Sammelrezension: A. Kappeler: Russische Geschichte

Hoffmann, Peter; Kölm, Lothar: Einführung in Literatur, Quellen und Hilfsmittel. Stuttgart : Anton Hiersemann 2004 ISBN 3-777-20408-0, 340 S. € 69,00.

Nolte, Hans-Heinrich: Kleine Geschichte Rußlands. Stuttgart : Reclam 2003 ISBN 3-150-10541-2, 544 S. € 19,90.

Bohn, Thomas; Neutatz, Dietmar; Roth, Harald (Hrsg.): Studienhandbuch Östliches Europa Bd. 2. Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion. Köln : Böhlau Verlag Köln 2002 ISBN 3-412-14098-8, 539 S. € 25,50.

Kappeler, Andreas: Russische Geschichte. München : C.H. Beck Verlag 2005 ISBN 3-406-47076-9, 112 S. € 7,90.

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Alexander M. Martin, Department of History, University of Notre Dame (Indiana, USA)

Laut Fernand Braudel entfalten sich gewisse historische Prozesse nur in der “longue durée”. Dasselbe ließe sich auch von der Einführungsliteratur in die Geschichte behaupten. Als ich vor einer halben Ewigkeit (wie es mir heute vorkommt) in Amerika mit dem Studium der russischen Geschichte anfing, war Nicholas V. Riasanovskys ‚A History of Russia’ — damals bereits fast zwanzig Jahre alt — meine Bibel. Inzwischen ist ein weiteres Vierteljahrhundert verflossen, doch meine Studenten lesen immer noch fleißig Riasanovsky, obgleich unser Forschungsobjekt, nämlich die Sowjetunion, sich inzwischen (wie jemand von der DDR gesagt hat) von einem Ort in eine Zeit verwandelt hat. Von einem Konsens darüber, wie die russisch-sowjetische Geschichte zu verstehen sei, scheinen wir allerdings noch weit entfernt zu sein. Stattdessen zeugen die hier zu besprechenden Bücher davon, dass die historische Landschaft weiterhin vom Spannungsverhältnis der Generationen und der alten West-Ost-Gegensätze geprägt ist.

West und Ost

Die Arbeiten Noltes und Hoffmanns sind vom Genre her eigentlich sehr unterschiedlich. Das einzig “kleine” an der ‚Kleinen Geschichte Rußlands’ des westdeutschen Historikers Hans-Heinrich Nolte (geb. 1938) ist das Taschenbuchformat; ansonsten ist es eine ausführliche, 300 Seiten lange Geschichte Russlands ab 1917, der eine halb so lange Abhandlung über die vorangegangenen tausend Jahre vorgeschoben ist. Da für den allgemeinen Leser bestimmt, ist das Buch handlich und billig. Hoffmann bietet dagegen, wie der Titel seines Buchs besagt, eine ‚Einführung in Literatur, Quellen und Hilfsmittel’ zur russischen Geschichte; das Buch ist für den Spezialisten und wohl in erster Linie für wissenschaftliche Bibliotheken gedacht und ist dementsprechend großgedruckt, solide gebunden und teuer.

Bei Nolte findet man die Leistungen der westdeutschen Historie seiner Generation wieder, gleichermaßen in der wissenschaftlichen Substanz und in Ton und Werturteilen. Nichtrussische Nationalitäten spielen in seiner Darstellung eine ebenso untergeordnete Rolle wie außereuropäische Kulturen, etwa die Nomadenvölker der Steppe. Dafür aber werden Volk und Staat der Großrussen systematisch in einen europäischen Kontext eingebettet, dessen Darstellung sich an den großen historiographischen Konzepten der westlichen Nachkriegszeit orientiert — Sozialdisziplinierung, Konfessionalisierung, Zentrum-Peripherie, Alltagsgeschichte, Geschlechterrollen, usw. Wer Nolte aufmerksam liest, lernt wirklich Russland im allgemeineuropäischen Zusammenhang verstehen.

Das “östliche” Pendant Noltes ist der ostdeutsche Historiker Peter Hoffmann (geb. 1924). Dessen Text ist 2004 im Druck erschienen, war aber bereits 1996 weitgehend abgeschlossen (S. XII). Er hätte mit Änderungen auch 1986 oder 1976 erscheinen können, enthält er doch den von marxistisch-leninistischer Orthodoxie befreiten Kern der DDR-Geschichtsschreibung. Deren Stärken wie Schwächen beruhten auf der Bindung an die sowjetrussische Wissenschaft, die gründlich mit Fakten und Quellen gearbeitet, auf theoretischem Gebiet dagegen wenig Interessantes geleistet hat.

