Gendering Epistemologies

Gendering Epistemologies – Gender and Situated Knowledge: Perspectives from Central, Eastern and South-Eastern Europe

Organisatoren
Forschungsplattform Political Epistemologies of Central and Eastern Europe (Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa; Universität Erfurt; Masaryk-Institut und Archiv an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften; Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik; Universität Wien)
Ausrichter
Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa; Universität Erfurt; Masaryk-Institut und Archiv an der Tschechischen Akademie der Wissenschaften; Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik; Universität Wien
PLZ
117 20
Ort
Prag
Land
Czech Republic
Fand statt
In Präsenz
Vom - Bis
13.10.2022 - 15.10.2022
Von
Irene Salzmann, Philosophie, Universität Wien

In Zeiten „alternativer Fakten“ steht die Annahme von situiertem Wissen neuen Herausforderungen gegenüber. Feminist:innen verhandeln seit den 80ern die Doktrin wissenschaftlicher Objektivität unter dem Stichwort von „Situiertheit“ neu und fordern einen pluralistischen Zugang zu Wissen. Die zweite Frauenbewegung etablierte ein Verständnis von Standpunkten, von denen aus man in einen Dialog mit der Welt tritt, hingegen sie von einem „neutral gaze“ aus bloß zu entdecken. Der Fokus verlagerte sich damit einerseits auf die Subjekte der Wissensproduktion – die agency – mit ihren historischen, sozialen und politischen Bedingungen. Die Objekte der Betrachtung wurden andererseits ebenso wenig als „neutral" verstanden, sondern als eng mit den Agents verwoben. Objektivität zeigt sich demnach nur in der Reflexion des Standpunktes und bleibt somit fragmentarisch. Ließe sich ausgehend von der partiellen Perspektive auf Wissen fragen, ob gleichsam sogenannte „alternative Fakten“ als situiertes Wissen denkbar sind? Ist eine Behauptung, die außerhalb unseres Verständnisses von Wissenschaftlichkeit liegt „nur“ Resultat eines anderen Standpunktes? Gibt es dann noch einen Unterschied zwischen Meinung und Wissen?

Um diese Herausforderungen anzunehmen, ging die Konferenz aus von Donna Haraways Essay Situated Knowledge: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective (1988). Die Teilnehmer:innen sammelten in fünf Panels kultur-, sozial- und geschichtswissenschaftliche Beiträge zu der Verbindung von Geschlecht und Wissensproduktion und reflektierten das kritische Potential situierten Wissens heute. In drei Tagen fokussierten die Beiträge auf praxeologische Zugänge in Zentral-, Ost- und Süd-Ost-Europa im 20. und 21. Jahrhundert.

Die Konferenz wurde in Prag mit dem Film Screening Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival (USA 2017) eröffnet. Einblicke in das Leben und Denken Haraways veranschaulichten, wie Haraways These von der Situiertheit des Wissens selbst aus ihrem spezifischen Kontext innerhalb der zweiten Frauenbewegung zu erklären ist.

DUYGU ALTINOLUK (Kilis) argumentierte im Panel „Activism and Objectivity“ für das kritische Potential weiblicher Erfahrungen für den patriarchal geprägten Wissenschaftsbetrieb. Bisher wenig beachtete Aspekte könnten so einerseits neue Perspektiven eröffnen, andererseits sei dies ein aktivistischer Akt, da gleichsam verhandelt werde, was als „Wissen“ gelten darf.

ANNA EROSHENKO (Moskau) besprach die Möglichkeit unterdrücktes Wissen in bestehende hegemoniale Erzählungen zu implementieren. Konkretisiert wurde dies am Beispiel der trans-aktivistischen Gruppe „T-Action“ in Moskau. Diese sammeln Erfahrungen von Transpersonen im Beratungskontext und machen sie als geteilte Geschichte anderen Transpersonen zugänglich. Für eine Subjektwerdung außerhalb der naturalisierten binären Geschlechterkonzeption sei dies essentiell und zeige wie Aktivismus zur Wissensproduktion beiträgt.

Kontrastierend zu den beiden ersten Beiträgen bemühte sich ESZTER KOVÁTS (Budapest) um kritische Überlegungen des Zusammenhangs zwischen Aktivismus und Wissenschaftlichkeit und machte darauf aufmerksam, dass sich in den aktuellen Wissenschaftsdiskussionen ein „postkolonialer Universalismus“ herausbilde. Demnach fungierten Subjekte der Wissensproduktion nur mehr als Repräsentant:innen einzelner ihnen zugeordneten Kategorie wie race, gender oder class, auf die sie gleichsam reduziert würden. Zudem hänge die Finanzierung von Projekten an einzelnen Schlagworten ab, die lediglich einem progressiven Anstrich dienten. Kováts verblieb jedoch in den Ausführungen auf der missbräuchlichen Verwendung situierten Wissens und ging nicht wie angekündigt wissenschaftstheoretisch darauf ein, ob das Konzept in sich selbst defizitär bleibe. Es erscheint jedoch schlüssig, dass ein pluralistisches Konzept in seiner missbräuchlichen Anwendung nicht per se emanzipatorisch wirken kann.

