Rechtsgeschichte – Legal History 20 (2012)

Titel
Rechtsgeschichte – Legal History 20 (2012).


Hrsg. v.
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erschienen
Frankfurt am Main 2012: Vittorio Klostermann
Umfang
478 S.
Preis
€ 49,00
Herausgeber d. Zeitschrift
Prof. Dr. Thomas Duve, Direktor des Max-Planck-Instituts für europäische Rechtsgeschichte Redaktion: Olaf Berg, Nicole Pasakarnis
Erscheinungsweise
jährlich
Kontakt
Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte Redaktion Rechtsgeschichte Hansaallee 41 60323 Frankfurt am Main Tel. ++49-69.78978-200 Fax ++49-69-78978-210 Anregungen und Manuskripte unter: rg@rg.mpg.de

Rechtsgeschichte – Legal History, so heißt unsere Zeitschrift jetzt. Der Zusatz ist nicht dem Zeitgeist geschuldet. Er drückt aus, was der Titel der Vorgängerzeitschrift, Ius Commune, vielleicht noch besser erkennen ließ: dass Rechtsgeschichte nicht auf eine Region oder einen Sprachraum begrenzt werden kann. Im Gegenteil, kann man in ihr doch geradezu ein großes diachrones Translationsgeschehen sehen, einen kontinuierlichen Aneignungsprozess, der kaum geographische, kulturelle und linguistische Grenzen kennt. Dieser Vielsprachigkeit des historischen Rechts muss eine Vielsprachigkeit der rechtshistorischen Forschung entsprechen. Wir werden deswegen auch in Zukunft – noch ein bisschen mehr als bisher – ganz bewusst nicht einer oder zwei, sondern vielen Sprachen Raum geben.

Auch in anderer Hinsicht hat sich die Rechtsgeschichte verändert: Der Satzspiegel ist anders, wir haben mehr Platz für Fußnoten, eine neue Binnengliederung, die Zeitschrift erscheint nun im Jahresrhythmus, gedruckt und im open-accesss. Die Rechtsgeschichte – Legal History trotz sofortiger uneingeschränkter elektronischer Verfügbarkeit auch weiterhin in gedruckter Form anbieten zu können, war uns besonders wichtig. Gleichzeitig wird man uns jetzt aber auch dort ohne Zeitverzögerung lesen können, wo unsere Hefte bisher nicht standen, nicht zuletzt bei unseren Gesprächspartnern außerhalb Europas. Beide Publikationsformen werden sich allerdings nur dann parallel fortführen lassen, wenn unsere Leserinnen und Leser auch weiterhin – und vielleicht sogar nun erst recht – die gedruckte Version bestellen. Ob es in der Welt der wissenschaftlichen Publikationen auch weiterhin eine Kultur des gedruckten Buchs gibt, hängt von jedem von uns ab!

Nur in den gedruckten Bänden werden sich auch weiterhin Bildstrecken finden. In diesem Jahr sollen zehn Abbildungen die Standortgebundenheit unserer Weltbilder sowie manche, uns inzwischen fremd gewordene Kosmologien anschaulich machen. Am Anfang steht die noch aus vorchristlicher Tradition stammende, später vielfach reproduzierte dreigeteilte Darstellung der Welt in einer Isidor von Sevilla zugeschriebenen Überlieferung, es folgen Weltsichten von verschiedenen Beobachtungsposten, heilsgeschichtliche Kosmovisionen aus Amerika und Europa, stolze Dokumente der Vermessung der Welt aus der Zeit des blühenden Kolonialismus; die Bildstrecke endet mit einem Beispiel politischer Kartographie der Gegenwart. All diese Abbildungen lassen uns erkennen, dass die Welt nicht ein Zentrum hat – sondern viele. Es dürfte eine besonders wichtige Aufgabe historischer Forschung sein, über diese Standpunktgebundenheit unserer Weltbilder zu reflektieren. Der einleitende Beitrag, in dem es um die „Europäische Rechtsgeschichte“ und globale Perspektiven auf die Rechtsgeschichte Europas geht, widmet sich nicht zuletzt dieser Frage. Er enthält auch eine etwas ausführlichere Analyse des Konzepts der Europäischen Rechtsgeschichte von Helmut Coing, dem ersten Direktor des Instituts und Gründer der Zeitschrift Ius Commune, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte – und möchte als Aufforderung zu einer Debatte gelesen werden, wie wir heute eine zeitgemäße Rechtsgeschichte Europas als Globalregion schreiben können.