Hoffmann behandelt breite Themen wie Rechts- oder Militärgeschichte und teilt praktische Kenntnisse über die Arbeit mit Quellen und in russischen Archiven und Bibliotheken mit. Er verfügt über beeindruckende Kenntnisse der sowjetischen Fachliteratur, und hat sicher recht, wenn er die Klage eines russischen Historikers zitiert: “Leider wird leichtfertig all das weggeworfen, was von der sowjetischen Geschichtswissenschaft geleistet worden ist” (S. 59). Es ist ein Verdienst, den Leser an die vielen sowjetischen Arbeiten zu erinnern, die trotz Lenin-Zitaten ihren Wert nicht verloren haben. Außerdem teilt er mit der sowjetischen Historie eine gründliche Kenntnis von Quellen und Fakten. Wer etwa wissen möchte, wie altrussische Maßeinheiten zu interpretieren sind oder was die Jahreszahlen in mittelalterlichen Kalendern bedeuten, wird diesem Buch Nützliches entnehmen.

Alt und Neu

Wer sich mit heute aktuellen Themen der Forschung befassen möchte, wird von Hoffmanns Buch allerdings enttäuscht sein. Dieser Befund betrifft zunächst die Literatur, in die das Buch ja schließlich eine Einführung bilden soll. In der Werbung des Verlags heißt es, “schwerpunktmäßig” werde “Literatur in deutscher und in russischer Sprache angegeben, englisch- und französischsprachige Titel” seien “in repräsentativer Auswahl einbezogen”. Es wird jedoch die englische Literatur nur beiläufig, und die in anderen Sprachen (wie in allen hier besprochenen Büchern) fast gar nicht erwähnt; im Mittelpunkt steht eben die sowjetrussische, mit nur wenigen Hinweisen selbst auf vorrevolutionäre russische Texte.

Infolge dieser Einseitigkeit führt Hoffmann auch die Forschungsansätze der Sowjethistorie fort, die ihrerseits in der Tradition der vorrevolutionären Historiographie stand. Unter “Militärgeschichte” etwa werden Uniformen, Rangabzeichen und Biographien großer Feldherren besprochen, dagegen nicht das Problemfeld “Krieg und Gesellschaft”. Der Abschnitt “Autobiographien” geht auf Schriftsteller, Künstler, Militärs, Politiker und Historiker ein, doch nicht auf Frauen, Bauern, Priester, Soldaten, Kaufleute oder sonstige “einfache” Menschen. Überhaupt werden die gedruckten Quellen aus dem 19. Jahrhundert selten direkt vorgestellt, sondern nur über die Vermittlung durch die sowjetische Wissenschaft. Wer sich für nicht- oder postsowjetische Forschungsrichtungen interessiert — Alltag, Geschlechterrollen, Mentalitäten — wird hier wenig finden.

Der Unterschied zu Nolte ist frappierend, da dieser eben auf alle diese Themen eingeht. Manchmal wirkt dies etwas künstlich und formalistisch. So enthalten beispielsweise viele Kapitel kurze biographische Skizzen interessanter Persönlichkeiten. Als erstem begegnet der Leser auf diese Weise Alexander Newski (S. 42), ohne dass jedoch erklärt würde, warum ausgerechnet dieser Figur eine knappe Seite gewidmet wird; ähnlich verhält es sich mit dem kurzen biographischen Absatz über den Metropoliten Filip aus dem 16. Jahrhundert (S. 62). In den Kapiteln über spätere Jahrhunderte wirkt diese Methode jedoch erheblich überzeugender, etwa, wenn Nolte nebeneinander das Leben des Schweizer Exilkommunisten Fritz Platten und der Dichterin Anna Achmatowa schildert (S. 241-243). Auch das Leben der von Hoffmann vernachlässigten “einfachen” Leute wird thematisiert, wenn etwa von den Essgewohnheiten russischer Bauern oder der Doppelbelastung sowjetischer Frauen in Betrieb und Haushalt die Rede ist. Selbst der sowjetische Alltag, Hoffmann doch sicherlich bestens bekannt, kommt bei Nolte viel stärker zum Tragen, z.B. wenn dieser die niedrige Qualität sowjetischer Baumethoden mit Russlands langfristiger Rückständigkeit gegenüber Europa in Verbindung bringt (S. 454).

