Die Dinge des Wissens und ihre Räume, 1750-2000. Europäische und außereuropäische Perspektiven

Ort
Köln
Datum
19.10.2013
Veranstalter
Alexander van Wickeren / Pascal Schillings, Universität zu Köln
Von
Melina Teubner, Bielefeld Graduate School in History and Sociology

In einem Workshop, der am 19. Oktober 2013 an der Universität zu Köln, mit Unterstützung des Zentrums für Vergleichende Europäische Studien (ZEUS) und des Historischen Institutes der Universität zu Köln, stattfand, wurde der Versuch unternommen, an unterschiedlichen Beispielen und aus unterschiedlichen Perspektiven die Bedeutung von Dingen bei der Produktion von Räumen sichtbar zu machen. Zwei etablierte Forschungsrichtungen dienten dabei als Ideengeber: Einmal knüpfte der Workshop explizit an die Wissensstudien der 1980er- und 1990er-Jahre an und rückte mit Anlehnung etwa an Bruno Latours Studie über die Pasteurisierung Frankreichs sowohl nicht-menschliche Identitäten als auch Menschen als Akteure in den Fokus. Daneben orientierte sich der Workshop an dem neuen Interesse der allgemeinen Geschichtswissenschaft für die Produktion von Wissen in der Gesellschaft und griff damit nicht zuletzt gerade kulturgeschichtliche Ansätze auf, die mit einem breiten Wissensbegriff nicht nur den engeren Bereich der Wissenschaftsgeschichte, sondern auch andere Wissensarten untersucht haben.[1]

Im ersten Panel ging es dabei um die Produktion von Räumen und die Frage, welche Rolle Instrumente oder Satelliten für die Produktion von Räumen spielten und spielen. Im zweiten Panel wurde über die Frage der Zirkulation von Wissensobjekten diskutiert, und diese anhand von zwei Fallbeispielen (Tabak und Gartenbau) erläutert. Ein drittes Panel, in dem Dinge des Wissens und ihre musealen Räume diskutiert werden sollten, musste krankheitsbedingt leider ausfallen.

Im Eröffnungsvortrag sprach HANS-JÖRG RHEINBERGER (Berlin) über die Entstehung und Entwicklung von Wissensräumen und Wissensdingen. Er erläuterte, warum die Praxis des Wissens enger mit den Dingen und Räumen verknüpft ist, als es in vielen Forschungsarbeiten angenommen wird. Rheinberger wies auf den Unterschied zwischen Orten und Räumen des Wissens hin. Orte seien beispielsweise Institute oder soziale Einrichtungen, Räume hingegen seien dynamische Netzwerke, bestehend aus mobilen Elementen. Besonderes Augenmerk legte er in seinem Vortrag auf den Wissensraum Labor, da dieser für ihn einen der zentralen Räume darstellt. Von großer Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte sei implizites, niedergelegtes Wissen, auch da es eine Verengung darstelle, etwa das Experimentieren nur als Testinstanz zu sehen, es stelle vielmehr eine wissenschaftliche Lebensform dar.

Das erste Panel „Dinge produzieren Räume“ wurde von PASCAL SCHILLINGS (Köln) eröffnet. Am Beispiel der norwegischen Südpolexpedition von 1910-12 zeigte er die Bedeutung des Erreichens eines fiktiven Punktes. Der Antrieb, dieses Ziel zu erreichen, speiste sich vor allem aus nationalen und internationalen Prestigeansprüchen. Ohne Kompasse, Sextanten und andere Instrumente hätte es in einer Landschaft, die im Grunde keine gegebenen Wegmarken bot, keine Orientierung gegeben. Um die eigene Entdeckung zu beweisen und die Leistung gegenüber der Konkurrenz abzugrenzen, waren Flaggen, Fahnenstangen sowie ein Tagebuch mit Messdaten notwendig. Durch die Daten, welche in letzterem eingetragen wurden, wurde ein Transfer von einer sichtbaren Landschaft in eine sichtbare Abbildung möglich. Sowohl für die Entdeckung selbst, später für den Beweis der Entdeckung, als auch für die Produktion von Raum in Abbildungen waren Dinge nötig. Schillings plädierte in seinem Vortrag damit auch dafür, das Interesse an Praktiken der Wissensproduktion auch auf andere Disziplinen als die Naturwissenschaften zu übertragen, beispielsweise auf die Geographie.

