Die kritischen Editionen der Epistulae Augustins – Philologische Analyse ausgewählter Briefe und ihrer Textausgaben

Ort
Würzburg
Datum
20.08.2012 - 22.08.2012
Veranstalter
Zentrum für Augustinus-Forschung, Universität Würzburg
Von
Christof Müller, Zentrum für Augustinus-Forschung, Universität Würzburg

Das Briefkorpus Augustins mit circa 300 erhaltenen Episteln ist nicht nur ein reizvoller Forschungsgegenstand für etliche Wissenschaftsdisziplinen, sondern auch eine einzigartige Quelle zur Spätantike. Diese Tatsache kontrastierte bislang mit der Feststellung, dass eine Aufarbeitung des augustinischen Briefkorpus zum größeren Teil noch aussteht. Da das Desiderat einer gründlichen und umfassenden Erschließung, Kommentierung und Interpretation der Epistulae Augustins jedoch zunächst eine philologisch möglichst zuverlässige Textbasis voraussetzt, stellte der von der Thyssen Stiftung geförderte Workshop in Würzburg die zwei kritischen Gesamteditionen der Briefe Augustins auf den philologischen Prüfstand: zum einen die über Jahrzehnte hinweg maßgebliche Ausgabe von A. Goldbacher, die zwischen 1895 und 1911 (1923) in der Reihe Corpus Scriptorum Ecclesiasticorum Latinorum (CSEL) (Wien, Bände 34.44.57(.58)) erschienen ist und 1981 durch die neu aufgefundenen Epistulae Divjak (Band 88; verbesserte Edition in Band 46B der Bibliothèque Augustinienne, Paris 1987) ergänzt wurde, zum anderen die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Ausgabe von K. D. Daur, die ab dem Jahr 2004 in der Reihe Corpus Christianorum. Series Latina (CCL) (Turnhout, Bände 31.31A.31B) begonnen wurde und mittlerweile bis zu Brief 139 gelangt ist (wobei hier in die auf die Mauriner-Ausgabe zurückgehende Abfolge der Briefe erst später entdeckte Schreiben implantiert wurden, und zwar unter dem Gesichtspunkt einer mutmaßlichen Chronologie). Als besonders dringlich stellte sich die Aufgabenstellung des Workshops insofern dar, als bis dato kaum eine gründlichere Rezension zur Daur-Edition erschienen war.

Die Teilnehmer/innen des Workshops, Augustinus-Spezialist/innen aus verschiedenen Wissenschaftsbereichen (Alte Geschichte, Altphilologie, Philosophie, Theologie), analysierten jeweils einen oder mehrere augustinische Briefe (unterschiedlicher Überlieferungsgeschichte), mit denen sie sich in der Regel bereits in früheren Studien und Veröffentlichungen intensiver befasst hatten, unter dem Gesichtspunkt des Editionenvergleichs und präsentierten die Ergebnisse im Plenum, worauf sich jeweils ausgiebige Diskussionsphasen anschlossen. Eingeleitet wurde die Tagung durch eine Einführung in die Thematik von CHRISTOF MÜLLER (Würzburg) und eine grundlegende Charakterisierung der beiden Epistulae-Editionen durch HILDEGUND MÜLLER (Notre Dame/Wien) bzw. VOLKER H. DRECOLL (Tübingen), abgeschlossen durch ein Resümee mit Ausblick auf die sich aus dem Workshop ergebenden Konsequenzen für ein umfassenderes Epistulae-Projekt, das vom Zentrum für Augustinus-Forschung an der Universität Würzburg (ZAF) in Verbindung mit den Professoren Drecoll, Löhr und Tornau entwickelt wird.

Im Folgenden seien exemplarisch zwei Beiträge von Teilnehmenden skizziert, die zugleich zwei unterschiedliche Herangehensweisen an das jeweilige Material – das heißt an die jeweils traktierten Epistulae Augustins und deren Editionen – demonstrieren und repräsentativ für die Breite des Methodenspektrums innerhalb des Workshops sind.

CHARLOTTE KÖCKERT und WINRICH LÖHR (beide Heidelberg) stellten bei der Analyse der epp. 3-15 fest, dass Daur für einige Briefe gegenüber Goldbacher weitere Handschriften herangezogen habe, für deren Auswahl Daur allerdings keine Begründung angebe. Für epp. 3-6.10.14.15 greife er über Goldbacher hinaus auf das Manuskript Durham Cath. Libr. Cod. B. II 21 (bei Daur: Hs. 19) zurück; man könne als Grund für diese Entscheidung vermuten, dass der Durhamer Codex älter sei als die von Goldbacher an dieser Stelle verwendeten Handschriften. Besonderer Begründung bedürfe es aber, dass Daur anders als Goldbacher für epp. 9.11.12 den Codex Cassiniensis (Cassino, Bibl. dell’Abazia cod. 16 L; bei Daur: Hs. 69) heranziehe. Goldbacher kenne diese Handschrift (siehe CSEL 58, xix-xxiii), halte sie aber für die Briefe 5.6.8.9.11.12 für eine Abschrift des Codex Parisinus, Bibl. Nat. nouv. acq. lat. 1672 (bei Daur Hs. 14). Daher messe Goldbacher ihr für diese Briefe keine eigene Autorität bei, während Daur diese Einschätzung offensichtlich nicht teile. Dass Daur seine von Goldbacher abweichende Einschätzung und Gewichtung der Handschriften nicht offenlege, sei auch deshalb bedauerlich, weil er sich bei epp. 3–15 an mehreren Stellen gegen Goldbachers Text entscheide. Einige der von Goldbacher abweichenden textkritischen Entscheidungen Daurs seien durchaus bedenkenswert, ebenso wie einige seiner Konjekturen. Sein Ziel, die Lesbarkeit des kritischen Apparats gegenüber Goldbacher zu verbessern, erreiche Daur in seiner Ausgabe der Briefe 3-15 nur zum Teil. Seine emphatische Interpunktion des Brieftextes, die deutlich sparsamer sei als die Goldbachers, erleichtere dagegen deutlich die Textlektüre, auch wenn Daurs Abgrenzung von Sinneinheiten an einigen Stellen nicht überzeuge.