Diese Aspekte — die Einbettung in den außerrussischen Kontext und die Offenheit für kreative Forschungsansätze — bieten in noch stärkerem Maße die 38 Mitarbeiter (zumeist westdeutsche Historiker der Jahrgänge nach 1955) des ‚Studienhandbuchs Östliches Europa’, dessen wesentliche Thesen sich im Kurzformat auch in Andreas Kappelers ‚Russischer Geschichte’ wiederfinden.

Beide Bücher weisen eine ähnliche Struktur auf — zuerst kommen die “Grundlagen” (z.B. Geographie), sodann der Überblick über die politische Geschichte, und dann einzelne “Problemfelder”. Im ‚Studienhandbuch’ folgen im Anschluss noch zwei lange Abschnitte über “Großregionen” und “Nationalitäten, Minderheiten, Gruppen”, während bei Kappeler — dessen internationales Renommee sich doch in erheblichem Maße auf seinem Buch ‚Rußland als Vielvölkerreich’ gründet — der regionale und ethnische Aspekt weitgehend fehlt.

Ziel des ‚Studienhandbuchs’ ist es, das monolithische Russlandbild aufzubrechen, das bei Hoffmann lebendig bleibt und von dem bei Nolte die Privilegierung der großrussischen Thematik zeugt. In 58 Kapiteln wird eine breitgefächerte Auswahl an Themen vorgestellt, meist mit begriffsgeschichtlicher und historiographischer Einführung, einem Überblick über die Geschichte selbst und Vorschlägen für zukünftige Forschung, dazu eine kurze Chronologie und Bibliographie und das Ganze zumeist in acht bis dreizehn Seiten pro Kapitel. Marginalisierte Gruppen — Unterschichten, Frauen, Minderheiten — sollen besprochen und regionale Aspekte berücksichtigt werden, und Russland soll außerdem in die Geschichte des nordatlantischen Raums einbezogen werden. Ein ehrgeiziges Unterfangen also, dessen Erfolg je nach Kapitel unterschiedlich ausfällt.

In manchen Abschnitten gelingt es auf überzeugende Weise, Russland in die “westliche” Geschichte zu integrieren. Im Kapitel “Kolonisation”, zum Beispiel, verbindet Guido Hausmann die russische Expansion mit dem mittelalterlichen europäischen Landesausbau, der amerikanischen “Frontier” und dem Kolonialismus. Beate Fieseler vergleicht im Kapitel “Geschlechter, Familie” die Stellung der Frau in Russland und Westeuropa, und in “Sibirien” zieht Eva-Maria Stolberg Nordamerika zum Vergleich heran. Kappeler unternimmt ähnlich hilfreiche Vergleiche mit der Geschichte Westeuropas, etwa auf dem Gebiet der Stadt-, Geschlechter-, Wirtschafts-, Kultur- oder Religionsgeschichte. In anderen Kapiteln des Studenhandbuchs bleiben hingegen selbst naheliegende Vergleiche mit Europa weitgehend aus, etwa in den Kapiteln “Nationalität” (Andreas Renner) oder “Religionen, Kirchen” (Thomas Bremer).

Die Kapitel zu Problemen, Nationalitäten, und Großregionen sind interessanterweise alphabetisch angeordnet (Altgläubige, Armenier, Balten, Deutsche...). Dies wirkt angenehm demokratisch, im Gegensatz zum Verfahren Hoffmanns und Noltes, die immer die Großrussen in den Mittelpunkt stellen. Egalitarismus fordert jedoch seinen Preis: wie bei den Vereinten Nationen werden ungeachtet ihrer relativen Bedeutung alle gleichbehandelt. So kommt es, dass den — wie die Sowjets zu sagen pflegten — “kleinen Völkern” des Nordens immerhin vier Kapitel gewidmet sind, den ungleich zahlreicheren und historisch bedeutsameren Ostslaven und Polen dagegen nur zwei. Ebenso bekommt jede “Großregion”, egal wie bedeutend, ein Kapitel: Für die einander recht ähnlichen Regionen Nordrussland, Ural, Wolgaregion, und Zentrales Schwarzerdegebiet gibt es also vier Kapitel, für die außerordentlich komplexen Gebiete Kaukasien und Mittelasien dagegen nur je eins. Ein Thema wie “St. Petersburg” wird als solches überhaupt nicht besprochen, wohl weil es formal nicht in die Kategorie “Großregion” passt.