Die zweite Sektion „Gendered Politics“ vereinte Beiträge zur (in)direkten politischen Einflussnahme auf die Kategorie von Geschlecht. Zwei Beiträge isolierten top down (ELLA ROSSMAN) und bottom up (IZABELA KOWALCZYK, Posen) Politiken. Ella Rossman (London) dekonstruierte etwa propagandistische Bilder von Mädchen in der Sowjetunion. Dabei fokussierte Rossman auf erzieherische Ratgeber aus Wissenschaft und Politik und zeigte, dass das Motiv der „Mädchen-Ehre“, also dem Ideal von Mädchen als natürlich, einfach, nett und bescheiden dazu diente, sich von westlichen Konzeptionen der Mädchenerziehung abzugrenzen.

ADELA HÎNCU (Wien) verstrickte Wechselseitigkeit und Gleichzeitigkeit von politischer Einflussnahme und praktischer Aneignungen durch die Bevölkerung. Dabei zeichnete Hîncu ein anderes Bild der Geschichte der Kollektivierung in Rumänien. Durch die politische Entwicklung von landwirtschaftlichen Kooperativen wären Frauen mehr in landwirtschaftliche Prozesse involviert worden. Hîncu argumentierte, dass sich damit eine „Feminisierung“ der Landwirtschaft emanzipieren konnte. Neben der Professionalisierung von Frauen in der Agrarwirtschaft, bedeutete dies auch gleichzeitig weibliche Aneignungsformen von Wissen, die ihnen Autonomie und eine bessere Stellung in Familie und Gesellschaft ermöglichten.

In der dritten Sektion „Scientific Authority and Gender“ lenkte EVANGELIA CHORDAKI (Athen) den Blick auf scheinbar unsichtbare Mechanismen der Politik. Anhand der Abtreibungsdebatte in Griechenland der 70er wies Chordaki darauf hin, wie der Austausch von Wissenschaft und Gesellschaft durch eine gezielte politische Nicht-Information blockiert wurde – also kein Zugang zu Information über Schwangerschaftsabbrüche vorhanden war, obwohl diese effektiv von breiten Bevölkerungsschichten praktiziert wurde. Chordaki plädierte für eine Wissenschaftskommunikation, die zwischen Gesellschaft und Politik vermittelt. Die Verantwortung der Wissenschaft bestehe darin, auch Epistemologien von Gruppen gerecht zu werden, welche formal noch nicht als „Wissen“ gelten.

Verantwortung hätte auch ein Stichwort im Vortrag „‚Sociologists White’: Feminist Epistemologies in Medical Field“ sein können. DARYA LITVINA (St. Petersburg), ANASTASIA NOVKUNSKAYA (St. Petersburg) und ANNA TEMKINA (St. Petersburg) reflektierten den reziproken Einfluss ihrer Rolle als Forschende zu ihrem Forschungsfeld, einem Krankenhaus in St. Petersburg und resümierten: Forschende haben eine Verantwortung ihren Standpunkt zu reflektieren sowie deren Auswirkung auf den Gegenstand um überhaupt Aussagen treffen zu können.

Passend dazu ging die vierte Sektion „Gendering Institutions“ genauer auf Institutionen von Wissenschaften ein.

SUZANA MILEVSKA (Skopje) stellte sich die Frage des gleichnamigen Vortragtitels: „Do Archives Have a Gender?“ und bejahte diese. Doch wie mit der patriarchalen Struktur von Archiven umgehen? Anstatt den Fokus lediglich auf „neue“ Gegenstände und somit auf die Sichtung „neuen“ Archivmaterials zu lenken, sprach Milevska sich für eine methodologische Dekonstruktion aus. Durch feministische Fragestellungen und intersektionale Zugänge könnten die hegemonialen Erzählungen irritiert werden. Anhand von bestehendem Archivmaterial aus Performance und Photographie hob Milevska exemplarisch Narrative hervor, die einen pluralistischeren Zugang zur Geschichte in Südosteuropa gewährten.

BARBARA SCHNALZGER (Leipzig) betonte, wie der Ort des Archivs selbst feministische Praktiken leben kann. Neben der Sammlung neuer Materialien, wobei „neu“ insbesondere auch eine Ausweitung der Formate meinte, sei deren Aufbereitung und Zugänglichkeit bedeutsam. Als melting pot der Interaktion und Wissensproduktion könne deren Rolle für soziale und politische Bewegungen so eine diskursive sein, wie sich an den lesbischen Bibliotheken und Archiven im Deutschland seit den 80ern zeige.

Allen drei Analysen des Panels war gemeinsam, dass sie den Ort der Archivierung von „Wissen“ nicht als „neutralen“ Aufbewahrungsort verstanden. Sie stellten sich Fragen nach der kritischen Verwendung patriarchalisch strukturierter Institutionen (Miernecka) und deren Objekten (Milevska) und überzeugten mit der These, dass die Performanz innerhalb der Orte (Schnalzger, Miernecka) essentiell für feministische Wissensproduktion wäre.

