Unternehmen und Kunst in historischer Perspektive

Ort
Frankfurt am Main
Datum
08.10.2008 - 09.10.2008
Bewerbungsschluss
29.02.2008
Veranstalter
Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V.
Von
Gesellschaft für Unternehmensgeschichte e.V.

Call for Papers

31. Wissenschaftliches Symposium der Gesellschaft für Unternehmensgeschichte am 8./9. Oktober 2008 in Frankfurt/Main

Unternehmen und Kunst in historischer Perspektive

Unternehmen und Kunst haben auf den ersten Blick nur wenig gemein, aber selbst wenn sich das auf den zweiten Blick etwas anders darstellt, haben Unternehmensgeschichte und Kunstgeschichte tatsächlich nur eine sehr geringe Schnittmenge. Das liegt allerdings weniger am Gegenstand, sondern an den Methoden, mit denen sich Kunst- und Unternehmenshistoriker ihren Untersuchungsgegenständen in der Regel widmen. Obwohl der Kunstmarkt zunächst einmal nur ein Markt ist, interessieren sich die Wirtschafts- und Unternehmenshistoriker nur sehr selten für die Ware „Kunst“. Andererseits gibt es nur sehr wenige Kunsthistoriker, die ihren Schwerpunkt nicht auf die ästhetische Dimension der Kunst legen und sich für die Produktionsbedingungen von Kunst, die Preisbildung, die Organisation des Handels und der Vertriebswege oder die Interessenlagen der Käufer interessieren. Das gilt zwar nicht so sehr für die Architekturgeschichte, wohl aber für die Geschichte der bildenden Kunst und damit für den weitaus größten Teil der akademischen Kunstgeschichte.
Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte möchte deswegen auf ihrem nächsten wissenschaftlichen Symposium die unterschiedlichen Welten der Unternehmensgeschichtsschreibung und der Kunstgeschichtsschreibung zusammenführen und zum Austausch und gegenseitigen Verständnis der Methoden der beiden Professionen der Geschichtswissenschaft beitragen. Wünschenswert wäre es deshalb, wenn sich Unternehmenshistoriker der Kunst als Ware nähern und Kunsthistoriker sich der Funktion von Kunst für Unternehmen und der Rolle von Unternehmen in der Kunst widmen könnten.

Im Einzelnen sollen drei Themenkomplexe behandelt werden:
1. Entstehung und Entwicklung des Kunstmarktes und seiner Akteure
2. Kunst in Unternehmen (Corporate Design – Corporate Image – Corporate Identity).
3. Unternehmen als Thema der Kunst

Der Kunstmarkt, verstanden als die Produktion von Kunstwerken für einen anonymen Markt (anstatt als einer Auftragsarbeit für einen Mäzen), entstand im 17. Jahrhundert in den Niederlanden. Seitdem haben sich auf diesem Markt verschiedene Akteure etabliert, die als Unternehmer agieren: der Künstler und Produzent der Ware, Galeristen und Auktionshäuser als Vertriebsweg sowie die Konsumenten. Später entstand dann auch die Kunstgeschichte, deren Funktion auf dem Kunstmarkt in erster Linie darin besteht, für Markttransparenz zu sorgen.
Neben dem Konsumenten von Kunst, der bereit und in der Lage ist, etwa aus einem bürgerlichen Repräsentationsbedürfnis heraus einen sehr hohen Marktpreis für ein Kunstwerk zu bezahlen, ist das Mäzenatentum keineswegs ausgestorben. Denn ein Mäzen, der das Kunstwerk eines noch weithin unbekannten Künstlers zu einem weit über dem am Markt zu erzielenden Preis kauft, muss nicht allein oder in erster Linie aus philanthropischen Gründen oder wegen der „Liebe zur Kunst“ handeln, sondern er kann durchaus ein kaufmännisches Kalkül verfolgen. Aus der Sicht des unternehmerisch tätigen Mäzens ähneln die erworbenen Kunstwerke einer spekulativen Geldanlage, wie sie in jedes diversifizierte Wertpapierportfolio gehören; oder konkreter: der Kauf des Gemäldes eines impressionistischen Künstlers war in den 1880er Jahren eine ähnlich spekulative Investition wie die Aktie eines elektrotechnischen Unterneh-mens. Aus der Sicht des Künstlers übt dieser Mäzen der Funktion eines Kreditgebers aus oder besser: ein wirkt als das Substitut für einen Kreditgeber, weil ein wenig etablierter Künstler für die Institutionen am Finanzmarkt vermutlich kaum kreditwürdig ist. Einem Kredit entspräche der über den aktuellen Marktwert hinaus gezahlte Preis und dem Zins (bzw. der Rendite) entspräche die Differenz zwischen dem Ankaufspreis und dem später von dem Mäzen erzielten Marktpreis. Dass eine Rendite tatsächlich realisiert wird, ist mehr als unsicher. Wenn sie aber realisiert wird, dürfte in dem Verkaufserlös gegenüber der am Finanzmarkt zu erzielenden Durchschnittsrendite ein erheblicher Risikozuschlag enthalten sein.

