Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 31 (2011), 3

Titel
Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 31 (2011), 3.
Weitere Titelangaben
Land – Konflikt, Politik, Profit


Hrsg. v.
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Heft(e)
03
Erschienen
Münster (Westf.) 2011: Westfälisches Dampfboot
Umfang
156 S.
Preis
€ 10,50
Herausgeber d. Zeitschrift
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Erscheinungsweise
4 Nummern in 3 Ausgaben
Kontakt
PERIPHERIE Redaktionsbüro c/o Michael Korbmacher Stephanweg 24 48155 Münster Telefon: +49-(0)251/38349643

Unter dem Titel „Land – Konflikt, Politik, Profit“ befasst sich die Ausgabe 124 der „PERIPHERIE. Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt“ mit der Landfrage. Begriffe wie „peak soil“ oder „land grabbing“ markieren Eckpunkte der Debatte. Heft 124 der Zeitschrift widmet sich der theoretischen Diskussion dieser Entwicklung ebenso wie der Analyse konkreter Verteilungs- und Nutzungskonflikte um Land. Es schreiben:

Bettina Engels & Kristina Dietz: Land Grabbing analysieren: Ansatzpunkte für eine politisch-ökologische Perspektive am Beispiel Äthiopiens

Markus Seiwald & Christian Zeller: Die finanzielle Inwertsetzung des Waldes als CO2-Senke: Nutzungsrechte und Nutzungskonflikte im Rahmen der nationalen Entwicklungsstrategie in Ecuador

Peter Clausing & Christina Goschenhofer: Land Grabbing in Mexiko. Ein argumentativer Kopfstand der Weltbank

Andreas Exner: Die neue Landnahme an den Grenzen des fossilen Energieregimes Tendenzen, Akteure und Konflikte am Beispiel Tansanias

Uwe Hoering: PERIPHERIE-Stichwort: Land Grabbing

Thomas Fatheuer: Belo Monte: Staudämme am Amazonas Brasiliens großer Sprung nach vorne

EDITORIAL

Land – Konflikt, Politik, Profit

Die Landfrage stellt seit jeher einen umstrittenen Gegenstand politischer Debatten dar. Dabei geht es um das Aufbrechen von Zusammenhängen der Subsistenzproduktion, die Vertreibung von Bauern und Bäuerinnen, Verteilungsfragen, koloniale Landnahmen, die neoliberale Neuordnung der Landwirtschaft durch die Strukturanpassungsprogramme, Konflikte um Land im Zuge von Sezessions- und Autonomiebestrebungen und viele weitere mehr. In jüngster Zeit ist die Landfrage im Zeichen des Klimawandels, der Energie und Nahrungsmittelpreiskrise, der Finanzmarktkrise sowie transnationaler agrarindustrieller Expansionsstrategien erneut auf die politische Agenda gelangt. Unter Schlagworten wie peak soil und land grabbing wird ein Trend kontrovers diskutiert, der in den letzten Jahren neue Ausmaße erreicht hat: internationale und nationale Investitionen in Land in Lateinamerika, Afrika und Asien. Deutsche Fondsgesellschaften investieren in brasilianisches Land, Brasilien schließt Kooperationsverträge mit afrikanischen Staaten zum Anbau von Zuckerrohr für die Produktion von Agrarethanol, China pachtet große Landflächen in Indonesien für den Reisanbau, und kolumbianische Palmölunternehmen eignen sich mit Hilfe der Paramilitärs kleinbäuerlich genutzte Landflächen für die Ausweitung ihrer Produktion an. Die Liste ließe sich fortsetzen.

Die aktuellen Entwicklungen zeigen, dass Auseinandersetzungen um Land dabei keinesfalls nur als Ausdruck lokaler oder nationaler Strukturen und Veränderungen in den Ländern des Südens beschrieben werden können, sondern auch Spiegel und Bestandteil globaler Politiken und Machtbeziehungen sind. Agrar- und Waldfonds versprechen „nachhaltige“ Formen der Geldanlage und führen zu einer privaten, spekulativ motivierten Aneignung von Land. Landwirtschaftlich nutzbare Flächen werden durch international agierende Unternehmen oder Regierungen anderer Staaten aufgekauft und damit der Produktion von Nahrungsmitteln zur lokalen Ernährungssicherung entzogen. Der Anbau von Nutzpflanzen zur Herstellung von Agrartreibstoffen soll als Alternative zum Erdöl zur Emissionsminderung und Gewährleistung der Kraftstoffversorgung im globalen Norden und Süden beitragen, gefährdet aber gleichzeitig die Ernährungssicherung in den Anbauländern Afrikas, Asiens und Lateinamerikas.

