50 Klassiker der Soziologie

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Titel
50 Klassiker der Soziologie.


Hrsg. v.
Müller, Reinhard <r.mueller@chello.at>
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Uwe Barrelmeyer, Widukind Gymnasium Enger

Auch für soziologische Klassiker gilt, dass die Zuerkennung des Klassiker-Status eine Zurechnung ex post ist. Die Intensität der fachwissenschaftlichen Rezeption ist hierfür von entscheidender Bedeutung. Diese lässt sich zunächst wissenschaftssoziologisch an der außergewöhnlich hohen Zahl von Zitationen ablesen, die Arbeiten von Klassikern auf sich vereinigen.[1] Darüber hinaus ist für eine inhaltlich qualifizierte Rezeption zwischen der Rezeption der Problemstellungen des soziologischen Klassikers sowie der argumentativ ungleich schwerer einzulösenden Übernahme von dessen Problemlösungen zu unterscheiden.[2] Die Werke der soziologischen Klassiker besitzen in diesen Hinsichten, sofern man der von der soziologischen Profession unverändert geteilten Interpretationsmaxime Dirk Käslers folgen möchte [3], die doppelte Eigenschaft des auf ihre Zeit Bezogenseins und des über sie Hinausweisens. Dadurch erklärt sich, so Käsler, auch deren unverändert beunruhigende Kraft.

Dieser Auffassung folgen auch die im Auftrag des „Archivs für Geschichte der Soziologie in Österreich“ (AGSÖ) am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz bestellten Herausgeber des Internetlexikons „50 Klassiker der Soziologie“. Die Herausgeber übernehmen Käslers Klassikerdefinition, gemäß der ein soziologischer Klassiker Relevanz habe für die Weiterentwicklung soziologischer Theorie, die Wiederentdeckung eines wichtigen Problembereichs sowie die Entdeckung einer neuen Methode zu dessen Erforschung.[4] Diese Relevanz müsse glaubhaft gemacht werden für die damalige, für die heutige und für die vorstellbare zukünftige wissenschaftliche Soziologie. Die gewünschte Verbindlichkeit für die Auswahl der im Internetlexikon versammelten Klassiker ist nach Auffassung der Herausgeber dadurch gegeben, dass der ausgewählte Personenkreis aus den prominenten soziologischen Lehrwerken eines Lewis A. Coser (1977), Dirk Käsler (1999) sowie George Ritzer (2000) übernommen wurde.[5] Aus diesen drei „Basiswerken“ hätten nur jene Personen Aufnahme gefunden, denen in den genannten Lehrwerken ein eigenes Kapitel gewidmet worden wäre. Dies trifft beispielsweise auf so unterschiedliche Autoren wie Theodor W. Adorno, Raymond Aron, Jean Baudrillard, Norbert Elias, Erving Goffman, George Caspar Homans, Karl Marx, Robert K. Merton, Helmut Schelsky oder Thorstein B. Veblen zu. Auf die Aufnahme einiger nur am Rande behandelter Soziologen habe man bewusst verzichtet und ergänzend noch einige bekannte Soziologinnen in den Klassikerkreis aufgenommen (Jane Addams, Marie Jahoda, Harriet Martineau, Alva Myrdal und Beatrice Webb).

