Sammelrezension: Präsentationen aller vier Bilderhandschriften des Sachsenspiegels online

Rezensiert für H-Soz-Kult von
Wieland Carls, Arbeitsstelle: "Das sächsisch-magdeburgische Recht als Bindeglied zwischen den Rechtsordnungen Mittel- und Osteuropas", Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig

Im Folgenden werden die vier überlieferten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels (aus Wolfenbüttel, Oldenburg, Heidelberg, Dresden) vorgestellt, die seit diesem Jahr komplett im Rahmen unterschiedlicher Digitalisierungsprojekte im Netz zur Verfügung stehen. Die einzelnen Präsentationen versuchen zum Teil unterschiedlichen Ansprüchen gerecht zu werden, so dass ein direkter Vergleich nicht immer möglich ist. Alle hier vorgestellten Digitalisierungen lassen sich mit den meisten gängigen aktuellen Browsern darstellen.[1]

Wolfenbütteler Sachsenspiegel – Signatur: Cod. Guelf. 3.1 Aug. 2
<http://www.sachsenspiegel-online.de/cms/>[2]

Die Wolfenbütteler Ausgabe des Sachsenspiegels wurde 2004 als Gemeinschaftsprojekt der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und der Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel online gestellt. Ziel des Projektes war es, neben der digitalen und multimedial aufgearbeiteten Bereitstellung der Handschrift auch die Weiterentwicklung von Werkzeugen zur Präsentation historischen Kulturguts in digitalen Medien. Der eigens für dieses Projekt entwickelten METEOR-Browser benötigt Java. Über Hilfe sind Hinweise zur Benutzung abrufbar. Der Navigationsbereich am linken Rand bietet die Hauptgliederungspunkte Applikation, Index, Volltextsuche sowie etwas abgesetzt Informationen zum Projekt Sachsenspiegel_online. Der Projekt-Browser öffnet sich in einem neuen Fenster und bietet neben dem Blättern in den digitalisierten Seiten der Handschrift die Möglichkeit, Informationen zum jeweils angezeigten Blatt zu erhalten. Die für die aktuelle Ansicht vergebenen Schlagworte lassen sich über den gleichnamigen Menüpunkt einsehen. Schlagworte wurden nach den Kategorien Beschreibung, Handlung, Ort, Person, Sache und Zeit vergeben. Leider sind im Projekt-Browser nur Abkürzungen in Form der Initiale verwendet worden, die nicht an selber Stelle, sondern im Navigationsbereich der Hauptseite erläutert werden. Auch die Systematik der Schlagwortvergabe ist nicht immer nachvollziehbar.

Durch Klicken auf eines der Schlagworte wird die betreffende Stelle auf der digitalisierten Seite mit einer weiß-roten Linie eingerahmt. Die Bezeichnungen sind nicht immer glücklich. So werden mit Textlücke alle Stellen benannt, an denen ergänzend oder korrigierend eingegriffen wurde. Transkription und Übersetzung werden immer wieder ausgeblendet, wenn die Schlagworte angezeigt werden, so dass zur Orientierung nur die digitalisierte Handschrift zur Verfügung steht. Eine Text-Bildverknüpfung, die es ermöglichen würde, Bereiche im Text und in den Bildern direkt miteinander zu verbinden, wäre hier wünschenswert. Eine Druckfunktion aus dem Projekt-Browser heraus ist nicht vorgesehen, kann aber über Strg-P aufgerufen werden. Allerdings fehlt ein entsprechendes Stylesheet, das die Druckausgabe optimieren würde.
Bei Sachsenspiegel_online handelt es sich um die älteste der vier Online-Präsentationen und dies ist bei der Handhabung auch spürbar.[3] So ist es nicht möglich, bei der Volltextsuche mit Umlauten und dem Eszett zu arbeiten, was nicht immer über Trunkierungszeichen zu umgehen ist. Auch bei Suche mit Wortteilen werden Platzhalter nicht unterstützt. Bei erfolgreicher Suche werden die Treffer mit Links aufgelistet, über die sich die betreffende Seite in einem neuen Fenster öffnen lässt. Über die Hilfe erfährt man, dass bei der Volltextsuche im Sachsenspiegeltext sowohl in der Transkription als auch in der Übersetzung gesucht wird. Dieser Hinweis wäre im Suchfenster gut unterzubringen gewesen.