Das zweite Themenfeld beschäftigt sich mit der Funktion von Kunst für Unternehmen und Unternehmer. Dieses von Unternehmens- und Sozialhistorikern häufig beackerte Gebiet soll auf dieser Tagung stärker aus der kunst- und architekturgeschichtlichen Perspektive betrachtet werden. Unternehmer kaufen häufig Kunstwerke zur Akkumulation materialisierten kulturellen Kapitals. Auch Unternehmen kaufen Kunst und idealisieren diese Aktivitäten häufig als Kultursponsoring. Aber unabhängig davon, ob bekannte und teure Kunstwerke gekauft werden oder Werke weithin unbekannter Künstler, stellt sich aus kunsthistorischer Perspektive die Frage nach dem Vorhandensein von Konzepten. Denn um die Investition in das kulturelle Kapital vollständig zur Entfaltung kommen zu lassen, muss ein Unternehmer „Geschmack“ beweisen. Ähnlich verfahren Unternehmen mit ihren Etats für den Ankauf von Kunstwerken. Dort spielt aber weniger das Bedürfnis nach „bürgerlicher“ Anerkennung eine Rolle. Ähnlich wie beim Produktdesign oder der Architektur von Verwaltungsgebäuden (wie dem IG Farben Haus in Frankfurt) oder mitunter auch von Fabrikgebäuden (Kesselhaus der Zeche Zollverein in Essen) kommt Kunst und Architektur hier eher die Funktion von symbolischem Kapital zu. Es sollen Botschaften von „Moderne“, „Monumentalität“ oder auch (neuerdings) „flachen Hierarchien“ transportiert werden – damit nähert sich dieser Themenbereich dem Grenzbereich zur Marketinggeschichte, die seit einiger Zeit zum Forschungsschwerpunkt zahlreicher Unternehmenshistoriker gehört.

Der dritte Themenbereich behandelt das Unternehmen als Gegenstand der Kunst. Bei der Frage nach der Visualisierung von Unternehmen ist zunächst davon auszugehen, dass das Unternehmen als funktionale und rechtliche Organisationsform von Produktion und Dienstleistung außerhalb der Reichweite gegenständlicher Darstellung liegt. In der Kunstgeschichte hat sich aber eine Vielzahl von Bildgattungen etabliert, in denen die abstrakten Unternehmensstrukturen in der Darstellung der materiell-konkreten Dimensionen von Unternehmen reflektiert werden. Diese empirisch erfahrbaren Dimensionen des Unternehmens umfassen die Bauten, in denen die Unternehmen beherbergt sind, ebenso wie die maschinell oder anderweitig strukturierten Arbeitsabläufe und nicht zuletzt die Menschen, die in Unternehmen tätig sind. Die Visualisierung dieser Objektwelten lässt sich auf ältere Manufakturunternehmen ebenso beziehen wie auf moderne Industrie- und Dienstleistungsunternehmen. Im Hinblick auf weit verbreitete Bildtypen sei nur an die so genannte Industrielandschaft und das Industrieinterieur erinnert. In der Moderne hat die Fotografie die Malerei als Leitmedium entsprechender Darstellungen abgelöst. Können auch in diesen klassischen Bildtypen soziale Interaktionen zwischen den arbeitenden Menschen zur Darstellung kommen, so steht dieses Thema in einer speziellen Form von Ereignisbildern im Zentrum, bei denen es um die Visualisierung von Arbeitsabläufen oder um die Darstellung der Hierarchien von Unternehmensstrukturen geht - etwa in Bildnisgalerien von Unternehmern oder in Bildern von Sitzungen. Diesem Themenkomplex können auch die bildlichen Vergegenwärtigungen von Arbeitskämpfen zugeordnet werden. Damit rückt schließlich ein Themenfeld in den Blick, das im weitesten Sinne als Institutionenkritik zu benennen ist und das sich auch mit dem generellen Problem der Visualisierung von Unternehmen in Beziehung setzen lässt. In diesen Kontext gehört nicht nur das traditionelle Thema der Technik- und Industriekritik, sondern auch die in der Kunst der Moderne und der Gegenwart geführte kritische Auseinandersetzung mit ökonomischen Makrosystemen, seien sie liberalen oder dirigistischen Zuschnitts.

Die Tagung findet am 8. und 9. Oktober 2008 in der Villa Metzler, Alt Bonames 6, 60437 Frankfurt am Main statt.

Die Gesellschaft für Unternehmensgeschichte erbittet Vorschläge für Vorträge zusammen mit einer Inhaltsskizze (2-3 Seiten) bis zum 29. Februar 2008 an den wissenschaftlichen Leiter der Tagung, Prof. Dr. Dieter Ziegler, Ruhr-Universität Bochum (Dieter-Ziegler@web.de).

Programme

Kontakt

Dieter Ziegler
Universität Bochum

Tel.: 0234 / 322 46 60
dieter-ziegler@uni-bochum.de

Zitation
Unternehmen und Kunst in historischer Perspektive, 08.10.2008 – 09.10.2008 Frankfurt am Main, in: H-Soz-Kult, 16.11.2007, <http://www.hsozkult.de/event/id/termine-8307>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2007
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