In fachlicher Hinsicht verbinden die Herausgeber mit dem Internetlexikon die Absicht, Lernenden und Lehrenden des Hochschulbereichs schnell und zuverlässig Informationen über dieses klassische Wissensfeld der Allgemeinen Soziologie anzubieten. Dabei wird unter der Rubrik „Biografie“ jeweils ein knapper chronologischer Überblick über die Lebensgeschichte der betreffenden Person gegeben. Die Rubrik „Bibliografie“ zielt auf eine vollständige Erfassung der selbständigen Publikationen sowie der Herausgeberschaften der jeweiligen Klassiker. Von den Herausgebern werden dabei nur Erst- und Werkausgaben sowie ausgewählte Sammelbände berücksichtigt. Übersetzungen sind außer Acht gelassen worden. Unter der Rubrik „Nachlass“ werden Informationen zum Standort des Nachlasses der jeweils ausgewählten Person gegeben, ergänzt um Verweise auf Kontaktmöglichkeiten, Beschreibungen der Nachlässe sowie Hinweise auf andere personenbezogene Ressourcen (Museen und Gedenkeinrichtungen zu einzelnen Klassikern sowie zugängliche Internettexte). Während die unter diesen drei Rubriken bereitgestellten Informationen auf Eigenrecherchen der Herausgeber beruhen, steht die Serviceleistung „Links“ nicht in der rechtlichen Verantwortung der Lexikonherausgeber. Gleichwohl verweisen die Herausgeber nachdrücklich darauf, dass nur Websites aufgenommen worden seien, die den wissenschaftlichen Standards genügend. Die Rubrik „Feedback“ verweist auf den Status des Lexikons als „Work in Progress“ und bietet den Nutzern die Möglichkeit, den Lexikonherausgebern per E-Mail Korrekturen und weiterführende Hinweise zukommen zu lassen.

Im Hinblick auf die technische Realisierung, Gestaltung und Inhalt der Sites ist es nach Aussage der mit der technischen Gestaltung beauftragten Agentur für neue Medien „wukonig.com“ das übergreifende Ziel des Lexikons, eine aktuelle und internetgerechte Präsentation der „50 bedeutendsten Persönlichkeiten der Soziologiegeschichte“ zu erstellen.[6]. Diese Zielsetzung darf aus Benutzersicht insgesamt als erfüllt betrachtet werden. Dies lässt sich beispielhaft bereits am übersichtlichen Aufbau der Startseite zeigen: Das zentral auf der Seite positionierte Navigationsmenu erschließt sich dem Nutzer auf den ersten Blick problemlos mittels der Übersichtsdimensionen Nationalitäten, Chronologie, alphabetische Ordnung, Institutionen/Archive sowie Basiswerke. Die Dimensionsbezeichnungen werden zudem benutzerfreundlich jeweils durch kurze Texthinweise erläutert. Auf der rechten Seite findet sich eine vertikal verlaufende Zugriffsleiste mit einer alphabetisch geordneten Liste der erfassten Personen, ergänzt um eine weitere, in vier Zeitabschnitte gegliederte Zugriffsleiste (1750-1799, 1800-1849, 1850-1899, 1900-1950). Damit wird den Nutzern alternativ zum Navigationsmenu ein unmittelbarer Zugriff auf einzelne soziologische Klassiker bzw. auf soziologiehistorisch besonders interessierende Epochenabschnitte ermöglicht. Mittels einer horizontal verlaufenden Kopfleiste können überdies wichtige Hintergrundinformationen über Konzeption und Aufbau des Lexikons sowie über Impressum und Ansprechpartner abgerufen werden. Auch alle weiteren zur Verfügung stehenden Seiten zeichnen sich ebenfalls durch klare Strukturen und einen übersichtlichen Aufbau aus. So sind beispielsweise die biografischen Informationen zu den einzelnen Klassikern systematisch und chronologisch in einer vertikal verlaufenden Informationsleiste auf der jeweiligen Seitenmitte zentriert. Auf der rechten Seite finden sich wiederum zwei nebeneinander vertikal ausgerichtete Zugriffsleisten (in Dekaden eingeteilte Zeitleiste, alphabetisch geordnete Liste der erfassten Personen). Die zwei auf der Seite zur Verfügung stehenden Navigationsmenus sind jeweils für die Benutzer übersichtlich am linken und rechteren oberen Seitenrand positioniert. Die bereits bekannte horizontal verlaufende Kopfzeile der Seite ermöglicht wiederum den Abruf wichtiger das Internetlexikon betreffender Hintergrundinformationen. Den Nutzern wird damit die nötige Orientierung für die weiterführende Arbeit mit dem Online-Lexikon gewährleistet. Angesichts dieser positiven Eindrücke im Hinblick auf die technische Realisierung und Gestaltung Websites erscheint es nicht überraschend, dass das Internetlexikon bereits mehrfach ausgezeichnet wurde (z.B. mit dem Österreichischen Staatspreis für Multimedia & e-Business 2003).