Oldenburger Sachsenspiegel – Signatur: CIM I 410
<http://digital.lb-oldenburg.de/ssp/nav/classification/137692>
<urn:nbn:de:gbv:45:1-3571>

Die Online-Ausgabe der Oldenburger Handschrift des Sachsenspiegels steht erst seit diesem Jahr zur Verfügung. Die Präsentation erfolgt im Rahmen des Portals der Landesbibliothek Oldenburg in der Rubrik Landesbibliothek Oldenburg digital.[4] Neben dem Sachsenspiegel wird hier auch die Sammlung Brandes, „eine charakteristische Auswahl von rund 300 Bänden aus der Privatbibliothek des Hannoveraner Beamten Georg Friedrich Brandes (1719–1791)“[5], dargeboten. Anders als beim Wolfenbütteler Projekt beschränkt man sich in Oldenburg auf die Wiedergabe der digitalisierten Handschrift ohne weitere Kommentare, Transkription oder Übersetzung. Allerdings wird die Edition dieser Handschrift durch August Lübben in digitaler Form geboten.[6] Außerdem gibt es eine Beschreibung, einige Ausführungen zur Geschichte sowie Literaturangaben zur Handschrift.

Das Angebot auf der Seite Landesbibliothek Oldenburg digital ist übersichtlich strukturiert. Von der Startseite aus kann man Links mit Namen Beschreibung, Geschichte, Textausgabe von 1879 und Literatur aufrufen. Folgt man ihnen, kommt man häufig nur über die Zurück-Taste des Browsers wieder zur Startseite der digitalisierten Bilderhandschrift.
Zum digitalisierten Text gelangt man über einen Klick auf einen der Links unter der Überschrift Der Oldenburger Sachsenspiegel digital. Die zur Auswahl stehenden Abschnitte sind hier Vordeckel, Register, Landrecht, erstes Buch, Landrecht, zweites Buch, Landrecht, drittes Buch, Lehnrecht, erstes Buch, Lehnrecht, zweites Buch, Kolophon, Textlich hinter 131v gehöriger Nachtrag und Einband hinten. Von jedem dieser Einstiegspunkte lässt sich jede beliebige Stelle in der Handschrift unmittelbar erreichen – entweder wieder über die Auswahl eines bestimmten Abschnitts oder durch die direkte Wahl des Foliums. Ebenso ist das blattweise Vor- und Zurückblättern sowie das Springen zum Anfang und zum Ende der Handschrift möglich.

Die Darstellung kann skaliert, gedreht oder gezoomt werden. Die Navigation in der Zoomansicht ist gut gelungen, da ein Überblicksfenster eingeblendet werden kann, das die ganze Seite zeigt, auf der mit einem Rahmen der vergrößert dargestellte Bereich gekennzeichnet ist. Für jeden angezeigten Ausschnitt wird automatisch ein Permalink erzeugt, der eine eindeutige Adressierung ermöglicht. Alle digitalisierten Blätter des Sachsenspiegels können als Miniaturansicht ausgegeben und dann direkt ausgewählt werden. Der Link Inhaltsverzeichnis führt zu einer Übersicht der Kapitel, die entweder wieder direkt im Browser aufgerufen, als PDF dargestellt oder heruntergeladen werden können. Auf der Hauptseite finden sich auch Links zu den anderen drei digitalisierten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels. Der Link Sachsenspiegel ganz am Ende der Hauptseite, weist auf eine Seite mit der Titelaufnahme des Werks. Auf dieser Seite, die auch von der Navigationsseite der Digitalisate zu erreichen ist, gibt es die Möglichkeit, die ganze Handschrift als PDF zu speichern. Hier wie dort wäre ein Hinweis auf dieses Angebot hilfreich.

Heidelberger Sachsenspiegel – Signatur: Cod. Pal. germ. 164
<http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/cpg164/>
<urn:nbn:de:bsz:16-diglit-854>

Präsentiert wird diese Handschrift ebenfalls im Rahmen eines digitalen Portals, der Digitalen Bibliothek auf den Seiten der Universitätsbibliothek der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Die Startseite der Sachsenspiegelhandschrift bietet allgemeine Informationen zum Text sowie Links zur wissenschaftlichen Beschreibung der Handschrift, zur Sachsenspiegel-CD-ROM, die über das Verkaufsportal der Universität zu erwerben ist, zu weiterführender Literatur zu diesem Text und zu den anderen Digitalisaten der Bibliotheca Palatina (Bibliotheca Palatina – digital). Außerdem kann man einzelne Seiten der digitalisierten Bilderhandschrift direkt auswählen, zu bestimmten Stellen der Handschrift navigieren (Einband vorne, Anfang des Lehnrechts, Anfang des Landrechts, Von der Herren Geburt, Einband hinten) oder den gesamten Text über einen Link herunterladen. Die Seitennavigation lässt sich über einen Button auch auf Englisch darstellen.