Die Beiträge des Recherche-Teils zeigen auf vielfältige Weise die Verbundenheit der Rechtsgeschichten in und jenseits Europas. Michael Stolleis legt mit seiner Bilanz des im Rahmen des Exzellenzclusters „Herausbildung Normativer Ordnungen“ durchgeführten Forschungsvorhabens zur Rechtsgeschichte Südosteuropas gleich eine kleine Verfassungsgeschichte dieser Region vor. George Rodrigo Bandeira Galindo entwickelt seine Überlegungen zum Verhältnis von Theorie und Geschichte am Beispiel der Historiographie des Völkerrechts, die gerade durch die von postkolonialen Studien betriebene Kritik in Bewegung geraten ist. Jakob Fortunat Stagl führt uns tief in die Rechtsgeschichte des britischen Empire als Kolonialmacht. Die Beiträge von Michael Sievernich und Daniel Cesano weisen an sehr unterschiedlichen Gegenständen – der frühneuzeitlichen Mission und ihrer Texte sowie der Übersetzung deutscher juristischer Literatur und deren Einfluss auf die Strafrechtsdogmatik am Beginn des 20. Jahrhunderts – auf die Bedeutung der Übersetzungsprozesse für die Rechtsgeschichte hin; ihre Beiträge lassen sich, wie auch die Arbeiten im Fokus, als Beleg dafür lesen, dass eine klare Unterscheidung zwischen „europäischer“ und „lateinamerikanischer“ Rechtsgeschichte kaum möglich ist und dass es stattdessen um eine andere, nicht geographisch rückgebundene Perspektivenbildung gehen muss. Ähnliches lässt sich für den Beitrag von Rafael Mrowczynski sagen, der mit der Self-Regulation of Legal Professions in State-Socialism eine vergleichende Perspektive auf nicht regional zuzuordnende Organisationsformen und Praktiken der Governance entwickelt. Wenn Christoph H. F. Meyer sich schließlich mit den Probati auctores beschäftigt, so finden wir dort nicht nur eine wissenschaftshistorisch bemerkenswerte frühneuzeitliche Praktik beschrieben, sondern mit der behandelten Antwort des Juristenpapstes Benedikt XIV. an den Erzbischof von Santo Domingo von 1774 zugleich ein weiteres, viele Bezugspunkte mit dem Text von Michael Sievernich aufweisendes Beispiel für die Versuche der Weltkirche, auch in ihrem universal gedachten Recht Universalität und lokale Aneignungsprozesse in Balance zu halten.

Im diesjährigen Fokus, dem Themenschwerpunkt zu „Modellen sozialen Privatrechts in Lateinamerika und Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, publizieren wir einige Beiträge aus einem Forschungsvorhaben, das sich mit den Austauschbeziehungen in der Privatrechtsgeschichte zwischen Lateinamerika und Europa beschäftigt.

Im Forum schließlich, das sich fortan mit wirklichen Debatten abwechseln soll, haben wir die Frage aufgeworfen, welche Erkenntnisperspektiven sich aus den in den letzten Jahren sukzessive auch für die Zeit der europäischen Expansion geöffneten Vatikanischen Archiven für eine besonders an Normativität interessierte globalhistorische Forschung ergeben könnten. Das Echo auf die von Benedetta Albani konzipierte Einladung war sehr groß, wir konnten einen wesentlichen Teil der angebotenen Beiträge berücksichtigen, die ein breites thematisches und chronologisches Spektrum abbilden. In der Kritik schließlich bemühen wir uns, wie schon in der Vergangenheit, meinungsstarke Rezensionen zur rechtshistorischen Produktion der jüngeren Zeit zu versammeln.

Inhalt

Editorial

Recherche

Thomas Duve
18 Von der Europäischen Rechtsgeschichte zu einer Rechtsgeschichte Europas in globalhistorischer Perspektive

Michael Stolleis
72 Transfer normativer Ordnungen – Baumaterial für junge Nationalstaaten. Forschungsbericht über ein Südosteuropa-Projekt

George Rodrigo Bandeira Galindo
86 Force Field: On History and Theory of International Law

Jakob Fortunat Stagl
104 The Rule of Law against the Rule of Greed: Edmund Burke against the East India Company

Michael Sievernich
125 Recht und Mission in der frühen Neuzeit. Normative Texte im kirchlichen Leben der Neuen Welt

Christoph H. F. Meyer
138 Probati auctores. Ursprünge und Funktionen einer wenig beachteten Quelle kanonistischer Tradition und Argumentation

José Daniel Cesano
156 Redes intelectuales y recepción en la cultura jurídico penal de Córdoba (1900 – 1950)

Rafael Mrowczynski
170 Self-Regulation of Legal Professions in State-Socialism. Poland and Russia Compared