Widerstand gegen diese Entwicklungen formierte sich im Zuge der jüngsten Nahrungsmittelpreiskrise 2007/08, als in zahlreichen Städten Afrikas und Lateinamerikas Proteste stattfanden, weil viele Menschen Grundnahrungsmittel wie Reis, Mais und Getreide nicht mehr bezahlen konnten. Auch die sozialen Bewegungen gegen die negativen Folgen der zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung der Landwirtschaft haben zu der neuerlichen Prominenz der Land-frage beigetragen. Kleinbäuerliche Organisationen wie der Dachverband La Via Campesina oder die brasilianische Landlosenbewegung Movimento dos Trabalhadores Rurais Sem Terra sind zu wichtigen Akteuren der globalisierungskritischen Bewegung avanciert.

Im Mittelpunkt dieser Ausgabe der PERIPHERIE stehen aktuelle Veränderungen von Landpolitiken und Landnutzungen im globalen Süden. Zwei Punkte werden dabei in allen Beiträgen besonders deutlich. Erstens sind Entwicklungen im Bereich der Landnutzung von Interdependenzen zwischen zahlreichen Politikfeldern – insbesondere bezüglich Handel, Landwirtschaft, Klimaschutz, Energiegewinnung und Entwicklung – geprägt. Zweitens finden diese Veränderungen und Politiken gleichzeitig auf der lokalen, nationalen, inter- und transnationalen Ebene statt, wo-bei diese Ebenen sich wechselseitig beeinflussen und bedingen.

Ausgehend von Ansätzen aus der Politischen Ökologie entwerfen Bettina Engels und Kristi-na Dietz in ihrem Beitrag eine analytische Perspektive auf Veränderungen in den Bereichen Landpolitik und Landnutzungen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Strukturen, Institutionen und Praktiken, die das Verhältnis von Gesellschaft und Natur vermitteln. Am Beispiel von land grabbing in Äthiopien arbeiten die Autorinnen drei zentrale, aufeinander bezogene Aspekte her-aus, mit denen sich eine differenzierte Analyse solcher Prozesse befassen sollte: die Historizität der Nutzung von Land, soziale Strukturkategorien wie Geschlecht, Ethnizität, Klasse/Kaste und Generation sowie politische Macht und Herrschaftsverhältnisse.

Markus Seiwald und Christian Zeller analysieren, wie sich Maßnahmen im Zuge des klimapolitischen Mechanismus REDD (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation) in Bezug auf die Waldnutzung lokal auswirken. Das von ihnen untersuchte Programm „Socio Bosque“ in Ecuador stellt gegen Ausgleichszahlungen Waldflächen für die Gewinnung von CO2-Emissionszertifikaten unter Schutz. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Programm die hohen Erwartungen, gleichzeitig Primärwald zu schützen, um damit zur Reduzierung der Treibhausgaskonzentration in der Atmosphäre beizutragen, und die Lebensbedingungen der lokalen Bevölkerung zu verbessern, kaum erfüllen kann.

Mit dem umstrittenen Code of Conduct für ausländische Direktinvestitionen in Land befassen sich Peter Clausing und Nina Goschenhofer und diskutieren dessen Wirksamkeit vor dem Hintergrund mexikanischer Erfahrungen. Mexiko werde in Dokumenten der Weltbank als Ideal-fall präsentiert, in dem seit einer Verfassungsänderung von 1992 und der Verabschiedung eines neuen Agrargesetzes die rechtlichen Voraussetzungen für Landtransaktionen zugunsten großflächiger, kommerzieller Landnutzungen besonders gut erfüllt seien. Insbesondere seien kollektiv genutzte Flächen klar ausgewiesen und daher die kollektiven Landrechte anerkannt und rechtlich geschützt. Dagegen argumentiert der Artikel, dass das Beispiel erhebliche Mängel aufweise, weshalb die freiwilligen Selbstverpflichtungen als Reaktion auf die sozialen und ökologischen Folgen von land grabbing grundsätzlich in Frage zu stellen seien.

