Tür an Tür. Polen – Deutschland. 1000 Jahre Kunst und Geschichte

Cover
Ort
Berlin
Datum
23.09.2011 - 09.01.2012
Veranstalter
Berliner Festspiele. Das Projekt wird realisiert vom Königsschloss in Warschau und dem Martin-Gropius-Bau in Berlin. Ermöglicht durch eine Förderung des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und des Ministers für Kultur und Nationales Erbe der Republik Polen.
Publikation
Omilanowska, Malgorzata; Torbus, Tomasz (Hrsg.): Tür an Tür. Polen – Deutschland 1000 Jahre Kunst und Geschichte. Köln : DuMont Buchverlag 2011 ISBN 978-3-8321-9399-7, 784 S. € 39,95.
Rezensiert für H-Soz-Kult
Philipp Springer, Berlin

„Tür an Tür“ lautet der programmatische Titel der Ausstellung, mit der Deutschland und Polen anlässlich der polnischen EU-Ratspräsidentschaft im Jahr 2011 die 1.000-jährige Beziehungsgeschichte der beiden Völker im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentieren. Auf über 3.000 Quadratmetern bemühten sich Kuratorin Anda Rottenberg und ihr Team darum, „frischen Wind in eingefahrene Vorstellungen über die deutsch-polnische Geschichte zu bringen“ (S. 21). Die „Frische“ soll wohl vor allem durch die Konzentration auf die Erfolge der Beziehungsgeschichte erreicht werden – angesichts der weiterhin aktuellen Diskussionen in der polnischen und deutschen Öffentlichkeit um Themen wie Flucht und Vertreibung oder Autodiebstähle im deutsch-polnischen Grenzgebiet[1] eine aufschlussreiche, erkenntnisleitende Perspektive.

Passend zum Titel fällt der erste Blick der Besucher beim Betreten der Ausstellungsräume auf eine Tür: die „Gnesener Tür“ aus dem dortigen Dom, auf der Szenen aus dem Leben des Heiligen Adalbert, des ersten polnischen Märtyrers, zu sehen sind. Ausgehend von der gemeinsamen Verehrung des Heiligen im Mittelalter entfaltet die Ausstellung ein vielfältiges und reichhaltiges Tableau unterschiedlichster Kapitel deutsch-polnischer Beziehungsgeschichte. Während dabei im ersten Teil der chronologisch erzählten Ausstellung die politische Geschichte im Vordergrund steht, gewinnt die Kunst als Ausdrucksform der Beziehungen, Einflüsse und Konflikte in den Abschnitten zum 20. Jahrhundert immer mehr an Gewicht. Themen und Objekte, die einer breiten Öffentlichkeit in Polen und/oder Deutschland bekannt sind, wechseln sich mit anderen, eher Spezialisten vertrauten ab. Die rund 800 Exponate, darunter vor allem Gemälde, Installationen, Bücher, Kunsthandwerk und Filmausschnitte, bringen die Besucher allerdings mitunter an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit.

Die schwierige Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen zeigt sich in besonderer Weise in den zum Teil jahrhundertealten Auseinandersetzungen um die Bewertung bestimmter Kapitel der gemeinsamen Geschichte. Oftmals ist die Geschichte der Erinnerung folgenreicher und für die Gegenwart wirkungsmächtiger als das historische Ereignis selbst. In der Ausstellung wird dies bei einer Reihe von Kapiteln durch die Thematisierung späterer erinnerungspolitischer Debatten und Konflikte, die sich auf diese historischen Ereignisse beziehen, zur Sprache gebracht. Doch spätestens in diesen Abschnitten wird deutlich, dass die Besucher recht viel, manchmal zu viel Vorwissen mitbringen müssen, um die präsentierten Objekte verstehen und einordnen zu können. Wenn etwa bei der Darstellung des Lebens und Wirkens von Nicolaus Copernicus in einer Vitrine deutsche und polnische Briefmarken aus dem 20. Jahrhundert gezeigt werden und allein damit offenbar der über alle Epochen hinweg ausgetragene Streit um die Frage, wem Kopernikus „gehöre“, veranschaulicht werden soll, so ist dies deutlich zu wenig – insbesondere auch deshalb, weil die Ausstellungstexte zu dem Konflikt kaum nähere Informationen liefern.

Ähnlich irritierend wirkt eine Reihe von Ausstellungsabschnitten, in denen die jeweilige historische Begebenheit durch ein viel später und in einem völlig anderen historischen Kontext entstandenes Kunstwerk veranschaulicht wird. Dies gilt besonders für eine Reihe von Filmstationen. So steht der Spielfilm „Rosa Luxemburg“ von Margarethe von Trotta aus dem Jahr 1986 für die Rolle der Revolutionärin im Kaiserreich, der Spielfilm „Das gelobte Land“ von Andrej Wajda von 1975 für die Bedeutung der Stadt Lodz für Polen im 19. Jahrhundert. Eine deutliche Unterscheidung von Ereignis und Erinnerung wäre hier erforderlich gewesen, um eine notwendige Kontextualisierung zu ermöglichen.