Fokus
Modelos de derecho privado social en Europa y América Latina en la primera mitad del siglo XX

Alessandro Somma
190 Tradizione giuridica occidentale e modernizzazione latinoamericana. Petrolio, democrazia e capitalismo nell’esperienza venezuelana

Luis M. Lloredo Alix
209 Rafael Altamira y Adolfo Posada: Dos aportaciones a la socialización del derecho y su proyección en Latinoamérica

Enrique Brahm García
234 Algunos aspectos del proceso de socialización del derecho de propiedad en Chile durante el gobierno del general Carlos Ibañez del Campo (1927–1931)

Thorsten Keiser
258 Social conceptions of Property and Labour – Private Law in the aftermath of the Mexican Revolution and European Legal Science

Mario G. Losano
274 Un modello italiano per l’economia nel Brasile di Getúlio Vargas: la «Carta del Lavoro» del 1927

María Rosario Polotto
309 Argumentación jurídica y trasfondo ideológico. Análisis del debate legislativo sobre prórroga de alquileres en argentina a principios del siglo xx

Forum
The Apostolic See and the World.
Challenges and risks facing global history

Benedetta Albani
330 Invitation to debate

Carlo Fantappiè
332 La Santa Sede e il Mondo in prospettiva storico-giuridica

Giampiero Brunelli
339 La Sede apostolica di fronte alla globalizzazione: il contributo possibile della storia delle istituzioni

Irene Bueno
344 Avignon and the World. Cross-cultural Interactions between the Apostolic See and Armenia

David d’Avray
347 Slavery, Marriage and the Holy See: from the Ancient World to the New World

Anna Echterhoff
352 Die Friedenstätigkeit des Heiligen Stuhls im Rahmen seiner Diplomatie

Claudio Ferlan
356 Oggetti in viaggio. Le missioni gesuitiche nelle Indie d’occidente (sec. XVI)

Rafael Gaune
358 La Santa Sede y la Guerra defensiva: una historia por reconstruir. Redes de información e historia global en los confines del Imperio español (1612–1626)

Rubén González Cuerva
361 The Papacy as a global Power in European Court Society

François Jankowiak, Laura Pettinaroli
363 Cardinaux et cardinalat, une élite à l’épreuve de la modernité (1775–1978). Réflexions autour d’un projet collectif

Giuseppe Marcocci
366 Is There Room for the Papacy in Global History? On the Vatican Archives and Universalism

Luis Martínez Ferrer
369 La Sede apostólica y el Mundo. Un modelo de trabajo en equipo: la aprobación de los Concilios provinciales por parte de la Sagrada Congregación del Concilio

Antoine Mazurek
371 La régularisation de la liturgie après Trente: entre local et universel

Federica Meloni
373 Congregazione del Concilio, ecumenismo e conciliarismo. Proposte per un «global turn» storiografico

Antonio Menniti Ippolito
375 Italianità e universalità della Chiesa romana:una breve riflessione

Osvaldo Rodolfo Moutin
377 La salus animarum como un posible acercamiento a la historia global

Radu Nedici
379 Debating the normative order between the center and the periphery: an East-Central European perspective

Giovanni Pizzorusso
382 La Sede apostolica tra chiesa tridentina e chiesa missionaria: circolazione delle conoscenze e giurisdizione pontificia in una prospettiva globale durante l’età moderna

Roberto Regoli
386 Papato: soggetto mondiale in prospettiva globale?

Wolfgang Reinhard
388 Das Papsttum zwischen Medienpräsenz, Staatlichkeit und Pluralitätsdruck

Hugo Ribeiro da Silva
390 A Sé Apostólica, Portugal e o Mundo Atlântico

Thies Schulze
393 Der Vatikan und die Herausforderung transnationaler Geschichtsschreibung. Forschungsfragen und -perspektiven für das frühe 20. Jahrhundert

Olivier Sibre
396 L’étude systémique de la diplomatie pontificale comme clé du rapprochement entre l’historiographie générale et celle du Saint-Siège

Hélène Vu Thanh
398 La mission jésuite du Japon: entre recherche de l’autonomie et maintien du lien à l’Eglise et à Rome (XVIe – XVIIe siècles)

Benjamin Weber
400 Les horizons nouveaux du pouvoir pontifical, mi XIIIe – fin XVe siècle

Kritik

Manlio Bellomo
406 Much Ado About Nothing
Uwe Wesel, Geschichte des Rechts in Europa

Mario G. Losano
408 La circolazione mondiale delle norme giuridiche
Jean-Louis Halpérin, Profils des mondialisations du droit