Im Menü der Bildansicht stehen Buttons zum Vor- und Zurückblättern, zur Verkleinerung und Vergrößerung sowohl der Menüschrift als auch des Digitalisats sowie zum Drehen der Ansicht zur Verfügung. Neben der Ansicht einer einzelnen Seite kann durch die Handschrift gescrollt werden oder es lassen sich alle Seiten in einer Minitaturansicht zeigen. Das Druckersymbol löst einen Download der aktuellen Seite als PDF-Datei aus. Für jede aufgerufene Seite wird jeweils die persistente URL angegeben. Außerdem besteht die Möglichkeit über ein Warenkorbsymbol ein Reproduktionsauftragsformular herunterzuladen sowie Informationen über die rechtlichen Bestimmungen und ggf. die Kosten für die Verwendung des jeweiligen Werks zu erhalten. Die Ansicht mit dem DFG-Viewer[7] kann über einen Button ausgewählt werden.

Dresdner Sachsenspiegel – Signatur: Mscr. Dresd. M. 32
<http://digital.slub-dresden.de/id272362328>
<urn:nbn:de:bsz:14-db-id2723623282>

Die Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegels ist Teil des Portals Digitale Sammlungen der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB). Um Angaben zur Katalogisierung wie URL, URN, Katalognummern der SLUB usw. der Handschrift zu erhalten, muss eine kleine nach unten gerichtete Pfeilspitze in eckigen Klammern direkt unter dem Titel ausgewählt werden. Zur Navigation stehen auf der Startseite am linken Rand ein Menü zum Inhaltsverzeichnis (Einband (alt), Einband (neu), Bl. 1. Mainzer Reichslandfriede, Bl. 2 Register, [...]) und (bei den meisten Browsern) am rechten Rand zu einem sogenannten Werkzeugkasten, der als einziges „Werkzeug“ einen PDF-Download bietet, zur Verfügung. Oberhalb von dem Fenster, in dem das Digitalisat gezeigt wird, kann eine bestimmte Seite ausgewählt oder aber vor- und rückwärts durch den Text – entweder seitenweise oder in Fünf-Seiten-Sprüngen – geblättert bzw. zum Anfang oder Ende gesprungen werden. Aber auch die direkte Auswahl eines Foliums ist möglich. Um zur Startansicht zurück zu gelangen, muss auf die als Link ausgelegte und rot geschriebene Überschrift der Seite geklickt werden.

Das jeweils gezeigte Bild kann über eine Zoom-Skala vergrößert und verkleinert werden. Für die höchste Vergrößerungsstufe reicht die Auflösung der Digitalisate allerdings nicht aus: etwa bei der Hälfte lässt die Qualität merklich nach. Details sind bereits bei dieser Vergrößerung gut zu erkennen. Ein Weiterblättern schaltet automatisch den Zoom wieder auf null. Die zum Download zur Verfügung stehende PDF-Datei wird bereits bei einer Vergrößerung jenseits von 100 Prozent pixelig.

Die übergeordnete Navigation kann mit einem Button auf Englisch umgestellt werden. Der Inhalt der Seiten mit dem Sachsenspiegel ist nicht übersetzt. Weitere Informationen zum Text finden sich nur, wenn man nicht direkt die Seite mit dem Digitalisat, sondern die Adresse aus der digitalen Sammlung heraus aufruft. Dort sind allgemeine Angaben zum Rechtsbuch, seinem Inhalt und seiner Überlieferung und Wirkung in Europa ebenso versammelt wie Links auf die anderen digitalisierten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels, weitergehende Informationen zur Dresdener Handschrift, ihrer Restaurierung zu den Faksimile- und Kommentarbänden sowie Literaturhinweise.

