. Jahrhundert im Kontext der ersten Cook-Expedition 1769-1771

Silke Förschler (Halle an der Saale): Weiße Haremssklavin, schwarze Sklavin und Eunuchen. Konstruktionen von Ethnizität und Geschlecht in Haremsberichten des 18. und 19. Jahrhunderts

Sektion 3
Moderation: Silke Satjukow (Magdeburg)

Astrid Ackermann (Jena): Geschlecht, Mode und Politik in der Lebensreformbewegung

Silke Meinhardt (Jena): Margarethe Krupp (1854-1931). Die Frau im Wirtschaftsunternehmen

Zitation
Tagungsbericht: Neue Forschungen zur Frauen- und Geschlechtergeschichte in Hessen, Thüringen und Sachsen- Anhalt, 20.05.2011 Jena, in: H-Soz-Kult, 06.07.2011, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3706>.