J. Oberste (Hrsg.): Repräsentationen

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Titel
Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt.


Herausgeber
Oberste, Jörg
Reihe
Forum Mittelalter - Studien 4
Erschienen
Regensburg 2008: Schnell & Steiner
Anzahl Seiten
279 S.
Preis
€ 27,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Ruth Schilling, Institut für Geschichte der Medizin, Charité Berlin

Die mittelalterliche Stadt, das belegen auch populärwissenschaftliche Veröffentlichungen zu diesem Thema, wird als eine Stadt der Bilder und Symbole imaginiert, als ein Ort, an dem Heilige auf engstem Raum zusammen mit Zeugnissen politischer Machtausübung sichtbar waren. Wie aber tatsächlich der Zusammenhang zwischen der Genese und Institutionalisierung städtischer Sphäre und religiösen, politischen und kulturellen Mechanismen von Gemeinschaftsstiftung aussah, ist bislang meist getrennt in einzelnen Spezialstudien historischer, kunsthistorischer oder auch archäologischer und literaturwissenschaftlicher Provenienz untersucht worden. Der hier anzuzeigende Sammelband unternimmt den verdienstvollen Versuch, unter dem Oberthema „Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt“ die Beiträge unterschiedlicher Disziplinen zu bündeln und so ein Panorama zu eröffnen, das für weiterführende Überlegungen und Vergleiche genutzt werden kann. Er stellt die Ergebnisse einer im November 2007 am Regensburger Mittelalter-Forum abgehaltenen Konferenz vor. Die abgedeckte geographische Spannweite weist darauf hin, dass sich die meisten Beiträger nicht beliebigen mittelalterlichen Städten zuwandten, sondern sich mit dem Typus der selbständigen Kommune mit starkem Autonomieanspruch befassten: Mit Ausnahme einer Studie zu Toulouse, dessen „politische Repräsentation und religiöse Praxis“ Jörg Oberste untersucht (S. 65-82), konzentrieren sich alle Autoren auf die italienischen Kommunen oder die selbständigen Städte des Reiches wie Straßburg, Greifswald oder Regensburg. Diese Auswahl ist kein Zufall, ist doch der Zusammenhang zwischen politischer Gemeinschaftsstiftung und kulturellen Formen der Identitätsstiftung in diesen Gemeinwesen besonders wichtig und vermutlich leichter zu erfassen als beispielsweise in königlichen Residenzstädten.

Ist das von Jörg Oberste in seiner Einleitung formulierte Ziel, den Zusammenhang zwischen „Identitätskonstruktion und Herrschaftsstabilisierung“ (S. 8) zu untersuchen, von allen Autoren des Bandes eingelöst worden, so ist die von ihnen gewählte Methodik wie auch das in den jeweiligen Einleitungen formulierte Verständnis von „Repräsentation“ äußerst heterogen. Am besten gelingt es Christoph Dartmann, die kulturellen und politischen Implikationen des Begriffs auszuloten und in seiner Analyse miteinander in Beziehung zu setzen. Indem er Repräsentation einerseits als „Symbolisierung“ (S. 97) und andererseits als „Mandat“ (S. 97) fasst, ist er in der Lage, die differenzierten Mechanismen von Vergemeinschaftung in der Bürgergemeinde der italienischen Kommune präzise und anschaulich darzulegen.

Der Sammelband ist nicht in unterschiedliche Sektionen unterteilt und verfügt über keine Zusammenfassung oder Kommentare. Dies wäre notwendig gewesen, um die unterschiedlichen Ergebnisse miteinander in Beziehung zu setzen. Trotz aller Heterogenität der Zugriffsweisen und der weiten thematischen Spannbreite lassen sich drei Grundlinien des Problemzusammenhangs von politischer Gemeinschaftsstiftung und kultureller Symbolisierung erkennen, die den Sammelband insgesamt als einen wertvollen Beitrag zu einer politischen Kulturgeschichte städtischer Gemeinwesen im europäischen Mittelalter klassifizieren. Diese drei Grundlinien lassen sich wie folgt benennen: erstens die Ausformung einer visuellen Sprache im Prozess der Kommunebildung; zweitens der Problemzusammenhang der religiösen Identitätsstiftung im Verhältnis zur Imagination der Stadt als geschlossener Gemeinschaft; sowie drittens das Verhältnis von politischer Ordnung und symbolischer Darstellung.

