F. Nullmeier: Kausale Mechanismen und Process Tracing

Cover
Titel
Kausale Mechanismen und Process Tracing. Perspektiven der qualitativen Politikforschung


Autor(en)
Nullmeier, Frank
Erschienen
Frankfurt am Main 2021: Campus Verlag
Anzahl Seiten
347 S.
Preis
€ 24,95
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Johannes Nagel, Abteilung Geschichtswissenschaft, Arbeitsbereich Global- und Verflechtungsgeschichte, Universität Bielefeld

Historiker:innen haben immer schon erklärt – sprechen aber selten darüber, wie das geht. Aus der „Geschichtstheorie“, die seit dem Hempel-Streit das Interesse an der Sache weitgehend verloren hat[1], lässt sich kaum ableiten, wie man singuläre Ereignisabfolgen methodisch erklärt. Kein Wunder also, dass Geschichtsforscher:innen das Problem immer wieder kontrovers diskutieren.[2] Ein Problem dieser Diskussionen besteht allerdings darin, dass sie sich oft standardmäßig auf die Dichotomie von Regularitätskausalität und bloßer Beschreibung beziehen. Beides wird der Forschungspraxis vermutlich nicht gerecht, aber es bleibt unklar, wie sich ein Mittelweg methodologisch rechtfertigen lässt. Während viele Historiker:innen sich auf Erzähltheorie oder pragmatische Intuitionen zurückgezogen haben, haben sich die Methodologiedebatten der sozialwissenschaftlichen Nachbarfächer längst weiterentwickelt. Hier finden sich Ansätze zur Erklärung singulärer Ereignisabfolgen ohne Rückgriff auf Verlaufsgesetze. Höchste Zeit für Geschichtswissenschaftler:innen, diese Diskussionen zur Kenntnis zu nehmen. Einen sehr guten Einstieg bietet das vorliegende Buch des Politikwissenschaftlers Frank Nullmeier.

In Nullmeiers Buch geht es um „Process Tracing“ – diejenige qualitative „Forschungsmethodik“, die sich auf die Analyse „kausaler Mechanismen“ statt „Korrelationen und große Fallzahlen“ konzentriert (S. 15). Der Vorteil des Mechanismenkonzepts besteht darin, dass es zwar kausale Beziehungen in generalisierter Form abbildet, aber keine Aussage über seinen Anwendungsbereich beinhaltet. Wie oft und unter welchen Bedingungen Mechanismen auftreten, kann bei ihrer Untersuchung offen bleiben. Insofern kann das mechanismenbasierte Erklären durchaus als eine Vorform des gesetzmäßigen Erklärens verstanden werden – muss es aber nicht. Die Kausalanalyse ist vom Regularitätsproblem entkoppelt.

Was hat das mit der Geschichtswissenschaft zu tun? Nullmeier vermittelt zwischen qualitativer Politikwissenschaft und qualitativer Soziologie. Die Geschichtswissenschaft kommt in seinem Buch eher am Rande vor. Sie dient mal als Hilfswissenschaft, mal als idiografischer Gegenpol zu den Sozialwissenschaften (dazu ein ganzes Unterkapitel 5.5.2). Das hat mit seiner Unterscheidung zwischen Beschreiben und Erklären zu tun: Eine chronologisch-narrative Darstellung eines Prozesses ergebe noch keine Erklärung. Zudem gingen sozialwissenschaftliche Prozessanalysen von einer „Gleichwertigkeit“ der „Erforschung der Mechanismen und der konkreten Prozessrekonstruktion“ aus (S. 206). Sicherlich stimmt es, dass Geschichtswissenschaftler:innen Theorie eher als Erkenntnismittel bei der Einzelverlaufsanalyse nutzen, anstatt diese zum Hauptgegenstand zu machen. Dennoch zeigt sich an seiner Diskussion, dass die Pole von Nomothetik und Idiografik ein breites Spektrum methodologischer Praxis markieren, in das sich die Disziplinen keineswegs sauber und einheitlich einfügen. Manche sozialwissenschaftliche Forschung ist stark idiografisch, manche geschichtswissenschaftliche Forschung durchaus theorieaffin. Als Historiker:in sollte man sich daher von der disziplinären Politik des Buchs nicht abschrecken lassen. Da die verschiedenen Fächer, sofern sie Einzelverlaufsanalysen betreiben, die gleichen Probleme teilen, sollten sie auch ihre jeweiligen Lösungsansätze wechselseitig zur Kenntnis nehmen.

