Prof. Dr. Rüdiger vom Bruch (19. Dezember 1944 – 20. Juni 2017). Ein Nachruf

Von
Wolfgang U. Eckart; Margit Szöllösi-Janze

Am 20. Juni 2017 verstarb in seinem 73. Lebensjahr in Berlin für alle unerwartet Rüdiger vom Bruch, zuletzt ordentlicher Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Geboren in Kohlow (heute Kowalów) im preußischen Landkreis Weststernberg, verbrachte vom Bruch nach der Flucht seiner Mutter in den letzten Kriegswochen seine Kindheit in Gevelsberg/Westfalen. Das Gymnasium besuchte er zuerst in Dortmund, dann in Münster, wo er sein Abitur 1964 am Schillergymnasium ablegte. Es folgte ein Studium der Geschichte, Germanistik und Politikwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und kurz an der Freien Universität Berlin. Bereits in Münster traf er auf seinen wichtigsten akademischen Lehrer und Mentor, den Historiker Gerhard A. Ritter (1929-2015), der ihn früh für die kritische Sozialgeschichte und ihre Verknüpfung mit der Wissenschafts- und Universitätsgeschichte begeisterte.

Erste Lehrerfahrungen sammelte Rüdiger vom Bruch schon 1971 bis 1973 unmittelbar im Anschluss an sein Staatsexamen an der Fachoberschule für Sozialpädagogik in Münster. Als wissenschaftlicher Assistent zunächst am Historischen Seminar der WWU Münster (seit 1972), folgte er Gerhard A. Ritter 1976 nach München an die Ludwig-Maximilians-Universität, wo er bis 1987 eine Assistentenstelle am Institut für Neuere Geschichte inne hatte. Mit einer Dissertation über „Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung. Gelehrtenpolitik im Wilhelminischen Deutschland (1890–1914)“ wurde vom Bruch 1978 in München promoviert. Er habilitierte sich dort 1987 mit einer grundlegenden Untersuchung zum Thema „Von der Kameralistik zur Wirtschaftswissenschaft. Studien zur Geschichte der deutschen Nationalökonomie als Staatswissenschaft (1727–1923)“.

Dem weit gefächerten Themenkreis der Universitäts- und Gelehrtengeschichte im Wilhelminischen Deutschland und in der Republik von Weimar sollten vom Bruchs Forschungen in den Jahrzehnten nach der Promotion verpflichtet bleiben. Er führte zum einen die Vielzahl der Ergebnisse seiner wissenschaftlichen Arbeiten in pointierten, weithin beachteten Aufsätzen zusammen (zum Beispiel „Universität, Staat und Gesellschaft: neuere sozial-, disziplin- und personengeschichtliche Beiträge zum deutschen Hochschulwesen vorwiegend im 19. und frühen 20. Jahrhundert“, Archiv für Sozialgeschichte 20 (1980), S. 526-544), während er auf der anderen Seite das Forschungsfeld in zahlreichen Monographien und Projekten weiter auslotete In die Reihe der frühen wegweisenden Schriften gehört die Studie zu „Weltpolitik als Kulturmission: auswärtige Kulturpolitik und Bildungsbürgertum in Deutschland am Vorabend des Ersten Weltkrieges“ (1982), in der es vom Bruch gelang, den zunächst auf die inneren Verhältnisse gerichteten Blick nach außen zu weiten. Er erklärte darin die Kulturmission als Element eines deutschen Kulturimperialismus, der sich im Gewand einer noch nicht institutionalisierten, aber doch bereits faktischen Auswärtigen Kulturpolitik des Zweiten Kaiserreichs darstellte. Die zusammen mit Friedrich Wilhelm Graf und Gangolf Hübinger herausgegebenen Bände zu „Kultur und Kulturwissenschaften um 1900“ („Krise der Moderne und Glaube an die Wissenschaft“, 1989; „Idealismus und Positivismus“, 1997) fokussierten die gelehrte bürgerliche Welt des Kaiserreichs, richteten nun aber den Blick auf die Gesamtheit der Kulturwissenschaften um 1900 zwischen Fortschrittsglaube und Krisenwahrnehmung.