Peter Collin
409 Selbstverwaltung auf der Suche nach Verwandten und Äquivalenten
Selbstverwaltung in der Geschichte Europas in Mittelalter und Neuzeit, hg. von Helmut Neuhaus

Hartmut Leppin
413 Attische Rechtsgeschichte und juristisches Denken
Christoph-Maximilian Zeitler, Zwischen Formalismus und Freiheit

Ludolf Kuchenbuch
414 Mediävistik oder Mediävismus? Eine falsche Alternative!
Valentin Groebner, Das Mittelalter hört nicht auf

Thomas Gergen
418 Juristische Translation im mallorquinischen „Buch der Könige“
Llibre dels Reis. Llibre de franqueses i privilegis del regne de Mallorca, dir. Ricard Urgell Hernández

Ludolf Pelizaeus
420 Beeindruckende (Zwischen-)Bilanz
Das Reichskammergericht im Spiegel seiner Prozessakten, hg. von Friedrich Battenberg und Bernd Schildt

Isabella Löhr
422 Die Ökonomie des Urheberrechts
Eckhard Höffner, Geschichte und Wesen des Urheberrechts

Jan Schröder
425 Rechtsphilosophie?
A History of the Philosophy of Law in the Civil Law World, 1600 – 1900, ed. by Damiano Canale, Paolo Grossi and Hasso Hofmann

Petr Kreuz
428 Straf- und Sozialdisziplinierung aus böhmischer Sicht
Pavel Matlas, Shovívavá vrchnost a neukáznění poddaní?

Diemut Majer
431 Unbehaglich
Hat Strafrecht ein Geschlecht?, hg. von Gaby Temme und Christine Künzel

Rebecca Saskia Knapp
433 Wie bestraft man die freie Tochter der Natur?
Michael Johannes Pils, Die rechtsgeschichtliche Entwicklung der Brandstiftung

Oliver Lepsius
435 Von Wahlrecht bis Watergate
Lucas A. Powe, Jr., The Supreme Court and the American Elite, 1789–2008

Peter Collin
437 Historische Partizipationsstaatlichkeit
Rüdiger von Krosigk, Bürger in die Verwaltung

Roy Garré
439 Ottocento svizzero tra giurisdizione federale e cantonale
Goran Seferovic, Das Schweizerische Bundesgericht 1848–1874

Michael Stolleis
442 Selbstvergewisserung
Andreas Kley, Geschichte des öffentlichen Rechts der Schweiz

Thorsten Keiser
446 Der Volljurist als Fixstern im Rechtsuniversum
Marco Sabbioneti, Democrazia Sociale e Diritto Privato. La Terza Repubblica di Raymond Saleilles (1855–1912)

Zülâl Muslu
448 L’asymétrie de la rencontre de deux mondes
Johannes Berchtold, Recht und Gerechtigkeit in der Konsulargerichtsbarkeit: Britische Exterritorialität im Osmanischen Reich 1825–1914

Andreas Roth
450 Fauler Kompromiss oder mutiges Reformwerk?
Friederike Goltsche, Der Entwurf eines Allgemeinen Deutschen Strafgesetzbuches von 1922

Walter Pauly
451 Sprache, die für uns dichtet und denkt
Florian Meinel, Der Jurist in der industriellen Gesellschaft. Ernst Forsthoff und seine Zeit

Josephine Asche
454 Historisch brüchig, moralisch politisch
Moralpolitik. Geschichte der Menschenrechte im 20. Jahrhundert, hg. von Stefan-Ludwig Hoffmann

Stefan Kroll
456 Strategisch oder ethisch?
Michael Barnett, Empire of Humanity
D. J. B. Trim, Brendan Simms, Humanitarian Intervention

Julian Krüper
459 Blick zurück nach vorn
Jeannine Drohla, Aufarbeitung versus Allgemeines Persönlichkeitsrecht

Ulrich Jan Schröder
461 Von rechtlicher Vergegenwärtigung kommunistischer Vergangenheit
Bewusstes Erinnern und bewusstes Vergessen, hg. von Angelika Nussberger und Caroline von Gall

Ralf Kölbel
464 Kriminologie als Profiteurin?
Gerd Schwerhoff, Historische Kriminalitätsforschung

Matthias Schwaibold
466 Die Gestaltung der Gestaltungsrechte
Christian Hattenhauer, Einseitige private Rechtsgestaltung

Abstracts 470

Autoren 476

Abbildungen 478

Zitation
Rechtsgeschichte – Legal History 20 (2012). in: H-Soz-Kult, 10.04.2013, <www.hsozkult.de/journal/id/zeitschriftenausgaben-7505>.
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