Nullmeiers Buch ist in theoriegeschichtliche, theoretisch-programmatische, und anwendungsorientierte Kapitel unterteilt. Es kann daher zu unterschiedlichen Zwecken gelesen werden. Im Folgenden möchte ich besonders hervorheben, welchen Nutzen die verschiedenen Teile für interessierte Historiker:innen haben können (wobei ich nicht genau der Struktur des Buches folge).

Bisherige Debatten werden in den Kapitel 2 und 5 dargestellt. Kapitel 2 stellt verschiedene Diskussionsstränge zu kausalen Mechanismen vor: Den Kritischen Realismus, die Entwicklung vom Analytischen Marxismus zur Analytischen Soziologie, den historischen und akteurszentrierten Institutionalismus der Historischen Soziologie, die Methodologie der qualitativen Politikwissenschaft und die mechanische Philosophie. Anschließend geht der Autor auf wichtige Vordenker besonders ein: Jon Elster, die Diskussion um „Theorien mittlerer Reichweite“ bei den soziologischen Klassikern Parsons, Merton und Luhmann sowie auf Daniel Little, Charles Tilly, Renate Mayntz und Fritz W. Scharpf und die politikwissenschaftlichen Methodologieduos James Mahoney/Gary Goertz und Derek Beach/Rasmus Brun Pedersen. Auch die Prozesssoziologie von Andrew Abbott und Thomas Hoebel/Wolfgang Knöbl wird eingeordnet. Kapitel 5 vertieft die Darstellung der politikwissenschaftlichen Methodologiedebatten, insbesondere zur bayesianischen Wahrscheinlichkeitstheorie, zu Kausalitätstheorien sowie zu Kontextbedingungen, Triggern und Scope Conditions. Die vergleichende Zusammenschau dieser vielen Ansätze ist ungewöhnlich umfassend, zumal für ein deutschsprachiges Lehrbuch.

Auf dieser Basis erarbeitet Nullmeier in den Kapiteln 3, 4 und 6.1 einen eigenen Ansatz mechanismenbasierten Erklärens. Dieses sei prozessorientiert, akteurzentriert und modular. Prozessorientierung bedeutet, eine Erklärung aus dem einzelnen Geschehen heraus vorzunehmen (Kap. 6.1). Nullmeier skizziert ein Denken in zeitbezogenen Kategorien – Geschehen, Zustand, Ereignis, Prozess, Kausalkette, Sequenz usw. –, das Historiker:innen weitgehend vertraut ist. Dennoch ist es erhellend, wie der Autor diesen Ansatz zum sozialwissenschaftlichen Variablendenken und Theorietesten in Bezug setzt. Die Modularität mechanismenbasierten Erklärens ergibt sich daraus, dass empirische Prozesse in ihrer Verkettung auf elementare kausale Mechanismen zurückgeführt werden. Singuläre historische Verläufe werden also nicht selbst auf irgendwelche Verlaufsmodelle reduziert. Es geht vielmehr darum, die kausalen Mechanismen zu identifizieren, die verschiedene einzigartige Prozesssequenzen miteinander verbinden. Dies ermöglicht, Mechanismen statt Fälle als „neue Vergleichseinheit“ (S. 21) zu sehen. Sie sind allgemein konzipiert, sodass sie auch in unterschiedlichen Prozessverläufen analysiert werden können. Dies erlaubt eine theoretische Generalisierung, ohne bestimmte Fälle zu Normalmodellen zu erheben. Nullmeiers Ansatz ist akteurzentriert und rückt „das Wahrnehmen, Interpretieren, Handeln, Interagieren von individuellen und kollektiven Akteuren“ in den Mittelpunkt (S. 16). Folglich gibt es nur Perzeptions-, Handlungs- und Interaktionsmechanismen. Institutionelle oder systemische Mechanismen gebe es nicht. Interessanterweise wird dies methodologisch begründet: Systeme und andere Makro-Formationen könnten in kleinschrittigen empirischen Prozessanalysen nicht verortet werden. Mit dieser Akteurzentrierung will Nullmeier die Mechanismenanalyse für „sozialkonstruktivistische“ interpretative Ansätze öffnen, macht sie aber wohl auch anschlussfähig für viele Historiker:innen.