In vom Bruchs Habilitationsschrift „Von der Kameralistik zur Wirtschaftswissenschaft. Studien zur Geschichte der deutschen Nationalökonomie als Staatswissenschaft (1727–1923)“ ist der Einfluss seines Lehrers Gerhard A. Ritter deutlich zu spüren. Sie thematisierte die Gruppe der bürgerlichen ‚Kathedersozialisten’, also jüngere Nationalökonomen, die sich vehement für eine staatliche Sozialpolitik engagierten, sich aber sowohl von der Sozialdemokratie als auch von kapitalistisch-wirtschaftsliberalen Strömungen abgegrenzten. Vorbereitet wurde diese Studie durch den 1985 herausgegebenen Band „Weder Kommunismus noch Kapitalismus: bürgerliche Sozialreform in Deutschland vom Vormärz bis zur Ära Adenauer“, in dem vom Bruch diachron der Geschichte der bürgerlichen Sozialreform von der 1848er Revolution bis in die 1950er-Jahre nachspüren ließ. Die gedankliche Klammer dieser Beiträge lieferte der Herausgeber selbst mit seiner präzisen Einleitung und dem hervorragenden Beitrag „Bürgerliche Sozialreform im deutschen Kaiserreich“.

Den Münchener Jahren folgte 1989/1990 eine Lehrstuhlvertretung am Institut für Geschichte der Universität Regensburg, an die sich die Leitung des Deutschen Institutes für Fernstudien in Tübingen anschloss, eine Position, die sich über eine Honorarprofessur mit dem Historischen Seminar der Eberhard-Karls-Universität verband. In diese Jahre fiel die Mitarbeit am Funkkolleg „Jahrhundertwende 1880−1930“, dessen Sendungen von sechs Rundfunkanstalten unter Federführung des Süddeutschen Rundfunks ausgestrahlt wurden und 1990 auch gedruckt als Sammelband erschienen („Jahrhundertwende. Der Aufbruch in die Moderne 1880−1930“). Die akademischen Wanderjahre endeten 1993 mit der Berufung auf die neu geschaffene Professur für Wissenschaftsgeschichte an der Berliner Humboldt-Universität, die vom Bruch bis zu seiner Pensionierung 2011 bekleidete. Unterbrochen wurde die Berliner Tätigkeit durch ehrenvolle Einladungen auf den Konrad-Adenauer-Lehrstuhl am Center for German and European Studies der Georgetown University, Washington, D.C. (1996/97) sowie als Forschungsstipendiat an das Historische Kolleg in München (2006/7).

In Berlin ging Rüdiger vom Bruch ganz in seiner Verpflichtung in Forschung und Lehre auf die neuere Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte auf, ohne dabei andere Bereiche wie die außeruniversitäre Auftragsforschung („Forschung für den Markt: Geschichte der Fraunhofer-Gesellschaft“, 1999, mit Helmuth Trischler) oder die Allgemeine Neuzeitgeschichte („Kaiserreich und Erster Weltkrieg“, 2000; „Friedrich Naumann in seiner Zeit“, 2000) aus dem Blick zu verlieren. Den Fokus seiner Arbeiten bildete jedoch die Berliner Universität. Bezeichnend für seinen Forschungsstil ist die Broschüre „Studieren in Trümmern. Die Wiedereröffnung der Berliner Universität im Januar 1946“ (2006). Sie dokumentierte ein Ausstellungsprojekt im Foyer des Hauptgebäudes, das vom Bruch mit seinen Studierenden unter dem Titel „Kommilitonen von 1946“ konzipiert und durchgeführt hatte. Seit 2002 leitete er eine Arbeitsgruppe, die im Auftrag des Akademischen Senats Vorschläge für den öffentlichen Umgang der Berliner Universität mit ihren Verstrickungen in die NS-Vernichtungspolitik erarbeitete. Aus der intensiven Beschäftigung mit der Rolle der Berliner Universität im „Dritten Reich“ ging 2005 das wichtige zweibändige Sammelwerk „Die Berliner Universität in der NS-Zeit“ hervor („Band I: Strukturen und Personen“; „Band II: Fachbereiche und Fakultäten“). Den Fluchtpunkt der wissenschaftlichen Arbeit vom Bruchs bildete die bevorstehende 200-Jahrfeier der Berliner Universität im Jahr 2010, deren überragende Bedeutung für die deutsche Universitätsgeschichte sich in den sechs voluminösen Teilbänden der „Geschichte der Universität Unter den Linden 1810-2010“ (2010−2013) niederschlagen sollte.