SIGRID MRATSCHEK (Rostock) legte den Fokus ihres Beitrags neben dem Editionenvergleich für die epp. 80.95 auch auf die Diskursanalyse und auf die Kontextualisierung der Briefe. Beide Schreiben fänden sich bereits im ersten Band der chronologisch geordneten Mauriner-Ausgabe von 1679, die Mratschek in der Codrington Library von All Souls College in Oxford habe heranziehen können. Ein Vergleich des kritischen Apparates und der Lesarten habe ergeben, dass Goldbacher und Daur gegenüber der Mauriner-Ausgabe nur unwesentliche Änderungen vorgenommen hätten und bei Emendationen Daur in der Regel Goldbacher gefolgt sei: Inhaltlich weise der Haupttext nur marginale Unterschiede auf. Der ausführliche kritische Apparat von Goldbacher sei einfacher zu benutzen als die zu Ziffern verkürzten Siglen bei Daur; Daurs Vorteil hingegen bestehe darin, dass er neue Manuskripte eingesehen habe. Unterschiede ergäben sich auch bei der Datierung der einzelnen Briefe: In der Edition Goldbacher seien dafür wenig Anhaltspunkte enthalten; Daurs Datierung über dem jeweiligen Brief folge dem Artikel ‹Epistulae› des Augustinus-Lexikons. Dabei seien Datierungsfragen keineswegs unbedeutend für die Textrekonstruktion und schlechterdings unverzichtbar für die Kommentierung der Epistulae Augustins: Anspielungen auf historische Ereignisse und die Wirkung der performativen Rhetorik der Diskurse erschlössen sich erst durch die Zusammenschau mit dem historischen Hintergrund und zeitgenössischen Paralleltexten, darunter Konzilakten, kaiserliche Edikte oder andere Werke des Adressaten und Empfängers sowie der im jeweiligen Brief erwähnten Personen.

Als Ergebnis des Workshops kann festgehalten werden, dass die rund 100 Jahre alte Goldbacher-Ausgabe nach wie vor als die philologisch gediegenere und somit wertvollere und nützlichere Ausgabe der Epistulae Augustins zu betrachten ist. Die neue Edition von Daur stellt in einigen wenigen Fällen eine berechtigte Korrektur des Goldbacher-Textes dar, enttäuscht in Bezug auf die meisten Briefe jedoch entweder dadurch, dass sie den Text von Goldbacher mehr oder weniger unverändert übernimmt und lediglich den Kritischen Apparat ausdünnt (dies gilt besonders für den jüngsten Band 31B), oder dadurch, dass ihre Veränderungen in der Textgestalt häufig nicht hinreichend begründet erscheinen. Die Bevorzugung bestimmter Manuskripttraditionen zulasten anderer, von Goldbacher stärker gewichteter Handschriften ist nicht immer plausibel. Vor allem aber fiel bei der Detailanalyse der Daur-Ausgabe die für eine wissenschaftliche Edition kaum zu verantwortende Vielzahl von kleineren oder größeren Ungenauigkeiten und Fehlern auf, und zwar nicht nur in formaler, sondern auch in philologisch-inhaltlicher Hinsicht, ganz zu schweigen von zahlreichen Inkonsistenzen in der Organisation, Gestaltung und Präsentation des Materials.

Quintessenz der Tagung: Ein seriöses Projekt wird seine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Augustins Epistulae in philologischer Hinsicht in erster Linie auf die bewährte Goldbacher-Edition aufbauen und die neue Daur-Ausgabe jeweils für einen ergänzenden Seitenblick heranziehen. Da ein solches Untersuchungsergebnis bislang in der Augustinus-Forschung noch keinen expliziten und breit rezipierten oder rezipierbaren Niederschlag gefunden hat, darf der Ertrag der Veranstaltung als ein wirklicher Forschritt betrachtet werden, der zukünftige Forschung in philologischer Hinsicht vor manchem Holzweg bewahren dürfte.

Konferenzübersicht

Christof Müller (Würzburg): Einführung – Die Editionenproblematik der Epistulae Augustins

Hildegund Müller (Notre Dame/Wien): Die Goldbacher-Edition der Epistulae Augustins

Volker H. Drecoll (Tübingen): Die Daur-Edition der der Epistulae Augustins

Alfons Fürst (Münster): Die Augustinus/Hieronymus-Korrespondenz und ihre Editionen

Charlotte Köckert und Winrich Löhr (Heidelberg): Epistulae 3–15 – Editionenvergleich

Therese Fuhrer (Berlin): Epistulae 16sq.26.29 – Editionenvergleich

Sigrid Mratschek (Rostock): Epistulae 80.95 – Editionenvergleich

Andreas E.J. Grote (Würzburg): Epistula 92A – Editionenvergleich

Guntram Förster (Würzburg): Epistula 102 – Editionenvergleich

Christian Tornau (Würzburg): Epistulae 132.135.137.27* – Editionenvergleich

Plenum: Bilanz im Blick auf ein zukünftiges Epistulae–Projekt

Zitation
Tagungsbericht: Die kritischen Editionen der Epistulae Augustins – Philologische Analyse ausgewählter Briefe und ihrer Textausgaben, 20.08.2012 – 22.08.2012 Würzburg, in: H-Soz-Kult, 06.02.2013, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-4633>.