Die Absicht, die zu präsentierenden Themen auch anhand der „visuelle[n] Attraktivität“ (S. 21) der verfügbaren Zeugnisse auszuwählen, führt zum Bild einer sehr prachtvollen und reichhaltigen Beziehungsgeschichte – ein Bild, das die historischen Realitäten oftmals ein wenig zu bunt und prächtig wirken lässt. Auch verschwindet die alltägliche Normalität der Beziehungen von Polen und Deutschen hinter den eindrucksvollen, auf Kunst und Politik fokussierten Exponaten – wie überhaupt die Beziehungen, Vorurteile und Annäherungsversuche der „einfachen“ Menschen zu kurz kommen. Besonders augenfällig wird dies beim Kapitel zum Nationalsozialismus: Die Darstellung der Zeit vor 1939 beschränkt sich auf eine Vitrine mit Hitlers „Mein Kampf“, dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 und einem Führer durch die Ausstellung „Entartete Kunst“ – Exponate, die wenig zur Erklärung für den Überfall auf Polen und die antipolnischen Ressentiments in der deutschen Bevölkerung beitragen. Hier stößt eine vor allem auf Kunst ausgerichtet Ausstellung offensichtlich an ihre Grenzen. Ganz anders dagegen der folgende Abschnitt zum Zweiten Weltkrieg und zum Holocaust: In dunklen Räumen werden beeindruckende Kunstwerke wie der Zyklus „Meinen jüdischen Freunden“ von Wladsyslaw Strzeminski, die Bilderreihe „Erschießungen“ von Andrzej Wroblewski und die Notenhandschrift zu „A Survivor from Warsaw“ von Arnold Schönberg (leider ohne Hörstation) gezeigt, die den Besuchern erschütternde individuelle Perspektiven auf die deutschen Verbrechen in Polen nahe bringen.

Angesichts der notwendigen Konzentration auf ausgewählte Themen ist es müßig, bei einer Ausstellung über 1.000 Jahre Beziehungsgeschichte Auslassungen und Lücken zu kritisieren. Einzelne Gewichtungen überraschen allerdings. Dies gilt besonders für das Thema „Deutscher Orden“, das, anders als der andere Schwerpunkt „Zweiter Weltkrieg“, in der präsentierten Größe nicht unbedingt zu erwarten war. Dessen, vor allem auf die Schlacht bei Grunwald bzw. Tannenberg 1410 reduzierte Geschichte und die erinnerungspolitische Auseinandersetzung darum wird an zentraler Stelle im Lichthof des Martin-Gropius-Baus in Form eines Einblicks in ein „Museumsdepot“ präsentiert. Die Objekte, darunter das fast acht Meter lange Gemälde „Preußische Huldigung“ von Jan Matejko und eine über neun Meter lange gestickte aktuelle Replik von Matejkos „Schlacht von Tannenberg“, hängen – scheinbar ungeordnet – an schwarzen Gitterwänden und erwecken so den Eindruck eines „Depots der deutsch-polnischen Erinnerungen“. Andere Themen wie „Flucht und Vertreibung“ bzw. die „Wiedergewonnenen Gebiete“ oder die Beziehungen zwischen der DDR und Polen – insbesondere auf nichtstaatlicher Ebene – hätten dagegen durchaus eine breitere Thematisierung verdient, insbesondere auch in ihrer erinnerungspolitischen Dimension.

Angesichts des gewaltigen Umfangs des Ausstellungsthemas kommt dem Katalog eine besondere Bedeutung zu. Weitaus mehr als in anderen Ausstellungen ist er ein unverzichtbarer Bestandteil des Ausstellungsbesuchs. Er liefert nicht nur zahlreiche (angesichts des gewöhnungsbedürftigen Quadratformats manchmal etwas zu kleine) Abbildungen, ein kommentiertes Objektverzeichnis und eine 27 Seiten umfassende Bibliografie. Vielmehr stellt er ein umfangreiches Kompendium zur deutsch-polnischen Beziehungsgeschichte dar, das weit über die in der Ausstellung präsentierten Themen hinausgeht.

In 59 knappen Aufsätzen, ergänzt um zusätzliches Bild- und in der Ausstellung schmerzlich vermisstes Kartenmaterial, umreißen deutsche und polnische Wissenschaftler zentrale Themen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. Neben Überblicksdarstellungen zu ausgewählten Zeitabschnitten wie Christian Lübkes Text über „Deutsche und Polen im frühen und hohen Mittelalter“, Werner Beneckes über „Polen und Deutsche im langen 19. Jahrhundert“ und Christoph Klessmanns über „Deutschland und Polen zwischen den Weltkriegen“ stehen nicht minder interessante Aufsätze zu kleineren Fragestellungen wie Jacek Friedrichs über die „Danziger Architektur des ‚Goldenen Zeitalters‘ und ihre politischen Hintergründe“ und Stephan von Wieses über die Künstlerauktion „Gegen das Kriegsrecht in Polen – für Solidarnosc“. Auch epochenübergreifende Texte sind zu finden, etwa Jerzy Masnickis „Der Pole im deutschen Kino“ oder Dorota Szwarcmans „Tür an Tür in der Musikgeschichte“. Ohne Zweifel wird der Katalog über das Ende der Ausstellung hinaus seine Bedeutung als reich bebildertes Nachschlagewerk behalten.

Anmerkung:
[1] Vgl. Alexander Fröhlich, „Zu einfach, in Deutschland Autos zu stehlen“, in: Tagesspiegel, 4.1.2012.

Zitation
Philipp Springer: Rezension zu: Omilanowska, Malgorzata; Torbus, Tomasz (Hrsg.): Tür an Tür. Polen – Deutschland 1000 Jahre Kunst und Geschichte. Köln 2011, 23.09.2011 – 09.01.2012 Berlin, in: H-Soz-Kult, 04.02.2012, <http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-155>.
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Veröffentlicht am
04.02.2012
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