Anschließend referierte DANIEL BRANDAU (Berlin) über die ersten Satelliten und die Produktion von Räumen in der Unendlichkeit. In der Zeit der ersten Satellitenflüge um 1960 kam es nicht nur zu einer „Verräumlichung des Weltraums“, sondern während des Kalten Krieges auch zu Debatten um die Ausdehnung von Nationalstaaten. In diesem Zusammenhang untersuchte Brandau, wie der ‚neue‘ Raum durch Illustrationen repräsentiert wurde. Dabei warf er die Frage auf, ob es sich dabei wirklich um einen „Vorstoß ins Leere“ handelte, da die Diskussion über die Räumlichkeit des Alls bereits in der frühen Neuzeit anhand von Modellen geführt wurde und das All bis in die 1950er-Jahre hinein ein Raum der Utopien blieb. Mit dem Start von Sputnik 1 kam es zu einer Änderung von Darstellungen des Raums durch Wissenschaftler. Das All wurde nun zu einem Handlungsraum für Menschen und eine politische Ordnung dieses Raumes musste ausgehandelt werden. Dies geschah in den 1960er-Jahren über verschiedene UN-Verträge.

Das zweite Panel, in dem es um die Zirkulation von Dingwissen ging, wurde von ESTHER HELENA ARENS (Köln) eröffnet, welche die Bereiche der Botanik und des Gartens unter besonderer Berücksichtigung von Beet und Treibhaus zum Gegenstand ihrer Überlegungen machte. Bis der Naturforscher Linné im 18. Jahrhundert ein Klassifikationssystem für Pflanzen entwarf, war die Verständigung über Pflanzen und botanisches Wissen sehr mühsam, weil es keine breit akzeptierten Kriterien der Beschreibung und Klassifikation gab. Linnés Klassifikationen wurden, und werden zum Teil bis heute, wie das Beispiel des botanischen Gartens in Coimbra zeigte, bald auch in anderen Ländern Europas und Außereuropas angewendet. Nun mussten nicht mehr die Pflanzen an sich, sondern das Klassifikationssystem transferiert werden; im Vortrag wies Arens auf den Transfer des Systems der Niederländer beispielsweise nach Indonesien hin. Arens zeigte, dass Wissen über Pflanzen, das von Naturalisten, Wissenschaftlern und Gärtnern vertreten worden war, durch die Schematisierung von Linné an Bedeutung verlor.

ALEXANDER VAN WICKEREN (Köln) fragte in seinem Vortrag nach Zirkulationsräumen des Wissens am Beispiel des Tabakanbaus im Elsass im frühen 19. Jahrhundert. Er plädierte für den Einbezug unterschiedlicher Zirkulationsräume (regional, national, global). Vor dem Hintergrund des 1810/11 während der Kontinentalsperre etablierten staatlichen Tabakmonopols in Frankreich waren die einzelnen französischen Departments gezwungen, eigenständig für die Qualitätssicherung des Tabaks zu sorgen, da sonst ein Anbauverbot aus Paris drohte. In einer Kooperation zwischen regionalen Experten des Department Bas-Rhin sei daraufhin die Erneuerung des Saatgutes als Lösung zur Qualitätssicherung ausgemacht worden. Saatgut wurde aus unterschiedlichen Räumen in die Region transferiert. Neben dem Saatgut aus der nationalen Tabakverwaltung in Paris, wurde auch an, seit der frühen Neuzeit bestehende, Handelsverbindungen entlang des Rheins angeknüpft. Durch das Wissensding Tabak kam es im Elsass zu einem regionalen, nationalen und durch diplomatische Verbindungen von Paris in die USA sogar zu einem globalen Austausch zunächst von Saatgut und daraufhin auch von Experten.

CHRISTINA BENNINGHAUS (Cambridge) ging in ihrem Abschlussvortrag zunächst besonders auf museale Räume ein, um das Thema des entfallenen dritten Panels aufzugreifen. Sie klassifizierte Museen zum einen als Orte der Wissensvermittlung, für die beispielsweise Modelle explizit zur Veranschaulichung hergestellt werden. Zum anderen seien Naturkundemuseen auch wichtige Orte der Forschung.