Nützlicherweise bietet Nullmeier nicht nur eine abstrakte Mechanismentheorie, sondern auch eine Systematisierung elementarer kausaler Mechanismen (Kap. 4), bei der man sich als Praktiker:in bedienen kann. Besonders die Zusammenstellung von Perzeptionsmechanismen ist originell. Diese umfassen etwa Aufmerksamkeitsrichtung, die Wahrnehmung von etwas als Hindernis oder Chance, die primäre Rahmung von etwas als natürlich/unveränderbar oder sozial/veränderbar, Täuschungen, Wahrnehmungskonformismus und andere. Die Handlungsmechanismen sind besser bekannt: Rationale Kalkulation, Normbefolgung, soziales Vergleichen usw. Interaktionsmechanismen sind u.a. nicht-intendierte Folgen, Polarisierung, Eskalation, Identitätsbildung. Es handelt sich hier um theoretisierbare Phänomene, die man als Mechanismen verstehen und so über ganz unterschiedliche Ereignisverläufe hinweg vergleichen kann. Insofern kann man sie auch als explizite Modelle jener „Vulgärpsychologie“[3] oder „microcolligations“[4] verstehen, auf die auch Historiker:innen implizit zurückgreifen.

Die übrigen Kapitel führen durch die verschiedenen Anwendungsschritte der Prozessanalyse vom Forschungsdesign zur Datenauswertung. Vieles dürfte Historiker:innen bekannt vorkommen, aber durch Nullmeiers Unterscheidung zwischen Prozessbeschreibung und -erklärung erhalten etwa Chronologie, Prozessvisualisierung oder „Narrationstest“ (als vorläufiger Schritt zur Entwicklung mechanismenbasierter Erklärungsskizzen) einen anderen Fokus. Für narrativistisch orientierte Geschichtswissenschaftler:innen dürfte interessant sein, dass dem „Erzählen“ hier ein Platz im Forschungsprozess zugewiesen wird, auch wenn Nullmeier es ausdrücklich nicht als Zielprodukt der Analyse ansieht. Schließlich diskutiert der Autor verschiedene Datenquellen, Erhebungs- und Auswertungsmethoden hinsichtlich ihres Nutzens für das mechanismenbasierte Erklären. Auch wenn dieser Teil wiederholt auf geschichtswissenschaftliche Literatur zurückgreift, bietet er Neues. Besonders interessant finde ich Nullmeiers Überlegungen, wie die Prozessanalyse das Codieren von Quellenmaterial (mit Software wie MAXQDA) anleiten kann. Erfahrungsgemäß ist es für theorieaffine Historiker:innen oft ein Problem, „Theorie“ und Materialanalyse methodisch zu verbinden. Nullmeier stellt hier praxisnahe Überlegungen an, wie das gehen kann.

Historiker:innen, die der theoriebasierten Erklärung offen gegenüberstehen und sich dabei nicht auf die lockere Kommentierung von Quellenmaterial mit geborgter sozialwissenschaftlicher Terminologie beschränken, sondern methodisch konsequent vorgehen wollen, sei Nullmeiers Buch unbedingt empfohlen. Der theoriegeschichtliche Teil bietet einen konzisen Überblick zu Debatten in den Nachbarfächern, in die man sich sonst über verschiedene Literaturen einlesen müsste. Die Systematisierung kausaler Mechanismen dürfte für die eigene „Theorieanwendung“ nützlich sein bzw. helfen, eigene Vorannahmen zu explizieren und zu operationalisieren. Die methodologischen Ausführungen regen an, darüber nachzudenken, wie die Arbeit am Material und das Erklären in der Einzelfallanalyse zusammenhängen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Berber Bevernage / Gisele Iecker de Almeida / Broos Delanote / Anton Froeyman / Patty Huijbers / Kenan van de Mieroop, Philosophy of History after 1945. A Bibliometric Study, in: History and Theory 58 (2019), S. 406–436.
[2] Vgl. Roman Birke, Tagungsbericht: Historikertag 2021, Was treibt die Geschichte im 20. Jahrhundert? Kausalität und Kontingenz in jüngeren Forschungsdebatten, 06.10.2021 (hybrid, München), URL: <https://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-9215> (11.12.2021); Emmanuel Akyeampong / Caroline Arni / Pamela Kyle Crossley / Mark Hewitson / William H. Sewell, Explaining Historical Change. Or, The Lost History of Causes, in: The American Historical Review 120 (2015), S. 1369–1423.
[3] Max Weber, Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, Tübingen 1988, S. 112.
[4] Clayton Roberts, The Logic of Historical Explanation, University Park PA 1996, S. 129.

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Veröffentlicht am
10.10.2022
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