Andreas Exner untersucht, wie die aktuelle Landnahme mit der langfristigen Dynamik der Kapitalverwertung zusammenhängt. Dabei richtet er sein Augenmerk auf die absehbare Erschöpfung fossiler Rohstoffe zur Energiegewinnung. Vor dem Hintergrund der Wellen der Landnahme in Tansania von den Zeiten der Kolonisierung bis zu Gegenwart zeigt er mögliche Entwicklungslinien auf und kommt zu dem Ergebnis, dass keine von ihnen zu der von der Weltbank propagierten „Win-Win“-Situation führt, bei der alle beteiligten Akteure Nutzen daraus ziehen.

Im PERIPHERIE-Stichwort arbeitet Uwe Hoering pointiert die Kontroversen der aktuellen Debatte heraus. Trotz vielfältiger, insbesondere kolonialer Kontinuitäten stellten die gegenwärtigen Landnahmen in mancher Hinsicht ein neues Phänomen dar. Kennzeichnend sei dabei die Beteiligung von Schwellenländern (beispielsweise China und Indien) und reicher Erdölstaaten sowie von Finanzmarktakteuren (etwa Investmentbanken). Land grabbing sei eine Reaktion auf miteinander verschränkte Krisenphänomene (Ernährungskrise, Finanzkrise, Klimakrise) und systematisch in die Logik kapitalistischer Verwertung eingebunden.

Am Fluss Xingu mitten im Herzen Amazoniens soll im Rahmen des Projekts „Belo Monte“ der drittgrößte Staudamm der Welt entstehen. Die Konflikte, die sich an diesem Vorhaben zur CO2-armen Energiegewinnung in Brasilien entzünden, nimmt Thomas Fatheuer in seinem Essay unter die Lupe. Er zeigt dabei die Schwierigkeiten auf, mit denen sich der Widerstand dagegen konfrontiert sieht.

Mit dem vorliegenden Heft schließen wir den 31. Jahrgang der PERIPHERIE ab. Die ersten beiden Ausgaben des kommenden Jahres erscheinen zu den Schwerpunkten „Politik mit Recht“ (125) und „Umkämpfte Räume“ (126/127). Geplant sind außerdem Hefte zu „fair trade“, „Erfülltes Leben oder grüner Kapitalismus“ sowie „Widerstand“. Zu diesen und anderen Themen sind Bei-träge sehr willkommen. Zum Abschluss des Jahrgangs möchten wir uns wieder herzlich bei den Gutachterinnen und Gutachtern bedanken, die durch ihre gründliche, engagierte und kritische Arbeit zum Gelingen der Hefte maßgeblich beigetragen haben. Ihre Namen sind in alphabetischer Reihenfolge im Jahresregister aufgeführt. Ferner gilt unser Dank Sarah Becklake, die als englische Muttersprachlerin auch für diesen Jahrgang die Summaries korrigiert hat. Schließlich bedanken wir uns auch bei allen Leserinnen und Lesern, Abonnentinnen und Abonnenten sowie bei den Mitgliedern der Wissenschaftlichen Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V., der Herausgeberin der PERIPHERIE. Unsere größtenteils ehrenamtliche Arbeit ist weiterhin von Spenden abhängig. Besonders freuen wir uns über neue Abonnentinnen und Abonnenten. Wir wünschen Ihnen und Euch eine anregende Lektüre und einen guten Start ins Jahr 2012.

SUMMARIES

Bettina Engels & Kristina Dietz: Land Grabbing: Starting Points for a Political Ecology Analysis of Land Grabbing in Ethiopia. Based on social theories of political ecology, this article develops a new analytical approach to understanding contemporary processes of land grabbing, shedding new light on the complexities of both global and local changes in land ownership relations that are currently taking place around the world. The authors maintain that contemporary land use, distribution and conflicts are moulded by history and that decisions over the use and distribution of land cannot be separated from the socio-political contexts from which they have emerged. Three interlinked analytical elements are identified as central to a political ecology perspective on land grabbing: 1) the historicity and contextuality of land use, 2) categories of social structure, and 3) political relations of power and domination. Using the example of land politics in Ethiopia, this article illustrates how such an analysis can be formulated and what insights it allows into current cases of land grabbing.