Resümee
Es ist zu begrüßen, dass nun alle vier Bilderhandschriften des Sachsenspiegels digital online zur Verfügung stehen. Sie erfüllen eine wichtige Aufgabe: Abgesehen von der konservatorischen Notwendigkeit, diese kostbaren handschriftlichen Zeugnisse der Buchkunst vor allzu häufigem Zugriff zu schützen, erlauben sie es weltweit jedem Interessierten, Bild und Text in einer guten bis sehr guten Qualität zu betrachten und bei Bedarf textkritische Fragestellungen am „Original“ zu prüfen. Das Wolfenbütteler Projekt bietet als einziges eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Text und Bildern und stellt verschiedene Erschließungsmöglichkeiten bereit. Die Navigation ist jedoch nicht mehr auf dem Stand der Zeit. Außerdem fehlt hier wie auch beim Oldenburger Portal die Möglichkeit, wenigstens in eine weitere Sprache (zum Beispiel ins Englische) umzuschalten. Auf der Dresdner Seite wird zwar eine Umschaltfunktion ins Englische angeboten, allerdings ist nur das Hauptmenü übersetzt, so dass ein Wechsel der Sprache für die Navigation innerhalb einer Handschrift nicht möglich ist. Nur im Portal der Universitätsbibliothek Heidelberg ist das Digitalisat für die Darstellung im DFG-Viewer eingerichtet[9], was im Hinblick auf eine Standardisierung von wissenschaftlichen Inhalten im Netz auch für die anderen Projekte wünschenswert wäre.

Es liegt vielleicht in der Natur der Sache, dass sich Wünsche und Verbesserungsvorschläge vor allem dann einstellen, wenn bereits ein gutes Angebot vorhanden ist. So auch hier: Die höchst willkommene unkomplizierte Verfügbarkeit von Handschriften ließe sich in ihrem Wert noch erheblich steigern, wenn die Darbietung der Texte aufeinander abgestimmt wäre. Auch wenn die Navigation auf den jeweiligen Portalen den Nutzer nicht vor größere Probleme stellen sollte, gibt es bessere und weniger gute Lösungen. Die Einbindung der vier digitalisierten Bilderhandschriften des Sachsenspiegels in ein gemeinsames optimiertes Portal wäre sicher eine Hilfe. Dann ließen sich wohl auch Darstellungen realisieren, die eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Text erleichtern würden: Einzelne Text- und/oder Bildstellen könnten mit einer oder mehreren der drei anderen Handschriften in einer synoptisch dargestellt, Transkription und Übersetzung zu den jeweiligen Passagen nach Wunsch eingeblendet werden und Verlinkungen zu den im Deutschen Rechtswörterbuch[10] erfassten Begriffen sowie ggf. zu entsprechenden Stellen im Portal Mittelhochdeutsche Wörterbücher im Verbund[11] wären denkbar. Eine darüber hinausgehende Kommentierung – nicht nur der Bilder –, wie es im Wolfenbütteler Projekt begonnen wurde, wäre ebenfalls zu begrüßen.

Anmerkungen:
[1] Getestet wurden Firefox 12.0, SeaMonkey 2.9.1, Internet Explorer 8, Safari 5.1.5 – jeweils nur in der PC-Version. Safari kann das Digitalisat im Projekt-Browser der Wolfenbütteler Anwendung nicht öffnen.
[2] Letztes Abfragedatum dieser und der folgenden Internetadressen: 17.12.2012.
[3] Der Abschluss des Projekts war im Juli 2004 (<http://www.hab.de/bibliothek/wdb/sachsenspiegel.htm>); eine Überarbeitung ist nach Auskunft von Thomas Stäcker, stellvertretender Direktor der Herzog-August-Bibliothek, geplant.
[4] <http://digital.lb-oldenburg.de>.
[5] <http://digital.lb-oldenburg.de/sb/nav/classification/137686>.
[6] Eike von Repgow, Der Sachsenspiegel. Landrecht und Lehnrecht. Nach dem Oldenburger Codex picturatus von 1336, hrsg. von August Lübben, mit Abb. in Lithogr. und einem Vorw. zu denselben von F. von Alten, Oldenburg 1879.
[7] <http://dfg-viewer.de/>.
[8] <http://www.slub-dresden.de/sammlungen/handschriften/sachsenspiegel/>.
[9] Immerhin gehören die Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel und die Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden auch zu den Projektpartnern des DFG-Viewers.
[10] <http://drw-www.adw.uni-heidelberg.de/drw/>.
[11] <http://mwv.uni-trier.de/Projekte/MWV>.

Zitation
Wieland Carls: Rezension zu: Herzog August Bibliothek: Wolfenbüttel, DE <http://www.hab.de/> (Hrsg.): Sachsenspiegel online. / Oldenburger Sachsenspiegel von 1336. / Heidelberger Sachsenspiegel. / Die Dresdner Bilderhandschrift des Sachsenspiegels. , in: H-Soz-Kult, 22.12.2012, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-166>.
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22.12.2012
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