Die dreitägige Konferenz endete mit der Schnittstelle von Geschlecht und „Media and Truth“. KSENIA SHMYDKAYA (Tallinn) verschränkte Werke dreier weiblich gelesener Autorinnen. Eine literaturwissenschaftliche Perspektive könne Aufschluss über Weiblichkeitsvorstellungen der Autorinnen geben. Diese schwankten demnach zwischen der positiven Bezugnahme einerseits und der Ablehnung ihres Geschlechts und dessen Relevanz für ihr Schreiben und ihre Identität andererseits. Diese Analyse verweist auf aktuelle innerfeministische Debatten zwischen „second“ und „third wave feminism“. Mit den Queer Studies etabliert sich ein Verständnis von Geschlecht als fluider Kategorie entgegen einer essentialistischen und/oder naturalisierenden Idee von Geschlecht. Dies brachte wiederum Vertreter:innen der Queer Studies Kritik ein, das feministisch-kritische Potential zu verwässern.

Bernhard Kleeberg (Erfurt) und Dietlind Hüchtker (Wien) schlossen die Konferenz mit Überlegungen zu der eingangs gestellten Frage nach dem kritischen Potential positionierten Wissens heute. Während Kleeberg betonte, dass der Relativismusvorwurf sowie der Universalismusvorwurf in Anlehnung an Kováts Beitrag ernstzunehmend wären, sah Hüchtker das Potential darin, neue Methoden zu entwickeln, die die Annahme politischer Epistemologien zu fassen vermögen.

Die Beiträge der Konferenz stellten ebensolch eine Methodenvielfalt dar, die auf marginalisiertes Wissen und marginalisierte Agents von Wissen innerhalb Europas aufmerksam machten. Dabei überzeugte besonders, dass die Methoden der Teilnehmer:innen – von emanzipatorischen Interessen geleitet – Geschichte gegen den Strich zu lesen vermochten. Die Kuration der Panels bot mit schlüssig abgegrenzten Themenbereichen Orientierung. Gerade wenn es um die Frage der heutigen Relevanz situierten Wissens geht, wäre wünschenswert gewesen, Erkenntnissen der Queer Studies expliziter Rechnung zu tragen. Sobald mit Geschlecht als Stratifizierungskategorie operiert wurde, waren einzelne Beiträge an die binäre Geschlechterkonzeption Frau/Mann zurückgebunden. Eine kritische Reflexion vor dem Hintergrund des Essenzialismusvorwurfs wäre darüber hinaus ergänzenswert; eine solche Reflexion mag deutlich machen, wie der Forschungsgegenstand zum Zeitpunkt seiner – wenn auch kritischen – Betrachtung verfestigt wird.

Konferenzübersicht:

Dietlind Hüchtker (Wien): Begrüßung und Einleitung

Film Screening „Donna Haraway: Story Telling for Earthly Survival“ (2017)

Sektion I: Activism and Objectivity

Duygu Altınoluk (Kilis): Feminist Standpoint Theory Strengthens Feminist Academic Activism

Anna Eroshenko (Moskau): Knowing Transgender Experience through the Indirectness: Narrative Psychology as a Collective Oral History

Eszter Kováts (Budapest): Paradoxes of Situated and Universal Truth Claims in Central Eastern Europe

Sektion II: Gendered Politics

Adela Hîncu (Wien): Women’s Invisible Labor in Socialist Romania: Feminist Methodology and Theories on Rural Transformation under State Socialism

Ella Rossman (London): How to Be a Soviet Girl? Constructing Knowledge on Women's Puberty in the Postwar USSR (1946–1991)

Izabela Kowalczyk (Posen): Feminism Meets Catastrophes

Sektion III: Scientific Authority and Gender

Evangelia Chordaki (Athen): Locating Science to Silence: Discussing Gender and Knowledge through the Politics of Silence

Darya Litvina / Anastasia Novkunskaya / Anna Temkina (St. Petersburg): “Sociologists in White”: Feminist Epistemologies in Medical Field

Berna Zengin Arslan (Istanbul): Claiming Epistemic Authority of Women in Science and Technology: Case Studies of Women Engineers in Turkey

Sektion IV: Gendering Institutions

Martyna Miernecka (Warschau): “Work in Peace”. Gendered Practices in the Literary Institutions of Polish People’s Republic

Suzana Milevska (Skopje): Do Archives Have a Gender? An-Archiving of South East Archives from a Feminist Perspective

Barbara Schnalzger (Leipzig): “Haunting the Ruler’s house” – Women's and Lesbian Libraries and Archives as an Interface between Academia and Social Movement

Sektion V: Media of Truth

Ksenia Shmydkaya (Tallinn): Woman’s Metaphors and Universal Truths: On one Episode in Poland’s Interwar Intellectual Life

Lisa Füchte (Leipzig): Who Put the Object in Objectivity? Gender and Visual History of Care Work in the Soviet Union

Conclusion und Diskussion

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