Drei weitere Arbeitsschwerpunkte Rüdiger vom Bruchs sind besonders zu erwähnen: Das DFG-Schwerpunktprogramm 1143 „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und im 20. Jahrhundert“ (Förderung von 2003 bis 2010) richtete sich unter seiner Sprecherschaft mit einem bewusst interdisziplinären Zugriff auf die Spezifika des deutschen Wissenschaftssystems. Im Zentrum der in zahlreichen Bänden publizierten Teilprojekte stand dabei die Frage, wie über mehrfache politische Systembrüche hinweg kulturell geprägte Themenstellungen und Forschungsstile wissenschaftliche Entwicklungspfade längerfristig prägten (http://gepris.dfg.de/gepris/ projekt/5471789).

Unter der gemeinsamen Leitung vom Bruchs und des Freiburger Historikers Ulrich Herbert stand die 2001 ins Leben gerufene Forschungsgruppe zur „Geschichte der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1920-1970“. Die Initiative zu ihrer Einsetzung war vom damaligen DFG-Präsidenten Ernst-Ludwig Winnacker ausgegangen, nachdem sich die DFG zuvor über Jahrzehnte mit der Aufarbeitung ihrer NS-Vergangenheit schwergetan hatte. Bewusst weit gefasst, widmeten sich 20 Einzelstudien und sechs internationale Tagungen nicht nur der NS-Kernzeit, sondern setzten bereits 1920 mit der Gründung der „Notgemeinschaft für die Deutsche Wissenschaft“ ein und reichten bis zur Reform des Hochschul- und Wissenschaftssystems in der Bundesrepublik Deutschland um 1970. In seinen letzten Lebensjahren widmete sich vom Bruch schließlich mit großem Engagement der Geschichte der Leopoldina − Nationale Akademie der Wissenschaften in Halle im 20. Jahrhundert. Hierzu erschienen zwei gewichtige Sammelbände, die den bisherigen Forschungsstand mit zahlreichen weiterführenden Perspektiven deutlich überschritten („Wissenschaftsakademien im Zeitalter der Ideologien. Politische Umbrüche, wissenschaftliche Herausforderungen, institutionelle Anpassungen" (2014); „Die Leopoldina. Die Deutsche Akademie der Naturforscher zwischen Kaiserreich und früher DDR“ (2016), mit Sybille Gerstengarbe und Jens Thiel). Zugleich war Rüdiger vom Bruch maßgeblich an der Konferenzserie der Leopoldina zur Rolle der Akademien im Ersten Weltkrieg beteiligt („’Krieg der Gelehrten’ und die Welt der Akademien 1914-1924“, 2016).

Rüdiger vom Bruch engagierte sich zeit seines Lebens intensiv in zahlreichen geschichtswissenschaftlichen Fachgesellschaften. In den Jahren 1998 bis 2001 stand er als Präsident an der Spitze der Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte, deren Zeitschrift „Berichte zur Wissenschaftsgeschichte“ er mit herausgab. 1995 gründete er gemeinsam mit Rainer Schwinges und Rainer A. Müller die Gesellschaft für Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, deren Tätigkeit er bis zuletzt als Mitglied des Vorstands begleitete (https://guw-online.net/item/117-nachruf-auf-prof-dr-ruediger-vom-bruch-1944-2017). Er war ferner Begründer und Herausgeber des Jahrbuchs für Universitätsgeschichte (seit 1998) und Mitherausgeber der seit 2001 erscheinenden Schriftenreihe „Pallas Athene. Beiträge zur Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte“.

Mit dem unerwarteten Tod von Rüdiger vom Bruch hat die deutsche Geschichtswissenschaft und hier besonders die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte einen schmerzlichen Verlust erfahren. Sie verliert einen leidenschaftlichen Historiker, einen liebenswürdigen, jederzeit hilfsbereiten Kollegen und einen begeisternden akademischen Lehrer, dem die gemeinsame Arbeit mit seinen Studierenden und Promovierenden Lebensinhalt war.

Wolfgang U. Eckart, Heidelberg, und Margit Szöllösi-Janze, München

Kontakt

Wolfgang U. Eckart, Heidelberg
wolfgang.eckart@urz.uni-heidelberg.de

Zitation
Prof. Dr. Rüdiger vom Bruch (19. Dezember 1944 – 20. Juni 2017). Ein Nachruf, in: H-Soz-Kult, 02.07.2017, <www.hsozkult.de/news/id/nachrichten-4213>.
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Veröffentlicht am
02.07.2017
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