Gerade in Museen spielen Dinge eine wichtige Rolle für die Wissensvermittlung. Wobei Wissen nicht nur über Betrachtung von Objekten sondern auch über Berührungen von Modellen ‚begriffen‘ wird. Die Art und Weise, der Raum der Ausstellung formt die Wahrnehmung des Betrachtenden. Hierbei können dessen Interpretationen auch von dem abweichen, was mit Objekten vermittelt werden sollte. Deshalb kann es besonders fruchtbar sein, die Interaktion der Besucher mit den Dingen zu untersuchen.

Benninghaus griff Elemente des Einführungsvortrages von Hans-Jörg Rheinberger auf und erweiterte sie leicht, indem sie in ihrem Vortrag für die Einbeziehung unterschiedlicher Orte in wissenschaftliche Analysen plädierte, weil Wissenschaft nach Benninghaus an vielen hybriden Orten stattgefunden hat und stattfindet, und eben nicht nur in Laboren. Unterschiedliche Forschungsgegenstände erfordern es, andere Räume und Netzwerke in die Analyse einzubeziehen.

Zudem wies Benninghaus daraufhin, dass die Wissenschaftsgeschichte vor allem Interesse an Innovationen zeige. Schwerer hingegen, aber dennoch sehr wichtig, sei es, langfristige Prozesse zu untersuchen – in Hinsicht auf Instrumente und deren Erhaltung etwa – und nicht immer nur die neueste Technik in den Blick zu nehmen, sondern auch Gleichzeitigkeiten und Parallelexistenzen von Technologien stärker herauszuarbeiten.

Die regen Diskussionen haben gezeigt, dass in der Geschichtswissenschaft und den Nachbardisziplinen ein großes Interesse an dem Thema der Tagung besteht. Die Vorträge bestätigten durchweg, dass es besonders fruchtbar sein kann, auch andere Formen von ‚Wissen‘, außer der Wissenschaftsgeschichte in einem engeren Sinne, in die Untersuchungen einzubeziehen. Die Bedeutung von Dingen für die Produktion und Zirkulation von Wissen konnte in allen Vorträgen sichtbar gemacht werden. In den Diskussionen wurde angeregt, über die in Köln vorgestellten Themen hinaus, transnationale Verflechtungen und Veränderungen genauer zu studieren, die sich mit der Zirkulation von Dingen und Dingwissen ergeben.

Konferenzübersicht:

Einführung
Alexander van Wickeren / Pascal Schillings (Köln)

Keynote
Hans-Jörg Rheinberger (Berlin), Über die Genese von Wissensräumen und Wissensdingen
Moderation: Marcel Streng (Bielefeld)

Panel 1: Dinge produzieren Räume
Moderation: Verena Limper (Köln)

Pascal Schillings (Köln), Die Produktion des Südpols: Die norwegische Antarktisexpedition von 1910-1912

Daniel Brandau (Berlin), Vorstoß ins Leere? Die ersten Satelliten und die Produktion von Räumen in der Unendlichkeit

Panel 2: Den Dingen folgen / zirkulierende Wissensobjekte
Moderation: Jakob Vogel (Paris)

Esther Helena Arens (Köln), Beet und Treibhaus. Botanik, Garten und die Zirkulation von Dingwissen

Alexander van Wickeren (Köln), Regional, National, Global? Zirkulationsräume des Wissens über den Tabakanbau im frühen 19. Jahrhundert

Abschlussvortrag
Christina Benninghaus (Cambridge)
Moderation: Anne-Kathrin Horstmann (Köln)

Anmerkung:
[1] Michael Hagner / Hans-Jörg Rheinberger / Bettina Wahrig-Schmidt (Hrsg.), Räume des Wissens. Repräsentation, Codierung, Spur, Berlin 1997; Bruno Latour, Science in Action. How to follow scientists and engineers through society, Cambridge, MS 1987; Bruno Latour, The Pasteurization of France, Cambridge, MS 1988; Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese im Reagenzglas, Göttingen 2001 (zuerst englisch 1997); Wolfgang Kaschuba, Wissensgeschichte als Gesellschaftsgeschichte, Geschichte und Gesellschaft 4/2008; Jakob Vogel, Von der Wissenschafts- zur Wissensgeschichte. Für eine Historisierung der „Wissensgesellschaft“, in: Geschichte und Gesellschaft 30 (2004), 639-660.

Zitation
Tagungsbericht: Die Dinge des Wissens und ihre Räume, 1750-2000. Europäische und außereuropäische Perspektiven, 19.10.2013 Köln, in: H-Soz-Kult, 20.02.2014, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-5235>.