Die Hauptschwäche des ‚Studienhandbuchs’ liegt also in einem gewissen strukturellen Formalismus. Außerdem können natürlich nicht alle Kapitel allen Erwartungen gerecht werden — so konzentriert sich etwa Thomas Bohn im Kapitel “Demographie, Bevölkerungsverteilung” überwiegend auf die Zeit ab 1897, und Andreas Helmedach bleibt im Kapitel “Technik, Verkehr, Umwelt” gerade einmal knapp eine Seite für das Problem “Umweltgeschichte”. Es ließe sich noch so manches bemängeln, was in diesem Buch zu kurz gekommen sein mag — wie Hoffmann dies auch wiederholt tut (S. 19-20, 99, 112, 119) — doch stellt das ‚Studienhandbuch’ insgesamt einen beachtenswerten Versuch dar, zu einer Vielfalt oft wenig bekannter Themen wenigstens eine erste Übersicht und Anstöße zur Forschung zu liefern.

Werturteile zweier Generationen

Von der wissenschaftlichen Fragestellung her stehen Nolte und das Studienhandbuch unmissverständlich auf einer Seite der Barrikade und Hoffmann auf der anderen. Ihr Ton verrät jedoch, dass der Standpunkt der Autoren nicht nur vom Kalten Krieg, sondern auch von unterschiedlichen Generationserfahrungen bestimmt ist.

Nolte hat mit Kappeler und den jüngeren Kollegen vom Studienhandbuch zwar eine deutlich UdSSR-kritische Haltung gemeinsam, doch ist seine Denkweise, im Gegensatz zum ihrigen, stark vom Kindheitserlebnis des Zweiten Weltkriegs beeinflusst. Nur hier erlaubt er sich, von persönlichen Erinnerungen — etwa an die Kinderliebe und die Gräueltaten, die er gleichzeitig von sowjetischen Soldaten erlebte — zu erzählen, wobei der sonst sachliche Ton emotional und mitunter fast lyrisch wird (S. 266). Nolte schreibt bewusst als Deutscher, den die NS-Verbrechen empören und beschämen. Hitlers Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion wird mit schauderhaften Zitaten und Statistiken geschildert, und man spürt den Zorn über die barbarische Irrationalität etwa der Ermordung der sowjetischen Juden, deren kulturelle Verwandtschaft zu Deutschland er hervorhebt (S. 258). Darüber hinaus betont er jedoch auch die Gewaltbereitschaft als gemeinsames Merkmal der zivilisatorisch rückschrittlichen Regime Hitlers und Stalins; aus der Abscheu gegen das “Dritte Reich” erwächst also keinerlei Sympathie für den Stalinismus.

Hoffmann teilt das Bedürfnis, sich vom Schatten Hitlers zu befreien, doch geht es ihm um die Apologie sozialistischer Geschichtswissenschaft. Daher lassen ihn Probleme wie der Antisemitismus, die Nolte aus westlicher Nachkriegsperspektive in den Mittelpunkt rückt, eher kalt; wie wäre sonst zu erklären, dass er dem Leser ausgerechnet das umstrittene und keineswegs wissenschaftliche Buch Alexander Solschenizyns ‚“Zweihundert Jahre zusammen”: Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916’ empfiehlt (S. 112)?

Im Studienhandbuch schließlich spielen der Zweite Weltkrieg und die Schoah kaum noch eine zentrale Rolle. Verena Dohrn erwähnt in ihrem vier Seiten langen Kapitel über die Juden Russlands den Holocaust gerade einmal (S. 391); Rainer Lindners Kapitel “Weißrußland” widmet der fürchterlichen deutschen Besatzung nur vier Sätze (S. 338, 340), und in Karin Boeckhs Kapitel “Ukraine” sind es noch weniger (S. 324-325). Im Gegensatz dazu steht etwa das moralische Pathos, mit dem Eva-Maria Stolberg die Zerstörung der Lebenswelt der “kleinen Völker” des Nordens und Sibiriens beschreibt. Der Zweite Weltkrieg, wohl das bestimmende Erlebnis der älteren Generation, geht nach und nach in der “longue durée” einer Geschichte auf, die sich mit Beginn des 21. Jahrhunderts vor neue Probleme gestellt sieht.

Zitation
Alexander M. Martin: Rezension zu: Hoffmann, Peter; Kölm, Lothar: Einführung in Literatur, Quellen und Hilfsmittel. Stuttgart 2004 / Nolte, Hans-Heinrich: Kleine Geschichte Rußlands. Stuttgart 2003 / Bohn, Thomas; Neutatz, Dietmar; Roth, Harald (Hrsg.): Studienhandbuch Östliches Europa Bd. 2. Geschichte des Russischen Reiches und der Sowjetunion. Köln 2002 / Kappeler, Andreas: Russische Geschichte. München 2005 , in: H-Soz-Kult, 25.05.2007, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-7492>.
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25.05.2007
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