Während die Bewertung im Hinblick auf die technische Realisierung und Gestaltung des Internetlexikons insgesamt positiv ausfällt, ist in fachlicher Hinsicht insgesamt vorsichtiger zu urteilen. Die Bewertung der für die Präsentation des Internetlexikons verantwortlichen Medienagentur „wukonig.com“, das Lexikon spanne in „superb kompakter Weise die ganze Gedankenwelt der modernen Sozialideen“ auf [7], darf sicherlich als übertriebene Marketingformel beiseite gelassen werden. Das Internetlexikon erschließt als schnell verfügbares Nachschlagewerk in verlässlicher Weise einen wohlbegründeten Ausschnitt aus der Gedankenwelt der modernen Sozialideen. Es bietet darüber hinaus Studierenden im Sinne einer ersten Grundorientierung instruktive Überblicksinformationen zu einem klassischen Wissensfeld der Allgemeinen Soziologie. Insofern ist das Internetlexikon als vorbereitende Einführung in die einschlägige fachwissenschaftliche Literatur (Lehr- und Handbücher sowie originäre Forschungsbeiträge) zu qualifizieren. Daher wäre es sehr wünschenswert, wenn die Herausgeber zukünftig auch eine Rubrik „Forschungsliteratur“ vorsähen, die eine repräsentative Auswahl einschlägiger Forschungsarbeiten beinhaltete.[8] Die unter der Rubrik „Links“ versammelten Websites bieten hierfür letztlich wegen der unübersehbaren Qualitätsunterschiede der einzelnen Web-Angebote sowie der fehlenden Kommentare der Herausgeber keinen zufriedenstellenden Ersatz. Eine mögliche Alternative läge für die Herausgeber zukünftig vielleicht darin, im Sinne einer forcierten fachwissenschaftlichen „Interaktivität“ einen systematischen Ausbau der Rubrik „Feedback“ zu überdenken und fachwissenschaftlich zu organisieren.

Anmerkungen:

[1] Als wichtige sozialwissenschaftliche Informationsträger sind etwa der Social Sciences Citation Index und der Arts & Humanities Citation Index zu nennen.
[2] Vgl. Luhmann, Niklas, Arbeitsteilung und Moral. Durkheims Theorie, in: Durkheim, Emile, Über soziale Arbeitsteilung. Studie über die Organisation höherer Gesellschaften. Frankfurt a.M. 1988. S. 21.
[3] Käsler, Dirk, Die frühe deutsche Soziologie 1909 bis 1934 und ihre Entstehungsmilieus, Opladen 1984. S. 321.
[4] Käsler, Dirk (Hrsg.): Klassiker der Soziologie. 2 Bände. München 1999.
[5] Neben dem bereits angeführten Sammelband Käslers: Coser, Lewis A., Masters of sociological thought. Forth Worth 1977. Ritzer, George (Ed.), The Blackwell companion to major social theorists. Oxford 2000.
[6]http://www.wukonig.com/main.php?mID=2&pID=1ID=1 (01.07.2005)
[7]http://www.wukonig.com/main.php?mID=2&pID=1ID=1 (01.07.2005)
[8] Als ein in dieser Hinsicht gelungenes Beispiel aus dem Bereich der konventionellen Medien siehe Pappke, Sven/Oesterdiekhoff, Georg W. (Hrsg.), Schlüsselwerke der Soziologie. Wiesbaden 2001.

Zitation
Uwe Barrelmeyer: Rezension zu: Müller, Reinhard <r.mueller@chello.at> (Hrsg.): 50 Klassiker der Soziologie. , in: H-Soz-Kult, 15.07.2005, <www.hsozkult.de/webreview/id/rezwww-93>.