Markus Seiwald & Christian Zeller: The Commodification of the Forest as a CO2-sink: Land Use Rights and Conflicts in the Context of Ecuador's National Development Plan. The REDD-mechanism (Reducing Emissions from Deforestation and Degradation in Developing Countries) is being discussed as a major issue for a post-2012 climate change agreement. Led by Rafael Correa, the Ecuadorian government intends to join this mechanism through its Socio Bosque program, which seeks to protect four million hectares of primary forest mainly situated within indigenous territories. However, the indigenous peoples' organizations of Ecuador have serious doubts about this new policy and have organized cautious resistance to it. This article argues that REDD and national complementary programs, such as Socio Bosque, constitute a specific form of commodification – the forest as a CO2-sink. Based on the enforcement of property rights, rent income is extracted, with a majority of the conservation payments being centralized in the government. Thus, the forest's capacity for CO2 absorption is commodified and sold on the international market like any other natural resource and the government, not the indigenous peoples, will be the primary benefactor. This model of earning revenue matches the currently predominant paradigms of "Neodesarrollismo" or "Neoextractivismo", leading not only to new conflicts between indigenous peoples and the government but also to conflicts within indigenous organizations.

Peter Clausing & Christina Goschenhofer: Land Grabbing in Mexico. Confusion in the World Bank's Line of Argument. This paper analyses the World Bank's (WB) claim that Mexico presents a positive example of how land grabbing in poor countries can be turned into a "win-win" situation with opportunities for rural development. The WB suggests that clear, affordable and accessible (collective) land rights – as they allegedly exist in Mexico – in combination with a voluntary code of conduct for large scale land transactions, will help to ensure positive outcomes for rural development. However, WB documents and an analysis of the Mexican situa­tion reveal that: (a) the 1990s attempt to privatise Mexico's communal lands only partially succeeded, which now, 15 years later, is being proclaimed by the WB as a success in preserving communal land; (b) the WB's conclusion that this cadastral project reduced land conflicts is drawn from a faulty database; and, (c) that nume­rous land conflicts belie this conclusion. Three case studies are presented in contra to WB claims. In conclusion, this text argues that in countries ridden by corruption and human rights violations, large scale land transactions reinforce social inequality instead of contributing to rural development.

Andreas Exner: Land Grabbing at the Frontiers of the Fossil Energy Regime: Tendencies, Agents and Conflicts in the Case of Tanzania. We are currently witnessing a new era of land grabbing. Assuming an agrarian transition, the World Bank has argued that if peasants are integrated into outgrower schemes and the landless employed in agribusiness, this new era could be a "win-win" situation. In order to assess this perspective, this article looks at the longue durée of agriculture in its global context. While the periphery provided cheap food to the centre during the 19th century, fossil fuels reversed this after World War II. With the fossil energy regime's frontier looming on the horizon, the periphery is once again being asked to produce staple food stuffs and export materials to the centre, as well as produce biomass for energy. As a result, the direct access to land has become crucial again. However, the peak in fossil fuels also puts the agro-regime into question; since fossil fuels are vital to industrial food production, capital growth and consumer demand are likely to come under pressure as fossil fuels reach their limits. Drawing upon the case of Tanzania, this article looks at the longue durée of conflicts over land use under capitalist premises. The colonial state expanded raw material production, which then declined as a result of the boom in petrochemical fibres during the postcolonial era. Extensive land conflicts arose from socialist modernization, which were then intensified by neoliberal adjustment and the attempt to install land markets. Under such conditions, different Tanzanian agriculture trajectories are possible, yet none of them appear to provide a "win-win" outcome.

INHALT

Editorial, S. 395

Bettina Engels & Kristina Dietz: Land Grabbing analysieren: Ansatzpunkte für eine politisch-ökologische Perspektive am Beispiel Äthiopiens, S. 399

Markus Seiwald & Christian Zeller: Die finanzielle Inwertsetzung des Waldes als CO2-Senke: Nutzungsrechte und Nutzungskonflikte im Rahmen der nationalen Entwicklungsstrategie in Ecuador, S. 421

Peter Clausing & Christina Goschenhofer: Land Grabbing in Mexiko. Ein argumentativer Kopfstand der Weltbank, S. 447

Andreas Exner: Die neue Landnahme an den Grenzen des fossilen Energieregimes Tendenzen, Akteure und Konflikte am Beispiel Tansanias; S. 470

Uwe Hoering: PERIPHERIE-Stichwort: Land Grabbing, S. 497

Thomas Fatheuer: Belo Monte: Staudämme am Amazonas. Brasiliens großer Sprung nach vorne, S. 501

Rezensionen, S. 509

Eingegangene Bücher, S. 539

Summaries, S. 541

Zu den Autorinnen und Autoren, S. 543

Jahresregister, S. 544

Zitation
Peripherie: Zeitschrift für Politik und Ökonomie in der Dritten Welt 31 (2011), 3. in: H-Soz-Kult, 26.03.2012, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-6757>.
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