Das Vorgehen bei der Untersuchung visueller Befunde reicht dabei von der Konzentration auf einzelne Räume wie im Aufsatz von Bruno Klein zum Straßburger Münster (S. 83-94) bis hin zu relativ allgemein gehaltenen Überlegungen über den Zusammenhang zwischen politischer „Bildersprache“ und der Entstehung italienischer Kommunen im Beitrag Dieter Blumes (S. 109-128). Das faszinierende Feld der städtischen Siegel untersuchen für Italien Ruth Wolff (S. 129-144) und für das Reichsgebiet Artur Dirmeier (S. 193-212). Einleuchtend schildert Ruth Wolff, wie die Siegelsprache und -symbolik durch die Rezeption des Römischen Rechts beeinflusst wurde und außerdem ein erhellender Indikator für die Analyse städtischer Territorialherrschaft sein kann. Dem Zusammenhang zwischen Kirchenarchitektur und städtischer Selbstdarstellung widmet sich Bruno Klein in einem Überblicksartikel über „Das Straßburger Münster als Ort kommunaler Repräsentation“ (S. 83-94). Die Bildmächtigkeit memorialer Praxis, die im Fall Regensburgs eng mit dem Kirchenraum, im Falle Sienas mit dem Palazzo Pubblico verbunden war, stellen Walburga Knorr (S. 229-254) und Henrike Haug (S. 165-178) heraus. Ergänzt werden diese zumeist kunst- und architekturgeschichtlichen Perspektiven sowie die sphragistischen Expertisen durch den literaturwissenschaftlich orientierten Aufsatz von Franziska Wenzel zu „hof, burc und stat. Identitätskonstruktionen und literarische Stadtentwürfe als Repräsentationen des Anderen“ (S. 25-44). Wenzel weist darauf hin, dass es generell lohnend sein kann, sich das Verhältnis von Mikro-und Makroebenen im städtischen Raum sowohl in der visuellen als auch textuellen Strukturierung näher anzuschauen. Ist in allen bisher genannten Beiträgen die Perspektive eher von einem Stadt-Künstler- bzw. Stadt-Bild-Verhältnis vorgegeben, so versucht Albert Dietls Fallbeschreibung von Künstlerinschriften die genau umgekehrte Perspektive: Er stellt den durchaus erklärungsbedürftigen Fall von markanten Künstlerinschriften in italienischen Kommunen vor (S. 145-164). Mit goldenen Buchstaben und biblischen Anspielungen setzte sich Magister Rainaldus in Pisa in einer Art und Weise in Szene, gegen die der Auftritt heutiger Performance-Künstler geradezu bescheiden wirkt.

Der von Dietl geschilderte Fall macht auf die große Flexibilität aufmerksam, der die städtischen Kommunen im Mittelalter unterlagen. Alle Beiträge zu den Visualisierungsformen in mittelalterlichen Städten konstatieren daher mehr oder weniger explizit einen engen Zusammenhang zwischen der Genese der Städte als eigenständiger politischer Ordnung und den differenzierten Bildsprachen, die im Zusammenhang mit diesem Prozess entwickelt wurden. Diese waren durch das ambivalente Wechselspiel zwischen den Werten, die den einzelnen Gruppen übergeordnet waren, und familien- und gruppeneigenen Interessen geprägt. Der bereits erwähnte Beitrag von Christoph Dartmann lotet dieses Wechselspiel exemplarisch aus. Die von Karsten Igel und Olivier Richard untersuchten Fälle weisen in eine vergleichbare Richtung. Karsten Igel schildert mit großer, aber in diesem Falle auch gerechtfertigter Detailliertheit die „sozialräumlichen Strukturen und innerstädtische Mobilität im spätmittelalterlichen Greifswald“ (S. 179-192). Olivier Richard wiederum stellt einen Wandel der Memorialpraxis und damit auch der Selbstdarstellung des Regensburger Patriziats im 15. Jahrhundert fest: Die Regensburger Patrizierfamilien hätten sich, so seine These, zunächst für ihre glanzvolle Selbstdarstellung im Regensburger Stadtraum die Einrichtung von Hauskapellen und die Ausrichtung von Begräbnisfeierlichkeiten zunutze gemacht. Im Laufe des 15. Jahrhunderts hätten sie sich hingegen zunehmend für karitative Stiftungen sowie auch die Investition in städtische Prozessionen, insbesondere die zu Fronleichnam, entschieden (S. 228). Richard bringt diesen Wandel vornehmlich mit wirtschaftlichen Gegebenheiten in einen Zusammenhang – eine These, die zumindest vor dem Hintergrund des gleichzeitigen politischen Wandels und der Entstehung neuer religiöser Praktiken zu erweitern oder zu modifizieren wäre.

Auch wenn religiöse Sinnstiftungen als Basso continuo in den meisten Beiträgen des Bandes thematisiert werden, so widmen sich drei Autoren diesem Feld in spezifischer Weise. Theresia Heimerl gibt dabei die weite theologische Perspektive der möglichen Verbindungen von Stadt und Religion vor, deren beide Pole sie treffend im Titel ihres Aufsatzes mit „Babylon“ und „Jerusalem“ umschreibt (S. 13-24). An sich wäre mit diesen beiden Stereotypen ein Feld für einen weiteren Sammelband eröffnet. Die beiden Beiträge von Hans-Jürgen Becker über die Rolle der „Stadtheiligen“ (S. 45-64) und von Jörg Oberste zur „politischen Repräsentation und religiösen Praxis in Toulouse“ (S. 65-82) ordnen die Stadt eher Jerusalem zu und unterstreichen die Bindekraft religiöser Gemeinschaftsstiftung für die mittelalterliche Stadtgenese.

Der Sammelband hält, was er mit seinem Titel „Repräsentationen der mittelalterlichen Stadt“ verspricht. Es wird kaum eine Facette des Zusammenspiels zwischen politischer Ordnung und kultureller Sinnstiftung ausgelassen. Als eine der ersten zusammenfassenden Publikationen auf diesem Gebiet kann er als ein erster Schritt angesehen werden. Nach seiner Lektüre ist insbesondere danach zu fragen, welche Beharrungs- und Wandlungskraft den jeweiligen politischen und religiösen Konzepten städtischer Vergemeinschaftung im europäischen Mittelalter und darüber hinaus auch in anderen Epochen und Kulturen zukam.